Gesellschaft und Natur : Zum Verstandnis der Hausgemeinschaft in der japanischen
Gesellschaft
著者 Kamiya Kunihiro
journal or
publication title
関西大学社会学部紀要
volume 28
number 3
page range 1‑16
year 1997‑03‑25
URL http://hdl.handle.net/10112/00022486
ISSN 0287-6817
Gesellschaft und Natur - Zum Verständnis der Hausgemeinschaft in der japanischen Gesellschaft -
K. Kamiya
Abstract
Im Sommer 1985 habe ich in der Konstanzer Universität einen Vortrag über das Thema "Struktur und Funktion der sog. Hausgemeischaften ("le") in der Zusammensetzung der japanischen Gesellschaft" gehalten. Dabei habe ich als religiös-ideologischen Hintergrund der hausgemeinschaftlichen Zusammensetzung der japanischen Gesellschaft den Konfuzianismus angeführt. Der Konfuzianismus ist ein Gedankensystem bzw. eine Religion auf der Grundlage der Hausgemeinschaft. Er verbreitete sich in den nordost-asiatischen Ländern China, Korea und Japan. Warum hat sich der Konfuzianismus in dieser Gegend ausgebreitet? Um diese Verhältnisse von Grund aus zu verstehen, muß man seinen Blick auf die natürlichen Gegebenheiten in Nord-ost-Asien und die Besonderheiten der Landwirtschaft in dieser Gegend richten. Aber bei jenem Vortrag mußte ich aus Zeitmangel darauf verzichten.
Beim Block-Seminar im Sommer 1996 konnte ich etwas dazu hinzufügen und ein wenig zum Verständnis der Hausgemeinschaft in der japanischen Gesellschaft beitragen.
Schltisselwörter : Hausgemeinschaft, das Clansystem, der Reisbau, die Gartenarbeit, Intertillage, das Unkraut, das Wurzelgemilse, Jaw of diminishing returns, der Patriarchalismus, die Dorfgemeinde, die Harmonie,
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1. Vorbemerkung
Im Sommer 1985 habe ich in der Konstanzer Universität einen Vortrag über das Thema
"Struktur und Funktion der sog. Hausgemeischaften ("Ie") in der Zusammensetzung der japanischen Gesellschaft" gehalten. Dabei habe ich als religiös-ideologischen Hintergrund der hausgemeinschaftlichen Zusammensetzung der japanischen Gesellschaft den Kon- fuzianismus angeführt. Der Konfuzianismus ist ein Gedankensystem bzw. eine Religion auf der Grundlage der Hausgemeinschaft. Er verbreitete sich in den nordost-asiatischen Ländern China, Korea und Japan. Warum hat sich der Konfuzianismus in dieser Gegend ausgebreitet? Um diese Verhältnisse von Grund aus zu verstehen, muß man seinen Blick auf die natürlichen Gegebenheiten in Nordost-Asien und die Besonderheiten der Landwirt- schaft in dieser Gegend richten. Aber bei jenem Vortrag mußte ich aus Zeitmangel darauf verzichten. In diesem Aufsatz möchte ich etwas dazu hinzufügen und ein wenig zum Verständnis der Hausgemeinschaft in der japanischen Gesellschaft beitragen.
Eigentlich ist mein Fach Stadt-und Regionalsoziologie. Bis heute habe ich schon sieben- mal Deutschland besucht und mich dort in einigen Unversitäten und Instituten mit stadt- und regionalsoziologischen Forschungen beschäftigt. Dabei war mir immer daran gelegen, die deutschen Städte durch einen vergleichenden Ansatz mit den japanischen Städten zu beschreiben. Nicht zuletzt zeigt sich die Stadt als ein Teil bzw. eine Erscheinungsphase der Gesamtgesellschaft. Struktur und Wandel der Städte sind zwangsläufig eng verflochten mit der Struktur und dem Wandel der Gesamtgesellschaft. Deshalb interessiere ich mich auch für den Vergleich der Gesamtgesellschaft in Europa bzw. Deutschland und in Japan. Hier möchte ich unter dem Gesichtspunkt eines Vergleichs mit der europäischen bzw. deutschen Gesellschaft etwas von den tieferen Hintergründen der japanischen Gesellschaft erzählen.
Ich glaube, daß man mit diesem Ansatz nicht nur von der japanischen, sondern auch von der europäischen bzw. deutschen Gesellschaft gründlichere Kenntnisse gewinnen kann. In diesem Aufsatz will ich einige Thesen über die Ansätze zur vergleichenden Betrachtung der beiden Gesellschaften anführen und ihre Gültigkeit beweisen.
These 1:
Bei der vergleichenden Untersuchung muß man zuerst die Bedeutung des vergleichenden Ansatzes genau und tief erkennen.
Gesellschaft und Natur-Zum Verständnis der Hausgemeinschaft in der japanischen Gesellschaft (Kamiya)
These 2:
Die Zeit, in der die Menschen einen Einfluß der natürlichen Verhältnisse am stärksten erfuhren, war in der Geschichte die Periode der agrarischen Gesellschaft.
These 3:
Die Modernisierung in allen kulturellen Gebieten ist eine allgemeinen Erscheinung der Geschichte und hat ihr Muster in der modernen okzidentalischen Geschichte.
These 4:
Der Reisbau fördert die hausgemeinschaftlichen Verbindungen der Menschen.
These 5:
Im Vergleich zur chinesischen und koreanischen Hausgemeinschaft hat die japanische Hausgemeinschaft die Charakteristika einer funktionellen Überlegenheit und entspricht der Modernisierung der Gesellschaft.
1. Eine Betrachtung über die Bedeutung der vergleichenden Forschung
Es gibt viele Wissenschaftler, die vergleichende Forschung dafür halten, die Unterschiede zu anderen Tatbeständen hervorzuheben. Mit anderen Worten, sie betonen nur etwas Spezifisches ohne etwaige Gemeinsamkeiten in diesen Tatbestanden finden zu wollen. Ein solches Vorgehen setzt voraus, daß solche Unterschiede im Kontext von großer Bedeutung sind und sie auch in der Zukunft noch andauern werden. Aber solch eine Konzeption übersieht die Möglichkeit, daß die Unterschiede nicht wesentlich und strukturell, sondern nur ganz peripher wären und im Lauf der Zeit allmählich verschwinden würden. Aus dem Interesse für den Exotismus oder Dilettantismus heraus betont man oft die Spezifika ausländischer Gegebenheiten und hält sie für etwas unveränderliches. Eigentlich setzt der Vergleich voraus, Gemeinsamkeiten zwischen dem Vergleichsgegenstand und dem Vergli- chenden festzustellen. Kann man die Farbe "Blau" mit der Tugend "Freundschaft" verglei- chen? Nein, unmöglich, da es keine Gemeinsamkeiten zwischen den Vergleichsgegenstän- den gibt. In diesem Sinne muß man beim Vergleichen zunächst die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden anführen und danach die Unterschiede zwischen ihnen vorsichtig herausarbeiten. Außerdem muß man feststellen, ob diese Unterschiede von großer Be- deutung sind und ob sie immanente und dauerhafte Eigenschaften haben. Schließlich muß man nicht zu einer nachträglichen Beschreibung der besonderen Eigenschaften des Gegen-
standes, sondern zu einer kausalen Erklärung dafür ansetzen.
Wissenschaftlich kann und muß man bei der vergleichenden Forschung einen Gegenstand in drei Ebenen erfassen: in der allgemeinen Ebene, in der Gattungsebene und in der individuellen Ebene. Erst dadurch wird die vergleichende Erfassung von Gegenstände möglich. Hinsichtlich des Vergleichs der Sozialstruktur und ihres Wandels in Europa bzw.
Deutschland und in Japan muß man zuerst im allgemeinen ihre Eigenarten, die es überall in der Welt gab und gibt, behandeln. Danach kann man in der Gattungsebene von den europäischen, deutschen oder japanischen Umständen sprechen. In der individuellen Ebene führt man dann einen einzelnen Tatbestand als Beispiel an.
2. Die natürlichen Verhältnisse und die Sozialstruktur in der Geschichte
Nach der Evolution der Technologie kann man die Geschichte der Sozialstruktur grob in drei Typen erteilen: die primitive Gesellschaft, die agrarische Gesellschaft und die indus- trielle Gesellschaft. Natürlich kann man dann noch eingehender unter jedem dieser Typen einige Sub-bzw. Neben-Typen definieren (s. Abb 1).
Abb. 1 Verhältnisse zwiachen Menschen und Natur
Primitive Gesellschaft Menschen
~--~
NaturAgr.uische Gesellschaft Menschen
1
4-1 ·
NaturIndustrielle Gesellschaft Menschen
~--1
NaturVon der Entstehung der Menschheit bis etwa vor 10,000 Jahren existierte einige Mil- lionen Jahre hindurch die sog. primitive Gesellschaft. In dieser Gesellschaft bildeten Sammeln und Jagd die wirtschaftliche Hauptbasis. Natürlicherweise war die Produktions- kraft ganz niedrig, und folglich gab es in dieser Gesellschaft keine Arbeitsteilung. Zusam- men mit der Verwandschaft, die gewöhnlich Sippe oder Linie genannt wird, sammelte man damals verschiedene Früchte, Samen und ähnliche Naturalien und jagte alle eßbaren
Gesellschaft und Natur-Zum Verständnis der Hausgemeinschaft in der japanischen Gesellschaft (Kamiya)
Lebewesen. Alle die Orte, wo die Menschen der primitiven Gesellschaft lebten, hatten verschiedene natürliche Verhältnisse. Dementsprechend unterschieden sich auch die Arten der Sammlung oder der Jagd in diesen Ortlichkeiten. Aber hinsichtlich der Sozialstruktur gab es Gemeinsamkeiten unter allen primitiven Gesellschaften. Zusammengesetzt aus kleinen Gruppen der Verwandschaft gingen die Menschen der primitiven Gesellschaft auf die Wanderschaft. Im Zusammenhang mit der Natur waren die damaligen Menschen einseitig passiv. Daher fielen die Gemeinsamkeiten der Sozialstruktur in dieser Entwick- lungsstufe der Gesellschaft fast vollständig aus. Außer der Verwandtschaft gab es fast keine Verbindungen der Menschen (Murdock, 1949, Levi-Strauss, 1967).
Etwa vor 10,000 Jahren erreichte die Menschheit die Entwicklungsstufe der agrarischen Gesellschaft. Jetzt erlebte die Produktionskapazität für Nahrungsmittel eine sprunghafte Entwicklung. In der Folge ergaben sich für die Gesamtgesellschaft bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen Produktionsüberschüsse, mit denen auch die nicht. in derLandwirtschaft Beschäftigten ernährt werden konnten. Daraus entstand hier die horizontale und vertikale Arbeitsteilung. Aus den Sippen oder Linien sonderten sich allmählich Familien ab, und es bildeten sich Unterschiede zwischen arm und reich bzw. Herrschenden und Beherrschten heraus. Im Vergleich zu anderen Erwerbssektoren erfährt die Landwirtschaft selbstver- ständlich einen weit größeren Einfluß der natürlichen Verhältnisse. Unter den natürlichen Verhältnissen wirkt das Klima auf die Landwirtschaft am stärksten ein. In der Temperatur und der Regenmenge unterscheidet sich die Erdoberfläche je nach der Gegend voneinander sehr deutlich. Dementsprechend wird die Landwirtschaft je nach Orten in verschiedener Form betrieben. Auf der Grundlage dieser Unterschiede in der Landwirtschaft bildeten sich je nach der Örtlichkeit verschiedene Sozialstrukturen und Kulturen heraus. Daher haben die Unterschiede in den heutigen Sozialstrukturen und Kulturen ihren Ursprung in der Zeit der agrarischen Gesellschaft. Was sich damals in den verschiedenen Gegenden der Welt gebildet und angehäuft, wurde bis in unsere Zeit überliefert.
Mit der Renaissance, der Reformation und etwas später der industriellen Revolution, der Bürger-Revolution fing die Modernisierung in allen Lebensbereichen zuerst in Europa an und verbreitete sich danach in alle Gegenden der Welt. Vor zwei Jahrhunderten traten einige Länder in Europa schon in die moderne industrielle Gesellschaft ein. Man sagt, Japan sei erst nach dem Zweiten Weltkrieg richtig in die industrielle Gesellschaft eingetreten, obgleich sich Ansätze dazu schon bald nach der Meiji-Restauration (1868) zeigten. In der
industriellen Gesellschaft ist die Menschheit fast vollständig Herr der Natur geworden. Mit anorganischen Materialien macht man industrielle Fabrikate und mit unsichtbaren Infor- mationen und Diensten arbeitet man in vielen Lebensbereichen. Allmählich verschwinden die traditionellen Lebensweisen, die man, seinen eigenen Lebensstil den natürlichen Ver- hältnissen anpassend, gebildet, anhäuft und überliefert hatte. Auf diese Weise werden Sozialstrukturen und Kulturen in der ganzen Welt Schritt für Schritt in ein Muster, vielleicht ein europäisches Muster zusammenwachsen.
3. Das Muster der allgemeinen Modernisierung
Mit der Renaissance, der Reformation, etwas später der industriellen Revolution und zuletzt der Bürger-Revolution fing die Modernisierung in alle Lebensbereichen zuerst in Europa an und verbreitete sich danach in alle Gegenden der Welt. Vor zwei Jahrhunderten traten einige Länder in Europa schon in die moderne industrielle Gesellschaft ein. Man sagt, Japan trat erst nach dem Zweiten Weltkrieg richtig in die industrielle Gesellschaft ein, obgleich sich ihre Ansätze schon bald nach der Meiji-Restauration (1868) zeigten.
Seither hat Japan sich darum bemüht, wirtschaftlich und militärisch das Niveau der europäischen Großmächte zu erreichen und zu übertreffen. Damals blieben in Japan als einem rückständigen Land viele vormoderne Traditionen in allen Lebensbereichen leben- dig. Eine davon ist das Prinzip der Hausgemeinschaft. In allen vormodernen Gesellschaften ist das Prinzip der Hausgemeinschaft mehr oder weniger in verschiedene Lebensbereiche durchgedrungen. Europa war auch keine Ausnahme. Aber in Europa verschwand das Clansystem verhältnismäßig früh im Mittelalter. Wie im nächsten Abschnitt erwähnt wird, hat die hausgemeinschaftliche Verbindung in den ostasiatischen Ländern im Reisbau ihren Ursprung. Eigentlich stellt man alles zur Verfügung, um jedes Ziel zu erreichen. Um das Zugehörigkeitsgefühl und die Treue zu einer Gruppe zu erhöhen, bedienten sich die leiten- den Persönlichkeiten in Japan des Prinzips der Hausgemeinschaft in allen Bereichen der Gesellschaft. Am Anfang der Meiji-Zeit betonten sie das Schlagwort "Wakon Yohsai" (W
~f:F::t-japanischer Geist, verbunden mit europäischer Technologie-). Ein Beispiel sol- chen japanischen Geistes war das Prinzip der Hausgemeinschaft. Als ein fiktives Muster wurde das Prinzip der Hausgemeinschaft sowohl vom Staat oder von Unternehmen in großem Maßstab als auch in Schulen, Cliquen und sogar bei den "Yakuza"-japanischen Mafia-Gruppen-in kleinem Maßstab angewendet, um die Integration innerhalb dieser Gruppen zu verstärken. So kam es, daß man das Prinzip der Hausgemeinschaft, das an sich hier nichts anderes als ein fiktives Muster war, für einen strukturellen und unverän-
Gesellschaft und Natur-Zum Verständnis der Hausgemeinschaft in der japanischen Gesellschaft (Kamiya)
derlichen Faktor der japanischen Gesellschaft hält. Hinsichtlich des Wandels der sozialen Verbindung zeigt sich die Modernisierung in der strukturellen und funktionellen Reduktion der Familie bzw. Verwandtschaft. Diese Tendenz kc:innte man als eine Erscheinungsform der allgemeinen Modernisierung überall in der Welt betrachten. Selbstverständlich ist Japan keine Ausnahme. Heutzutage verschwindet das Prinzip der Hausgemeinschaft allmählich in allen Lebensbereichen der japanischen Gesellschaft. Stattdessen tritt überall das Prinzip der Modernisierung auf, das zuerst in den westlichen Ländern aufblühte und Früchte brachte.
Was bedeutet dann die Modernisierung in der Gesellschaft. Nach Tominaga zeigt sich die Modernisierung in den vier Sub-Systemen der Gesellschaft wie folgt (Tominaga, K. 1990
s. 43-45):
(1) Die Modernisierung im wirtschaftlichen Sub-System
Man kann die wirtschaftliche Modernisierung als "Industrialisierung" definieren. Die Industrialisierung hat zwei Seiten, nämlich eine technische und -ieine wirtschaftliche.
Die technische Seite bedeutet das rapide Ansteigen der Produktionskraft mit der Anwendung der wissenschaftlichen Technik. Die wirtschaftliche Seite bedeutet das Wirtschaftswachstum, d. h. das rapide Ansteigen der jährlichen Produktionshc:ihe und den strukturellen Wandel des wirtschaftlichen Systems wie die Entwicklung der modernen Organisationen oder die Bildung der modernen Märkte usw.
(2) Die Modernisierung im politischen Sub-System
Man kann die politische Modernisierung als "Demokratisierung" definieren. Die Demokratisierung bedeutet den strukturellen Wandel des politischen Systems, wo die politische Willensentscheidung auf der Grundlage der Demokratie in der Massen-Ebene erfolgen und ihre Verwirklichung von spezialisierten und äußerst tüchtigen Büro- kraten übernommen wird.
(3) Die Modernisierung im sozialen Sub-System
Man kann die soziale Modernisierung als "Verwirklichung der Freiheit und Gleichheit"
definieren. In der vormodernen Gesellschaft war man in die Hausgemeinschaft als blutsverwandte Verbindung und in die Dorfgemeinschaft als räumliche Verbindung eingebunden. Die soziale Modernisierung hat einerseits die genannten Verbindungen zerschlagen und sie andereseits in zweckmäßiger Form erneuert. Dadurch wurde man aus den traditionellen Sozialbindungen der vormodernen Gesellschaft befreit. Durch den freien Wettbewerb zwischen den gleichberechtigten Individuen erreicht man dann auch den Zweck der einzelnen funktionellen Gruppen.
(4) Die Modernisierung im kulturellen Sub-System
Man kann die kulturelle Modernisierung als "Rationalisierung" definieren. In der vormodernen Gesellschaft war man an irrationale Systeme oder Normen wie Tradi- tion, Sitte, Aberglauben, Zauberei usw. gebunden. In vielen kulturellen Bereichen wie dem Gedanken, der Religion usw.bemühte man sich schon im 15.und 16.Jahrhundert darum, aus den traditionellen und irrationalen Gebundenheiten auszubrechen. In diesem Sinne bedeutet die kulturelle Modernisierung, einen kulturellen Wandel, und die Verwirklichung des Rationalismus zu erstreben.
Wie oben erwähnt, wurde diese Modernisierung im 15. und 16. Jahrhundert durch die Renaissance und die Reformation und im 18. und 19. Jahrhundert durch die Bürger- Revolution und die industrielle Revolution in Europa realisiert. Man könnte die Moder- nisierung in den nicht-europäischen bzw. rückständigen Ländern als Ergebnisse der Über- tragung, Imitation oder Übernahme des europäischen Musters betrachten. In der Vor- bemerkung zu den "Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie" hat M. Weber vers- chiedene kulturelle Abschnitte angeführt und die Tatsache betont, daß sie alle nur im Okzident erreicht wurden. Das ist der berühmte "Nur im Okzident" -Satz (Weber, M. 1988, 1-2). Was man bei einem Land für etwas Spezifisches bzw. Eigentümliches hält, ist in vielen Fällen nur die Rückständigkeit zum Okzident. Im Laufe der Zeit würde sie allmählich verschwinden oder höchstens nur als etwas Peripherisches erhalten bleiben. Das ist sozusagen die allgemeine Modernisierung."
4. Die Hausgemeinschaft und der Reisbau
Wie oben erwähnt, erfährt die Landwirtschaft im Vergleich zu den anderen Er- werbssektoren selbstverständlich einen weit stärkeren Einfluß der natürlichen Verhältnis- se. Unter den natürlichen Verhältnissen wirkt das Klima auf die Landwirtschaft am stärksten ein. Die Abb. 2 und 3 zeigen die Regenmenge und die Temperatur in den Großstädten des Alten Kontinents. Die Regenmenge und die Temperatur bestimmen die geographische Verbreitung der Pflanzen. Die Abb. 4 zeigt die Verbreitung von Wäldern, Grassteppen und Wüsten auf dem Alten Kontinent. Die durchschnittliche Regenmenge des Jahres in der japanischen Inselkette erreicht von 1000 bis 1500 mm. Davon konzentriert sich die Hälfte auf den Sommer (vom Anfang Juni bis Ende September). Dieses heiße und feuchte Klima ausnützend treibt man in Ost- und Südost-Asien den Reisbau. Der Reisbau ist eine spezielle Landwirtschaft, die in der Zeit des Reispflanzens und für das Wachstum
Abb. 2 Regenmenge in den Großstädten des Alten Kontinents Jan. Feb. Mar. Apr. May Jun. Jul. Aug. Sep. Oct. Nov. Dec. Summe ~ London 5 : 51" 5) 53 40 37 38 46 46 56 59 50 57 64 48 594
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Paris 53 : 49· 0) 54 43 32 38 52 50 55 62 51 49 50 49 585 ::,-- "' Berlin 49 : 52" 5) 41 37 30 39 44 60 67 65 45 45 44 39 556 ::;- C Moskau ( 15fi : 55• 8) 31 28 33 35 52 67 74 74 58 51 36 36 575 ::, C. Stockholm ( 10 : 59· 4) 43 30 26 31 34 45 61 76 60 48 53 48 555 z "' a- Bordeaux ( 48 : 44· 9) 90 75 63 48 61 65 56 70 84 83 96 !09 900 ~ Marseille ( 3: 43" 5) 43 32 43 42 46 24 11 34 60 76 69 66 546 C 3 Barcelona ( 95: 41" 4) :rn 53 48 46 46 33 30 43 66 86 69 46 597 <: "' Rom ( 53: 41° 9) 69 58 38 43 51 25 15 23 69 94 97 71 653 iil....
Athen ( 107 : 38" 0) 62 36 38 23 23 6::, 14 7 5 51 56 71 402 C. 3. Istambul ( 40: 41" 0) 94 58 66 48 36 33 43 38 58 97 104 124 800 "' ~ Damascus ( 724 : 33· 5) 54 39 29 15 6 0 0 0 0 5 26 60 234 ... ::c: Baghdad ( 34 : 33· 6) 26 28 28 17 7 0 0 0 0 3 21 26 156 "' C Tehran (1191 : 35• 7) 37 23 36 31 14 2 1 1 1 5 29 27 208 ~ 3 Karachi ( 4 : 24° 8) 7 11 6 2 0 7 96 50 15 2 2 6 204
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Shanghai(C) ( 5 : 31" 2) 48 58 84 94 94 180 147 142 130 71 51 36 1135 ::,-- "' Hongkong(C) ( 33 : 22· 3) 30 60 70 133 332 479 286 415 364 33 46 17 2265 ::;- Incho(K) ( 70 : 35• 5) 16 73 72 70 64 135 212 191 197 88 88 53 1279 ~ Singapore ( 10: 1" 4) 285 164 154 160 131 177 163 200 122 184 236 306 2282l
Bangkok ( 16 : 13° 7) 9 29 78 122 161 161 192 172 172 318 327 192 2033 e. : Quelle : Fujimoto, T, 1994 S.17Abb. 3 Temperatur in den Großstädten des Alten Kontinents Jan. Feb. Mar. Apr. May Jun. Jul. Aug. Sep. Oct. Nov. Dec. Durchsch. Warm-Ind. London 5:51·5) 4.2 4.4 6.6 9.3 12.4 15.8 17.6 17.2 14.8 10.8 7.2 5.2 10.5 66.9 Paris 53 : 49• 0) 3.1 3 .. 8 7.2 10.3 14.0 17.1 19.0 18.5 15.9 11.1 6.8 -1.1 10.9 74.9 Berlin ( 49 : 52· 5) -0.5 0.2 3.9 9.0 14.3 17.7 19.4 18.8 15.0 9.6 4.7 1.2 !J.5 68.8 l\:loskau ( 156 : 55• 8) -9.9 -9.5 -4.2 4.7 11.9 16.8 19.0 17.1 11.2 4.5 -1.9 -6.8 4.4 51.0 Stockholm ( 10 : 59· 4) -2.9 -3.l -0.7 4.4 10.1 14.9 17.8 16.6 12.1 7.1 2.8 0.1 6.6 48.7 Bordeaux ( 48: 4-1' 9) 5.2 5.9 9.3 11. 7 14.7 18.0 19.6 19.5 17.1 12.7 8.4 5.7 12.3 87.8 Marseille ( 3: 43' 5) 5.5 6.6 10.0 13.0 16.8 20.8 23.3 22.9 19.9 15.0 10.2 6.9 H.2 110.9 Barcelona ( 95: 41" ,1) 9.5 10.3 12.2 14.2 17.8 21.1 23.9 24.2 22.0 18.1 13.3 10.3 16.4 136.9 i!!l: Rom ( 53: ff 9) 8.1 8.6 11.1 13.9 18.1 21. 7 24.5 24.5 22.2 17.2 12.5 9.2 16 .1 131.6 IJI >1- Athen ( 107 : 38° 0) 9.3 9.9 11.3 15.3 20.0 24.6 27.6 27.4 23.5 19.0 14.7 J 1. 0 17.8 154.6 ~ lstambul ( 40 : 41· 0) 4.7 5.6 7.5 11. 7 15.8 20.3 22.8 23.1 20.0 15.8 12.0 7.8 13.9 107.4
....
Damascus ( 724 : 33· 5) 7.7 9.1 11.9 16.6 21.4 25.1 27.2 27.6 24.4 20.6 13.5 8.7 17.8 153.8 A!: tt~ ßaghdad ( 3-1 : 33· 6) 9.9 12.2 15.8 22.2 28.4 32.9 34.8 34.5 30.7 24. 7 17 .2 11.2 22.9 214.5 ~ Tehran (1191 : 35' 7) 3.5 5.2 10.2 15.4 21.2 26.1 29.5 28.4 24.6 18.3 10.6 4.9 16.5 139.5 ~ ~ Karachi ( 4: 24° 8) 18.9 21.2 24.3 26.9 29.2 30.4 29.3 28.2 27.6 27.1 24.9 21.3 25.8 249.3 lllllt New Dalhi < 216: 28· 6) 14.3 17.3 22.9 29.1 33.5 34.5 31.2 29.9 29.3 25.9 20.2 15.7 25.3 243.8....
Alexandria ( 7 : 31" 2) 13.7 14.5 16.0 18.5 21.4 24.2 26.1 26.8 25.5 23.0 19.3 15.4 20.4 184.4 lM NI Cairo ( 139 : 29' 9) 12.7 14.0 16.6 20.5 24.7 26.8 26.8 27.7 25.7 23.6 19.7 14.8 21.1 193.6 00 Wadi Halfa ( 155 : 21· 8) 15.1 16.5 20.9 25.9 30.7 31.9 32.3 32.5 30.3 27.7 21.8 16.9 25.2 242.5 ~ lM Alger ( 25: 35· 7) 10.3 10.8 13.0 15.2 18.0 21.8 24.4 25.1 23.1 18.9 14.9 11. 7 17.3 147.2 c,., Casablanca ( 58: 33• 6) 12.4 13.0 14.7 16.1 18.0 20.5 22.5 22.9 21.8 19.4 16.3 13.4 17.6 151.0 <Jtn Accra ( 65: 5• 6) 27.3 27.7 27.8 27.7 27.0 25.7 24.6 24.3 25.3 26.1 27.1 27.3 26.5 257.9 Tokyo ( 5:35•7) 4.1 4.8 7.9 13.5 18.0 21.3 25.2 26.7 23.0 16.9 11.7 6.6 15.0 120.8 Tenchin(C) ( 10 : 39' 2) -4.2 -1.1 5.3 13.6 20.0 25.3 27.5 26.4 21.4 14.5 5.0 -1.9 12.5 114.0 Shanghai(C) ( 5 : 31' 2) 4.2 4.7 8.6 14.5 20.0 23.6 27.8 27.8 23.4 18.6 12.2 7.0 16.1 133.5 Hongkong(C) ( 33: 22' 3) 15.4 15.8 18.2 21.8 25.6 27.5 28.4 27.9 27.3 24. 7 21.2 17.4 22.6 211.2 Incho(K) ( 70 : 35' 5) -4.0 -1.6 3.4 9.7 15.3 19.6 23.9 25.1 20.6 14.2 7.2 -0.4 11.1 95.6 Singapore ( 10: 1' 4) 26.1 26.7 27.2 27.6 27.8 28.0 27.4 27.3 27.3 27.2 26.7 26.3 27 .1 265.6 Bangkok ( 16: 13" 7) 26.1 27.6 29.2 30.3 29.8 28.9 28.4 28.2 27.9 27.6 26.7 25.5 28.0 276.2 Quelle : Fujimoto, T, 1994 S.16Gesellschaft und Natur-Zum Verständnis der Hausgemeinschaft in der japanischen Gesellschaft (Kamiya)
große Regenmengen braucht.
Die Fachleute für Landwirtschaft, die in der Meiji-Zeit die Lage der japanischen Land- wirtschaft beobachteten, sagten oft, daß die japanische Landwirtschaft keine eigentliche Landwirtschaft, sondern eine Gartenarbeit ist. Worin liegt der Unterschied zwischen Landwirtschaft und Gartenarbeit?
Landwirtschaftsprodukte, die nur durch wiederholte Bestellung und mehrfaches Jäten zwischen der Saat und der Ernte eine ordentliche Ernte erwarten lassen, nennt man auf
Abb. 4 Verbreitung von Wäldern, Grasssteppen und Wüsten auf dem Alten Kontinent
Quelle : Fujimoto, T, 1994 S.15
§ lmmergrune-Laubbaume [[]] Taiga
~ Grassteppe
!lllwuste
Englisch "Intertillage" im Gegensatz zu "Non-Intertillage", wo auch ohne weitere Bestel- lung und ohne zwischenzeitliches Jäten eine reiche Ernte zu erwarten ist. Ein Beispiel für die erstere Art ist das Wurzelgemüse, für die letztere Gruppe Getreide, z. B. Weizen, Bohnen oder Gras. Man sagt, die japanische Landwirtschaft sei ein ständigen Kampf gegen das Unkraut. Im Sommer ist es sehr heiß und feucht, demzufolge nimmt das Unkraut im Ackerland überhand. Nicht nur bei Wurzelgemüse sondern auch beim Getreide (vorwiegend Reis) muß einigemal zwischen der Saat und der Ernte nachbestellt und gejätetn werden.
Mit anderen Wortensind alle Landwirtschaftsprodukte in Japan der Gruppe "Intertillage"
zuzurechnen (Iinuma, 1981 S.16).
Im Gegensatz dazu regnet es in Europa im Sommer weniger, und es ist trockener und kühler. Auch wenn sich auf den Feldern Unkraut einstellt, kommt es gegen das Getreide nicht an. Deswegen werden auf den Getreidefeldern gewöhnlich keine späteren Arbeiten wie z. B. Jäten durchgeführt, und die Intertillage betrifft nur Wurzelgemüse. Insoweit ist der Unterschied zwischen "Intertillage" und "Non- Intertillage" von großer Bedeutung. In Europa glaubt man, daß bei der Landwirtschaft bis zur Ernte keine weiteren Arbeiten wie z. B. Jäten erforderlich sind, und daß es Gartenarbeit ist, wenn in der Zwischenzeit gejätet wird oder sonstige Arbeiten vorgenommen werden.
Der Vorteil beim "Non-Intertillage" -Anbau ist, daß er ohne großen Aufwand eine einigermaßen gute Ernte einbringt, der Nachteil, daß auch mit großem Aufwand der Ertrag eines Feldes nicht zu steigern ist. Das bedeutet, daß die erforderliche Arbeitsinten- sität sehr gering ist.
Das Ackerland unterliegt dem "law of diminishing returns". Auch wenn man große Mühe aufwendet, erhöht sich der Ertrag von einem bestimmten Punkt aus nicht wesentlich. Daß die aufzuwendende Arbeitsintensität klein ist, bedeutet zugleich daß man trotz größter Mühe sehr rasch zum Grenzpunkt der Produktivität kommt. Beim "Intertillage" -Anbau kommt man nur langsam an diesen Punkt heran, so daß die Möglichkeit einer aufwendigen aber lohnenden Mühe besteht. Mit anderen Worten, der Grad der Arbeitsintensität ist besonders groß. In Japan, einer Intertillage-Region, wo alle Produkte in gleicher Weise im
"lntertillage" -Anbau erzeugt werden, ist es nicht so leicht zu erkennen, aber in Non- Intertillage-Regionen zeigt sich das sehr deutlich.
Eine "Intertillage" -Landwirtschaft zeichnet sich vor allem durch den hohen Grad von Arbeitsintensität aus, aber wenn man es von der anderen Seite aus ansieht, bedeutet es, daß ihr Grad der Mechanisierung klein ist. Im Gegensatz dazu ist bei der "Non-Intertillage"
-Landwirtschaft der Grad der Arbeitsintensität klein, aber der Grad der Mechanisierung groß ist. Wenn alle Produkte im "Intertillage" -Anbau gewonnen werden, ist ohne großen Aufwand an Arbeitskraft keine gute Ernte zu erwarten. Wenn man aber große Mühe und Energie aufwendet, ist der Ertrag hier im Vergleich zur Landwirtschaft in "Non- Intertillage" -Regionen enorm groß, so daß die Möglichkeit besteht, auf kleineren Flächen eine größere Menge von Menschen zu ernähren.
Gesellschaft und Natur-Zum Verständnis der Hausgemeinschaft in der japanischen Gesellschaft (Kamiya)
Eigentlich ist Japan kein für den Anbau von Getreide geeignetes Land, da wegen des heißen und feuchten Klimas vor allem Halme, Blätter und Wurzeln der Getreide vergeblich wuchern. Um solchen vergeblichen Wuchs zu kontrollieren und die Pflanzen zu reichem Fruchttragen zu bringen, ist ein großer Kraftaufwand in den "Intertillage-Regionen"
unentbehrlich. Dieser Kraftaufwand liegt meistens in präziser Handarbeit. Man denke zum Beispiel an landwirtschaftliche Arbeiten wie das Anlegen von Saatbeeten, das Reispflan- zen, das Verpflanzen usw.! Das ist der Grund dafür, daß in Japan seit jeher Landwirtschaft ohne Vieheinsatz betrieben wurde. Dieser Stil der Landwirtschaft war sehr schwer zu beaufsichtigen. Er war deshalb auf Arbeitskräfte der Hausgemeinschaft bzw. auf haus- gemeinschaftsähnliche Arbeitskräfte von guter Qualität angewiesen. Es ist hier zu erwäh- nen, daß der landwirtschaftliche Betrieb in Japan nur von einer Größe war, daß er durch die Arbeitskräfte einer Hausgemeinschaft bzw. hausgemeinschaftsähnliche Arbeitskräfte im Gang zu halten war (Ebd., S. 22). Das Organisieren dieser präzisen und sorgfältigen Handarbeiten und ihre Überwachung waren von den Herrschaftskräften des Hausober- hauptes abhängig. Hier wird eine vertikale Dominanz-Submissions-Beziehung zu den gemeinschaftlichen Verbindungen hinzugefügt. Auf diese Weise fördert die Landwirt- schaft im "lntertillage" -Anbau sowohl die hausgemeinschaftlichen Verbindungen als auch den Patriarchalismus. Das ist die landwirtschaftliche Grundlage der Hausgemeinschaft innerhalb der japanischen Gesellschaft.
Typische für den "Intertillage" -Landbau ist selbstverständlich der Reisbau. Wie Abb. 5 zeigt, verbreitete sich der Reisbau als Hauptprodukt der Landwirtschaft schon im 15.
Jahrhundert über das östliche und südöstliche Asien.Der Reisbau wird in den asiatischen Monsun-Regionen gewöhnlich auf den Reisfeldern ausgeführt, die viele komplizierte Arbeiten erfordern. Im Vergleich zum gewöhnlichen Ackerbau nimmt es bei weitem mehr Zeit und Mühe in Anspruch, die Reisfelder anzulegen, sie zu unterhalten und sie zu überwachen. Man kann sagen, daß der heutige Reisbau erst auf Grund einer hochentwick- elten Technik der Wasser-Nutzung verwirklicht werden konnte. Wer ist der Träger dieser Wasser-Verwaltung? Naturlich ist es die Dorfgemeinde. Die Bauern werden nolens volens in das Verwaltungssystem für die Reisfelder hineingenommen und in die verschiedenen bodenbezogenen Verbinden fest eingebunden. In den bodenbezogenen Verbinden ist ein eigenwilliges Verhalten nicht erlaubt. Man muß immer vorsichtig vorgehen, wenn man alle Reibereien mit den Nachbarn auf ein Minimum bringen will. Hier hält man die Harmonie
Abb. 5 Haupt-Landprodukte des Alten Kontinents im 15. Jahrhundert
[]] Reis
l;;J
Afrika. Getreide~ Weizen (u. dgl) ■ Kartoffeln Quelle : Fujimoto, T, 1994 S.261
für die wichtigste Tugend. Das ist der Geist der sog. Harmonie ("Wa;'="~"). Die "Ie"
(Hausgemeinschaft) und die "Mura" (Dorfgemeinschaft) sind zwei Typen der sozialen Verbände in der traditionellen japanischen Gesellschaft. Wenn man die Sache durchdenkt, kann der Kollektivismus als eine wichtige Eigenart der japanischen Gesellschaft letzt endlich auf die Besonderheit der japanischen Landwirtschaft zurückgeführt werden, die vom japanischen Klima her bestimmt ist.
In den letzten Jahren hat sich die Modernisierung bzw. Mechanisierung des Reisbaus hier in Japan große Fortschritte gemacht. Als Folge davon haben das Jäten und ähnliche Arbeiten im Reisbau weiter abgenommen. Diese Umstände spiegeln sich im Wandel der Sozialstrukturen und Normen der Bauern. So wird die hausgemeinschaftliche Zusammen- setzung der japanischen Gesellschaft als ein Überrest der vormodernen Gesellschaft allmä- hlich verschwinden.
5. Die Besonderheit der Hausgemeinschaft in Japan im Vergleich mit der chinesischen bzw. koreanischen Hausgemeinschaft
Der Konfuzianismus verbreitete sich in den nordost-asiatischen Ländern, China, Korea und Japan. Er fällt mit den Regionen des intensiven Reisbaus zusammen. In diesen
Gesellschaft und Natur-Zum Verständnis der Hausgemeinschaft in der japanischen Gesellschaft (Kamiya)
Gegenden funktioniert er mehr oder weniger als religiös-ideologische Grundlage für die hausgemeinschaftliche Zusammensetzung der Gesellschaft. In diesen Ländern war die Hausgemeinschaft eine Achse der Gesellschaft. Eigentlich sind der Konfuzianismus und die Hausgemeinschaft eins. Aber in jedem dieser Ländern ist ihre Erscheinungsform vers- chieden.
Was ist die Besonderheit der japanischen Hausgemeinschaft im Vergleich zur chinesis- chen bzw. koreanischen Hausgemeinschaft? Wie oft erwähnt, kannte und kennt die chinesische bzw. koreanische Hausgemeinschaft nur konsequent die Blutsverwandschaft als Basis. Folglich hat sie die nicht verwandten Personen nie zu ihren Mitgliedern gezählt.
In Korea legt man besonderes Gewicht auf den väterlichen Stammbaum. In China gilt die Familie ebenfalls als ausgestorben, wenn kein Sohn in ihr geboren ist. Adoptionen sind auf den Kreis näherer Verwandter väterlicherseits beschränkt. Das Prinzip der chinesischen bzw. koreanischen Hausgemeinschaft steht im Widerspruch zur Modernisierung der Gesellschaft, da die übermäßige Rücksichtnahme auf den Stamm verhindert, die geeignete Person an den geeigneten Posten zu stellen, was für die Personal-Führung moderner Organisationen unentbehrlich ist. Hattori hat in ~einem Buch darauf hingewiesen, daß der Grundsatz der blutsverwandtschaftlichen Verbindung in Korea auf den Besitz des Kapitals, den Berufswechsel und die Wanderung der Arbeitskräfte große Wirkungen ausübt (Hattori, T, 1988).
Von einigen japanischen Fachwissenschaftlern ist es schon festgestellt worden, daß die Hausgemeinschaft in Japan im Gegensatz zur chinesischen bzw. koreanischen im all- gemeinen außer den Familienmitgliedern auch Nichtfamilienmitglieder einschließt (Mura- kami, Y., Kumon, S., Sato, S., 1979 S.224, Mito, T., 1991 S.313). Das Organisationsprinzip der japanischen Hausgemeinschaft, zum Erhalten und Gedeihen der eigenen "Ie" (Haus- gemeinschaft), über den Rahmen der Blutsverwandtschaft hinausgehend, auch Nicht- familienmitglieder in die eigene Hausgemeinschaft aufzunehmen, ist recht gut geeignet für den modernen bzw. kapitalistischen Betrieb. Man könnte sagen, darin liegt ein Grund dafür, daß Japan im Vergleich zu China bzw. Korea ein Vorläufer in der Modernisierung gewor- den ist.
Woraus erklärt sich der Unterschied der Hausgemeinschaftstypen in China und Korea einerseits und der in Japan andererseits. Ich glaube, hierzu bedarf es noch vielseitiger
Untersuchungen hinsichtlich der jeweiligen historischen Hintergrilnde, der politischen Entwicklungen und der natilrlichen Verhältnisse zwischen beiden Seiten. Insoweit setze ich meine Hoffnung auf die Zukunft.
Literatur
Fujimoto, T., 1994 "Higashi wa higashi, Nishi wa Nishi" (Archäologie der Kultur, Heibon- sha).
Hattori, T., 1988 "Kankoku no Keiei Hatten" (Entwicklung des Betriebe in Korea, Bunshin- do).
Iinuma, J., 1981 "Nogyo Kakumei Ron" (Die Agrarrevolution, Mirai-Sha). Levi-Strauss, C., Conferences au Japon, 1977.
Mito, T., 1991 "le no Ronri" (Die Logik der Hausgemeinschaft Bunshindo).
Murakami, Y., Kumon, S., Sato, S., 1979 "Bunmei toshiteno Ie-shakai" (Die Hausgemeins- chaft als Zivilisation, Chuoh-Koron Sha).
Tominaga, K., 1990 "Nihon no Kindaika to Shakaihendo" (Modernisierung und sozialer Wandel, Kohdansha Gakujutsu Bunko).
Weber, M., 1920 Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 3 Bde., Tübingen: J. C. B.
Mohr 8. Aufl.
-1996.11.15~ffi-