『人文コミュニケーション学科論集』10, pp. 61-76. © 2011茨城大学人文学部(人文学部紀要)
Kojiro Fushimi
0. Zielsetzung
In dieser Arbeit wird versucht, durch die Analyse von Phrasenkomposita zu zeigen, wieweit die Morphologie ein Teil der Syntax ist oder ob es sich bei der Morphologie um marginale Phänomene handelt.
1. Phrasenkomposita
1. 1. zwei Typen der Phrasenkomposita
Die meisten Phrasenkomposita weisen die folgende Struktur auf, bei der eine Phrase das Vorderglied ist und deshalb als Non-Head fungiert:
(1)
Aber Ackema und Neeleman (2004 S. 124-125) haben schon darauf hingewiesen, daß es im Niederländischen auch Phrasenkomposita mit einer Phrase a1s Hinterglied gibt. Solche Beispiele findet man vereinzelt auch im Deutschen, worauf schon Lawrenz (2006 S. 50-54) hingewiesen hat.
Die Phrasenkomposita, deren Hinterglied eine Phrase ist, haben die folgende Struktur:
(2)
Man beachte, daß sowohl die Phrasenkomposita mit einer Phrase als Vorderglied als auch die Phrasenkomposita mit einer Phrase als Hinterglied rechtsköpfig sind1). Im folgenden wollen wir auf diese beiden Typen der Phrasenkomposita näher eingehen.
1. 2. Phrasenkomposita mit einer Phrase als Vorderglied
Bei diesem Typ der Phrasenkomposita treten als Vorderglied NP, PP, VP, AdvP, AP und CP auf. DPs sind grundsätzlich als Vorderglieder ausgeschlossen2). Als Head der Struktur kommt in der Regel die Kategorie N infrage3).
X0 X0 YP
X0 XP Y0
(3) a. NP: der [graue-Schläfen]-Effekt (Meibauer 2003 S. 156) (3) b. das [Schneller-Brüter]-Programm (Aktuell ʼ94 S. 396)
(3) c. das [Deutschland-in-Japan]-Jahr (aus der Internetseite der Japanischen Gesellschaft für Germanistik vom 11.
10. 2004)
(3) d. der [Anzug-und-Krawatte]-Typ (Der Spiegel 27/2001 S. 178) (3) e. der [Deutsch-als-Fremdsprache]-Unterricht
(DaF 3/2000 S. 173) (3) f. die [Achse-des-Bösen]-Bemerkung (SZ vom 21. 09. 2002) (4) a. PP: die [Vor-Premieren]-Fahrt (Meibauer 2003 S. 155)
(4) b. die „Ohne mich“-Haltung (Die Welt online vom 13. 09. 2002) (5) a. VP: die [Länger-leben]-Diät (Meibauer 2003 S. 155)
(5) b. die [Beliebt-werden]-Methode (Lawrenz 2006 S. 63)
(6) a. AdvP: die [just-in-time]-Kontrolle (aus „Deutsuchland“ Societäts-Verlag Nr. 3/2001 S. 42)
(6) b. das [Oben-ohne]-Cabaret (Die Welt online vom 23. 10. 2004) (6) c. die [So-gut-wie-sicher]-Kanzlerin (SZ Online-Ausgabe vom 10. 10. 2005) (7) a. AP: die [Noch-besser]-Lösung (Lawrenz 2006 S. 55)
(7) b. die [Zu-Tode-betrübt]-Szene (Lawrenz 2006 S. 55) (8) a. CP: der [Muß-das-denn-sein]-Blick (Meibauer 2003 S. 155)
(8) b. der „God-Bless-You“-Abschied (Die Welt online vom 13. 09. 2002) (8) c. der „Jetzt gehtʼs los“-Ruf (Die Welt online vom 31. 08. 2005) (8) d. der „Es-muß-alles-anders-werden“-Reform-Ansatz
(SZ Online-Ausgabe vom 10. 10. 2005) (8) e. die [Wir-haben-uns-alle-lieb]-Stimmung
(SZ Online-Ausgabe vom 19. 11. 2005) Die Phrasenkompsita mit einer Phrase als Vorderglied erfüllen Kriterien, die für den Wortstatus einer Konstruktion sprechen, nur teilweise. Hier wollen wir sie in Anlehnung an Lawrenz (2006) kurz zusammenfassen:
wortspezifische Merkmale Komposita Phrasenkomposita 1) anaphorische Insel 4) ja, gilt nur mit Einschränkungen 2) lexikalische Integrität 5) ja ja
3) Nichtauftreten wortinterner Flexion 6) ja trifft nicht zu
4) morphologische Integrität ja ja
5) Ausschluß gebundener Anaphern 7) ja trifft nicht zu 6) Auftreten von Fugenzeichen 8) ja trifft nicht zu
1. 3. Phrasenkomposita mit einer Phrase als Hinterglied 9)
1. 3. 1. Phrasenkomposita mit einer Phrase als Hinterglied im Niederländischen
Ackema und Neeleman (2004 S. 124-125) bringen niederländische Beispiele der Phrasen- komposita, in denen die Phrase nicht in der Non-Head-Position, wie es bei den meisten Phrasenk- omposita der Fall ist, sondern in der Head-Position erscheint:
(9) [namaak [mobiele telefoon]]
Nachahmung mobil Telefon Diese Phrase hat die folgende innere Struktur:
(10) [N [N namaak] [NP [AP mobiele] [N telefoon]]
Bei diesem Beispiel liegt die erste Betonung, wie es bei Komposita der Fall ist, auf dem am weitesten links stehenden Element. Und die Phrase [mobiele telefoon] kann nicht als Kompositum betrachtet werden, weil einerseits das Adjektiv mobiel eine Flexion (mobiele) aufweist, andererseits diese Phrase nicht die Betonung eines Kompositums, sondern eine phrasale Betonung aufweist, bei der die Betonung auf dem Head liegt. Nach der herkömmlichen Repräsentation, die sie als building block theory bezeichnen, müßte die Struktur folgendermaßen aussehen:
(11)
Diese Phrasenstruktur hat den Nachteil, daß die Phrase mit der maximalen Projektionsstufe ihre Projektionsstufe auf null reduziert (NP → N), was gegen das allgemeine Verständnis der X-bar- Theorie verstößt. Man beachte, daß der Head dieses Beispiels die NP [mobiele tefefoon], und nicht die N [namaak] sein soll. Dieser Widerspruch läßt sich nach Ackema und Neeleman nur durch die Annahme einer Operation der Insertion à la Ackema und Neeleman, worauf wir noch zu sprechen kommen, beseitigen. Sie schlagen anstelle von (11) die folgende Struktur vor, in der eine Insertion von NP in die N-Position stattfindet (Ackema & Neeleman 2004 S. 125, Meibauer 2007 S. 245):
N0 NP
Nonhead N
N AP
Head
namaak mobiele telefoon
→ ←
(12)
1. 3. 2. Phrasenkomposita mit einer Phrase als Hinterglied im Deutschen
Meibauer (2007 S. 245) weist darauf hin, daß die Strukturen im Deutschen, die den Phrasen- komposita mit einer Phrase als Hinterglied im Niederländischen entsprechen, alle ungrammatisch sind:
(13) a. dat [kanker [Juinenese accent]] (A & N 2004 S. 125) (13) b. *dieser Scheiße-kölsche-Akzent (Meibauer 2007 S. 245) (14) a. [wereld [rode wijn]] (A & N 2004 S. 125)
(14) b. *Welt-rote-Wein (Meibauer 2007 S. 245)
Aber nach Lawrenz (2006 S. 50-54) gibt es im Deutschen zwar vereinzelt, aber doch ein paar Phrasenkomposita mit einer Phrase als Hinterglied:
(15) eine [De-facto- [Große-Koalition]]10) (Lawrenz 2006 S. 50) (16) der [Ersatz- [Großer-Bruder]] Simonsʼ (Lawrenz 2006 S. 50) (17) ihre [Lieblings-[dumme-Talkshow]] (Lawrenz 2006 S. 50) (18) in Wegwendung von dem [Einzel-[hin-und-her]] (Lawrenz 2006 S. 50)
Als Vorderglied erscheint in diesen Fällen ein Nomen, ein Adjektiv oder ein Adverb. Als Hinderglied treten in den meisten Fällen NPs und nur selten APs auf: Lawrenz bringt das folgende Beispiel:
(19) Was vergangen ist, ist hier folglich Pierre-die-Musik-liebend.
(Lawrenz 2006 S. 53)
Sowohl bei der Phrase als Vorderglied als auch bei der Phrase als Hinterglied können keine DPs erscheinen:
(20) a. *ein Der-rechte-Flügel-Politiker (Lawrenz 2006 S. 39) (20) b. ein Rechter-Flügel-Politiker (Lawrenz 2006 S. 38) (21) *die De-facto-eine-Große-Koalition (Lawrenz 2006 S. 51)
Anders als die Phrasenkomposita mit einer Phrase als Vorderglied weisen Phrasenkomposita mit einer Phrase als Hinterglied ein Fugenelement11) auf:
N
NP X
N AP
namaak mobiele telefoon N
↑
(22) ihre [Lieblings-[dumme-Talkshow]] (= (17))
(23) a. [Liebe-im-Krieg]-Szenen (Lawrenz 2006 S. 44)
(23) b. Kriegsszenen (Lawrenz 2006 S. 44)
Nach Lawrenz (2006 S. 44-45) muß eine Phrase als Hinterglied im Gegensatz zu Phrasenkomposita mit einer Phrase als Vorderglied „prinzipiell die starken grammatischen Merkmale des komplexen Nomens realisieren, wenn sie nicht durch den vorangehenden Artikel realisiert werden“:
(24) a. ein Ersatz-Großer-Bruder (Lawrenz 2006 S. 52) (24) b. *ein Ersatz-Große-Bruder (Lawrenz 2006 S. 52) (25) a. ein Großer-Bruder-Ersatz (Lawrenz 2006 S. 52) (25) b. ein Große-Bruder-Ersatz (Lawrenz 2006 S. 52)
Meibauer (2007 S. 246) weist in Anlehnung an Lawrenz (2006) nur darauf hin, daß es im Deutschen nur selten auch Phrasenkomposita mit einer Phrase als Hinterglied gibt, bringt aber dafür keinen Lösungsvorschlag. Dagegen geht Lawrenz (2006 S. 52-53) davon aus, daß hier „eine Konversion der NPs zu N vorgenommen wird“ und begründet diese Analyse durch die Tatsache, daß „es sich bei den Phrasen in der Hintergliedposition häufig um idiomatisierte Phrasen bzw. Phraseologismen handelt“, und auch dadurch, daß man dann eine Regel der Form N → X0 NP nicht mehr zu stipulieren braucht:
(26)
1. 4. Ansätze zur Erklärung von Phrasenkomposita
Aufgrund der Untersuchungsergebnisse wollen wir nun der Frage nachgehen, wie die Phrasenkomposita in verschiedenen Modellen generiert und abgeleitet werden und welche Probleme noch ungelöst sind. Dabei wollen wir uns auf die Arbeiten von Meibauer (2003, 2007), Ackema &
Neeleman (2004, 2007) und Lawrenz (2006) beschränken.
N N NP AP
A N
Adv
← Konversion
Große Koalition
De facto (Lawrenz 2006 S. 53)
1. 4. 1. Meibauer (2003)
Bei Phrasenkomposita wird oft beobachtet, daß ihre Erstglieder mehr oder weniger lexikalisiert sind und häufig lexikalierte Phrasen enthalten. Aufgrund dieser Beobachtung unterscheidet Meibauer (2003 S.170) zwischen Phrasenkomposita mit lexikalisiertem Erstglied und Phrasenkomposita mit nicht lexikalisiertem Erstglied. Lexikalisierte Konstruktionen werden als Ganze im Lexikon gespeichert, und da gehört eine Angabe zu ihrer Struktur dazu. Die lexikalisierten Erstglieder erhalten ihre Strukur nicht aus der Syntax, sondern aus dem Lexikoneintrag.
Demgegenüber kommen die nicht-lexikaliserten Erstglieder direkt aus der Syntax, weil sie wegen ihrer Nicht-Lexikalisiertheit nicht zum Lexikon gehören. Diese Vorgehensweise bezeichnet er als gemischen Ansatz, demzufolge „ein Teil der phrasalen Erstglieder aus dem Lexikon, ein Teil aus der Syntax in die Wortstruktur eingesetzt wird“ (Meibauer 2003 S. 172-173)12).
1. 4. 2. Ackema & Neeleman (2004)
In diesem Abschnitt wollen wir den Ansatz von Ackema & Neeleman (2004, 2007) für die Behandlung von Phrasenkomposita und die Eigenschaften der Insertion, die als Operation in ihrem Modell eine sehr wichtige Rolle spielt, kurz skizzieren, und anschließend auf Probleme dieses Modells hinweisen.
1. 4. 2. 1. Das Grammatikmodell von Ackema & Neeleman (2004)
Sie unterscheiden zwischen Lexikon und Syntax, und zur Syntax gehören zwei strukturgenerierende Submodule: Phrasensyntax und Wortsyntax. Sie schlagen das folgende Modell vor (Ackema & Neeleman 2004 S. 130)13):
(27)
Die SYNTAX besteht aus zwei Submodulen, die sie als Phrasensyntax, die der allgemeinen Syntax entspricht, und als Wortsyntax, die der allgemeinen Morphologie entspricht, bezeichnen. Die Pfeile
LEXICON
SYNTAX
INSERTION COMPETITION Phrasal Syntax
phrasal syntactic structure
Word Syntax word syntactic structure
↑
↑
↑ ←→ ↑
zeigen mögliche Einsetzungsbeziehungen an.
1. 4. 2. 2. Eigenschaften von Insertionstypen
Nach Ackema & Neeleman (2004 S. 89-96) erfolgt die Operation der Insertion nicht durch die Ersetzung eines Knotens einer Repräsentation durch eine andere Repräsentation, z.B. durch die Ersetzung eines terminalen Symbols einer syntaktischen Repräsentation durch eine morphologische Repräsentation, also eine lexikalische Einheit, sondern durch das Feature-Matching zwischen zwei Knoten der unterschiedlichen Repräsentationen, z. B. zwischen einem syntaktischen terminalen Symbol und einer morphologischen Repräsentation. Sie unterscheiden zwischen vier Typen der Insertion. Im folgenden werden die Eigenschaften von Insertionstypen, wie sie Ackema und Neeleman (2004) vorschlagen, kurz skizziert.
Eine lexikalische Insertion ist Feature-Matching zwischen einem syntaktischen terminalen Knoten und der morphologischen lnformation einer lexikalischen Einheit und erfolgt folgendermaßen:
(1) lexikalische Insertion (s. Ackema und Neeleman (2004) S. 91)
Der nach oben gerichtete Pfeil zeigt eine Insertion an. Durch die lexikalische Insertion wird hier der terminale knoten einer syntaktischen Struktur mit der lexikalischen Einheiten aus dem Lexikon in Beziehung gesetzt.
Auf komplexe Wörter, die eine transparente, kompositionale Bedeutung aufweisen, wenden sie die morphologische Insertion an, eine Subklasse der lexikalischen Insertion, bei der das Feature- Matching zwischen einem syntaktischen terminalen Knoten und dem höchsten Knoten (top node) der morphologischen Repräsentation erfolgt:
XP
↑
Spec X’
X [F1, F2] X [F1, F2]
Syntax
Lexikon Comp
(2) morphologische Insertion (s. Ackema und Neeleman (2004) S. 92)
Nach Ackema und Neeleman ist die Operation der Insertion in bezug auf die Eigenschaften der Repräsentationen, die sie verbindet, non-selektiv. Deshalb kann sowohl die Insertion einer syntaktischen Phrase in einen morphologischen terminalen Knoten als auch die Insertion einer syntaktischen Phrase in einen syntaktischen non-terminalen Knoten stattfinden. Man spricht hier von einer syntaktischen Insertion. Die erstere Insertion erklärt Phrasenkomposita, auf die wir dann später zu sprechen kommen, und die letztere parenthetische Konstruktionen.
(3) syntaktische Insertion (für Phrasenkomposita) (s. A & N (2004) S. 93) XP
↑
Y Z
Y X [F1, F2]
XP [F1, F2]
Spec X’
X Comp
Morphologie
Syntax XP
↑
Spec X’
X [F1, F2] X [F1, F2]
Y X
Z Y
Syntax
Morphologie Comp
(4) syntaktische Insertion (für Parenthesen) (s. A & N (2004) S. 94)
Uns interessiert hier vor allem der dritte Typ, weil er direkt mit der Erklärung von Phrasenkomposita zu tun hat.
1. 4. 2. 3. Vor- und Nachteile
Ackema & Neeleman weisen darauf hin, daß der hier erwähnte Operationsmodus der Insertion deshalb, weil es sich dabei nicht um die Ersetzung eines Knotens durch eine lexikalische Einheit, sondern um ein Feature-Matching zwischen zwei Knoten handelt, den Vorteil hat, daß sie nicht mehr vor der Schwierigkeit stehen, daß ein X0 -Knoten, wie im Fall eines Phrasenkompositums, einen anderen Knoten mit einer Projektionsstufe höher als null dominiert. Man vergleiche die Analyse von Phrasenkomposita mit der inneren Struktur [[AP + N] N] wie in [[white water] rafting]
(A & N 2004 S. 124) durch die Feature-Matching Theory und die Building-Block Theory:
(28) Feature-Matching Theory (29) Building Block Theory XP [F1, F2]
Spec
Spec Y’
Syntax
Syntax YP [F1, F2]
Y Comp
X’
X Comp
N0
↑
N N0
NP
AP N
(A & N 2004 S. 124)
(Meibauer 2007 S. 242) N0
NP N0
AP N
Der Vorteil der Feature-Matching Theorie wird noch deutlicher, wenn man an Phrasenkomposita mit einer Phrase als Hinterglied denkt, worauf wir schon in 1.3 zu sprechen gekommen sind.
Meibauer (2007 S. 243) fragt nun, was für Merkmale bei der Einsetzung einer Repräsentation überprüft werden sollen. Ackema und Neeleman sagen darüber aber nichts. Er vermutet, daß es sich um die Überprüfung kategorialer Merkmale handelt. Bei Phrasenkomposita mit einer Phrase als Vorderglied kommen als Phrase NP, PP, AP, VP, AdvP und CP in Frage. Bei Phrasenkomposita mit einer NP als Vorderglied soll das Merkmal [+nominal] zwischen zwei Knoten und die Abstimmung aufeinander überprüft werden. Aber für ihn bleibt noch die Frage, was für Merkmale bei PP-, VP- und CP-Phrasenkomposita überprüft werden sollen.
Nach der X-bar-Theorie werden die vier lexikalischen Kategorien N, V, A, P durch die Kombination der Merkmale [ N] und [ V] beschrieben:
(30) a. [+N, +V] = A b. [+N, -V] = N c. [ -N, +V] = V d. [ -N, -V] = P
Wenn wir davon ausgehen, daß die AdvP eine Subkategorie der PP ist, werden von diesen Merkmalkombinationen nur noch CP-Phrasenkomposita nicht erfaßt.
1. 4. 3. Lawrenz (2006)
Lawrenz schlägt zur Generierung phrasaler Wortbildung ein Interaktionsmodell14) zwischen lexikalischer und syntaktischer Komponente vor. Anders a1s Meibauer ist sie der Ansicht, daß„ es sich bei den Vorderglied-Syntagmen um kreativ gebildete, nicht-lexikalisierte Phrasen handelt“ (Lawrenz 2006 S. 134). Deshalb unterscheidet sie bei der Generierung und Ableitung von Phrasenkomposita nicht zwischen Phrasenkomposita mit lexikalisiertem Erstglied und Phrasenkomposita mit nicht- lexikalisiertem Erstglied. Sie geht davon aus, daß„ Wortbildung stets vor der Phrasenstrukturgene- rierung erfolgt“ und „beide Komponenten (d. h. lexikalische und syntaktische Komponente K. F.) zwar distinkte Lizensierungsbedingungen für Strukturen haben, aber miteinander ... interagieren, um auch phrasale Wortbildungen zu ermöglichen“ (Lawrenz 2006 S.133). Zur Ableitung von Phrasenkomposita stipuliert sie folgende Regeln:
(31) Kompositionsregel: X0 → Yß X0, wobei ß= 0 oder nicht-minimal (Lawrenz 2006 S.135) (32) Konversionsregel: XP → N15) (Lawrenz 2006 S.136)
Wörter aus dem Lexikon werden in die syntaktischen Phrasenstrukturen eingesetzt. Nach der Überführung der D-Struktur in die S-Struktur können die s-strukturellen Phrasen in die Nicht- Head-Position von Wortstrukturen der lexikalischen Komponente, d. h. in das Erstglied eines Phrasenkompositums, eingesetzt werden. In markierten Fällen, d. h. bei Phrasenkomposita mit
einer Phrase als Hinterglied, können die s-strukturellen Phrasen die Head-Position, d. h. die Hinterglied-Position, einnehmen. Die so gebildeten Phrasenkomposita werden anschlielßend in die Phrasenstrukturen der syntaktischen Komponente eingesetzt. Deshalb kann man hier von einem
„rekursiven Vorgang“ (Lawrenz 2006 S. 134) sprechen. Man beachte, daß die Konversionsregel (23) zwar bei Phrasenkomposita mit einer Phrase als Vorderglied keine Anwendung findet, aber bei Phrasenkomposita mit einer Phrase als Hinterglied eingesetzt wird, um das phrasale Hinterglied von NP zu N zu konvertieren16).
1. 5. ungelöste Pribleme
Ob es sich bei der Mehrheit der Phrasenkomposita um lexikalisierte Erstglieder handelt, darüber gehen die Meinungen unter Linguisten auseinander. Für Lawrenz sind die Erstglieder von Phrasenkomposita kreativ gebildete, meist nicht-lexikalisierte Phrasen, während für Meibauer die Erstglieder von Phrasenkomposita haüfig lexikalisierte Phrasen enthalten.
Wenn Phrasenkomposita zum marginalen Bereich der Morphologie gehören, sollte man sie nicht durch reguläre Regeln generieren, weil solche Regeln nur dazu da sind, um produktive Strukturen zu generieren. Z. B. ist der Erklärungsmechanismus von Ackema und Neeleman, d. h. die Erklärung durch Insertion, nicht in der Lage, marginale Phänomene von zentralen abzugrenzen, weil er konzipiert ist, sowohl produktive als auch non-produktive Konstruktionen innerhalb desselben Regelmechanismus gleichermaßen zu erklären. Dagegen schlägt z. B. Wiese (1996) die Zitatheorie für Phrasenkomposita vor, derzufolge die Erstglieder von Phrasenkomposita als Zitat zu betrachten sind. Aber diese Theorie ist mindestens in zweifacher Hinsicht ungenügend: Erstens ist sie nicht in der Lage zu erklären, daß Erstglieder von Phrasenkomposita, wie Lawrenz anmerkt, kreativ gebildete, nicht-lexikalisierte Phrasen sind, obwohl zugegeben ist, daß es sich bei Erstgliedern von Phrasenkomposita ab und zu tatsächlich um Zitate handelt und man deshalb auch diese Möglichkeit als einen möglichen Erklärungsmechnismus betrachten muß. Zweitens ist aus dem Strukturbaum (24) (Wiese 1996 S. 188) für seine Zitattheorie nicht zu ersehen, worauf schon Meibauer (2007 S. 239) hingewiesen hat, wie die Konversion von „NP“
zu Y0 erfolgt und was für eine lexikalische Kategorie Y0 aufweist.
(33)
Es ist plausibel anzunehmen, daß für die vollständige Erklärung von Phrasenkomposita mehrere Ansätze erforderlich sind. In dieser Arbeit wollen wir es mit diesem Hinweis bewenden lassen.
(eingereicht am 15. 10. 2010) X0
Y0 X0
„NP“
Anmerkungen
1. Über nur selten auftretende linksköpfige Phrasenkomposita s. die Anmerkung 8.
2. Nach Lawrenz (1996 S. 156) sind auch lose Appositionen, Relativsätze und pränominale Geni- tivattribute als Vorderglieder ausgeschlossen:
(1) *der [Graue-Schläfen ein Zeichen von Lebenserfahrung]-Effekt (2) *der [Graue-Schläfen, die so cool aussehen]-Effekt
(3) *der [Peters-Graue-Schläfen]-Effekt
Meibauer (2003 S. 168) hat darauf hingewiesen, daß „bei Phrasenkomposita in machen Fällen tatsächlich eine DP als Erstglied möglich ist“:
(4) die Das-verflixte-siebte-Jahr-Problematik (5) die Ein-Kerl-wie- ich-Visagen
(6) der Die-ZEIT-Geist
(7) das Der-SPIEGEL-Schränkchen
Er betrachtet diese Prasenkomposita als „Fälle, wo der Artikel mehr oder minder zum Ausdruck des jeweiligen Konzepts dazugehört, und kommt zu dem Schluß, daß diese DPs „lexikalisiert sind“ (Meibauer 2003 S. 168). In Meibauer (2007 S. 237) betrachtet er die Beschränkung, daß DPs in der Regel nicht als Erstglied von Phrasenkomposita auftreten dürfen, als „semantic in nature“. Daß die Erstglieder bei einigen Phrasenkomposita lexikalisiert sind, legt nahe, daß man solche Erstglieder anders behandeln und ableiten muß als solche, die nicht lexikalisiert sind.
3. Meibauer (2003 S.159, 2007 S.237) und Lawrenz (2006 S.7) weisen darauf hin, daß Phrasenkomposita nur selten mit einem Adjektiv als Head auftreten. Dabei fungiert das Vorderglied als Adjunkt und nicht als Komplement.
(1) das [ [Blut-und-Boden] -mystische] Spektakel (Meibauer 2003 S. 159) (2) ein [ [fünf-Stufen]-integriertes] Filtersystem (Meibauer 2007 S. 237, Lawrenz 2006 S. 7) 4. Man vergleiche die folgenden Beispiele aus Lawrenz (2006 S. 69-70) :
(1) *der Graue-Schläfen-Effekt und ihre Wirkung auf junge Mädchen
(2) Ich würde an Ihrer Stelle kein Hinter-dem-Ohr-Hörgerät wählen, sondern ein Im-Ohr- Hörgerät, weil dort die Schallwellenübertragung günstiger ist.
5. s. auch Lieber/Scalise (2007).
6. s. die folgenden Beispiele, in denen wortintern eine Flexion auftritt:
(1) das [Schneller-Brüter]-Programm
(2) eine [Länger-Leben]-Diät (Lawrenz 2007 S. 72)
7. s. die folgenden Beispiele, in denen gebundene Anaphern als Wortbestandteil auftreten:
(1) ein [In-sich] -Geschäft (Lawrenz 2006 S. 73)
(2) [Kerle-unter-sich] -Dialoge (Lawrenz 2006 S. 73) 8. s. das folgende Beispiel, in dem kein Fugenelement vorkommt:
(1) [Liebe- im-Krieg] -Szenen (Lawrenz 2006 S. 44)
Von diesem Beispiel zu unterscheiden ist das folgende Beispiel, in dem ein Fugenelement auftritt, das nach Lawrenz kein Phrasenkompositum ist:
(2) aus der [Kalten-Kriegs-Zeit] (Lawrenz 2006 S. 74)
9. Von diesem Typ der Phrasenkomposita, die ebenso wie die Phrasenkomposita mit einer Phrase als Vorderglied rechtsköpfig sind, sind nur selten auftretende linksköpfige Phrasenkomposita mit der folgenden Struktur:
(1)
(2)a Pflänzlein-Rühr-mich-nicht-an (Meibauer 2003 S. 160) (2)b [N [N Pflänzlein] [CP Rühr-mich-nicht-an] ]
(3)a Film-im-Kopf (Meibauer 2003 S. 160)
(3)b [N [N Film] [PP im Kopf] ]
10. Im Internet kann man ein paar Beispiele für das Phrasenkompositum De-facto-große-Koalition finden:
(1) Bereits vor den Landtagswahlen wurde über eine De-facto-große-Koalition spekuliert.
Gemeint ist damit nicht eine Regierungsbeteiligung von Union und eventuell FDP, sondern eine parteienübergreifende Zusammenarbeit bei den großen Reformvorhaben.
Doch so einfach liegen die Dinge nicht.
(www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft& id=35466)
(2) Dabei hatten CDU und SPD in den letzen Jahren der alten Ratsperiode eine de facto große Koalition geführt, der gerade die Grünen vorgeworfen hatten, sie sei Schuld am
„Stillstand“ in Bonn. (Kölnische Rundschau vom 23. Dez. 2009) (www.rundschau-on1ine.de/html/artike1/1260204521911.shtml)
(3) So stellte das ZDF-Politbarometer Mitte Januar fest, dass nur 31% der repräsentativ Befragten es besser gefunden hätten, wenn die de facto Große Koalition keine Gesundheits-
„reform“ beschlossen und statt dessen die Beiträge zur Krankenversicherung erhöht hätte.
(www.linksnet.de/de/artikel/18620)
(4) Die Ratsfraktion DIE LINKE will ihre bewährte Opposition gegen die de facto-Große X0
X0 YP
Koalition zwischen SPD und CDU/FDP aufrechterhalten und ...
(www.dielinke-dortmund.de/... /die-linke-mit-neuem-fraktionsvorsitz/)
(5) Quer durch die Parteien der de facto großen Koalition werden nun entweder „Kopfpauschale“
oder „Bürgerversicherung“ bevorzugt. ...
(weisse-fabrik.de/0903info60.html)
(6) Drittens spielte der negative Eindruck der de facto Großen Koalition bei den Wählern eine wichtige Rolle.
(library.fes.de/fulltext/id/01425.htm)
(7) Auch wenn eine de facto große Koalition vor der großen Koalition das politische Geschäft bereits seit Jahren bestimmt hatte.
(www.wissen.dsft-berlin.de/... /Info-45-521-4-4.0.html)
11. Lawrenz (2006 S. 43-44) weist darauf hin, daß das Fugenelement dann zwischen dem Vorderglied und dem nachfolgenden Kopf-Nomen erscheint, wenn das Adjektiv im Vorderglied sich auf das Kopf-Nomen bezieht:
(1) a. aus der Kalten-Kriegs-Zeit (Lawrenz 2006 S. 44) (1) b. das Kalter-Krieg-Spektakel (Lawrenz 2006 S. 43)
Nach Lawrenz geschieht hier eine Strukturwandel und liegt z. B. in l. a die folgende Struktur vor:
(2) DET [AP [N + N] N ] NP (Lawrenz 2006 S. 44)
Das bedeutet, daß es sich bei (l)a nicht mehr um ein Phrasenkomposita handelt. In diesem Zusammenhang siehe auch Lawrenz 2006 S. 74. Bei der Interpretation der Struktur (l)a ist aber Lawrenz offenbar etwas durcheinandergegangen: Sie betrachtet Konstruktionen wie (l)a als Beispiele dafür, daß Adjektive innerhalb einer Nominalphrase im Vorderglied eines Kompositums eine Flexionsendung aufweisen (lawrenz 2006 S. 71), aber an einer anderen Stelle von Lawrenz (2006 S. 74) kommt sie zum Schluß, daß es sich bei (l)a nicht mehr um ein Phrasenkompositum handelt.
12. Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes (2003 S. 173-174) schlägt er für die Behandlung nicht- lexikaliserter Erstglieder zwei Möglichkeiten vor:
(1) Die Erzeugung beginnt in der morphologischen Komponente, und dann findet ein Wechsel in die syntaktische Komponente statt.
(2) Die Erzeugung beginnt in der syntaktischen Komponente, und dann findet ein Wechsel in die morphologische Komponente statt.
Nach Meibauer spricht für die erste Möglichkeit die Einheitlichkeit des Erzeugungsvorgangs, weil auch die Erzeugung der lexikaliserten Erstglieder in der morphologischen Komponente erfolgt. Deshalb hält er die erste Möglichkeit für plausibler und ökonomischer, was aber seinem
Vorschlag im Text widerspricht.
13. Das gesamte Grammatikmodell von Ackema & Neeleman (2004 S. 182) sieht folgendermaßen aus:
14. Das von Lawrenz (2006 S. 138) vorgeschlagene Interaktionsmedell sieht folgendermaßen aus:
15. Nach Lawrenz (2006 S. 120-125) wird die Konversionsregel (32) eingesetzt, um die ganze Phrase zu konvertieren:
(1) eine breite Gefühlswoge des nationalen [Wir-sind-wieder-wer]. (CP → N) (2) die nostalgische Phase des [Zurück- in-den-Schoß] (AdvP → N)
16. Zur Konversion beim phrasalen Hinterglied von Phrasenkomposita s. (26).
LITERATURVERZEICHNIS
Ackema, Peter/ Neeleman, Ad. 2004. Beyond Morphology. Interface Condition on Word Formation.
Oxford: Oxford University Press.
─2007. Morphology ≠ Syntax. In: G. Ramchand & C. Reiss (eds.): The Oxford Handbook of Linguistic Interface. 325-352. Oxford: Oxford University Press.
Booij, Geert. 2005. Construction-dependent Morphology. In: Lingue e linguaggio 4, 31-46.
Dona1ies, Elke. 2007. Marginale Morphologie. Das Problem mit den Rändern - Ein Randproblem? In:
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Lawrenz, Birgit. 1996. Der Zwischen-den-Mahlzeiten-lmbiß und der Herren-der-Welt-Größenwahn:
Aspekte der Struktur und Bildungsweise von Phrasenkomposita im Deutschen. In: ZGL 24, 1-15.
─2006. Moderne deutsche Wortbildung. Phrasale Wortbildung im Deutschen: Linguistische Untersuchung und didaktische Behandlung. Hamburg: Kovac.
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In: G. Booij et al. (eds.): On-line proceedings of the fifth mediterranean morphology meeting (MMM5). Fréjus 15-18 September 2005, University of Bologna, 2007. 1-24. URL: http://mmm.
lingue.unibo.it/
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─2007. How marginal are phrasal compounds? Generalized insertion, expressivity, and I/Q-interaction.
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Schaarschmidt, Stefanie. 2007 (?) (keine Zeitangabe). Phrasenkomposita im Deutschen.
(downloadable from http://www.seun.ru/faculty/GF/KIYa/konf/Schaarschmidt.pdf) Wiese, Richard. 1996. Phrasal compounds and the theory of word syntax. In: LI 27. 1 183-193.