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Dissertationen japanischer Juristen an deutschen Universitaten in der Meiji-Zeit : Teil 1:Beispiele aus dem Bereich des Gesellschaftsrechts

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Dissertationen japanischer Juristen an

deutschen Universitaten in der Meiji‑Zeit : Teil 1:Beispiele aus dem Bereich des

Gesellschaftsrechts

雑誌名 同志社法學

巻 71

号 7

ページ 2111‑2188

発行年 2020‑03‑31

権利 同志社法學會

URL http://doi.org/10.14988/pa.2020.0000000198

(2)

Dissertationen japanischer Juristen an deutschen Universitäten in der Meiji - Zeit

―― Teil 1: Beispiele aus dem Bereich des Gesellschaftsrechts ――

Hans - Peter Marutschke  

Vorbemerkung

Die Modernisierung des Japanischen Rechts, die nach der Meiji-Restauration 1868 zur vordringlichsten Aufgabe der neuen Regierung wurde,1) fand auf unterschiedlichen Wegen statt. Eine wichtige Maßnahme, um dieses Ziel zu erreichen, war die Rekrutierung und Einladung von Rechtsexperten, insbesondere aus Frankreich und Deutschland nach Japan, um einerseits bei der Gesetzgebungsarbeit zu helfen, andererseits um in der Lehre japanische Studierende mit dem Wesen des westlichen Rechts vertraut zu machen.2)

Mindestens genauso bedeutsam und lange Zeit von der Forschung vernachlässigt war jedoch die Entsendung japanischer Studenten und Forscher ins Ausland.

Von den über 2000 Japanern, die in der Meiji-Zeit, d.h. von 1868, bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges nach Deutschland zum Studium kamen,3) waren

1) Vgl. Wilhelm Röhl (Hrsg), History of Law in Japan since 1868 (2004), S. 27 f.; Hans-Peter Marutschke, Einführung in das Japanische Recht, 2. Aufl. (2009), S. 23. f.

2) zB Wilhelm Röhl, Deutsche Juristen in Japan, ZJapanR Nr. 5 (1998), S. 54 f.; Kazuhiro Takii, Das Japan-Bild der deutschen Juristen während der Meiji-Zeit, Zinbun 1999 (no. 34), S. 107 f.; Paul- Christian Schenck, Der deutsche Anteil an der Gestaltung des mordernen japanischen Rechts- und Verfassungswesens (1999).

3) Rudolf Hartmann: „Japans Studierende in Deutschland 1868-1914, online zugänglich unter

(3)

über 10 %, nämlich ca. 230 Personen Juristen. Von diesen wiederum haben über 10 % eine Promotion an einer deutschen Universität abgeschlossen, eine Leistung, die angesichts der hohen Sprachbarriere und auch der kulturellen und natürlich rechtlichen Unterschiede, die in dieser Zeit noch wesentlich stärker wirkten als heute, nicht hoch genug geschätzt werden kann.

Die hier vorgelegte Arbeit ist der erste Teil einer Reihe von weitgehend nach R e c h t s g e b i e t e n g e o r d n e t e n A n a l y s e n v o n D i s s e r t a t i o n e n u n d Promotionsverfahren japanischer Studierender vorwiegend in der Meiji-Zeit, in denen anhand einiger Beispielsfälle erläutert werden soll, an welchen Universitäten die betreffenden Personen was studierten (soweit vorhanden, auch mit Angaben zu den besuchten Vorlesungen), zu welchen Themen Dissertationen vorgelegt wurden, welche deutsche Professoren die Arbeiten betreuten, wie diese in Gutachten bewertet wurden (soweit noch Archivmaterial vorhanden ist) und inwieweit ein rechtsvergleichender Informationsaustausch zwischen deutschen Professoren und japanischen Studierenden stattfand.

Es sollen die intensiven Bemühungen japanischer Juristen beim rechtsvergleichenden Studium in Deutschland aufgezeigt werden, wozu zum einen Informationen über besuchte Vorlesungen, die Bearbeitung wissenschaftlicher Themen, der Austausch mit deutschen Professoren und schließlich der Transfer des erworbenen Wissens in Japan selbst im Mittelpunkt stehen.

Um das Umfeld, das die japanischen Studenten in der deutschen Hochschullandschaft dieser Zeit vorfanden, besser zu verstehen, ist es wichtig,

https://blog.crossasia.org/wp-content/uploads/2018/02/Muehleder_Crossasia_Fachtagung_2018.

pdf; ders. Japanische Studenten an der Berliner Universität 1870-1914: https://edoc.hu-berlin.de/

bitstream/handle/18452/6105/1.pdf?sequence=1&isAllowed=y; dto 1920-1945: https://edoc.hu- berlin.de/bitstream/handle/18452/6110/22.pdf?sequence=1&isAllowed=y

(4)

zunächst einen kurzen Blick auf die Situation und Entwicklung der Juristischen Fakultäten in Deutschland zu werfen, da die hier untersuchten Dissertationen nicht unbedingt alle in den Rechtswissenschaften, sondern zum Teil auch in den Cameralwissenschaften oder Staatswissenschaften erstellt wurden. Dies hängt mit den mehrfachen Strukturveränderungen der Fakultäten um die Jahrhundertwende zusammen, die insbesondere für ausländische Studierende verwirrend erscheinen mussten und sich an den folgenden beiden Beispielen erläutern lassen.

I Überblick über die Entwicklung der Juristischen Fakultäten in Deutschland am Beispiel der Universitäten

Tübingen und Würzburg4)

1. Universität Tübingen

Anhang 1 zeigt eine Übersicht über die Entwicklung der Universität Tübingen und deren Fakultäten seit deren Gründung im Jahr 1477. Bei der Gründung gab es nur vier Fakultäten: Theologie, Jura, Medizin und Theologie. Erst 340 Jahre später, 1817, kam es zu einer ersten Reform und Erweiterung, mit der Aufteilung der Theologie in evangelische und katholische Theologie, zur juristischen Fakultät kam die Staatswirtschaftliche Fakultät hinzu, die zwar Wirtschaft als Schwerpunkt hatte, aber organisatorisch mit der juristischen Fakultät verbunden wurde. In diesem Bereich erfolgte eine erneute Änderung

4) Zwar werden in dieser Abhandlung zwei Dissertationen behandelt, die in Halle vorgelegt worden waren, zur Erläuterung des Strukturwandels in den Juristischen Fakultäten lagen dem Autor zum Zeitpunkt der Bearbeitung jedoch nur die Erläuterungen und Zusammenstellung von Tübingen und Würzburg vor. Dies ist im vorliegenden Zusammenhang insofern nicht problematisch, als beide Universitäten für den hier behandelten Aspekt als beispielhaft für die Situation auch an den anderen deutschen Universitäten gesehen werden können.

(5)

im Jahr 1882, elf Jahre nach der Gründung des Deutschen Reiches, mit der Umbenennung der Staatswirtschaftlichen in die Staatswissenschaftliche F a k u l tät, d i e d a n n 1 9 2 1 m i t d e r J u r i s t i s c h e n z u r R e c h t s- u n d Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät verschmolzen wurde. Zur erneuten Trennung kam es dann fünfzig Jahre später, als nach den Studentenunruhen eine erneute Universitätsreform und die Umstrukturierung der Fakultäten in Fachbereiche mit neuen Formen der Mitbestimmung erfolgte.

Im vorliegenden Zusammenhang interessiert lediglich die Zeit zwischen 1863 und 1920, in der die japanischen Studenten keine einheitlichen Strukturen an den deutschen Universitäten vorfanden, die Auswahl des Studienortes oft auf zufälligen Informationen beruhte und ein Wechsel der Universität aufgrund der unterschiedlichen Fakultätsorganisation auch nicht einfach war. Warum trotzdem eine Reihe der japanischen Juristen während ihres Aufenthaltes in Deutschland mehrfach die Universitäten wechselte (s. Anhang 2), kann man nur vermuten und kann verschiedene Gründe gehabt haben. Zum einen konnte es daran liegen, dass Erwartungen an den Studienort, das Vorlesungsangebot oder die Professoren nicht erfüllt wurden, dass ein Studienortwechsel nötig war, um bestimmte Vorlesungen oder Professoren zu hören oder Empfehlungen von Kommilitonen gefolgt wurde.

Die Um- bzw. Neustrukturierung des juristischen Studiums und der Fakultäten war unter anderem bedingt durch ein verändertes Berufsbild bzw. neue Anforderungen an den Juristenstand in der Praxis. Und die Gründung der Staatswirtschaftlichen Fakultät bedeutete nicht, dass es vorher kein Studienangebot zu wirtschaftswissenschaftlichen Themen gegeben hatte. Um die Hintergründe und auch den Umstand besser zu verstehen, dass einige der japanischen Juristen ihr Studium nicht sofort an der juristischen, sondern zB

(6)

an der Philosophischen Fakultät begannen, lässt sich beispielhaft auch für andere Universitäten anhand der Entwicklung in Tübingen erläutern, wie sie in der Publikation „Die permanente Erfindung einer Tradition“ beschrieben wird:5)

„Von der Universitätsgründung bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts bestanden meist sechs Lehrstühle für geistliches und weltliches Recht.

1835 wurde ein siebter Lehrstuhl geschaffen. Eigentliche Fachlehrstühle bildeten sich auch hier erst spät heraus. Bis zum 19. Jh. wurden die Lehrstuhlinhaber oft lediglich als Professoren der Rechte bezeichnet. Es kam noch vor, dass auf einem juristischen Lehrstuhl ein Professor für Römisches Recht einem für Strafrecht folgte, einem Professor für Kirchenrecht einem für Staatsrecht, d.h. es bestand keine eindeutige Zuschreibung von Lehrgebieten zu einem Lehrstuhl. Eine Besonderheit der Tübinger Juristischen Fakultät war, dass die beiden staatsrechtlichen Lehrstühle der Staatswirtschaftlichen/ Staatswissenschaftlichen Fakultät angehörten. 1923 wurden beide Fakultäten in die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät zusammengelegt. Der juristischen Abteilung wurden jetzt die beiden staatsrechtlichen Lehrstühle der ehemaligen Staatswissenschaftlichen Fakultät zugewiesen.“

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung des Lehrstuhlbestandes, die gerade für Studierende aus dem Ausland für Verwirrung sorgen konnte: 1870 gab es in Tübingen sieben mit Ordinarien (O) besetzte Lehrstühle, drei für Römisches Recht, deutsches bürgerliches Recht und Zivilprozeßrecht (einer davon wurde ab 1920 nicht mehr besetzt); zwei für Deutsches Recht, deutsches bürgerliches Recht, Handelsrecht und

5) S. Paletschek, Die permanente Erfindung einer Tradition. Die Universität Tübingen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik (2001), 568 f.

(7)

6) AaO, 569.

7) AaO, 570.

Kirchenrecht sowie zwei für Strafrecht, Strafprozeß- und Zivilprozeßrecht.

Hinzu kamen ab 1890 folgende Neugründungen von Lehrstühlen:

Außerordentliches Ordinariat (AO) für Römisches Recht, bürgerliches Gesetzbuch, württembergisches Recht, Forstrecht, Prozeßrecht, internationales Privatrecht; 1923 kamen aus der staatswissenschaftlichen Fakutät je ein O für Staatsrecht und Völkerrecht, Staatsrecht, Verwaltungsrecht und Kirchenrecht sowie ein AO für Sozialrecht hinzu.6)

Überschneidungen hatte es schon vorher mit der 1817 mit fünf Lehrstühlen gegründeten Staatswirtschaftlichen Fakultät gegeben, deren Fächer davor in anderen Fakultäten vertreten waren: zB Polizeiwissenschaft, Hausökonomie und Landwirtschaft in der medizinischen Fakultät, Kameral-, Polizei- und Finanzwissenschaft in der Philosophischen Fakultät. Ein neu errichteter Lehrstuhl für politische Geschichte wurde 1872 als Lehrstuhl für Staatsrecht besetzt, der dann später ebenfalls in die juristische Abteilung übernommen wurde.7)

2. Universität Würzburg

Ein Vergleich mit der Entwicklung an der Universität Würzburg macht trotz der vorhandenen Parallelen die Eigenständigkeit der Universitäten deutlich.

In der ersten bayerischen Periode der Würzburger Universität von 1802-1806 wurde an den bayerischen Universitäten, im Anschluss an die Organisation der Univ. Heidelberg, die Fakultätseinteilung aufgehoben. An Stelle der Fakultäten traten “Sektionen”. Als dritte Sektion der Würzburger Uni bildete man die

“Sektion der Staatswissenschaftlichen oder Kameralistischen Disziplinen”.

Eine Verselbständigung der wirtschaftlichen Disziplinen war an den deutschen

(8)

Universitäten schon Ende des 18. Jh in Tübingen, Mainz, Marburg und München (Ingolstadt) eingetreten. In Kaiserslautern bestand zu dieser Zeit eine selbständige Kameralhochschule, die später mit der Univ. Heidelberg als organisatorisch selbständige Institution verbunden wurde.

Im Gefolge der nach der Beendigung der Napoleonischen Kriege einsetzenden Restaurationsbestrebungen wurde die Einteilung der bayerischen Universitäten in Sektionen wieder beseitigt und die Fakultätseinteilung wieder eingeführt. In Würzburg gründete man, wie auch an anderen deutschen Universitäten, eine eigene Staatswissenschaftliche Fakultät. Die Staatswissenschaftlichen Fakultäten der ersten Hälfte des 19. Jh. sollten vor allem Beamte für den höheren Finanzdienst, aber auch für den anderen höheren Verwaltungsdienst heranbilden, weil man sowohl in Regierungs- als auch Universitätskreisen der Ansicht war, dass sich die Ausbildung eines Richters von der eines Beamten des höheren Verwaltungsdienstes zu unterscheiden habe. Aber der Geist der Restaurationszeit nach den Napoleonischen Kriegen führte in den deutschen Staaten dazu, dass in Prüfungen der späteren Staatsbediensteten immer mehr juristische Fächer aufgenommen und die Prüfungen in den wirtschaftlichen Fächern fortlaufend abgebaut wurden. Mit der bayerischen VO vom 26.6.1831 hob man für die Beamten des höheren Finanzdienstes die bis zu diesem Zeitpunkt bestehende Prüfung auch im Fach Kameralwissenschaften auf, ebenso wurde von den Kandidaten der Laufbahn für den höheren Finanzdienst in Bayern nicht mehr verlangt, dass sie außer Rechtsstudien zusätzlich noch Kameralwissenschaften z u a b s o l v i e r e n h a t t e n. D i e E n t w i c k l u n g g i n g d a h i n, d a s s d i e Kameralwissenschaften faktisch nicht mehr Prüfungsfach waren und die Lehrstühle in der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Uni Würzburg bei Freiwerden nicht mehr besetzt wurden.

(9)

Infolgedessen aber auch wegen der geringen Studentenzahlen der Staatswissenschaftlichen Fakultät beantragte man am 22.2.1878 die Auflösung dieser Fakultät, die restlichen Mitglieder (3) wurden in die Juristische Fakultät integriert.

Da es in diesen Ausführungen den Hinweis auf die Kameralwissenschaften gibt und einige der Japanischen Studenten in der Meiji-Zeit in einer solchen Fakultät eingeschrieben waren (und auch promoviert haben, zB Okubo in Halle), soll zum besseren Verständnis kurz die Besonderheit dieser Wissenschaftsrichtung erläutert werden.

Die Unterscheidung der Rechts- von den Kameralwissenschaften hat historische Gründe. Unter Letzteren verstand man im 18. und 19. Jh. die Bereiche der Wissenschaften, die den Beamten die für ihre Tätigkeit im absolutistischen Staat notwendigen Kenntnisse vermittelten, wobei es im Wesentlichen um die Grundfunktionen des Staates ging, nämlich Förderung der (Land-)Wirtschaft und Gewährleistung der inneren und äußeren Sicherheit. Ergänzt wurde das durch das Wissen um ein funktionierendes Finanz- und Rechnungswesen (Kameralistik).

Gelehrt wurden die Kameralwissenschaften bereits seit 1727 zunächst in Preußen (Halle und Frankfurt-Oder), wobei zum einen der Bereich Staatsökonomie (allgemeine Haushaltsregeln, Entwicklung von Handel und Gewerbe sowie Landwirtschaft), zum anderen die Lehre von der Verwaltung des Staates (Polizei im weiteren Sinn, Sozial und Finanzwissenschaft) die Schwerpunkte bildeten. Hieraus entwickelten sich die Staats- und Verwaltungswissenschaft, die sich wiederum, wie aus der Tabelle in Anhang 1 erkennbar ist, teils als selbständige Fakultäten etablierten oder mit den Rechtswissenschaften verbunden wurden.

(10)

8) Die Umschrift japanischer Namen in lateinischen Buchstaben war in dieser Zeit noch nicht vereinheitlicht, sondern richtete sich nach den individuell verschieden empfundenen Aussprachen. Takaki hat in seinen Anträgen an die Universität den Vornamen mit „Sinpe“

angegeben, was dann in allen anderen Dokumenten so übernommen wurde, bis auf die Dokumente in lateinischer Sprache, wo er seinen Vornamen mit „Zimpeius“ angibt, in der Promotionsurkunde heisst es dann aber „Zimpeio“. In dem von ihm herausgegebenen Deutsch- Japanischen Wörterbuch (u. Fn. 11) ist sein Vorname mit „Z.“ abgekürzt, was er wohl in Anlehnung an die lateinische Bezeichnung gewählt hat. In der japanischen Hiragana-Umschrift wird der Name じんぺい, also Jinpei gelesen. Inzwischen hat sich für die Umschrift des Japanischen in westliche Sprachen das so genannte „Hepburn-System“ weitgehend durchgesetzt (zB: https://www.uni-heidelberg.de/imperia/md/content/fakultaeten/phil/zo/iko/studium/

hilfsmittel/transkript_japan.pdf), bei dem eine Reihe von Regeln zu beachten sind (vgl. auch J.

Stalph et al (Hrsg.), Großes Japanisch-Deutsches Wörterbuch Bd I A-I (2009), S. 15.

II Japanische Dissertationen zum Gesellschaftsrecht

1. TAKAKI Shinpei (Sinpe, Jinpei)8) 高木甚平、1863-1905

„Die stille Gesellschaft, die Participations- und die Gelegenheits- Gesellschaft nach den Entwürfen eines Handelsgesetzbuches für Japan“.

Inaugural-Dissertation zur Erlangung der juristischen Doktorwürde der hohen juristischen Facultät der vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg, 17. März 1890, 55 S.

1.1 Studium und Werdegang

Takaki war sozusagen ein Pionier der japanischen Doktoranden in Deutschland. Anders als bei der unten aufgeführten weiteren Dissertation zum Gesellschaftsrecht von Kambe wurde die Arbeit von Takaki nicht an der philosophischen, sondern 12 Jahre früher, 1889, an der juristischen Fakultät in Halle vorgelegt. Mit 55 Seiten ist sie zwar nur halb so umfangreich wie die Dissertation von Kambe, aber dass der

(11)

Seitenumfang für die Akzeptanz einer Dissertation nicht entscheidend war, lässt sich auch an Arbeiten deutscher Doktoranden aus dieser Zeit belegen, oder auch an der von Konoe.9)

Aus dem am Ende der Publikation auf Latein verfassten Lebenslauf kann man entnehmen, dass der vollständige Name des Autors Shinpei Tanehide Takaki war, geboren am 25. Mai 1863 in Kyushu, also kurz vor dem Beginn der Meiji-Zeit (1868). Bereits 1884, mit 21 Jahren, begann er sein Studium in Jena bei Meyer, Thon und Kniep,1887 wechselte er nach Berlin und besuchte dort Vorlesungen bei Brunner, Aegidi, Dernburg, Goldschmidt, Hinschius, Dambach, Schmoller und Wagner.

Ein Jahr später fand er dann Aufnahme in Halle und hörte bei Fitting, Lastig, Stammler und Loening, wobei Lastig zum Betreuer seiner Dissertation wurde. Das Rigorosum fand dann am 23. Mai 1889 statt.

Die Arbeit von Takaki gehört damit zu den ersten Dissertationen überhaupt, die ein japanischer Jurist an einer deutschen Universität vorgelegt hat.

Nach seiner Rückkehr nach Japan wurde er 1892 Professor an der Handelshochschule in Tokyo (kōtō shōgyō gakkō, 高等商業学校), an der er allerdings nur 5 Jahre, bis 1897 tätig war. Einzelheiten dazu sind nicht bekannt.10) In einer nicht näher belegten Quelle heißt es, er sei dann zur Bank of Japan gewechselt. Noch während dieser Zeit brachte

9) Kono(y)e, Atsumaro: Die Ministerverantwortlichkeit nach der Japanischen Verfassung mit Berücksichtigung verschiedener konstitutioneller Staaten, Diss Leipzig, 1890, 48 S. Im Übrigen heisst es zum Umfang der Dissertation in Nr. 6 der Prüfungsordnung der Juristischen Fakultät, dass diese einen Umfang von mindestens zwei Druckbogen haben soll (Bestimmungen zur Erwerbung der Juristischen Doktorwürde an allen deutschen Universitäten. 4. Aufl. (1904), 26 f.). Ein Druckbogen umfasst 16 beidseitig bedruckte Buchseiten.

10) Siehe S. Yoshimi, Hitotsubashi ni okeru minpogaku, in Hitotsubashi University Repository (1984), 525 (https://hermes-ir.lib.hit-u.ac.jp/rs/bitstream/10086/11342/1/ronso0910400670.pdf).

(12)

er mit T. Hoshi ein umfangreiches Deutsch-Japanisches (Taschen-) Wörterbuch heraus.11) Er hatte aber auch Lehrverpflichtungen zum Handelsrecht an der Wafutsu Horitsu Gakko12) in Tokyo (Vorläufer der Hosei Universität), wie aus dem Vorlesungsplan aus dem Jahre 1892 hervorgeht.13) Zu seinen Kollegen dort gehörten unter anderen zB Ume Kenjiro oder Tomii Masaaki, die bekanntlich maßgeblichen Einfluss auf den Verlauf des Kodifikationsstreites und die Ausgestaltung des Minpo hatten14).

1.2 Promotionsverfahren

Die Unterlagen zum Promotionsverfahren von Takaki sind weitgehend gut erhalten und im Archiv der Universität Halle zugänglich. Um einen Eindruck des Verfahrensganges aus dieser Zeit zu erhalten, werden im Folgenden die relevanten handschriftlichen Texte15) in Transkription wiedergegeben und, soweit sinnvoll, ergänzend kommentiert.

1.2.1 Nachweis des bisherigen Studiums und Formalia (incl. Abgangszeugnis vorbesuchter Universitäten, Sittenzeugnis)

11) Dokuwa Shinjirin (高木甚平、保志虎吉共編:独和新辞林、袖珍独和新辞林 / Z. Takaki und T.

Hoshi, Neues Deutsch-Japanisches Taschenwörterbuch, mit Eigennamen, nebst einem Anhang), 1896, 1539 S. (5. Aufl. 1898). Dieses im Mini-Format erschienene Wörterbuch ist wirklich ein Meisterwerk der Buchdruckerkunst. Auch online zugänglich: http://dl.ndl.go.jp/info:ndljp/

pid/864106

12) Zur geschichtlichen Entwicklung der Hosei-Universität: https://www.hosei.ac.jp/english/about/

outline/history/

13) http://www.hosei.ac.jp/gaiyo/daigaku_shi/bu100/exhibition/chapter_2.html

14) Dazu zB. C. Steenstrupp, Die Rezeption des deutschen Rechts im Japan der Meiji-Zeit, Oriens Extremus Vol. 33 (1990), 37 f.; A. Eckey-Rieger, Der Kodifikatiosstreit zum Japanischen Bürgerlichen Recht (1994); P. Ch. Schenk, Der deutsche Anteil an der Gestaltung des japanischen Rechts- und Verfassungswesens (1997).

15) Beispiel im Anhang

(13)

a) Unterlagen aus Jena Studien- u. Sittenzeugnis für den Stud. Juris Herrn Takaki.

Wir Prorector und Senat der Großherzogl. Sächsischen Gesammt- Universität Jena bezeugen hierdurch:

daß Herr Simpe Takaki aus Tokio in Japan auf Grund von ihm beigebrachten Unterlagen lt. Erlaß des Großherzoglich Sächs.

Staatsministeriums de dato Weimar, den 28ten) November 1885.

unterm 8ten December 1885 als Student der Rechtswissenschaft hier immatrikuliert worden ist, daß derselbe während seines Aufenthaltes auf hiesiger Universität von Michaelis (s.o.Fn.19)1885 bis jetzt folgende Vorlesungen besucht hat:

Quaestur-Zeugnis

über die von dem Stud. J. Herrn Simpe Takaki aus Tokio, Japan w ä h r e n d s e i n e s A u f e n t h a l t e s a u f h i e s i g e r U n i v e r s i t ä t angenommenen und bezahlten Vorlesungen.

Bezeichnung der Vorlesung. Name des Docenten.

Winter-Semester 1885/1886.

1. Verwaltungsrecht Herr Prof. Dr. G. Meyer 2. Institutionen Herr Prof. Dr. Thon 3. Römische Rechtsgeschichte Herr Prof. Dr. Kniep

Sommer-Semester 1886

1. Deutsches Staatsrecht Herr Prof. Dr. Meyer 2. Pandektenrecht I Theil Herr Prof. Dr. Thon 16)

(14)

Interessant ist in dem Zusammenhang der folgende Hinweis am Ende des Quästurzeugnisses:

Bemerkung: Gemäß höchster Verordnung vom 5ten April 1867 werden Testate über den Fleiss des Besuches behördlich nicht mehr ausgestellt.

D.h., dass bis dahin offenbar eine stärkere förmliche Kontrolle vor allem über die Anwesenheit der Studenten in den Vorlesungen ausgeübt wurde.

Bezeichnung der Vorlesung. Name des Docenten.

Winter-Semester 1886/87

1. Völkerrecht Herr Prof. Dr. Meyer

2. Strafrecht Herr Prof. Dr. Thon

3. Pandekten II Theil drs.

und während dieser Zeit gegen denselben etwas Nachtheiliges dahier nicht zur Anzeige gekommen ist.

Jena, den 25ten Maerz 1887.

Dr. R. Eucken17)

d. Z. Prorector [Siegel]

Bufleb,

Universitätsamtmann

b) Unterlagen aus Berlin:

16) Wohl die Professoren Georg Meyer, August Thon, Ferdinand Kniep.

17) Unterschrift, wahrscheinlich von Rudolf Eucken.

(15)

„Wir Rector und Senat der Königlichen Friedrich Wilhelms Universität zu Berlin

bekunden durch dieses Abgangszeugniß, daß Herr Simpe Takaki, geboren zu Tokio, Japan, Sohn des Beamten Takaki, zu den akademischen Studien vorbereitet auf den Grund eines Abgangs- Zeugnisses von der Universität Jena am 18. April 1887 bei uns immatrikuliert worden ist, sich seitdem bis zum Schluß des Winter- Semesters 1887/8 als Studirender hier aufgehalten und sich der Rechtswissenschaft beflissen hat.

Während dieses Aufenthaltes hat derselbe bei unserer Universität nach den vorgelegten Zeugnissen die nachstehend verzeichneten Vorlesungen gehört:

I Im Sommer-Semester 1887:

1. Deutsches Privatrecht

2. Handels- und Seerecht beim Hn. Prof. Brunner, 3. Wechselrecht beim Hn. Prof. Brunner, 4. Deutsches Concursrecht " " " Dernburg, 5. Versicherungsrecht " " " Goldschmidt, 6. Deutsche Reichs- und

Rechtsgeschichte " " " Aegidi, 7. Allgemeine National-Oekonomie " " " Schmoller, 8. Eherecht " " " Hübler,

II Im Winter-Semester 1887/8:

1. Praktische National-Oekonomie beim Hn. Prof. Schmoller, 2. Kirchenrecht

3. Deutschen Civilprozeß " " " Hinschius,

4. Preussisches Civilrecht

⎫⎬

⎫⎜

⎬⎜

(16)

5. Strafproceß

6. Berühmte Criminalfälle " " " Dambach, 7. Finanzwissenschaft " " " Wagner.18)

Hinsichtlich seines Verhaltens auf der hiesigen Universität ist Nachtheiliges nicht zu bemerken.

Zur Urkund dessen ist dieses Zeugniß unter dem Insiegel der Universität ausgefertigt, und von dem zeitigen Rektor, dem Richter, auch von den gegenwärtigen Dekanen der

juristischen und philosophischen Fakultät eigenhändig unterzeichnet worden.

Berlin, den 16ten April 1888

[Siegel]

Schwendener Daude Pernice Wagner19)

[Siegel]

c) Unterlagen aus Halle:

Wir Rector und Senat der Königl. Preußischen vereinten Friedrichs-

⎫⎬

18) Zu den Professoren Heinrich Brunner, Heinrich Dernburg, Levin Goldschmidt, Ludwig Aegidi, Gustav Friedrich von Schmoller, Bernhard Hübler, Paul Hinschius, Otto Dambach, Adolph Wagner, vgl. https://www.digi-hub.de/viewer/image/DE-11-001790301/6/LOG_0009/ und https://

www.hu-berlin.de/de/ueberblick/geschichte/rektoren/brunner und https://www.sammlungen.hu- berlin.de/objekte/stichworte/647/

19) Unterschriften, vermutlich von Simon Schwendener, Paul Daude, Alfred Pernice, Hermann Wagner.

(17)

Universität Halle-Wittenberg bekunden durch dieses Abgangszeugniß, dass Herr Simpe Takaki, geboren zu Tokio, Japan, Sohn eines höheren Beamten daselbst, zu den academischen Studien vorbereitet, auf den Grund der Abgangszeugnisse von den Universitäten Jena und Berlin am 28. April 1888 bei uns immatriculirt worden ist, sich seitdem bis zum Schluß des Wintersemesters 1888/9 als Studirender hier aufgehalten und sich der Rechtswissenschaft beflissen hat.

Während dieses Aufenthaltes hat derselbe bei unserer Universität nach den vorgelegten Zeugnissen die nachstehend verzeichneten Vorlesungen angenommen:

1. im Sommersemester 1888.

Reichscivilprozeß bei Geh. J. R Pf Dr. Fitting Handels- und Wechselrecht bei Lastig

Pandekten-Praktikum Stammler

Deutsche Reichsverfassung Loening

2. im Wintersemester 1889/9 Preußisches Verwaltungsrecht

Deutsches Gewerberecht bei Pf Dr. Loening20)

Gebührenbescheinigung

Imm.-Geb. 13 Mk. 75 Pf. C. B. Nr. 284 ddt Beckmann Exm.-Geb. 16 Mk. 50 Pf. C. B. Nr. 227 ddt Boltze

Königl. Preussische vereinigte Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg.

Anmelde-Buch des Herrn Studiosus jur. Simpe Takaki gebürtig aus / wohnhaft Tokio, Japan.

eingetragen in das Album der philosophischen Facultät am ...1888 durch

⎫⎬

20) Zu den Professoren Hermann Fitting, Gustav Lastig, Rudolf Stammler, Edgar Loening, vgl.

https://www.catalogus-professorum-halensis.de/index1871.html#m

(18)

Quästur-Bemerkung21):

tes Semester von Ostern 1888 bis Michael 1888 NoNamen der angenommenen

Vorlesungen und Docenten Betrag des Honorars M

No der

Quästur

Bemerkungen der Quästur

No der

Zuhörerliste

Angemeldet Abgemeldet Bemerkungen der Behörden etc.

1 Prof. Fitting, Reichscivilprocess

25 12 15. Mai

1888 Fitting.

6. Aug. 88 Fitting.

2 Prof. Lastig

Handels- wechselrechtl.

Übungen

15 1121.

1062.

60 21 2

621 2 M ddt. 14 5. 88 Boltze

6

d. 14. Mai 88 Lastig

d. 6. Aug 88 Lastig

3 Prof. Stammler Pandectenpraktikum

20 17

14 Mai 88

Stammler 7.Aug. 1888 Fitting, Prodecan 4 Prof. Loening

Deutsche Reichsverfassung

publ 34 15/5 88

Loening

15 Aug. 88 Loening

tes Semester von Michael 1888 bis Ostern 1889 NoNamen der angenommenen

Vorlesungen und Docenten Betrag des Honorars M

No der

Quästur

Bemerkungen der Quästur

No der

Zuhörerliste

Angemeldet Abgemeldet Bemerkungen der Behörden etc.

1. Prof. Loening Preussisches Verwaltungsrecht

20 ? 13/11 88

Loening 7/3 89 Loening

2. Prof. Lastig Entwurf des bürgerl.

Rechts

publ 10 d. 14/11 88

Lastig

3. Prof. Fitting Juristische Literargeschichte

publ 1230.

1291.

20 41 2

241 2 M ddt. 13 11. 88.

Boltze

15 13 Nov. 88 Fitting

4. Prof. Stammler Die Rechts- u.

Staatstheorie der Neuzeit

publ 14 13/11 88

Stammler

5. Prof. Loening Das Deutsche Gewerberecht.

publ 13/11 88

Loening 7/3 89 Loening

21) Die Angabe zur Dauer der Semester von „Ostern bis Michael“ und umgekehrt entstammt dem Kirchenkalender, der sich allerdings im Laufe der Jahrhunderte immer leicht veränderte. Michael ist die Abkürzung für „Michaelis“, mit dem der Tag des Erntedankfestes am 29. September jeden Jahres bezeichnet wurde (im 18. und 19. Jh. wurde das Erntedankfest traditionell am Sonntag

(19)

den zeitigen Decan derselben in das Album der jurist. Facultät am 11. Mai 1888 durch den zeitigen Decan derselben

Lastig.

Hinsichtlich seines Verhaltens ist nichts Nachtheiliges bekannt geworden.

Zur Urkund dessen ist dieses Zeugniß unter dem Insiegel der Universität ausgefertigt und von dem zeitigen Rector, von dem Richter, auch von dem Decan der juristischen

und von dem Decan der philosophischen Facultät eigenhändig unterzeichnet worden.

Halle, den 19. Maerz 1889.

Köhler E. Brunnenmeister

Pro Rector. Pro-Decan der juristischen Facultät.

E. Brunnenmeister Haym22)

in V. des Decan der philosophischen Facultät.

Universitäts-Richters [Siegel]

Nittritz

nach Michaelis oder am ersten Sonntag im Oktober begangen). Der 29. September wurde bereits im Jahre 493 von Papst Gelasius I zum Fest des hl. Erzengels Michael und aller anderen Engel festgelegt. Ostern wiederum ist ein bewegliches Fest, dessen Kalenderdatum sich jedes Jahr ändert. Es hängt vom Frühlingsvollmond ab, liegt im März oder April und kann bis zu fünf Wochen von den jeweiligen Vorjahren abweichen.

22) Unterschriften, wahrscheinlich von Martin Kähler, Emil Brunnenmeister, Rudolf Haym.

(20)

Universitäts-Secretair.

1.2.2 Präsentationen und Gutachten

Zu den formalen Voraussetzungen einer Promotion in Halle gehörte zu der Zeit die Vorlage von zwei schriftlichen Präsentationen des Kandidaten zu vorgegebenen Themen23), hier zunächst die Auslegung einer Digestenstelle (L. 55 § 1 D. 19,2) sowie zu Art. 16 Handesgesetzbuch, zu der dann jeweils einer der Professoren ein Gutachten zu erstellen hatte (hier Fitting und Lastig). Deren Ergebnis wurde dann von den Mitgliedern des Promotionsausschusses abgezeichnet (hier Huber, Lastig, Brunnenmeister, Loening, Schollmeyer, Stammler). Das Beispiel zeigt, dass also auch von den ausländischen Studenten Lateinkenntnisse verlangt wurden (Takaki hat seinen Lebenslauf auf Latein abgefasst (soweit ersichtlich bestand hier nach der Promotionsordnung Wahlfreiheit zwischen Deutsch und Latein). Im Interesse der Authentizität wurde auf grammatikalische Korrekturen des Originaltextes verzichtet.

a) Präsentation einer Digesten-Textauslegung von Takaki

23) Dies war in der Promotionsordnung geregelt. Aus der Sammlung von Promotionsordnungen an juristischen Fakultäten in deutschen Universitäten von 1904 heisst es auf S. 27 zu den Bedingungen zur Zulassung in Halle in Nr. 3: „ Den Anfang der weiteren zur Erlangung des Doktorgrades erforderlichen Leistungen macht bei Bewerbern, die eine jurstische Staatsprüfung im Deutschen Reiche noch nicht bestanden haben, ein von dem Dekan anzustellendes Tentamen, von dem jedoch die Fakultät nach Ermessen entbinden kann.“

Tentamen bedeutet eine Vorprüfung, bei der die schriftliche Ausarbeitung von Texten verlangt wird. Bei Takaki waren das die beiden oben genannten Auslegungstexte, während bei Kambe, der in Japan ja bereits Professor war, darauf verzichtet wurde.

(21)

L 55 § 1 Dig. locati conducti 19,2.

In conducto fundo si conductor sua operi24) aliquid necessario vel utiliter auxerit vel aedifcaverit vel instituerit, cum id non convenisset, ad recipienda ea quae impendit ex conducto cum domino fundi experiri potest.

Hat der Pächter auf einem25)[g]epachteten Landgut irgend etwas aus Nothwendigkeit oder des Nutzens halber durch eigene Mühe26) vermehrt oder gebauet oder eingerichtet, so kann er, wenn darüber keine Ubereinkunft getroffen worden ist, um Dasjenige wiederzuerlangen, was er an Kosten verausgabt hat, wider den Eigenthumer des Landgutes Klage aus dem Pacht erheben.

Nach römischem Rechte bezeichnet die locatio et conductio der locatio conductio, welche im Deutschen bald Miethe bald Pacht auch Bestand genannt ist, denjenigen Consensual-contract, durch welchen Jemand sich verpflichtet einem andern den Gebrauch einer Sache gegen ein Aequivalent in Gelde, zuweilen auch in Früchten, als persönliches Recht zu überlassen oder auch Dienste gegen einen bestimmten Preis oder Miethgeld zu leisten. Für den Abschluss des Contractes sind wie bei dem Kaufe die folgende drei Erfordernisse wesentlich:

die Einwilligung der Contrahenten;

Ein bestim[m]tes Object, es können Sachen oder Dienste sein;

Miethgeld oder Pachtgeld, Lohn oder Preis.

24) „i“ in „operi“ mit Bleistift unterstrichen, rechts daneben mit Bleistift: „a“ („opera“)

25) Rechts daneben mit Bleistift: „Wörtlich aus der Übersetzung des C. J. von Otto, Schilling und Sinteris.“

26) „Mühe“ mit Bleistift unterstrichen, neben der Zeile mit Bleistift: „?“

(22)

Diejenigen Contracte, welche Dienste zum Gegenstande haben, nennt man locatio et conductio operarum, oder locatio et conductio operis, je nach der Verschiedenheit der geleisteten Dienste;

und diejenige welche den Gebrauch einer Sache zum Gegenstande haben, bezeichnet man überhaupt als locatio conductio rerum.

In locatio conductio rerum können die Sachen, welche den Gegenstand des Contracts ausmachen, entweder bewegliche Sachen oder Häuser, auch überhaupt solche Gegenstände sein, wobei man keinen weiteren Gewinn erwartet als den Nutzen, den ihr Gebrauch allein gewährt; hier heisst der Contract insonderheit Miethcontract; oder sie können fruchttragende Grundstücke oder dergleichen Rechte, durch deren Gebrauch man einen gewissen Gewinn, nämlich Früchte oder Rechte und andere Einkünfte zu erhalten sucht, hier heisst es ein Pachtcontract.

Aus einem Pachtcontract, wie jedem anderen Contracte entspringt eine Reihe gewisser gegenseitiger Verbindlichkeiten der Contrahenten.27)

Zunächst muss der Pachter das verabredete Pachtgeld bezahlen, wenn nichts andersausgemacht ist nach vollzogenem Gebrauche. Diese Verpflichtung des Pachters fällt deswegen nicht weg, dass er von dem ihm zur Verfügung gestellten Grundstücke keinen Gebrauch gemacht hat, auch nicht, wenn er von demselben keinen Gebrauch hat machen können.

In beiden Fällen jedoch wird vorausgesetzt dass der Verpachter die Sache nicht anderweitig verwerthet hat. Ferner muss der Pachter nach Beendigung der Pachtzeit die gemiethete Sache wieder herausgeben.

Dieser Verpflichtung kann er sich auch durch Berufung auf ein

27) Rechts neben Z. 5-6 mit Bleistift: „Von [ - ] so gut wie wörtlich aus Windscheit §. 460 (II S. 535 Fg)“.

(23)

Eigenthumsrecht nicht entziehen, wenn der Verpachter dasselbe bestreitet; er muss die Sache herausgeben, und sein Eigenthumsrecht in einem besonderen Process geltend machen. Insbesondere ist der Pachter während der Pachtzeit verpflichtet die gepachtete Sache ordnungsmässig und wirthschaftlich zu gebrauchen. Der Pachter muss daher alles was auf Hof und Feld zur ordentlichen Bewirthschaftung gehört, zu rechter Zeit bestellen und im Stande erhalten, damit es nicht durch ordnungswiedrigen Gebrauch oder unzeitige Cultur verdorben werde.

Er muss ferner auf die Bewahrung der Sache die gehörige Sorgfalt verwenden, damit sie nicht entwendet oder beschädigt werde, widrigenfalls haftet er nicht nur für den Schaden, den er selbst mit Vorsatz oder durch seine Nachlässigkeit oder Unvorsichtigkeit zugefügt hat, sondern auch für den, welchen Dritte verursacht haben z. B. wenn er sich etwas zu Schaden28) kommen lässt durch seine unvorsichtige29)

Wahl der Dienerschaft etc. Auch wenn der Schaden von aussen durch die Bosheit eines Dritten geschehen ist, so muss der Pachter auch haften, wenn er durch seine Feindseligkeit gegen diesen Veranlassung dazu gegeben hat.30)

D a g e g e n i s t d e r P a c h t e r s e i n e r s e i t s b e r e c h t i g t , u m s e i n e Bewirthschaftung ordentlich auszuführen, dann wenn durch Ruin oder Einsturz oder sonst durch einen Fehler der Sache ein Schaden geschehen ist, weil der Verpachter die Sache nicht bei Zeiten hat repariren lassen oder die Tauglichkeit der Sache nicht gehörig untersuchen lassen, für diesen Schaden Ersatz zu verlangen. Tritt

28) Rechts neben Z. 13 mit Bleistift: „Schulden“ [statt „Schaden“]

29) Original: „seinen unvorsichtigen Wahl“, mit Bleistift korrigiert 30) Rechts neben Z. 18-20 mit Bleistift: „?“

(24)

hingegen die Nothwendigkeit der Reparatur31) erst nachher ein, so kann der Pachter gegen den Locator ex conducto klagen, dass er die Sache repariren lasse, und dieser haftet dann für den aus der Verzögerung entstandenen Schaden.

Hat der Pachter, wie ihm freisteht, gleich selbst die nöthige Reparatur vorgenommen, so kann er die Kosten von dem Locator wiedererlangen.

Hat derselbe aber ausserdem noch etwas auf die gemiethete Sache verwendet, und daran etwas machen oder einrichten lassen, so ist er berechtigt, wenn er abzieht, dasselbe wiederwegreisen und mitnehmen, er darf aber dadurch die Hauptsache nicht beschädigen, sondern alles muss er in den vorigen Stande wiederherstellen.

In dem Falle wo die Wiederherstellung in den vorigen Stand ohne Beschädigung der Sache nicht möglich ist, kann der Pachter gegen den Locator die Vergütung der Unkosten erlangen, sofern er den Aufwand auf die Sache aus Nothwendigkeit oder des Nutzens halber gemacht hat. Die vorstehende Gesetzstelle lehrt uns gerade in diesem Punkte – 32)

Diese Bestimmungen des Gesetzes in diesem Punkte scheint aber eine sehr bedenkliche zu sein. Es sind auch darüber viele Streitigkeiten entstanden, und manche z. B. Unterholz[n]er33) fordern daher für das Vorhandensein der Ersatzansprüche Einwilligung des Verpachters etc.

Meines Erachtens aber sind diese Vorschriften34)nothwendig für

31) Rechts neben Z. 32-33 mit Bleistift: „Wieso?“

32) Folgt horizontale Linie; rechts daneben betreffend Z. 26-34 mit Bleistift: „[-] S. Sintenis, Prakt.

gem. Civilrecht II. § 118 Anm. 68 (bei Windscheid § 401 Anm. 10 vidirt [?]).“

33) „Unterholzner“ korrigiert mit Bleistift

34) Senkrechter Bleistiftstrich rechts neben Z. 25-39, daneben: „Unverständlich“

(25)

Landguteigenthumer um ihnen nach Beendigung der Pacht die ordnungsmässige Fortführung der Wirthschaft auf demselben Grundstücke zu ermöglichen (vgl35)Entw. des bürgerlichen Gesetzes § 47 [?] –preuss. A. L. R. I. 21 § 451, 603.)

Es steht übrigens die Verpflichtung unter dem freien Ermessen des Richters.36)

Der Pachter auf einem erpachteten Landgute.

Der Pächter muss seine Aufwendungen auf seinem erpachteten Landgute gemacht haben, um37)demselben wirthschaftlich und ordnungsmässig zu gebrauchen. Irgend etwas aus Nothwendigkeit oder des Nutzens halber durch eigene Mühe vermehrt oder gebauet oder eingerichtet.

Der Aufwand, welchen der Pacht[er] auf einem gepachteten Landgute gemacht hat, um etwas zu erbauen oder einzurichten oder auf demselben eine Verbesserung vorzubereiten, muss aus Nothwendigkeit oder (sonst) des Nutzens halber gemachtgewesen sein, mit andern Worten es muss eine solche Aufwendung gewesen sein, quae bona fide factae sund38), und quas locator ipse fecesset autfacere debuisset.

Wie weit und bis zum welchen Grade darauf der Locator dem Pachter zur Vergütung verpflichtet anzusehen sei, darüber kann man wohl sagen, dass die Grundsätze der negotiorum gestio39) im ganzen

35) Rechts daneben mit Blaustift: „verte“

36) Unklar [„Verpflichtung“?], da rechter Seitenrand abgeschnitten. Z. 3-5 links am Rand mit Bleistift markiert, daneben: „Wieso?“

37) Am Rand rechts mit Bleistift: „dasselbe?“

38) Zitatkennzeichnung mit Bleistift vor „quae“ und nach „debuisset“; „d“ in „sund“ unterstrichen,

„fecesset“ markiert (fecisset)

39) Z. 30-32 mit Bleistift markiert, daneben „Sintenis a. a. O.“

(26)

massgebend sein wird.40)

Es ist41) darüber keine Zweifel, dass wenn der Pachter an dem verpachteten Gegenstande nur zu seinem Vergnügen oder zu seiner Bequemlichkeit etwas vermehrt oder eingerichtet hat, er dasselbe wieder wegreisen und mitnehmen kann, sofern dadurch dem Gegenstande ein Schaden nicht42) zugefügt wird, aber er ist nicht berechtigt dafür irgend einen Ersatz zu erlangen. Wenn darüber keine Übereinkunft getroffen worden ist.

Der Aufwand, welchen der Pachter auf dem Landgute verwendet hat, muss ihm freigestellt und keine Übereinkunft darüber getroffen sein.

Er steht daher dem Pachter ein Ersatzanspruch dann nicht zu, wenn er den Aufwand43) gegen ein Verbot des Verpachters vorgenommen hatte.

Dasjenige, was er an Kosten verausgabt hat. Die Kosten, welche der Pachter zur Verbesserung, Erbauung der Einrichtung ausgegeben hat, müssen aus Nothwendigkeit oder Nutzens halber wirklich angewendet gewesen sein, und es muss wirklich zum Interesse des Landguts gewesen sein. Die irrige Aufnahme der Auffassung44) über die Nothwendigkeit oder Nutzens zur Aufwendungen erzeugt daher dem Pachter keinen Ersatzanspruch, selbst dann nicht, wenn sein Irrthum darüber entschuldbar war.

40) Mit Bleistift: „werden“

41) Mit Bleistift eingefügt: „daher“

42) Z. 35-43 mit Bleistift markiert, daneben „Sintenis im Texte zu Anm. 68“

43) Am Rand rechts mit Bleistift markiert, daneben: „Ist schwerlich der Sinn der Stelle.“

44) Am Rand rechts mit Bleistift: „? Annahme oder?“

(27)

Die Frage ob der Pachter nach Beendigung der Pacht für die nöthige Aufwendungen, welche er vorgenommen, Zinsanspruch erheben kann, ist allerdings sehr zweifelhaft. An sich scheint ein solche Anspruch anerkannt werden zu müssen, da der Eigenthümer des Landgutes seit dieser Zeit Sache und Kosten zugleich genutzt haben wird. Aber diese Ansicht ist45) nicht als zutreffend erachtet worden. Denn es handelt46)

sich hier, wo die fragliche Gegenstände bereits mit ihrer Einbringung in das Grundstück des Eigenthümers, in dessen Eigenthum gelangt sind, nicht um einen Kauf, bei welchem allerdings von Zeit der Übergabe der Sache eine Verzinsung des Kaufgeldes eintritt. Es steht hier vielmehr nur der Ersatz für noch vorhandene nützliche Aufopferung in Frage, hinsichtlich deren eine Zinsverbindlichkeit nicht begründet ist,47) wenn die Verwendungen dem Ersatzpflichtigen bereits schon früher zu Gute gekommen sind. Es können jedoch dem Pachter die Verzugszinsen nach Insinuation der Klage zugebilligt werden. (vgl Erk. des A. G. zu Wolfenbuttel Seuf. Archiv B. 33 § 111.) Klage aus dem Pacht erheben.

Nach römischem Rechte werden durch den Pachtcontract in der Regel zwei Klagen erzeugt, welche für beide Contrahenten Hauptklage sind, nämlich actio locati welche dem Locator gegen den Pachter zusteht, und die actio conducti, welche der Pachter gegen den Locator anstellt.

45) Mit Bleistift unterstrichen, darüber: „kann“

46) Z. 5-12 rechts mit Bleistift markiert, daneben: „Ist doch kein Grund gegen das Bestehen einer Zinspflicht in diesem Fall.“

47) Z. 18-22 rechts mit Bleistift markiert, daneben: „? Ist kein durchschlagender Grund.

Nothwendige Verwendungen werden nach allgemeinen Grundsätzen dem Pächter sicher [?] mit Zinsen zu ersetzen sein. Auch beruft sich der Verf. selbst Bl. 6 auf die Grundsätze der negotiorum gestio, und s. hierüber Windscheid § 430 Anm. 12.“

(28)

Daher hier wo der Pachter aus dem Pacht Klage zu erheben hat, wird er dieselbe durch die actio conducti geltend machen; und dieses Klagerecht geht auf die Erben über.

Aus den Hinweisen in den og Fußnoten zu den Korrekturanmerkungen, die nur zur Veranschaulichung dienen und im Umfang gekürzt wurden, geht hervor, dass der uorrektor die Texte durchaus kritisch durchgesehen bat.

Insoweit dürfte die Handhabung des Verfahrens dem damals üblichen entsprochen haben, d.h. dass kein Unterschied im Formalen zwischen deutschen und ausländischen Studierenden gemacht wurde. Allerdings zeigt das folgende Gutachten, dass man trotz der großen Mängel einen Ausländerbonus gewährt hat. Ausländische Studenten gab es damals ja nur in geringer Zahl und de großzügige Bewertung kann als daher auch als Willkommensgeste verstanden werden.

b) Gutachten zur Digestenauslegung

Praes[entatum] 9. Juli 1889 Loening

Interpretation von L. 55 § 1 D. 19,2 [?] eingereicht zum Zweck der Doctorpromotion

von Cand. Juris Simpe Takaki

Herrn Geh. Rath Prof. Fitting zur gef. Begutachtung 9/7 89

Loening Z. Z. Dec.

Selbst wenn man in billige Rücksicht zieht, daß dem Verf. das

(29)

Deutsche eine fremde Sprache ist, in welcher er sich nur mit Schwierigkeit bewegt, und daß man an seine Vorbildung nicht die Ansprüche machen kann wie an einen Europäer oder gar Deutschen: so kann das Urtheil über seine Textarbeit unmöglich besonders günstig ausfallen; denn es fehlt ihr vor allem jede Selbständigkeit. Die Übersetzung, welche er Bl. 1 der – fehlerhaft wiedergegebenen – Stelle beifügt und Bl. 6 ff. als eigentlichen Text behandelt, ist wörtlich aus der deutschen Übersetzung von Otto, Schilling und Sintenis genommen.48) Bl. 3 ist Windscheit sehr weitherzig benutzt, Bl. 5 fg. ebenso Sintenis.

Wo der Verf. aus eigenen Mitteln geschöpft hat, ist seine Darstellung nicht überall frei von sachlichen Fehlern. So z. B. Bl. 2.

Immerhin darf man m. E. die Arbeit als Beweis betrachten, daß er an der Hand seiner Gewährsmänner im ganzen ein richtiges Verständniß der zu erklärenden Stelle gewonnen hat. Und da wir in diesem Fall aus den oben angedeuteten Rücksichten eine milde Beurtheilung werden eintreten lassen müssen, so scheint mir, daß die Arbe[it] noch für ausreichend erachtet werden kann.

10. Juli 1889.

S. m.

48) Es handelt sich um das Werk „Das Corpus Iuris Civilis – ins Deutsche übersetzt von einem Vereine Rechtsgelehrter und herausgegeben von Dr. Carl Ed. Otto, Dr. Bruno Schilling (Professoren des Rechts an der Universität Leipzig) und Dr. Carl Friedrich Ferdinand Sintenis (Redactoren), Erster Band, Leipzig 1830. Dieses Werk ist online zugänglich unter: https://books.

google.co.kr/books?id=9T1KAAAAYAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_

r&cad=0#v=onepage&q&f=false.

(30)

Fitting49)

Einverstanden.

10. Juli 89.

Huber – Lastig 13/VII

– E Brunnenmeister 15/VII – Loening 15/7

– Schollmeyer 16/7 – Stammler 17/7

c) Präsentation zur Auslegung von Art. 16 HGB von Takaki

Deutsches Handelsgesetzbuch Art. 16

Ein Kaufmann, welcher ein Geschäft ohne Gesellschafter oder nur mit einem stillen Gesellschafter betreibt, darf nur seinen Familiennamen (bürgerlichen Namen) mit oder ohne Vornamen als Firma führen.

E r d a r f d e r F i r m a k e i n e n Z u s a t z b e i f ü g e n , w e l c h e r e i n Gesellschaftsverhältnis andeutet. Dagegen sind andere Zusätze gestattet, welche zur näheren Bezeichnung der Person oder des Geschäfts dienen.

Es treten im Rechtsleben die Menschen nicht als solche nach ihrer physischen Individualität, sondern als Personen auf. Die Existenz von

49) Unterschriften, wohl Hermann Fitting, Eugen Huber, Gustav Lastig, Emil Brunnenmeister, Edgar Loening, Friedrich Schollmeyer, Rudolf Stammler, vgl. https://www.catalogus-professorum- halensis.de/index1871.html#h

(31)

Rechten und Verbindlichkeiten beruht nicht auf diese oder jene Äusserung des körperlichen physischen Daseins, sondern auf die rechtliche Persönlichkeit d.h. die subjective Möglichlichkeit eines rechtlichen Handlungsfähigkeit. Demnach wenn der einzelne Mensch als solcher als Rechtssubject auftritt, kann man den physischen Menschen und die rechtliche Persönlichkeit von einander unterscheiden, und die rechtliche Persönlichkeit als eine besondere Function des physischen Menschen auffassen u behandeln.

Im gewöhnlichen Rechtsleben tritt diese Scheidung nicht überall sofort sichtbar hervor. Aber im Gebiete des Handelsverkehrs hat sich die rechtliche Persönlichkeit d.h. eine besondere Function des Handelstreibens mit hervorragender Schärfe abgehoben, vom sonstigen Leben. Hier tritt die kaufmännische Persönlichkeit vollständig selbstthätig auf, ja sogar sie hat häufig ein von dem Leben ihres physischen Trägers ganz unabhängige Existenz. In Folge dessen kommt es häufig vor, dass ein Kaufmann zur Bezeichnung seiner kaufmännischen Persönlichkeit ein anderer Name hat als derjenige welchen er als eine physische Individualität zu führen hat. Dieser Name, unter welchem der Kaufmann seine besondere Function des Handelstreibens ausübt d.h. sein Geschäft betreibt und seine Unterschrift abgibt, nennt man Firma.

Nach dem deutschen Handelsgesetzbuch ist jeder, der gewerbemässig Handelsgeschäfte betreibt verpflichtet eine Firma zu führen, sei dies ein Einzelkaufmann oder sei es eine Mehrheit von Personen, die sich zum gemeinsamen Handelsbetriebe verbunden haben (art. 5).

(32)

Nur was die Firma betrifft, so könnte es eigentlich freigelassen werden, unter welchem Namen der Kaufmann seine Geschäfte betreiben würde.

Da aber diese Firma nicht dem Geschäfte des Kaufmanns sondern dem Inhaber des kaufmännischen Geschäftes zukommt — aber nur insofern und insoweit er Geschäftsinhaber ist — also Personenfirma ist, und da die rechtliche Persönlichkeit immerhin auf der physischen Individualität beruht, und diese beide Eigenschaft naturgemäss in einer Personen, in einem Mensch zusammen falle und deshalb das Publicum sehr leicht geneigt ist zu dem Schluss dass wenn unter Nennung des Namens einer Person contrahirt, diese Person auch verpflichtet, und voll verpflichtet sein solle, so bestimmt der vorstehende Artikel 1650) dass die Firma nicht willkürlich gewählt werden darf, sondern den Inhaber des Geschäfts wirklich bezeichnen muss.

Diese Bestimmungen des Art.16 erstrecken sich aber nur auf die neue entstehende oder ursprüngliche Firma. Und der oben ausgesprochene Zweck des Gesetzes ist sehr abgeschwächt worden, da das Gesetz daneben auch im Art. 22 das Princip der Übertragbarkeit der Firma anerkannt hat. Ausserdem ist die Wahrheit der Firma sehr unvollständig erreicht worden, weil das H. G. B. keine rückwirkende Kräfte hatte, und daher die bereits vorhandenen Firmen, obgleich sie nach dem Gesetze eigentlich unrichtige sind, in das Handelsregister eingetragen werden mussten.51)

Ferner bezieht sich der Art.16 nur auf den Einzelkaufmann, und enthält daneben auch das Verbot der Kollektivfirma für die stillen Gesellschaften, denn die stille Gesellschaft ist von dem Gesetzbuch nicht

50) Folgt gestrichen: „das Princip“

51) Mit Bleistift und Fragezeichen markiert: „mussten“

(33)

als Handelsgesellschaft aufgefasst. In der stillen Gesellschaft muss der Inhaber des Handelsgeschäfts die Geschäfte unter seiner eigenen Firma betreiben, und er darf nicht nur52) den Namen des stillen Gesellschafters in dieselben aufnehmen, sondern es ist ihm, wenn er Einzelkaufmann ist, selbst auch die Aufnahme einer das Gesellschaftsverhältnis andeutenden Firma verboten.

Familiennamen

Das H. G. B. hat die Bezeichnung Familiennamen durch Beifügung der Worte bürgerlichen Namen erklärt; es ist darunter derjenige Name zu verstehen welcher ein betreffenden Personen nach dem bürgerlichen Gesetze zukommt wie z. B. in Folge ihrer Abstammung oder Verheiratung etc. Es ist daher darunter bei einer Ehefrau oder bei einer Wittwe der Name des Ehemanns zu verstehen. Bei der geschiedenen Ehefrau wird die Frage nach dem ergangenen Urtheil des Gerichts entschieden werden, es wird hier auch dasselbe gelten wie bei einer Wittwe, wenn ihr die Beifügung zur Fortführung des Namens ihres Mannes nicht aberkannt ist.

Eine Änderung des Namens ist auch nach dem bürgerlichen Gesetze zu beurtheilen; ein Kaufmann ist aber dadurch zum Wechsel der Firma nicht verpflichtet, wohl ist er aber dazu berechtigt. (vgl. Art. 24)

Mit oder ohne Vorname.

Die Beifügung des Vornamen ist im Gesetze nicht geboten, sondern

52) Daneben mit Bleistift: „nicht“

(34)

ganz freigestellt. Demnach kann man in der Wahl der Firma den Vornamen gänzlich weglassen oder völlig ausdrücken, oder theilweise beifügen oder denselben abkürzen.

Unter Vorname versteht man auch derjenige Vorname, welcher dem Kaufmann von Rechts wegen zukommt; die Abkürzung eines derselben soll auch nicht die willkürlich gewählte sein. Der Vorname ist auch dergleichen Beschränkungen wie der Familienname unterworfen, er darf also nicht willkürlich geändert werden.

Es scheint nach dem Gesetze nicht unzulässig zu sein, die Vornamen in Übersetzung in fremden Sprache in die Firma aufzunehmen, sofern dieselbe nicht auf neue hergebraucht und der Name ein allgemein üblicher ist wie z. B. John für Johann, Charles für Karl etc. Es ist auch darüber keine Zweifel dass der Vorname des Ehemanns von der Wittwe im Firma angenommen werden kann, ohne dass die Erfordernisse des Art. 22 vorhanden sind, wenn in derselben die Persönlichkeit der Firma von der des Ehemannes ersichtlich zu unterscheiden ist, z. B. in solchen Fällen wie Frau Andreas Meyer, oder Johanna verw. oder geschiedene Andreas Meyer etc.

Der Vorname hat naturgemäss vor dem Familienname zu stehen, daher darf Andreas Meyer nicht die Firma Meyer Andreas annehmen.

Zusätze, welche ein Gesellschaftsverhältniss andeutet.

Es fallen hierunter nicht nur mehrere Namen und der Zusatz wie et compagnie, sondern auch die Bezeichnung Gebrüder Söhne etc. An

(35)

sich scheint es nicht unerlaubt zu sein, eine solche Firma zu führen, welche sowohl einen einzelnen Inhaber als auch eine Gesellschaft bezeichnen kann z.B. die adjective Bezeichnung des Familiennamens wie Müller´sche Buchhandlung, da hier keine Zusatze vorhanden sind, welche ein Gesellschaftsverhaltniss andeuten.

Da aber eine solche Firma ebenso gut eine Gesellschaft sein kann, so wird es nicht zu dulden sein, eine solche Form einzutragen. Nach den Bestimmungen der Gesetze scheint es auch völlig unzulässig, die Annahme des rechtmässig geführten Namen deswegen zu untersagen, weil derselbe aus zwei verschiedenen Worten besteht, daher ein Gesellschaftverhaltniss vermuthet werden könne, wenn hier kein Zusatz vorhanden ist. Es wäre aber im solchen Falle geboten eine solche Form anzunehmen, welche kein Zweifel veranlassen würde z. B.

statt Stein-Sturz mit der Zufügung eines Vornamen Friedrich Stein- Sturz etc.

Zweifelhaft erscheint auch die Beifügung des Zusatzes Nachfolger, da unter dieser Bezeichnung auch sowohl ein Nachfolger oder mehrere verstanden werden kann. Daher wird es auch hier geboten sein durch Beifügung des Namens möglichen Zweifel zu vermeiden z. B. Friedrich Müller, A. Meyer Nachfolger etc.

Andere Zusätze

Die Zusätze zu den Name sind nicht in die beliebige Wahl des Kaufmanns gestellt, sondern nur solche gestattet welche zur näheren Bezeichnung der Personen oder des Geschäftes dienen. Insbesondere fallen daher unter das Verbot alle solche Bezeichnungen, welche nicht

(36)

das Geschäft oder den Namen des Inhabers sondern das äussere Etablissement betreffen. Bei der Wahl der Zusatz muss man den Art. 15 in Betracht ziehen, da wenn ein Zusatz zur Firma gehörig angenommen wird, er einen integrirenden Theil derselben bildet, und daher stets mithin mit diesen Zusatz unterschrieben werden muss.

Die Annahme des Zusatz in die Firma wie z. B. Andreas Meyer, vormals Procurist bei Lödel und Merkel etc ist nicht als gestattet anzusehen, wenn es ohne Genehmigung von Lödel et Merkel geschieht. Darin mittelbar auch der befugte Gebrauch einer andern Firma liegt.

Ein Recht auf ausschließliche Führung des Zusatzes kann nicht erwartet werden. Aber die Zulässigkeit der Beifügung einer andern Firma mit einer Bezeichnung des Nachfolgeverhältnisses etc. z. B. Schulze, vormals A. Meyer etc. darüber werden die Bestimmungen des Art. 22 massgebend sein.

d) Gutachten zur HGB-Präsentation

praes. 9/7 1889 Loening

Interpretation des Art. 16 des Handelsgesetzbuchs eingereicht zum Zwecke der Doctorpromotion von Cand. juris Simpe Takaki

Herrn Prof. Lastig zur gef. Begutachtung Loening

z. Z. [?] Dec.

(37)

9/7 89

Die Arbeit ist von wesentlichen Unrichtigkeiten frei, was nicht zu wundern braucht, da Verf. auch hier wieder sich eng an die benutzte Literatur, Commentar zu HGB von Anschütz u. v.

Volderndorff, v. Hahn i. Handbuch des Handelsrechts v. Endemann (Abschnitt I. von d. Kaufleuten auch hier von v. Volderndorff geschrieben) hält, leider nicht immer die glücklichste Auswahl trifft. Demgegenüber hätte die deutsche Grammatik weniger verunstaltet zu werden brauchen. Bei der schon den früheren Arbeiten des Verf. geübten Milde kann auch für diese das Prädikat

„genügend“ befürwortet werden.

H. d. 14 / VII 89. Lastig

Ich stimme bei. E, Brunnenmeister 15/VII 1889

Desgleichen Fitting 18. Juli 1889 (acc. [?] 17. Juli)

Huber, 18. " "

Desgl. Loening 18 Juli 89

Schollmeyer 19/7 89

Stammler 19/ 89

e) Mündliche Prüfung

Juristische Fakultät der K. vereinigten Friedrichs- Universität Halle- Wittenberg

Doctorprüfung des Herrn Simpe Takaki aus Tokio in Japan.

(38)

Geschehen Halle a. S. 23 Juli 1889.

Anwesend: sämmtliche Fakultätsmitglieder;

beurlaubt: Prof. Boretius.

Die Prüfung eröffnete der Dekan, Prof. Stammler.

Fragte über gemeines u. partikulares Recht, Justinianische Gesetzgebung, Gesetz und Gewohnheitsrecht, Zinsen und Darlehen.

Die Antworten des Kandidaten waren, nach milder Beurtheilung, noch genügend.

P r o f . F i t t i n g f r a g t e n a c h d e r A r t d e r p r o c e s s u a l i s t i s c h e n G e l t e n d m a c h u n g e i n e r D a r l e h e n s f o rd e r u n g : We r t u n g d e s Mahnverfahrens, Einleitung des ordentlichen Processes vor dem Landgericht.

Auch hier zeigten die Kenntnisse des Kandidaten viele Lücken, konnten aber bei milder Beurtheilung genügen.

Prof. Lastig fragte nach den hauptsächlich benutzten Quellen des Japanischen Handelsgesetzbuch-Entwurfs, nach der Verwandtschaft des Deutschen H G B mit dem Code de Commerce, dieses mit dem früheren Französischen Handelsb, und das letztere mit dem Italienischen H B. Ging hierauf auf die nationalen Bestandtheile des ä l t e r e n I t a l R e c h t s ü b e r, d a n n s p e z i e l l a u f d i e o f f e n e Handelsgesellschaft, Vollmacht und bes. Procura.

Die Antworten können als genügend bezeichnet werden.

Prof. Brunnenmeister fragte nach der Lehre vom Versuch, nach dem

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