Zur vergleichenden Untersuchung uber die
Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Grosstadte in Deutschland und Japan
著者 Kamiya Kunihiro
journal or
publication title
関西大学社会学部紀要
volume 28
number 2
page range 69‑96
year 1996‑12‑25
URL http://hdl.handle.net/10112/00022493
ISSN 0287-6817
Zur vergleichenden Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan
K. Kamiya
Abstract
Seit kurzem sind Sanierungsmaßnahmen auch in den Altbauvierteln der japanischen Großstädte oder ihrer Trabantenstädte nach und nach in Angriff genommen worden. Bisher sind in Japan Sanierungsmaßnahmen anders als in Europa hauptsächlich nur vor großen, verkehrsreichen Bahnhöfen oder in zentralen Geschäftsvierteln durch- geführt worden. Aber heutzutage werden solche Maßnahmen auch in Altbauvierteln als eine besonders dringliche
· Aufgabe angesehen.
In der Bundesrepublik Deutschland ist 1971 ein neues Gesetz in bezug auf den Städtebau in Kraft getreten.
Es war das sog. Städtebauförderungsgesetz. Durch das Städtebauförderungsgesetz wollte man die Absicht verwirk- lichen, in der Stadtmitte die alten und verkommenen Stadtviertel zu sanieren und in den Vororten die neuen Wohnviertel aufzubauen. Seit der Verabschiedung des Städtebauförderungsgesetzes haben die deutschen Städte hinsichtlich der Sanierungspraxis in den Altbauvierteln reichliche Erfahrungen.
Durch die vergleichende Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan möchte ich hier hinsichtlich sowohl der Stadtplanung, bzw. des Städtebaus, als auch der Stellung zum städtischen Lebens der Einwohner die Unterschiede zwischen den beiden herausnehmen.
Schlüsselwörter : Sanierungsmaßnahme, Städtebauförderungsgesetz, Altbauviertel, Miet-Holz- häuser, Modernisierungsmaßnahme, Nachbarschaftseffekt Innenstadtrandgebiet, die all- gemeine Ebene, die Gattungsebene, die individuelle Ebene, der Bulldozer-Typus, der Repar- atur-Typus,
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1. Vorbemerkung
Seit kurzem sind Sanierungsmaßnahmen auch in den Altbauvierteln der japanischen Großstädte oder ihrer Trabantenstädte nach und nach in Angriff genommen worden.
Bisher sind in Japan Sanierungsmaßnahmen anders als in Europa hauptsächlich nur vor großen, verkehrsreichen Bahnhöfen oder in zentralen Geschäftsvierteln durchgeführt worden. Aber heutzutage werden solche Maßnahmen auch in Altbauvierteln als eine besonders dringliche Aufgabe angesehen.
In der Bundesrepublik Deutschland ist 1971 ein neues Gesetz in bezug auf den Städtebau in Kraft getreten. Es war das sogenannte Städtebauförderungsgesetz. Das Gesetz heißt genau "Gesetz über städtebauliche Sanierungs-und Entwicklungsmaßnahmen in den Gemeinden". Im Jahre 1960 ist das Bundesbaugesetz in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft getreten. Aber mit der Zeit stimmte das Gesetz nicht mehr mit den wahren Verhält- nissen der Gesellschaft überein. Durch das Städtebauförderungsgesetz wollte man die Absicht verwirklichen, in der Stadtmitte die alten und verkommenen Stadtviertel zu sanieren und in den Vororten die neuen Wohnviertel aufzubauen. Seit der Verabschiedung des Städtebauförderungsgesetzes haben die deutschen Städte hinsichtlich der Sanierungs- praxis in den Altbauvierteln reichliche Erfahrungen.
Durch die vergleichende Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan möchte ich hier hinsichtlich sowohl der Stadt- planung, bzw. des Städtebaus, als auch der Stellung zum städtischen Lebens der Einwohner die Unterschiede zwischen den beiden herausnehmen.
2. Der historische Kontext von Stadtteilsanierung in Japan
2-1 Entstehung von Sanierungsgebieten und Wandel der Stadtentwicklungspolitik Seit der zweiten Hälfte der 50er Jahre war in Japan ein merkwürdiges Einströmen der Landbevölkerung in die Großstädte feststellen. Damals hatte jedoch die Aufnahmefähig- keit der Bevölkerung in den japanischen Großstädten, insbesondere in Tokyo und Osaka, schon den Sättigungspunkt erreicht. Die einströmende Bevölkerung konnte deshalb nur in den Trabantenstädten der Großstädte ihren Wohnraum finden. Andererseits haben die
Zur vergleichenden Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan (Kamiya) Landwirte in den Trabantenstädten zur Erzielung hoher Bewirtschaftungsüberschüsse ihre Felder zu Wohngrundstücken umgewidmet und dort einfache Wohnungen schlechter Qualität errichtet, die sie Zuzüglern vermieteten. Da diese Wohnviertel im allgemeinen ohne Planung und auf kurze Zeit errichtet wurden, waren sowohl die Bausubstanz als auch die Infrastruktur in diesen Wohnvierteln verhältnismäßig schlecht. Auch ist die Nutzdauer von Holzhäusern im Vergleich zu Steinhäusern relativ kurz. Zudem konnte man später in Japan auch überall geräumigere, bessere Wohnungen finden, mieten oder bekommen. So zeigt sich heute immer stärker die Tendenz, allmählich diese Altbauviertel zu verlassen.
Folglich standen in diesen Vierteln immer mehr Wohnungen leer. Zugleich ging die Wohnbevölkerung in den Altbauvierteln immer stärker zurück. Auch aus diesem Grund ist in den letzten Jahren die Forderung nach Sanierungsmaßnahmen in diesen Stadtbezirken immer dringlicher erhoben worden.
Im Jahre 1986 hat ein kanadischer Professor Japan besucht und die Wohnungslage in Japan intensiv untersucht. Nach der Heimkehr hat er ein Referat darüber an seinem Bekannten geschickt. In diesem Referat hat er hinsichtlich der Wohnungslage in Japan auf zwei Punkte hingewiesen.
Erstens: Während der Erfolg in der japanischen Politik der Wirtschaftsentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg ziemlich auffallend war und die Aufmerksamkeit der Welt erregt hat, sei die japanische Wohnungslage im Vergleich zu den fortgeschrittenen Ländern wesentlich schlechter. Hinsichtlich der Wohnungslage habe Japan nur das Niveau eines Landes der dritten Welt.
Zweitens: Die Besiedelung in Japan erstreckt sich im wesentlich nur auf die weniger als ein Viertel des Landes einnehmenden Ebenen. Mit hoher Dichte müssen die Einwohner die engen Räume besiedeln. In diesem Land braucht man daher bei der Stadtentwicklung, insbesondere in der Wohnungspolitik, eine sorgfältige Planung aller Vorhaben und muß sie sorgfältig regulieren. Zu diesem Zweck müssen öffentliche Kontrollen darüber in ver- schiedenen Formen eingesetzt werden.
Dem kanadischen Wissenschaftler ist es vor allem unverständlich, daß die öffentlichen Behörden trotzdem bei der Wohnungspolitik in Japan zu wenig aktiv werden und nur selten regulierend eingreifen.
Die Eigenart der japanischen Wohnungssituation liegt darin, daß der Unterschied zwis- chen Eigentumswohnungen und Mietwohnungen hinsichtlich des Niveaus im Vergleich zu
westlichen Ländern sehr größer ist. Ein typisches Beispiel dafür sind die alten und qualitativ schlechten Miet-Holzhäuser. Man nennt diese Miet-Holzhäuser auf japanisch
"Mokuchin". "Moku" bedeutet "Holz" und "Chin" bedeutet "Mietshaus". Nach der Wohnungsstatistik gab es in Japan im Jahre 1988 insgesamt 6, 190,000 Miet-Holzhäuser, und mehr als die Hälfte dieser schlechten Häuser befanden sich in den Innen-und Trabantenstädten von Tokyo und Osaka. Der Anteil dieser alten und qualitativ schlechten Miet-Holzhäuser liegt auch heute noch in beiden Städten und ihrem Umkreis bei 20 Prozent aller Häuser. Die Bezirk, wo sich diese Mietshäuser zusammendrängen, sind in Osaka in einer Entfernungen von etwa 20 oder 30 Minuten mit dem Zug von der Stadtmitte gelegen. Daher sollten diese Altbauviertel zu besseren Wohnvierteln werden, wenn sie durch angemessene Maßnahmen saniert werden. Es hängt jedoch vom Verfahren der Entwicklung und Planung ab, ob diese Viertel wirklich besser werden oder nicht. In diesem Sinne sind die Sanierungsmaßnahmen für die Viertel mit alten und schlechten Miet- Holzhäusern in der Stadtplanung von Tokyo und Osaka zu einer dringenden Aufgabe geworden.
Hier möchte ich einige Zahlen zum Problem dieser Miet-Holzhäuser anführen:
Im Landesdurchschnitt liegen 20% solcher Altbauten unter dem niedrichsten Standard, den das Bauministerium für Wohnungen festgelegt hat. Im Raum Tokyo-Yokohama beträgt der Anteil solcher Altbauten unter dem niedrichsten Wohnstandard 44, 3%, und im Raum Osaka-Kyoto-Kobe entsprechen 26, 5% der Miet-Holzhäuser nicht den Anforderun- gen des vom Bauministerium noch als zulässig bezeichneten Standard. Zudem nehmen in solchen Altbauvierteln Parks und ähnliche Grünflächen nur 1-2% des Gesamtareales ein. In Tokyo sind etwa 70% der Einwohner in diesen Altbauvierteln Single-Haushalte und in Osaka fast 40%.
Wer besitzt nun solche Miet-Holzhäuser ? Im allgemeinen sind es alte Menschen, von denen im Raum Tokyo nur 23, 8% die Absicht haben, ihre Häuser durch Umhauten zu renovieren und zu modernisieren. Und im Raum Osaka sind sogar nur 17, 5% dieser alten Hauseigentümer willens, die ihnen gehörenden Altbauten zu sanieren.
Warum ist es nun so schwierig, in diesen Altbauvierteln solche Miet-Holzhäuser zu sanieren ? Die Gründe dafür sind:
Erstens: Die Eigentümer dieser Altbauten sind im allgemeinen Menschen in vorgerück- tem Lebensalter, die die mit einem Umbau oder einer Renovierung ihrer Häuser verbun-
Zur vergleichenden Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan (Kamiya) denen Komplikationen scheuen. Denn vor einer solchen Renovation muß man mit den Mietern über die Räumung ihrer Wohnungen verhandeln und die für eine Modernisierung benötigten Gelder auftreiben. Dazu kommt die Sorge, ob sich für solche renovierten und modernisierten Wohnungen nach Abschluß der Umbauarbeiten sofort wieder zahlungswil- lige und zahlungskräftige Mieter finden.
Denn jetzt ist die Situation doch so, daß diese Wohnungen, auch wenn sie alt, verwohnt und in schlechtem Zustand sind, verhältnismäßig billig und damit auch für minder- bemittelte Bevölkerungsgruppen erschwinglich sind. Diese Kette "Wohnungen unter dem normalen Standard und Wohnkomfort -+ billige Mieten -+ arme Mieter" führt letztenendes natürlich auch zu einer die Haussubstanz vernachlässigenden, schlechten Verwaltung solcher Wohnblöcke in Holzbauweise.
Wenn sich die Eigentümer solcher Miet-Holzhäuser mit benachbarten Hauseigentümern zu einem gemeinschaftlich unternommenen Umbau zwecks Modernisierung solcher Häuser zusammenschließen würden, könnte das vielleicht zu einer erfolgversprechenden Lösung des Sanierungsproblems führen. Aber da, wie erwähnt, die meisten dieser Hauseigentümer alt sind, ja im Greisenalter stehen, kann man von ihnen solches Verhalten oder Initiativen dieser Art kaum erwarten.
Zweitens: Ein anderer Faktor, der den einzelnen Eigentümer solcher Altbauten davon abhält, Geld in die Modernisierung seines überalterten Hauses zu investieren, ist der sogenannte N achbarschaftseffekt. Da der Wert eines Hauses und damit die Höhe der erzielbaren Miete nicht nur vom Zustand dieses einzelnen Hauses, sondern auch vom Zustand der Umgebung und der benachbarten Gebäude abhängt, wirkt sich dieser Faktor eventuell wertmindernd aus. Wenn nun einer von zwei Hausbesitzern beginnen würde, in sein Haus zu investieren oder es zu sanieren, dann würde er dem Hausbesitzer in der Nachbarschaft vielleicht einen kostenlosen Vorteil verschaffen, während er selber mögli- cherweise mit seiner Investition nur einen unterdurchschnittlichen Gewinn erzielt. Beide Hauseigentümer werden deshalb abwarten, daß der andere zuerst investiert. Das Ergebnis eines solchen durchaus möglichen Verhaltens ist, daß sich die potentiellen Investoren gegenseitig blockieren und keiner von beiden investiert. Diese Situation nennt W estphal den "Nachbarschafteffekt" (Westphal, H., 1979, S. 63).
Vor einigen Jahren hat ein Beratergremium im Bauministerium eine neue Politik aufgekündigt, um die Sanierungsmaßnahmen der alten und qualitativ schlechten Miet- Holzhäuser zu beschleunigen. Nicht zuletzt hat das Gremium bisher verschiedene Anträge
zur Förderung der Sanierungsmaßnahmen in Altbauvierteln eingebracht. Aber bis heute waren die Anträge fast erfolglos, und die Sanierungsmaßnahmen erfolgten allenfalls im Schneckentempo. Auf dieser Erfahrung hat das Gremium einige neue Perspektiven zu den früheren Anträgen hinzugefügt, so z. B.
Erstens: Wie schon erwähnt, sind die Miet-Holzhäuser etwa vor 30 Jahren verhältnismäßig in der Nähe der Hauptbahnhöfen der Trabantenstädte aufgebaut worden.
Eigentlich sind diese Gegenden ihrer Natur nach geeignete Wohngegenden. In der Zeit des starken Wirtschaftswachstums wurden sie zu verkehrsgünstig gelegenen Gegenden. Heut- zutage sind sie schon wieder zu bevorzugten, aber nicht leicht verfügbaren Wohnvierteln geworden. Vielleicht könnte man durch Sanierungsmaßnahmen diese Bezirke als schöne Wohngegenden wiederbeleben.
Zweitens: Um die Sanierungsmaßnahmen der alten und qualitativ schlechten Miet- Holzhäuser effizient und mit Erfolg durschzuführen, wurde vorgeschlagen, eine besondere Organisation eigens zur Förderung solcher Sanierungsmaßnahmen zu errichten und ihr in einem besonderen Fonds die erforderlichen Geldmittel zur Verfügung zu stellen.
Eigentlich wären die Gemeinden für solche Sanierungs-und Modernisierungsmaßnahmen zuständig. Aber es ist unwahrscheinlich und auch nicht gut zu verlangen, daß sich die Gemeinden zusätzlich zu ihren anderen Aufgaben um alle bei derartigen Maßnahmen auftretenden Fragen bis in jedes Detail hinein kümmern, also beispielweise interessierte Investoren in die Einzelheiten der Bewirtschaftung und des Betriebs solcher Miet-Häusern einzuweisen, Zuteilung aus dem Sanierungsfonds vorzunehmen und den im Interesse der Sanierung umzusiedelnden Mietern ersatzweise neue Unterkünfte zu vermitteln. Deshalb erscheint es praktischer, alle diese Sanierungs-und Modernisierungsmaßnahmen einer neu einzurichtenden Organisation zu übertragen, die sie an Stelle der Gemeinden durchführt und die z. B. auch die zur Verbesserung der Infrastruktur notwendigen Grundstückskäufe oder - tauschaktionen durchführt.
Drittens: Ein weiterer Gesichtspunkt wäre, langfristisch planmäßig und stufenweise zu realisierende Sanierungsmaßnahmen zu fördern. Wenn beispielweise ein Alt- hauseigentümer zusammen mit benachbarten Hausbesitzern seine Miet-Holzhäuser moder- nisieren und sanieren würde, so könnten solche Aktionen nach und nach das ganze Stadtviertel erfassen und seine endgültige Sanierung bewirken. Aber da mit einer solchen idealen Entwicklung nicht zu rechnen ist, wäre es als zweitbeste Lösung zu empfehlen, für die betreffende Stadtgegend, die zur Sanierung in Aussicht genommen ist, großräumig
Zur vergleichenden Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan (Kamiya) einen Sanierungs-und Modernisierungsplan aufzustellen und ihn im Laufe von 5 oder 10 Jahren abschnittweise nach und nach zur Durchführung zu bringen.
Viertens: Als vierte Alternative hat das Beratergremium im Bauministerium das System des gleichwertigen Austausches der Immobilien vorgeschlagen. Wenn man in ein Viertel mit vielen alten und verwohnten Miet-Holzhäusern blickt, findet man dort sowohl Hauseigentümer, die ihre Miet-Holzhäuser dringend sanieren bzw. modernisieren wollen, als auch solche, die keine Lust oder Möglichkeit haben, ihre abgewohnten Miethäuser zu verbessern. Auf diese Weise gibt es in den Altbaubezirken zwei Arten von Vermietern, die widersprüchliche Interesse haben. Deshalb gehen die Sanierungs - oder Modernisierungsmaßnahmen ihrer Mietshäuser als Ganzes im Schneckentempo voran.
Ein Altbaubezirk besteht aus einigen Quartieren. Wenn ein Austausch gleichwertiger Immobilien zwischen einem an Sanierungsmaßnahmen nicht interessierten Vermieter innerhalb eines Quartiers und einem daran interessierten Vermieter außerhalb des betref- fenden Quartiers verwirklicht werden kann, könnten sich die Maßnahmen in einem Quartier als Ganzes vielleicht schneller entwickeln. Dabei muß man natürlich die kompl- izierten Rechtsbeziehungen unter den Beteiligten ordnen. Die öffentliche Verwaltung sollte die Verantwortung dafür übernehmen. Hinsichtlich des Austausches gleichwertiger Im- mobilien muß man zwar noch verschiedene Probleme lösen. Das Beratergremium im Bauministerium hat aber dieses System für ein wirksames Mittel zur Förderung von Sanierungs-bzw. Modernisierungsmaßnahmen gehalten.
2-2 Typen der Altbauviertel in den japanischen Großstädten
Wollte man die Gegenstände in ein paar Typen klassifizieren, müßte man zuvor den Maßstab für die Typisierung präzis feststellen. Das gilt auch für die Typisierung der Altbauviertel in den japanischen Großstädten. Hier schlage ich drei Maßstäbe dafür vor:
1) Typisierung der Altbauviertel nach dem Maßstab der Entstehungsorte
Gewöhnlich sind die Altbauviertel in den innenstadtnahen Vierteln oder in den Trabantenstädten der japanischen Großstädte entstanden. Den ersteren kann man den Innenstadt-Typus (Typus 1) und den letzteren den Sprawl-Typus (Typus S) nennen. Diese Typisierung entspricht derjenigen nach dem Zeitpunkt der Entstehung der Altbauviertel.
Der Typus I (Innenstadt-Typus) hat sich schon vor dem Zweiten Weltkrieg ausgebildet.
Damals gab es in den Innen-Gebieten der Großstädte noch freie Räume. In diesen Gebieten wurden die Mietskasernen für die sich angesammelnden Arbeiter hintereinander aufgebaut.
Nach dem Modell der konzentrischen Kreise von Burgess (Burgess, E., 1925, S. 50 ff) ist die
"zone in transition" eine durch "Mietskasernen" gekennzeichnete Zone, die das aus dem
"loop" verdrängte Gewerbe-zumeist Kleinindustrie- aufnimmt (daher teils auch "factory zone"). Hier entstehen mit zunehmendem Alter der Gebäudesubstanz die Slumgebiete.
Nachsehend die Kritik am Modell der konzentrischen Kreise, hat J. Hoffmeyer-Zlotonik ein modifiziertes Modell konzentrischer Zonen vorgeschlagen (Hoffmeyer-Zlotonik, J.,
1977, S. 15-18). Nach seiner Annahme gibt es ein Modell für die Gesamtstadt, in dem verstreut (zumeist über die äußeren Zonen) mehrere mehr oder weniger große zu-bzw.
untergeordnete, nicht immer klar von Hauptmodell zutrennende Untermodelle konzentris- cher Zonen zu finden sind (Ebd., S. 17). In der Umgebung dieser Neben-, Unterzentren sollten auch die "zone in transition" bzw. die Altbauviertel mit Mietskasernen entstehen.
Auf diese Weise entstanden die Altbauviertel mit Mietskasernen in den westlichen Großstädten sowohl außerhalb des "loop", als auch in der Umgebung der von Neben- bzw.
Unterzentren. Die Situation in den japanischen Großstädten ist jedoch etwas anders als die der westlichen Städte. Nach den Untersuchungen von Kurasawa zeigten sich die Alt- bauviertel mit Mietskasernen in Tokyo zum Unterschied von den westlichen Großstädten hauptsächlich in der Umgebung der Neben-bzw. Unterzentren, meistens in der Umgebung der großen Haltestellen der Ringbahn (Kurasawa, S., 1968, S. 69-70) as gilt auch für die Stadt Osaka. Dieser vorkriegszeitliche Typus der Altbauviertel fällt mit dem innenstadtna- hen Typus (Typus 1) zusammen. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in den großen Städten die Entstehungsräume der Altbauviertel noch weiter nach draußen über die Stadtgrenzen hinaus verdrängt, insbesondere in Tokyo und Osaka, da dort die Innen- stadträumen schon überfülltet waren. Folglich entstanden viele Altbauviertel der Osaka- Region in der Nähe der Bahnhöfen der Privatbahnen in den Trabantenstädten. Westlich von Tokyo entfalteten sich die Altbauviertel auch vorwiegend entlang den Privatbahnen (Typus S).
2) Typisierung der Altbauviertel nach dem Maßstab der Vorkommensform
Die japanischen Altbauviertel kommen in der Form der Diffusion oder der Zusammenbal- lung vor. Den ersteren Typ kann man sowohl in den inneren Stadtteilen als auch in der Umgebung von Tokyo finden. Im Gegensatz dazu zeigt sich der zweite Typ hauptsächlich in den Trabantenstädten von Osaka. Hier möchte ich den ersteren Typ "Typus der Diffusion (Typus D)" und den letzteren Typ "Typus der Zusammenballung (Typus Z)"
nennen. Die Altbauviertel des Diffusions-Typus (Typus D), die sich in großer Zahl in Tokyo
Zur vergleichenden Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan (Kamiya) finden, sind meistens durch von den Hausbesitzern vorgenommene An-oder Umhauten entstanden und nur ganz selten bei der Neuentwicklung einer Wohngegend. Dadurch, daß Hausbesitzer, die große Grundstücke haben, auf einem Teil ihrer Grundstücke ihre Miet- Holzhäuser bauten (man nennt sie "Niwasaki Mokuchin (.li!:St ~ *:R) "-Miet-Holzhäuser im Garten-), oder ihre Einfamilienhäuser zu Miet-Holzhäusern umbauten und in ihnen als ihr eigener Hausmeister wohnten, entstanden die Altbauviertel des Typus D weitverbreitet und dispersierend (Tsuda, Sumida, 1983, S. 124). In Osaka entfalteten sich solche Alt- bauviertel im Zeitpunkt der Wirtschaftshausse nach dem Zweiten Weltkrieg in den Gegenden der Trabantenstädte. Dort verspätete sich die Entwicklung, und der Bodenpreis war deswegen relativ billig. Es konnte auch sein, daß der Boden wegen seiner moorigen Beschaffenheit noch nicht als Baugrund ausgenutzt war, oder daß der Standort wegen der Nähe von Bahnhöfen für die Büropendler günstig war. In diesen Gegenden wurden damals Neuentwicklungen im großen Maßstab als Privatunternehmen nicht planmäßig durchgefü- hrt. Auf diese Weise stellten sich diese Gegenden auf die Entstehung von Stadtteilen voll von einfachen Wohnungen billigster Qualität um. Die Altbauviertel des Typus der Zusam- menballung (Typus Z) zeigten sich in den Einheiten des Stadtviertels oder des Bezirks.
Folglich entfalteten sich Überralterung und Verschlechterung des Gebäudebestandes in diesen Gegenden gleichzeitig als Ganzes und im großen Umfange. Hier bedurfte es umfan- greicher Sanierungsmaßnahmen.
3) Typisierung der Altbauviertel nach dem Maßstab des Baustils
Nach dem Maßstab des Baudstils kann man die Altbauviertel in zwei Typen einteilen.
Der erste ist der Typus der Altbauviertel mit Mietskasernen in Holzbauweise (Kasernen- Typus), und der zweite ist der Typus der Altbauviertel mit MietHolzhäusern (Holzhäuser -Typus). Den ersteren nenne ich den Typus K und den zweiten den Typus H. Der erste Typus (Typus K) gehört zu den Altbauvierteln, wo Mietskasernen vor dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt waren und bis heute, von Luftangriffen nicht betroffen, bestehen blieben. Diesen Typus gibt es in Tokyo nur selten, da die Luftangriffe dort im Vergleich zu anderen Städten weitem großflächiger und gründlicher durchgeführt wurden und die Mietskasernen dieses Typus fast alle abbrannten. Dagegen sind in Osaka viele Mietskaser- nen in Holzbauweise vom Feuer der Luftangriffe verschont geblieben und in der Umgebung von Neben-, bzw. Unterzentren noch erhalten. Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs sind schon 50 Jahre vergangen. Mit den Vorkriegsjahren zusammen sind es 60-70 Jahre. Die Mietskasernen sind jetzt alle überaltert und werfen heutzutage viele Probleme auf. Zum
Unterschied von westlichen Mietskasernen sind die japanischen in ihrer Holzbauweise nur einstöckige Bauten (s. Abb. 1. 1). In diesen Vierteln wohnt man manchmal zwei bis drei Generationen lang. Folglich sind dort die Nachbarschaftsbeziehungen oder die nachbarli- chen Aktivitäten noch ziemlich lebhaft. Bei den Sanierungsmaßnahmenin diesen Alt- bauvierteln muß man also auch die soziologischen Faktoren besonders bedenken. In Osaka entstanden fast alle die Altbauviertel der Miet- Holzhäuser (Typus H) im Zeitpunkt des Wirtschaftsaufschwungs in der Nähe der Bahnhöfe der Privatbahnen in den Trabanten- städten. Außerdem sind die Miet- Holzhäuser in zwei Typen geteilt. Der erste Typus heißt
"Holzhäuser mit Einzelzimmern (MokuzoKyododate-Jyutaku *~;.lt[r:t]~·rf.it Typus H.
G). Im allgemeinen enthalten diese Holzhäuser mit Einzelzimmern 10-20 Wohnungen. Eine solche Wohnung umfaßt nur ein Zimmer mit 4. 5 oder 6 Matten (Tatami) und einen kleinen Wandschrank. Die Eingangsflur, die Toilette und die Küche sind zum gemeinsamen Gebrauch bestimmt. Diese Häuser sind gewöhnlich für Unverheiratete gedacht (s. Abb. 1.
2). Der zweite Typus heißt "Holzhäuser mit zwei Etagen (Mokuzo-Kasanedate-Jyutaku
*
~ffi:b.~-C ä t Typus H. E). In Osaka nennt man sie mit einer anderen Bezeichung "Kultur- wohnungen" (Bunka Jyutaku ::z1tä'.t). Diese Holzhäuser mit zwei Etagen haben über•
haupt nur 5-10 Wohnungen. In einer Wohnung befinden sich gewöhnlich zwei Zimmer ( 4.
5 und 6 Matten), ein Wandschrank, eine Küche und eine Toilette. Jede Wohnung hat einen Sondereingang, aber im allgemeinen kein Bad (s. Abb. 1. 3).
2-3 Die Notwendigkeit der Sanierungmaßnahmen in den Altbauvierteln und die Sanierungspolitik
Abb. 1 Bauliche Struktur der Miet-Holzhäuser
Abb. 1. 1 Mietskasernen Abb. 1. 2 Holzhäuser Abb. 1. 3 Holzhäuser
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Gemeinsame Toilette
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::!Die Typisierung der Altbauviertel mit Miet-Holzhäusern in Japan kann man graphisch wie folgt darstellen :
mit zwei Etagen
Zur vergleichenden Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan (Kamiya)
Entstehungsorte Innenstadt-Typus Sprawl-Typus
Tab.1 Typisierung der Altbauviertel in Japan
Vorkommensform Baustil
Diffusions-Typus Zusammenballungs-Typus
Kasernen-Typus {Typus H. G Holzhäuser-Typus
Typus H. E
2-3-1 Die Notwendigkeit der Sanierungsmaßnahmen in den Altbauvierteln
In den letzten Jahren zeigen sich verschiedene, nicht mehr zu übersehende Probleme in den Altbauvierteln der japanischen Großstädte, insbesondere in den Altbauvierteln des Sprawl-Typus. Die Tabelle 2 zeigt in einer Übersicht den Mechanismus der Entstehung dieser Probleme. Alle Faktoren hängen in verschiedenen Formen mit anderen Faktoren zusammen, und die Probleme werden dadurch größer und dringender. Man kann diese Probleme in vier Gruppen gliedern:
Erstens: Es handelt sich um Probleme bei Katastrophen. Beim großen Kobe-Erdbeben im Januar 1995 konzentrierten sich die Schäden der Zusammenbrüche und der Brände hauptsä- chlich auf die Altbauviertel mit Holzhäusern. Dazu kommt noch das Risiko von Übers- chwemmungen in den Orten hinzugefügt, wo Altbauviertel auf tiefliegendem Gelände stehen. Im allgemeinen sind Straßen in den Altbauvierteln eng, deswegen können Feuerwe- hrfahrzeuge nur schwierig dort manövrieren. In den Altbauvierteln mit ihrer dichten Besiedlung greift ein Feuer leicht auf die Nachbarhäuser über. Dazu fehlen in diesen Vierteln offene Plätze. So kann man oft keine Katastrophensammelstelle in der Nähe seiner Wohnung finden. Die Holzhäuser, die auf flachen und tiefen Gelände gebaut sind, veralten dazu ziemlich schnell, was sie bei einem Erdbeben in Einsturzgefahr bringt.
Zweitens: Es handelt sich um Fragen der Hygiene und sanitäre Probleme. In den Alt- bauvierteln ist die Besiedelungsdichte sehr groß. Das führt dazu, daß es an frischer Luft fehlt. Die bekommen wenig Sonne ab, und die Luftfeuchtigkeit ist hoch. Wegen des Fehlens einer unterirdischen Kanalisation herrschen in solchen Vierteln Schmutz und schlechte Gerüche. In diesen Vierteln lebt man ungesund.
Drittens: Es handelt sich um Umwelt-Probleme. In den Altbauvierteln ist die Infrastruktur unzureichend, Offene- oder Vergnügungsplätze, Grünanlagen und Parks sind kaum vorhan- den. Diese Umweltsituation macht es unmöglich, ein angenehmes Leben zu führen und die Lebensqualität zu erhöhen.
Viertens: Es handelt sich um das Problem der Sicherheit. Mit den leerstehenden Häusern nimmt der nicht unter Verwaltung also unkontrolliert stehende Raum zu. Die Ausdünnung der nachbarschaftlichen Verbindungen führt dazu, verschiedene Probleme in diesen Vier- teln zu übersehen. Die Altbauviertel, wo die Beleuchtung bei Nacht wie in einer Geister- stadt schwächer geworden ist, werden manchmal zu Treffpunkten jugendlicher Kriminel- ler, oder krimineller Jugendbanden. Man sagt mitunter schon heimlich, daß die Altbauvier- tel zu einer Brutstätte der Kriminalität geworden sind.
Auf diese Weise sind heutzutage in den Altbauvierteln schon die Eigenschaften der Slums in Erscheinung getreten. So ist die Notwendigkeit der Sanierungsmaßnahmen in den Altbauvierteln noch dringender geworden.
2-3-2 Die Sanierungspolitik in Japan
Wie schon erwähnt, sind bisher in Japan Sanierungsmaßnahmen anders als in Europa hauptsächlich nur vor großen, verkehrsreichen Bahnhöfen oder in zentralen Geschäftsvier- teln durchgeführt worden. Aber neuerdings werden solche Maßnahmen auch in Altbauvier- teln als eine besonders dringliche Aufgabe angesehen.
In der Bundesrepublik Deutschland ist 1971 ein neues Gesetz in bezug auf den Städtebau in Kraft getreten. Es war das sog. Städtebauförderungsgesetz. Seit der Verabschiedung des Städtebauförderungsgesetzes haben die deutschen Städte hinsichtlich der Sanierungspraxis in den Altbauvierteln reichliche Erfahrungen machen können. Im Vergleich dazu hat sich in Japan die Einführung des Systems, mit Hilfe öffentlicher Förderung Sanierungsmaßnahmen in den Altbauvierteln wirkungsvoll durchzuführen, ziemlich ver- spätet.
Erst im Jahre 1982 hat das japanische Bauministerium ein solches System bekannt gemacht. Das ist das Gesamtsystem für Sanierungsmaßnahmen der Miet-Holzhäuser in den Altbauvierteln" (Mokuzo Chintaijyutakuchiku Sogoseibijigyo Seido *~1Uf{.:i:~:lt!!I&
~~~•*~1fifj/l'.) . Dieses System wurde 1994 der Bezeichung nach in "Förderungssystem für Sanierungsmaßnahmen in den Altbauvierteln" ( Missyujyutaku Shigaichiseibi Sokushin Jigyoseido ~#fififf.f:ft!!~ffij{{E~*~$1J/l'.) geändert. Auf diese Weise haben in Japan auch die Sanierungsmaßnahmen in den Altbauvierteln eine systematische Grundlage erhalten.
Im Unterschied zum Städtebauförderungsgesetz ist jedoch dieses System nicht als Gesetz in Kraft getreten. Es ist nur als ein Erlaß des Vizeministers im Bauministerium bekannt-
Zur vergleichenden Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan (Kamiya)
· Tabelle 2 Mechanismus des Auftretens von Problemen in den Altbauvierteln
[Faktoren] [Zusammenhang]
dicht besiedelte Wohngegend
,._. _____ Übergreifendes Feuers
schwieriges Einfahren von Feuerfahrzeuge
schlechte Luft und mangelndes Sonnenlicht
Mangel an offenen Plätzen
enge Straßen ,__ _ _ _ _ ___,M schwieriges Einfahren
tiefe Lage
Mangel einer unter- irdischen Kanalisation
von Müll-und Jauchewagen
[Probleme]
Umweltfrage
Holzhäuser mit niedri ger Qualität
1r---1"'1 schnelle Veralter- - - Zunahme leer- 1 - - - 4 " - Unsich-
enge Wohnungen
ung der Gebäude
t---1""1 Abnahme der stän- digen Niederlassung
stehender Häuser
Schwächung nach- barschaftlicher Verbindungen
erheit
Namba, T., Probleme der "Gentrification" in den Sanierungsmaßnahmen von Altbauvierteln (Diplomar- beit 1996) S. 42
gemacht worden. Daher hat es nicht die bindende Wirkung, die ein Gesetz hat. Trotzdem ist die Möglichkeit, Sanierungsmaßnahmen in den Altbauvierteln wirkungsvoll durchzufüh- ren, erheblich verbessert worden, da sich verschiedene öffentliche Förderungmaßnahmen mit diesem System einsetzen lassen. Heutzutage werden Sanierungsmaßnahmen in den Altbauvierteln mit Hilfe dieses Systems sowohl in Tokyo als auch in Osaka langsam, aber sicher durchgeführt.
3. Vergleich der Sanierungspraxis im Münchner Stadtteil "Haidhausen" und der im Bezirk "Higashi-Ohtoshi" der Stadt Neyagawa
Vor mehr als 15 Jahren habe ich eine Untersuchung über die Sanierungspraxis im Münchner Stadtteil "Haidhausen" angestellt und seit vorletztem Jahr untersuche ich zusammen mit meinem Doktoranden Takashi N amba die Sanierungsmaßnahmen in einem Altbauviertel "Higashi-Ohtoshi C~*llJ) "von Neyagawa (!11.mJII) einer Trabantenstadt von Osaka. Hier möchte ich zuerst einen orientierenden Überblick über die Sanierungs- praxis in beiden Städten geben.
3-1 Die Sanierungspraxis im Münchner Stadtteil "Haidhausen"
Das Innenstadtrandgebiet "Haidhausen" liegt jehnseits der Isar im Münchner Osten.
Haidhausen war ursprünglich eine bäuerliche Siedlung im Münchner Osten. Seit dem Mittelalter gründen sich Wachstum und Bedeutung Haidhausens auf seine Mittierrolle, die es dank seiner günstigen Verbindung zur einzigen Brücke zwischen Stadt und Umland innehatte. Entlang dieses Transportweges ließ sich die Bevölkerung nieder. Anders als Händler und Handwerker siedelten sich die in den Ziegeleien des östlichen Vorfelds oder in München beschäftigten Tagelöhner im unebenen, etwas feuchten Gelände jehnseits der Äußeren Wienerstraße an (Baureferat der LHS München, S. 19). Sie stellten die stärkste Gruppe innerhalb der Haidhauser Bevölkerung dar. "Das rührte zum Teil daher", vermutet Heerde, "daß sich seit den ältessten Zeiten Minderbemittelte in Haidhausen niedergelassen hatten, die in München keine Zuzugsbewilligung erhalten hatten" (Heerde, W., 1977, S. 75).
Am Stichtag (1871) trat das längst (1854) mit München vereinte, aber noch immer dörfliche Haidhausen in einen Prozeß der Verstädterung ein. Der rapide wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands in den Gründerjahren (1871-1873) und das schnelle Wachstum der Bevölker- ung führte auch in München zu einer gesteigerten Wohnungs-und Arbeitsplatznachfrage, auf welche mit der Verplanug des vorstädtischen Gebiets geantwortet wurde (Schachtner, C., 1981 S. 59ff). Nach den Befragungsergebnissen der vorbereitenden Untersuchungen, die
Zur vergleichenden Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan (Kamiya)
Ende 1975 im später förmlich festgelegte Sanierungsgebiet durchgeführt wurden, war das städtebauliche Befinden in Haidhausen wie folgt (Baureferat der LHS München, S. 16 ff);
85 % der Gebäude im Sanierungsgebiet stammen aus der Zeit vor 1918, 15 % wurden schon vor 1875 gebaut. Nur 11 % wurden nach 1948 gebaut. Der überwiegende Teil (82 %) der Grundstücke und Gebäude war zum Zeitpunkt der Befragung vermietet, 3 % war verpachtet, die restlichen 14 % wurden von den Eigentümern selbst genutzt. Fast Dreivier- tel (71 %) der Gebäude waren seit ihrer Errichtung nicht mehr grundlegend erneuert worden. Die Wohnungen wiesen vor allem hinsichtlich der sanitären Verhältnisse, der Beheizung und der Abgeschlossenheit der Wohnung unterdurchschnittliche Standards auf.
53, 2 % der befragten Mieterhaushalte hatten an ihren Wohnungen etwas auszusetzen, wobei ungenügende sanitäre Ausstattung besonders ins Gewicht fiel (Tabelle 3). Das Innenstadtgebiet Haidhausen weist die typischen Merkmale eines Sanierungsgebiets auf:
veraltete Bausubstanz, kleine Gewerbebetriebe, die auf früheren Produktionsstufen basier- en, hoher Ausländeranteil, unterdurchschnittliches Einkommensniveau und überdurchsch- nittlich viele alte Bewohner (Schachtner, C., 1981, S. 98).
Die städtebauliche Erneuerung der Innenstadtrandgebiete wurde dem Münchner Stadtrat zum ersten Mal im Novemberl971 vom Stadtentwicklungs-und Stadtplanungsausschuß empfohlen (Beschluß v. 10. 11. 1971, S. 10). Nach dem Abschluß der vorbereitenden Untersuchungen wurde im Jahr 1976 das Gesamtkonzept (GKH) zur Stadtteilsanierung Haidhausen vom Stadtrat verabschiedet. 22 Blocks mit einer Fläche von ca. 45 ha auf der ca. 13,000 Menschen lebten, wurden als Sanierungsgebiete förmlich festgelegt. Abb 2. zeigt die räumliche Abgrenzung der Maßnahmenbereiche im Münchner Stadtteil "Haidhausen".
Unter Aufwand von fünf Jahren (1971-1976) hat die Landeshauptstadt München um ganz-
Tabelle 3 : Wohnungsmangel
Mängel an der Wohnung abs. %
Zu kleine Wohnung Zu große Wohnung Zu teuere Wohnung Zu hellhörige Wohnung Zu kalte Wohnung Feucht, schlecht zu lüften Zu dunkel
Sanitäre Ausstattung Schlechter baulicher Zustand
• Mehrfachnennungen
360 59 420 409 755 232 444 1088 615
Quelle: Zusammenfassender Bericht 1976, S. 17 9,3 1,5 10,5 10,6 19,6 6,0 11,5 28,2 16,0
___ ..
Abb. 2 Räumliche Abgrenzung der Maßnahmenbereiche
-- --
Maßstab: 1 : 10 000
----, 1
1 1 1
--
_ .. '
1
Gasamtkonzept
Räumliche Abgrenzung d MaBnahmenbereiche MaBnahmenplan
LANDESHAUPTSTADT MONCHEN
Baureferat StaiUptanung
März 1976
III ;::~~ ~7t1e1oaies Saniaruna&piet a :70~::.!: ::.:::,:~:!.i ~ Problembereiche innorkolb der Sanierunaspbiete auf&rund Haufuna sozioler Problarnfälla
B111.duckenschtieBung innerhalb
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Modernisierunaszcnen nech dem BundesrnodernilierlUIP,Pro1ramrn
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außerhalb der Sanieruna1aabieta :Blffl. Einzalobjek ten vorranaig gafewdert.
werden soll
MaBnahmebereicha auBefflalb der $ani111Nnllllebiete
Quelle: GKH, Bd. 16. 7 Informationen der Sanierungsstelle der LHS Manchen
seitiges Einverständnis gelungen und die vorbereitenden Untersuchungen vollendet. Nach der ursprünglichen Planung sollte ein Zeitraum von fünfzehn Jahren (1976-1991) zur Vollendung der Sanierungsmaßnahmen aufgewendet werden. Heutzutage bleibt noch ein kleiner Rest der Planung durchzuführen.
3-2 Die Sanierungspraxis im Stadtteil "Higashi-Ohtoshi" von Neyagawa
Die Stadt "Neyagawa" ist eine typische Trabantenstadt, die im Nordosten von Osaka liegt. Wie Tabelle 4 zeigt, hat die Zahl der Einwohner vom Beginn der 60er Jahre an beträchtlich zugenommen.
Diese plötzliche Zunahme der Einwohner bezieht sich auf den Aufbau der einfachen Miets- Holzhäuser, wie Pilze aus dem Boden schießen. Seither sind schon mehr als 30 Jahren vergangen. Meiste Holzhäuser haben fast alle die Haltbarkeitsdauer überschritten.
Auf diese Weise haben sich hier in Neyagawa auch die Altbauviertel in der Umgebung der Bahnhöfen der Privatbahn "Keihan" gebildet. Das Altbauviertel "Higashi-Ohtoshi" liegt etwa 300 Meter westlich vom Bahnhof "Neyagawa-Shi". Früher sind sich hier in dieser Gegend weit und breit die Birnen-Felder ausgebreitet. Von der unordentlichen Verstädter-
Zur vergleichenden Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan (Kamiya) Tabelle 4 Entwicklung der Einwohnerzahl von Neyagawa
0 ~~-~-~~-_.__...._____.'--_.___...__.____,__...,_ _ _.____, 1860 1870 1880 1890 1900 1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000
Quelle : Überblick über die städtische Situation von Neyagawa (1995)
ung ist die Felder in der Periode (1960-1965) zur Wohngegend umgewandelt worden.
"Higashi-Ohtoshi" liegt etwa 300 Meter westlich vom Bahnhof "Neyagawa-Shi". Früher waren hier in dieser Gegend weit und breit Birnen-Felder vorhanden. Im Laufe der
Tabelle 5 Entwicklung der Einwohnerzahl im Stadtviertel
"Higashi-Ohtoshi"
1972 1973 1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 Einwohnerzahl 2.120 2,053 1,976 1,894 1,822 1,770 1,486 1,426 1,360 Zunahme 415 373 300 266 219 240 193 222 219 Abnahme 400 440 377 344 291 292 318 282 285
Saldo 15 -67 -77 -82 -72 -52 -125 -60 -66
1981 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1,2911,268 1,205 1,1711,132 1,062 982 958 950 917 900 891 176 168 120 133 127 107 88 116 180 89 118 79 245 191 173 167 166 177 168 154 188 122 135 107 -69 -23 -53 -34 -39 -70 -80 -38 -8 -33 -17 -28 Quelle: Einwohnermeldeamt Neyagawa
umgeordneten Verstädterung wurden diese Felder in der Zeit von 1960 bis 1965 zur Wohngegend. Tabelle 5 zeigt die Entwicklung der Einwohnerzahl im Stadtviertel "Higashi -Ohtoshi". Obgleich die Einwohnerzahl der Gesamtstadt "Neyagawa" nach den 70er Jahren stabil bleibt, nimmt sie in "Higashi-Ohtoshi" immer weiter ab, insbesondere im Jahrl986 und 1987. Das erklärt sich daraus, daß die Sanierungsmaßnahmen hier in dieser Zeit in großem Maßstabe durchgeführt worden sind. Seit einigen Jahren ist die Abnahme der Einwohnerzahl nach und nach zurückgegangen. Daraus kann man das Ergebnis der Sanier- ung sehen.
Abb. 3 und Tabelle 6 zeigen den baulichen und städtebaulichen Zustand vor den Sanierungsmaßnahmen im Viertel "Higashi-Ohtoshi". Im Jahre 1985 wurde das Viertel
Abb. 3 Baulicher Zustand vor dem Sanieru~gsprogramm im Stadtviertel "Higashi Ohtoshi"
D Einfamilienhaus
■ Holzhäuser mit zwei Etagen
■ Holzhäuser mit Einzelzimmer
Quelle: Zur Erneuerung der Altbauviertel mit Miets-Holzhilusern (Neyagawa) 1981 S. 21
Tabelle 6 Städtebaulicher Zustand vor der förmlichen Festlegung als Sanierungsgebiet
Bedingung für die Festlegung als Sanierungsgebiet Fläche mehr als O .15 ha Anteil der schiech-
mehr als 50%
ten Wohnungen
städtebaulicher 1986 0.62 99.7%
Zahl der Wohnun-
mehr als 80 Häuser 742 Häuser gen (pro 1 ha)
0.71
Zustand 1990
98.5%
654 Häuser Quelle: Neyagawashi-Higashiohtoshi Sanierungsplan (1986) : Neyagawa Baureferat
Zur vergleichenden Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan (Kamiya)
"Higashi-Ohtoshi" als Sanierungsgebiet förmlich festgelegt. Nach der FlächenOrdnung 1986 ist dann die Sanierung endlich in Angriff genommen worden. Bis jetzt ist erst ein Teil der Pläne verwirklicht worden.
Aus Raummangel muß ich hier darauf verzichten, die Sanierungsmaßnahmen in den Altbauvierteln von "Münchnen-Haidhausen" und "Neyagawa Higashi-Ohtoshi" ausführ- lich zu beschreiben.
4. Vergleichende Betrachtungen über die Sanierungsmaßnahmen in Alt- bauvierteln zwischen Deutschland und Japan
Es gibt viele Wissenschaftler, die nur die Unterschiede oder die Verschiedenheiten zu ausländischen Gegebenheiten hervorheben, ohne die Gemeinsamkeiten mit ihnen finden zu wollen, und nur etwas Spezifisches betonen. Für sie bedeuten vergleichende Untersuchung nur die Unterschiede zu anderen Tatbeständen hervorzuheben. Ein solches Vorgehen setzt voraus, daß die Unterschiede im Kontext eine große Bedeutung und auch eine Dauerhaftig- keit haben. Aber eine solche Konzeption beschränkt sich nur auf die Aufstellung der einfachen Thesen bzw. die Beschreibung der besonderen Eigenschaft des Gegenstandes. Sie ist also eine nachträgliche Beschreibung und keine kausale Erklärung dafür.
Wissenschaftlich kann und muß man bei der vergleichenden Untersuchung aber einen Gegestand in drei Ebenen erfassen, in der allgemeinen Ebene, in der Gattungsebene und in der individuellen Ebene. Dadurch erst wird die vergleichende Erfassung von Gegenständen möglich. Hinsichtlich der Sanierungsmaßnahmen in den Altbauvierteln muß man zuerst im allgemeinen die Eigenarten der Umstände von Sanierungsmaßnahmen, die es überall in der Welt gab und gibt, behandeln. Danach kann man in der Gattungsebene von den europäis- chen, deutschen oder japanischen Umständen sprechen. In der individuellen Ebene führt man dann einen einzelnen Tatbestand als Beispiel an.
4-1 Betrachtungen über die Sanierungsmaßnahmen in der allgemeinen Ebene
In der allgemeinen Ebene kann man hinsichtlich der Sanierungsmaßnahmen in den Altbauvierteln auf folgende Gemeinsamkeiten hinweisen:
Als allgemeiner Faktor ist z. B. ein gesamtgesellschaftlicher Zusammenhang feststellbar, nämlich das kapitalistische bzw. marktwirtschaftliche System. Als erster Struktureffekt läßt sich feststellen, daß die kapitalistische bzw. marktwirtschaftliche Gesellschaftsform praktisch unangefochten das Privateigentum an Grund und Boden und die freie Verfügung
über Hauseigentum garantiert. Unter dieser Voraussetzung kann sich das Interesse der Haus-bzw. Grundbesitzer an möglichst hoher Grundrente konstituieren. Die Entstehung und Dauerhaft der rückständigen Viertel soll eine der Folgen sein. Der zweite Struktureffe- kt des kapitalistischen bzw. marktwirtschaftlichen System ist das Entstehen sozialer Ungleichheit, die Existenz von Bevölkerungsgruppen mit relativ niedrigem Einkommen, die auf billige Mietwohnungen angewiesen sind. Diese erzwungene Nachfrage nach W ohnun- gen, die in ihrem baulichen Zustand und in ihrer infrastruktuellen Ausstattung t• ... ter dem für die Gesamtstadt üblichen Standard liegen, erklärt, warum rückständige Viertel als Wohngebiete überhaupt erhalten blieben (Degen, M., 1980, S. 95). Aus diesem allgemeinen Entstehungs-und Existenzzusammenhang rückständiger Viertel zeigen sich hinsichtlich ihrer Entstehungsorte, der Eigenschaften ihrer Einwohner, des Interesses der privaten Unternehmen und der Kommunen an Sanierungsmaßnahmen und der zur Sanierung ein- gesetzten Mittel im allgemeinen die gewisse Gemeinsamkeiten.
Gewöhnlich bilden sich die Sanierungsgebiete nicht im Zentrum oder in der Umgebung der Stadt, sondern am Rande ihres Hauptzentrums oder ihrer Subzentren, wo im Zeitpunkt der rapiden Verstädterung einfache Wohnungen für die hereinströmenden Arbeiter und für ihre Familien eingerichtet wurden (Güsso, W., 1976, S. 28). Im Laufe der Zeit sind diese Gegenden dann zu Sanierungsgebieten geworden.
Diese Zusammenhänge spiegeln sich in der Sozialstruktur der Sanierungsgebiete. Im Vergleich zu anderen Stadtteilen konzentrieren sich in den innenstadtnahen Altbauvierteln die Armen, die Alten und die Alleinstehenden. Das sind die sog. drei "A". Heutzutage wird dazu noch ein weiterer "A" d. h. "Ausländer "hinzugefügt.
Wie Schachtner betont hat, ist Stadtsanierung eindeutig und primär auf die Verfolgung ökonomischer Ziele festgelegt (Schachtner, C., 1981, S. 33). Tatsächlich sind die wichtigsten Adressaten der Sanierungspolitik wirtschaftliche Unternehmen, deren Förderung konjun- kturwirksam sein könnte, bzw. ein stabiles Wachstum in den Städten erwarten läßt. Als ökonomische Erfordernisse der Stadtsanierung für Unternehmen führt Schachtner zwei Punkte an:
a) Beseitigung räumlicher Barrieren für expandierende Wirtschaftsunternehmen, b) Sicherung der Auftragslage im Bausektor (Ebd., S. 33 - 37).
W eitere Adressaten der Stadtteilsanierung sind die betreffenden Kommunen. Als Belange
Zur vergleichenden Untersuchung über die Stadtteilsanierung in den Altbauvierteln der Großstädte in Deutschland und Japan (Kamiya)
der Sanierung für Kommunen führt Schachtner auch zwei Punkte an:
a) die Erhöhung des kommunalen Steueraufkommens, b) die Reduzierung kommunaler Ausgaben (Ebd., S. 40 -43).
Die durch Sanierungsmaßnahmen angestrebte Rückkehr einkommensstarker Gruppen in die Ballungskerne bewirkt nicht nur ein vermehrtes Steueraufkommen, sondern zugleich eine Entlastung des kommunalen Haushalts (Ebd., S.43).
Schließlich kann der Existenzzusammenhang der Sanierungsgebiete auf die zwei Faktor- en reduziert werden: Der erste ist das Desinvestionsverhalten der Hausbesitzer zu den Bausubstanzen. Der zweite ist das ständige Vorhandensein von Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen, in anderen Worten die dauernde Nachfrage nach einfachen Wohnungen mit niedrigen Mieten. "Die Existenz von Vierteln mit mangelhafter Bausub- stanz ist somit auch abhängig von der Existenz unterprivilegierter Menschen " (Ebd., S. 29).
So erklärt sich die Entstehung und Existenz der Sanierungsgebiete als zwangsläufige Gegebenheit. Folglich müssen Sanierungsmaßnahmen in den Altbauvierteln unter Berück- sichtigung dieser Gegebenheit durchgeführt werden. Deshalb darf man sie nicht durch einzelne private Haus-oder Grundbesitzer in Angriff nehmen, sondern vielmehr durch die nicht gewinnorientierte Investion öffentlicher Mittel. So sind in Wirklichkeit 72% der für Sanierungsmaßnahmen im Münchner Stadtteil "Haidhausen" erforderlichen Gesamtkosten auf die öffentlichen Haushalte entfallen (GKH, 1976, S. 19), und 56% im Stadtteil "Higashi -Ohtoshi" von Neyagawa (Bauabteilung Neyagawa, 1995). Mithin läßt sich festellen, daß solche Sanierungsmaßnahmen ohne den Einsatz öffentlicher Mittel nicht durchgeführt werden können.
4-2 Vergleichende Betrachtungen über die Sanierungsmaßnahmen in der Gattungs ebene
Jetzt möchte ich auf der Gattungsebene vergleichende Betrachtungen über die Sanierungsmaßnahmen in Deutschland und in Japan anstellen. Deutschland und J apanbeide Länder stehen unter dem kapitalistischen bzw. marktwirtschaftlichen System. Daher sind die Entstehungs-und Existenzzusammenhänge beiden Ländern gemeinsam. Trotzdem aber gibt es zwischen beiden Ländern verschiedene Unterschiede.
Erstens: Solche Unterschiede finden sich bei dem Entstehungsort und der Entstehungszeit rückständiger Viertel. Während die Altbauviertel in den deutschen Städten am Rand des Hauptzentums oder der Subzentren der Stadt entstanden, bildeten sie sich in den japani-
eben Großstädten nicht am Rand des Hauptzentrums, sondern gewöhnlich am Rand der Subzentren. Außerdem ist es charakteristisch für die japanischen Großstädte (insbesondere Tokyo und Osaka), daß sich Viertel mit den minderwertigen Miets-Holzhäusern in den 60er Jahren im "Wildwuchs" nahe von Bahnhöfen der Trabantenstädte bildeten. Das ist der sog. Sprawl-Typus der Sanierungsgebiete. Er hat seinen Ursprung darin, daß sich die städtischen Funktionen in extremer Form in diesen Großstädten zusammenballten. In Deutschland entstanden die heutigen Altbauviertel fast alle in der Gründerzeit d. h im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, als sich der deutsche Kapitalismus rasch entwickelte und viele Arbeitskräfte in die Großstädte hereinströmten. Für die hereingeströmten Arbeiter und ihre Familien wurden einfache Mietskaserne mit schlechter Ausstattung in der Umgebung des Stadtzentrums oder der Subzentren angeboten und durch Desinvestion unangerührt liegengelassen. In Japan bildeten sich rückständige Viertel des Innenstadt- Typus in den 20-30er Jahren des 20. Jahrhunderts und des Sprawl-Typus in den 60er Jahren. In Deutschland kann man solche rückständigen Viertel des Sprawl-Typus nicht finden, wie sie sich nach dem zweiten Weltkrieg in japanischen Trabantenstädten bildeten.
Zweitens: Es handelt sich um die Bausubstanz in den Altbauvierteln. Hinsichtlich der Bausubstanz kann man einen deutlichen Kontrast zwischen Deutschland und Japan feststel- len. Während die Gebäude in den deutschen Städten gewöhnlich vieroder fünfstöckig sind, sind die Holzhäuser in Japan grundsätzlich ein-oder höchstens zweistöckig. Das kommt daher, daß der Außenrahmen der deutschen bzw. europäischen Gebäude im allgemeinen aus Stein oder Ziegeln besteht, während die japanischen Gebäude traditionell alle vollständig Holzbauten sind. Daraus ergeben sich Unterschiede bei der Konzeption und Art der Sanierungsmaßnahmen in Deutschland und in Japan.
Drittens: Es handelt sich um die Sozialstruktur in den Sanierungsgebieten. In der Sozialstruktur der rückständigen Viertel gibt es eigentlich keinen Unterschied zwischen Deutschland und Japan. In den Altbauvierteln konzentrieren sich die sog. drei "A":die Armen, die Alten und die Alleinstehenden. Dazu kommt heutzutage ein weiteres "A",
"Ausländer". Im Unterschied zu deutschen Städten aber ist die Zahl der Ausländer in den japanischen Städten, insbesondere in Osaka, noch relativ gering. Aber die Ausländer nehmen in der Umgebung der Subzentren in Tokyo schon merklich zu. Sie strömen in die Altbauviertel herein und fangen an, sich dort niederzulassen.