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DIE SUCHE NACH DEM URSPRUNG DES MENSCHLICHEN IM VORSPIEL ZUM „JOSEPH-ROMAN“ VON THOMAS MANN

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DIE SUCHE NACH DEM URSPRUNG DES MENSCHLICHEN

die „Veredelung wilder und tauber Gräser zum brottragenden Korne“ (Mann, 16) und über die Züchtung des wilden Weines aus der Rebe, über die Anfänge der Astronomie und der „befestigten Zeichensprache“ (Mann, 19). Auf diese Weise sind alle Anfänge, die er finden und fassen kann, nur bedingte Scheinanfänge, die nur die Wiederholungen des schon einmal Geschehenen darstellen, und der wahre Beginn liegt tiefer. Obwohl die Antworten in der mythischen Vergangenheit verloren werden, und die einzig mögliche Antwort klingt „Das liegt vor jeder Erinnerung“ (Mann, 16), bilden diese „Scheinanfänge“ die wichtigen Zwischenstationen der Reise in die Vergangenheit oder Zwischenstadien der Suche nach dem Ursprung. Diese Zwischenstationen sind aber für den Erzähler von der höchsten Bedeutung, da sie nicht nur als Bausteine für das Gesamtgebäude der Menschheit dienen, sondern auch die einzig und allein zu begreifenden Teile des großen Ganzen sind. Auf dieselbe Weise handelt Joseph, wenn er über den Ur-Mann reflektiert, er nennt ihn mal „Vater“ mal

„Großvater“, obwohl er ganz im Klaren darüber ist, dass es die grundlegende Ereignis der Gotteserfahrung viel früher geschehen ist. Der Erzähler rechtfertigt aber diese spielerisch-träumerische Verwechslungsmethode von Joseph und begründet gleichzeitig das Gedankenspiel mit Scheinanfängen, indem er schreibt „er tat es im Sinne prakrischen Notbefehls, denn sein Wunsch, dem Geschehen, dem er angehörte, einen Anfang zu setzen, begegnete derselben Schwierigkeit, auf welche ein solches Bemühen immer stößt: der Schwierigkeit eben, daß jeder einen Vater hat und daß kein Ding zuerst und von selber ist, Ursache seiner selbst, sondern ein jedes gezeugt ist und rückwärts weist, tiefer hinab in die Anfangsgründe, die Gründe und Abgründe des Brunnens der Vergangenheit“ (Mann, 11).

So ein Anfang bedingter Art fungiert dann in der mythischen Welt der Erzählung und ist für den unerreichbaren absoluten Ursprung stellvertretend. Die Menschheit wurde von der Geschichte gezeugt, und im Laufe dieser Geschichte gab es eine Menge von Materialien, Orten und Zeiten, von denen etwas ausgegangen war und seinen Anfang genommen hatte.

Bei unserer Analyse müssen wir aber auch die Spezifik der Auffassung der Zeit in der patriarchalischen Gesellschaft berücksichtigen. Wie bekannt ist die Chronologie einer der wichtigsten Streitpunkte in der biblischen Geschichte, die kein unmittelbares Verhältnis mit den Fragen des Glaubens, der Sittlichkeit und Moral davon hat und meistens als zweitrangig klassifiziert wird. Darum können wir keine realen und genauen Angaben über Daten im Leben der Patriarchen allgemein, und insbesondere im Josephs Leben festlegen. Der russische Forscher der biblischen Geschichte des 19. Jahrhunderts A.P. Lopuchin macht aufmerksam, dass zum Beispiel die Wörter „gebären“ und der “Sohn“ in hebräischen Texten nicht immer auf die direkte Sonnesverwandschaft hinweisen, sondern oft für die Bezeichnung der weiten Verwandten gebraucht werden. (zit.

nach: [3:383-385]). Daher werden auch die Mutmassungen

von Joseph über seine Genealogie und die allgemeine Zeitabfolge deutlicher, transparenter und natürlicher.

Wenn wir die Sprachmittel ausführlicher betrachten, die die komplizierten Ideen des Romans zum Ausdruck bringen, bemerken wir sofort, dass der Erzähler vielmehr von den

„wahren“ Anfängen spricht und träumt, bezeichnet sie aber immer im Laufe der Reflexion nur als unerreichbar, unerlottbar, unausdenklich und unnachweislich. Und obwohl er ziemlich oft deren Erreichbarkeit und Faßlichkeit bzw.

Begreiflichkeit verneint, erstrebt er sie beharrlich. Davon zeugt auch die überlegene Zahl der Worverbindungen, die mit verschiedenen Konnotationen, aber immerhin auf die wahren Anfänge bzw. auf den Ursprung hinweisen und sich um dieses Problem- und Themenfeld gruppieren. Die konkreten Mittel, mit denen der Erzähler seine Ideen vor unsere Augen führt, sind folgend: sehr oft treffen wir das Wort „Anfang“ im selbständigen Gebrauch, oder als Teil der Komposita, wie „Anfangsgründe“ oder „Anfangsziel“;

unter den Substantiven, die außerdem zur Explikation der Suche nach dem Ursprung dienen, kann man auch zweifellos solche, wie „die Gründe und Abgründe des Brunnens der Vergangenheit“, „Entstehung“, „Unterweltschlünde von Vergangenheit“, das „Abgründig-Dunkle“, „Ursprung“,

„Urferne“, „der Brunnenschlund der Menschengeschichte“, nennen, die entweder denselben Begriff des Anfangs methaphorisieren oder ihn einfach umschreiben. Die adjektivischen und adverbialen Mittel sind nicht sehr typisch und nicht so oft vertreten, aber unter solchen, die uns thematisch interessieren, sind vor allem folgende zu nennen: „tiefer“, „zurück“, „wieder“,

„wirklich“ (besonders in so einer Wortverbindung, wie der

„wirkliche Anfang“), „nebelhaft“ (und zwar in der Wortverbindung das „nebelhafte Datum“),

„unausdenklich“, „eigentlich“ (in der Wortgruppe

„eigentlicher Ursprung“), „unberechenbar“, „vorher“.

Die verbalen Mittel sind um so weniger vorhanden, trotzdem finden sich folgende stark thematisch geladene verbale Beispiele, wie „schweigen“, „verwechseln“, „stammen“,

„sich verlieren“, „suchen“, „zurücklegen“, „sich erweisen“, „erreichen“, „ausloten“.

Wenn wir weiter dem Text des Vorspiels folgen, dann vertiefen wir uns in einen sich ewig wiederholenden Kreislauf der mythischen Anfänge, die nur eine Emanation des wahren Ursprungs darstellen, wie zum Beispiel die Geschichte der großen Flut, die sich nach verschiedenen Fassungen in unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Zeiten abspielen sollte und die „eine Nachschrift älterer und immer älterer Originale war“

(Mann, 22). Die Geschichte „des Großen Turmes“ (Mann, 23) und die Antwort auf die Frage nach der Lage des Paradieses, nicht nur im Sinn des Ortes der Ruhe und Glücks, sondern auch im Sinne der Menschenurheimat, haben auch viele Variationen und „der junge Joseph wußte es so gut, wie er von der Flut wußte, und aus denselben Quellen“ (Mann, 24), wie der Erzähler ironisiert. Wolfram

Ette erörtert auch die räumlich-zeitliche mythologisierte Seite des Ursprungs, indem er die Überlegungen von Thomas Mann über den Ort und Zeit des Paradieses, der „Heimat des Menschen“ analysiert, auf so eine eigentümliche Weise: „Die Fragen halten sich zunächst im Rahmen der Betrachtungsweise, die ein erstes ausfindig machen will, gleichgültig, ob es sich nun um einen mythischen Ort oder um dessen örtlich und zeitlich fixierte Gestalt handelt. Was aber über diesen Rahmen hinausweist, ist der schlechthin universelle Charakter dieses Ursprungs: die Heimat des Menschen“ [1:81].

Mit den oben beschriebenen Mitteln relativiert der Erzähler die Bedeutung des absoluten Ursprungs, er spielt mit diesem Begriff und dadurch erzeugt ein Modell des transzendenten Ursprungs. Unserer Meinung nach bedeutet das auf keinen Fall den „Ursprungsverlust“ [1:18] oder den „Bruch mit dem Ursprung“ [1:18], sondern seine Allgegenwart, sein Vorhandensein sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart und Zukunft.

„Jederzeit, das ist das Wort des Geheimnisses. Das Geheimnis hat keine Zeit, aber die Form der Zeitlosigkeit ist das Jetzt und Hier“ (Mann, 21). Eben in der Aufhebung der bezifferbaren Zeit und und eben im Geheimnis der Vertauschung von Überlieferung und Prophezeiung sieht der Erzähler die Lösung, „welche dem Worte “Einst”

seinen Doppelsinn von Vergangenheit und Zukunft und damit seine Ladung potentieller Gegenwart“ (Mann, 22) verleihen. Diesem mythischen „Einst“ schenkt auch Syfuß Antje in der Arbeit „Zauber mit Märchen: eine Studie zu Thomas Mann“ (1993) Aufmerksamkeit, und zwar schreibt der Forscher: „Das Ergebnis der Verbindung von Wirklichkeit und Fiktion erscheint als Wahrheit in zeitloser Gegenwart, die sich im „Einst“ in feierlich dämmernde Fernen erstreckt; die zugleich vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Mären sind also auch Verkündung, die sich in der Gegenwart realisieren kann. Thomas Mann scheint einer linearen Betrachtungsweise der Zeit eine sphärische vorzuziehen“ [2:97-98]. Das können wir als eines der Merkmale des mythologischen Zeitraums nennen, denn dem mythischen Zeitraum von einigen Tagen können, wie bekannt, kosmologische Ereignisse entsprechen, darum kann man da nichts zeitlich fixieren, lineare Abfolge ist ausgeschlossen, und die Geschichte schwebt in der Zeit, wie auch in den Träumen, Verkündigungen und (Lügen-) Geschichten von Joseph.

Die Überlegungen von Wolfram Ette zum Problem der Natur der Zeit, wo er sich mit der Frage der Gegenwart als des Jetztpunktes auseinandersetzt und die Zeitkategorien unter die Frage stellt, sind für uns auch von höchster Bedeutung: „Versucht man nämlich, sich mit Hilfe der Kategorien von Identität und Nichtidentität, Negation und Selbstbezug dem Phänomen der Zeit zu nähern, so ist man gezwungen, Vergangenheit und Zukunft nur jeweils

als das zu begreifen, was nicht die Gegenwart ist. Genau darin, als negativ gegen die Gegenwart bestimmt, sind sie aber identisch. Zwar unterscheiden sie sich als „Nicht-mehr“ und als „Noch-nicht“, aber es ist gerade die Bestimmung der Zeit als Gegenwart, das Noch-nicht der Zukunft in das Nicht-mehr der Vergangenheit umzusetzen.

Damit wird das unterschiedliche Nichtsein von Vergangenheit und Zukunft qualitativ entleert. Die Einheit der Zeit verdankt sich der gleichbleibenden Identität des Augenblicks, der das ist, was Zukunft und Vergangenheit nicht sind, sie als Nichtsein setzt und den Weg von Nichtsein zu Nichtsein an einer Stelle unterbricht. Von hier aus ist es nur ein Schritt zu der Erkenntnis, dass sich alle Augenblicke darin gleichen, das zu sein, was alle andern nicht sind: Die Zeit erscheint als Folge diskreter und ununterscheidbarer Jetztpunkte“ [1:184-185].

Also im Laufe der langen Überlegungen kommen wir vom Erzähler geleitet zur Schlussfolgerung, dass das Wesen des Geheimnisses und des wahren Ursprungs „zeitlose Gegenwart ist und bleibt“ (Mann, 22). Und diese Schlussfolgerungen werden auch in die eigenartige Formel

„älter, wieder und weiter“ (Mann, 15) gefasst, die auf den Seiten des Romans auftaucht und eine Ewigkeitsformel oder Formel der Zeitverhältnissen „Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“ darstellt.

Aus den oben dargelegten Betrachtungen möchten wir folgende wage These folmulieren: mit der ausführlichen Beschreibung von solchen bedingten Anfängen, mit der Relativierung des wahren und absoluten Ursprungs und mit dem Versuch den Scheinhalten und vorläufigen Wegeszielen die Allgegenwart zu verleihen, möchte Thomas Mann schon im Vorspiel zur Roman-Tetralogie den richtigen Ton der ganzen Erzählung angeben. Damit erhebt der Schrifsteller den Ansprung auf das Ursprungsrecht der mythischen Geschichte von Joseph und überzeugt den Leser konsequent davon. Der Erzähler weist im Vorspiel auf die Zeitdistanz zwischen Joseph und den Ursprüngen hin, nach denen er sucht, im Vergleich mit dem zeitlichen Abstand zwischen der Joseph-Zeit und der unsrigen, er betont auch mehrmals, dass die Zeit von damals langsamer und ruhig einfärbiger verlief, was dem Leser nochmals die Größe der Zeitdistanz vor Augen führen sollte, und dann ist es sehr leicht anzunehmen, dass genauso, wie die Geschichte von Abraham für Joseph einen relativen Anfang bedeutete, der sich im Laufe der Reflexionen und Gedankenspiele in den Ursprung verwandelt hat, soll die mythische Welt des Joseph-Romans so einen Urbeginn für den Leser bilden.

Auf diese Weise erfüllt das von Thomas Mann in seinen

„Selbstkommentaren“ als „essayistische Einleitung“ (zit.

nach: [4:64]) oder „Ouvertüre“ (zit. nach: [4:30]) definierte Vorspiel zum Roman seine hohe Funktion und Mission und entspricht den Absichten des Autors „eine abgekürzte Geschichte der Menschheit zu geben“ (zit. nach: [4:115]).

LITERATUR

1.Ette W. Freiheit zum Ursprung. Mythos und Mythoskritik in Thomas Manns „Joseph-Tetralogie“. – Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann GmbH, 2002. 2. Syfuß A. Zauberer mit Märchen: eine Studie zu Thomas Mann. – Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien: Lang, 1993. 3. Ëîïó-õèí À.Ï. Áèáëåéñêàÿ èñòîðèÿ Âåòõîãî çàâåòà. Ðåïðèíòíîå

âîñ-ïðîèçâåäåíèå èçäàíèÿ 1887 ã. – Ìîíðåàëü 1986 / Ìîñêâà 1990.

4. Mann Th. Selbstkommentare: „Joseph und seine Brüder“ Hg.

von Hans Wysling unter Mitwirkung von Marianne Eich-Fischer. – Franfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1999. 5. Mann Th. Joseph und seine Brüder. Erster Band. Die Geschichten Jaakobs. Der junge Joseph. – Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1971.

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