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Ein Vergleich der europaischen und japanischenVarianten vom Unibos-Schwank

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奈良教育大学学術リポジトリNEAR

Ein Vergleich der europaischen und japanischen Varianten vom Unibos‑Schwank

著者 TAKEHARA Takeshige

journal or

publication title

奈良教育大学紀要. 人文・社会科学

volume 26

number 1

page range 1‑21

year 1977‑11‑15

URL http://hdl.handle.net/10105/2536

(2)

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Bull. Nara Univ. Educ., Vol. 26, No. I (cult. & soc.), l9/7

Ein Vergleich der europäischen und japanischen Varianten vom lJnibos-Schwank

Takeshige Terruene

Deutsches Seminar, Pädagogische Hochschule Nara, Japan (Arn 16. April 1977 angenommen)

Inhaltsangabe

I. Der Schwank vom Unibos in Europa und Japan Grimms Märchen ,, Das Bürle "

Der lateinische Unibos Europäische Versionen Urform

Japanische Versionen Chinesische Versionen Koreanische Version

II. Die Analyse und der Vergleich des Unibos-Schwanks in Europa und Japan Die verwendeten Versionen

1. Die Einleitungsmotive von der Betrügerei des Helden

2. Die Belauschung der Ehebrecherin und der Wahrsager in der Kuhhaut (Version 1, 2,

3 und a)

3. Die wieder getötete Leiche (Version 2, 3, 4 und 5)

4, Die Befreiung aus dem Sack durch Tausch mit einern Hirten (oder Blinden)

5. Der Tod der reichen Gegner im -Wasser, die sich Vieh (oder Fisch) aus dem Wasser holen wollen.

IIL Die Eigenart des japanischen Typs vom Unibos-Schwank

1. Die japanische Variante ist gewöhnlich ganz kurz.

2, Die japanische Variante ist nicht so typisch schwankgemäß gestaltet wie die europäische.

3. Der japanische Schwank besitzt eine lehrhafte Tendenz.

Literratu rverzeichnis Anmerkungen

I. Der Schwanktyp vom Unibos in Europa und Japan

In den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm gibt es einen Trickster-schwank

,, das Bürle ":

In einem Dorf wohnen reiche Bauern und nur ein armer, der das ,, Bürle " (Bäuerlein) genannt wird. Es betrügt den Hirten und bekommt für ein künstliches Kalb aus Holz eine lebendige Kuh.

Da das Bürle kein Futter hat, schlachtet es die Kuh und geht in die Stadt, um das

Kuhfell zu verkaufen. Weil es unterwegs in ein Gewitter gerät, bittet es um Herberge

bei einer Mühle. Es belauscht, wie die Müllerin ihren Liebhaber mit den guten Speisen

(3)

Takeshige T.lrnsene

bewirtet. Als ihr Mann nach Hause kommt, verkauft das Bürle ihm einen Raben im Kuhfell als Wahrsager.

Es geht heim und sagt den Bauern, daß es sein Kuhfell in der Stadt für 300 Taler verkauft habe. Daraufhin schlagen die Bauern alle ihre Kühe tot, gehen in die Stadt und verkaufen die Felle, bekommen aber dafür kein Geld.

Sie werden deshalb sehr böse und beschließen, das Bürle in einem durchlöcherten Faß ins Wasser zu rollen. Ein Geistlicher kommt, um eine Seelenmesse zu lesen. Dabei erkennt das Bürle den Pfaffen, der bei der Frau Müllerin gewesen ist. Da es damals dem Pfaffen geholfen hat, will es jetzt von ihm gerettet werden. So läßt der Pfaff das Fass am U{er stehen. Als der Schäfer mit einer Herde Schafe vorbeikommt, redet das Bürle ihm ein, daß der, der sich ins Faß setzt, Schultheiß werde. Der Schä{er tauscht den Platz mit dem Bürle und wird von den Bauern ins Wasser gerollt.

Als das Bürle die Herde des Schäfers mit sich nimmt und ins Dorf kommt, sagt es

den Bauern, daß es die Herde unten au{ dem Wassergrunde ge{unden und heraufgeholt habe. Da stürzen sich die Bauern ins 'Wasser, um zu solchem Reichtum zu gelangen, und kehren nicht wieder. So wird das Bürle als der einzige Erbe ein reicher Mann.

Die älteste Gestalt des Bürle, des Bauern Unibos (Einochs), ist um 950 entstanden und hat schon früh seinen Weg auf das Pergament gefunden. Der Verfasser war wohl ein geistlich gebildeter Spielmann. In lebhaftem und anschaulichem Latein trug er seinen Schwank wohl zur Belustigung der Mönche im Kloster vor. Wahrscheinlich war er ein Lothringer. Lothringen ist im 10. und 11. Jahrhundert die Heimat mancher geistlichen Dichtung geworden, vor allen Dingen der Satire und der Fabelcr). Der lateinische Unibos besteht aus den Motiven der verkauften Ochsenhaut, der wiederbelebten Ehefrau, des Silbermünzen von sich gebenden Pferdes, des Sauhirten in der Tonne und der Schweine- herde im Meer(z):

Ein Bauer hat das Unglück, nie mehr als einen Ochsen zu besitzen ; so oft er zwei

kauft, stirbt einer. Darum wird er spottweise Unibos (Einochs) genannt. Einmal soll er in die Stadt gehen, um die Haut des gefallenen Ochsen zu verkaufen, und findet auf dem Wege drei verborgene Töpfe voll Geld. Er muB ein Maß ausleihen, um das Geld zu messen. Er entlehnt es beim Schulzen. Als er von ihm des Diebstahls angeklagt wird, sagt er, er habe in der Stadt das Geld für die Ochsenhaut bekommen. Draufhin beschließen die Dorfväter (Schulze, Vogt und Pfarrer) ihre Rinder zu schlachten und die Häute zu verkaufen. Da sie aber auf dem Markte mit ihrer Forderung verspottet werden und ohne einen Pfennig heimkehren, schwören sie dem unibos Rache.

Dieser beschmiert nun seine Frau mit Schweineblut und sagt, sie sei tot. AIs er aber auf einer Weidenföte bläst, beginnt sie sich zu regen und ist noch schöner als zuvor.

Die Dorfväter kaufen dann die Flöte und töten ihre Frauen, können sie aber nicht mehr zum Leben erwecken.

Schließlich steckt Unibos seinem Pferd Goldstücke in den Hintern und sagt den

rachegierigen Bauern, daß dieses Pferd immer Goldstücke fallenlassen könne. Sie kaufen

(4)

Ein Vergleich der europäischen und japanischen Varianten vom Unibos-Schwank

ihm für viel Geld das Pferd ab und erfahren bald, daß es nach den ersten Goldstücken

nur das hergibt, was jedes Pferd hergibt.

Die Dorfväter ergreifen Unibos und setzen ihn in eine Tonne, die ins Wasser gerollt werden soll. Da bittet er seine Gegner, ihm zu verzeihen und die zwölf Pfennige in seiner Tasche zu vertrinken. Während sie in der Schenke zechen, redet er einem Sau-

hirten ein, daB der, der sich ins Faß setzt, Schulze werden soll. Der Hirt tauscht den Platz mit Unibos und wird von den zurückkehrenden Zechern ins Wasser gerollt.

Unibos eignet sich die Schweineherde des Hirten an und behauptet, daß er sie auf dem Meeresgrund bekommen habe. Da springen alle Dorfväter ins Meer und kommen um(3).

Diesem Lateinischen Unibos fehlt das Erlebnis in der Mühle (bei Grimm) : die entdeckten Speisen, die ertappte Frau und ihr Liebhaber, der wahrsagende Vogel, den der Ehemann

für viel Geld kauft. Das ist ein Schwank für sich, der in Frankreich seit dem 13. Jahr- hundert auftaucht. Dieser Schwank wird die Belauschung der Ehebrecherin genannt. Er lebt über das Mittelalter hinaus in vielfältiger Gestalt im ganzen Abendland. Ein italie- nischer Erzähler im 15. Jahrhundert mag ihn in unser Märchen eingefügt habenc4).

In einer italienischen Variante begegnen wir auch einem anderen Einleitungsmotiv :

Der Held verkauft den Kaufleuten, die ihn früher betrogen haben, einen Gold von sich gebenden Esel, ein als Botenläufer dienendes Kaninchen, einen von selbst kochenden Kessel und eine Tote erweckende Trompetecs).

In Deutschland trägt im 16. Jahrhundert der Held des Märchens noch immer einen Namen, der sich von Unibos herleitet, aber die scheinbar tote Frau wird durch eine wirklich Tote ersetzt, die auf einen Weg gelegt wird, und die Schuld am Todesfall wird einem Fuhrmann zugeschoben, der sie überfahren haben soll und dem Bauern ein schönes Stück Geld bezahlen muß. Hierauf folgt das gleiche Schlußmotiv wie in der Erzählung vom lJnibos(6).

Der Schwank vom Unibos wird jetzt in allen Ländern Europas erzählt und reicht weit nach Asien hinein, bis China, Japan und Indonesien. Auch über fast ganz Afrika und Amerika von Grönland bis Peru ist er verbreitet(7).

Bolte und Polivka tragen die Varianten vom Unibos-schwank aus der ganzen Welt zusammen und unterscheiden folgende Teile des Schwanks:

Ar ein Kaninchen (Ziege, Vogel) wird als Botenläufer,

A2 ein Wolf als Schafbock verkauft ;

B ein Goldesel (Pferd) ;

C ein selbst-kochender Kessel ;

D ein Hut, der den Wirt bezahlt ;

E1 Lehm (Asche) für Gold ausgegeben, verkauft oder vertauscht;

E2 Geld, das angeblich in der Kiste war, vom Aufbewahrer eingefordert ;

Fl Kuhhaut (oder Vogel) an die Ehebrecherin oder

F2 deren Gatten verkauft oder

F3 für den Kasten, in dem der Buhler versteckt ist, eingetauscht oder

(5)

Takeshige Ternrene

Fr anderwärts wird Geld gefunden;

Gl eine Flöte (Fiedel, Stab, Messer), welche die scheinbar tote Frau wieder erweckt;

G2 die tote Mutter nochmals getötet und vom vermeintlichen Mörder bezahlt;

FI Befreiung aus dem Sacke (Kasten) durch Tausch mit einem Hirten ;

J Tod der Neider, die sich gleichfalls Vieh aus dem Wasser holen wollen.

Die Gegner sind entqreder Dorfgenossen, fremde Marktbesucher oder der eigene reiche und geizige Bruder(E).

Nach dem Aarne-Thompson'schen Märchentypenverzeichnis gehört der Schwank vom Unibos zum Typ ATh 1535 ,, The Rich and the Poor Peasant "ce). Stith Thompson zählt 825 Fassungen. Kaum eine Fassung ist der anderen ganz gleich, aber die Grundkonzeption, der Sieg des Schwachen, Listigen über die Leichtgläubigkeit und Habgier der Gro8en, ist

die gleiche geblieben(10).

In der geographisch-historischen Methode versucht Josef Müller anhand der 157 west- und nordeuropäischen Varianten die Entstehung und Wanderung des Unibos-Schwanks festzulegen. Hier stellt er die Urform des Unibos-schwanks folgendermaßen zusammen:

Einem Bauern stirbt seine Kuh. Als er ihre Haut zum Markte trägt, findet er unterwegs Geld. Seinem Nachbarn sagt er, er habe das Geld für die Kuhhaut erhalten.

Dieser schlachtet seine Kühe, erhält aber nur wenig für die Häute.

Um sich zu rächen, steckt er seinen Nachbarn in einen Sack, dem es aber auf schlaue Weise gelingt zu entkommen und mit einem Hirten zu tauschen. Er erhält dessen Herde und der Hirt wird an seiner Stelle ertränkt.

Am folgenden Tage begegnet er seinem Neider, dem er auf sein Befragen erklärt, er habe die Herde auf dem Grunde des Wassers gefunden. Darauf stürzt sich sein Neider, verblendet und überzeugt zugleich, ins Wasser und ertrinkt(r1)'

Dieser Urform werden gewöhnlich die verschiedenen Motive von der Betrügerei des Unibos beigefügt : zum Beispiel das Geld von sich gebende Pferd: die Belauschung der Ehebrecherin und der Wahrsager mit der Kuhhaut ; die wieder getötete Leiche'

In Japan besteht der Unibos-schwank nach meiner Ansicht aus einem Grundtyp und zwei Entwicklungstypen. Der Grundtyp heißt ,, Der Krankenheilende im Strohsack." Zwei Entwicklungstypen heißen ,, Der Wahrsager mit dem Pferdefell " und ,, Das Pferd, das Gold herausgibt."

Nach dem japanischen Märchentypenverzeichnis von Keigo Seki läßt sich hier die Motivfolge des japanischen Unibos zeigen.

1) Der Krankenheillende im Strohsack

1. Der Herr und der Knecht (der ältere und der jüngere Bruder od. der Vater und der Sohn)

:

Der {aule Knecht arbeitet nicht, lügt dem Herrn ins Gesicht und sagt, daB ein Falke (od. ein Kranich) im Baum ein Nest gebaut habe'

(a) Der Herr geht mit dem Knecht zum Baum, um das Nest auszuheben, klettert auf

den Baum und fällt herunter.

(6)

Ein Vergleich der europäischen und japanischen Varianten vom Unibos-Schwank

(b) Auf dem Baum betrügt der Knecht den Herrn und schreit, daB das Haus des Herrn brenne. Der Herr flieht in die andere Provinz.

2. Als der Herr verletzt worden (od. gestorben) ist,

(a) läßt der Knecht die F'rau des Herrn Nonne werden od.

(b) er nimmt sie zur Frau

3, Der Herr läßt den Knecht in den Strohsack sperren und zum Meer tragen, um ihn umzubringen.

(a) Der Knecht lügt die Träger an, daB das Geld unter einem Baum vergraben sei.

Sie gehen zu Baum, um das Geld zu suchen.

(b) Die fräger lassen auf dem Weg den Strohsack liegen, um ins 'fheater zu gehen.

4. Der blinde Fischer (Ochsentreiber, od. Masseur) stolpert über den Sack und hört vom Knecht : wer im Strohsack sitze, dessen Augen würden gleich geheilt. So setzt sich

der Blinde in den Sack und der Knecht bekommt die Fische.

5. Die Träger bemerken, daß sie betrogen werden, und werfen im Zorn den Strohsack

ins Meer.

6. Der Knecht kehrt mit Fischen nach Hause und sagt dem Herrn, daß er die Fische aus dem Meergrund gefangen habe.

7. Da der Herr im Meergrund Fische fangen will, steckt der Knecht ihn in den Strohsack

und wirft ihn ins Meer.

8. Der Knecht erbt das Haus des Herrn und dessen Frau dazu.

2) Der Wahrsager mit dem Pferdefell

1. Da der listige Mann den reichen Mann betrogen hat, schlägt er im Zorn das Pferd des Listigen tot.

2. Der Listige geht in die Stadt, um das Pferdefell zu verkaufen, und beobachtet in einem Haus, wie eine Frau ihren Liebhaber mit köstlichen Speisen verwöhnt. l)arau{hin sagt

er vor dem Ehemann aus dem Pferdefell wahr und bekommt da{ür Geld.

3. Der Listige geht heim und lügt dem Reichen vor, daß er sein Pferdefell teuer verkauft habe. I)ann schlägt der Reiche seine P{erde tot, geht in die Stadt und verkauft das

Fell ohne Erfolg.

4. Der Reiche will den Listigen umbringen, aber tötet aus Versehen dessen Mutter.

5. Der Listige setzt seine tote Mutter auf ein Pferd, reitet in die Stadt, läßt sie nochmals töten und verlangt vom vermeintlichen Mörder Geld.

6. Daraufhin bringt der Reiche seine eigene Mutter um, geht in die Stadt und versucht vergebens, sie zu verkaufen.

Der letzte Teil des Typs besteht oft aus den Motiven 3 - 8 vom ,, Krankenheilenden im Strohsack."

3) Das Pferd, das Gold herausgibt

1. l)er einfältige ältere Bruder und der listige jüngere Bruder: Der jüngere Bruder betrügt den älteren Bruder und verkauft ihm

(a) ein Gold (od. Geld) von sich gebendes Pferd (od. Kuh),

(7)

Takeshige TAr<su.anl

(b) einen selbst-kochenden Kessel (od. Topf),

(c) ein von sich Gold (od. Geld) herausgebender Kessel,

(d) eine Reis von sich gebende Kürbisflasche,

(e) einen Früchte Reiskuchen trangenden Baum,

od. (f) einen den Toten wieder erweckenden Feueranbläser aus Bambus (od. ein Zau-

berbuch für denselben Zweck).

2. Der ältere Bruder wirft dem jüngeren Bruder den Betrug vor, aber dieser prahlt vor ihm:

(a) wenn man das Perd nicht mit Gold füttert, gibt es kein Gold heraus.

(b) wenn man den Kessel nicht ans Feuer setzt, kocht er nicht'

3. Der ältere Bruder tötet seine Frau und versucht vergeblich, sie mit dem Feueranbläser zu erwecken.

Danach können die Motive 3-8 vom ,, Krankenheilenden im Strohsack " erscheinen(r2)'

Ein japanischer Dichter, Junji Kinoshita, hat nach dem schwank des unibos-Typs ein Drama ,,Der Faulenzer Sannen-netaro" (1947) geschrieben, das beim Volk sehr beliebt ist' Im Drama kommen die folgende Motive vor : ein von selbst kochender Kessel, ein die

scheinbar tote Alte erweckender Feueranbläser und Befreiung aus dem Strohsack durch Tausch mit einem Fischer, der nicht an der Augenkrankheit leidet, sondern unter dem ständigen Schluckauf leidet(r3).

Nach dem chinesischen Märchentypenverzeichnis von Wolfram Eberhard heißt der unibos-schwank ,, Der Prahler " (Nr. 191) und trägt die folgende Motivfolge :

1. Ein Mann prahlt vor dem Schwiegervater oder einem Herrn, er kenne diesen oder jenen Trick, womit viel Geld zu verdienen sei'

2. Der läßt ihn sich vormachen, kauft ihn ab, aber er gelingt bei ihm nicht.

3. Er kommt wieder, wird wieder betrogen.

4. Er läßt den Prahler binden, damit er in den Fluß geworfen werde.

5. Der Prahler entkommt'

6. Der Betrogene stirbt schließlich durch den Prahler(ra)'

In Korea begegnen wir auch einer Variante vom Unibos ,, Der Knecht ":

Ein vornehmer Herr geht mit seinem Knechte in die Hauptstadt, um das Staatsexamen

für Beamte zu machen. Der Knecht verliert auf dem Weg den Esel des Herrn' Der

Herr will Brei essen und schickt den Knecht nach dem Laden. Als dieser aber zurück- kommt, sagt er seinem Herrn, daß ihm der Schleim von der Nase in den Brei getrieft

sei. Deshalb bekommt er den Brei von seinem Herrn zu essen'

Da der Herr im Staatsexamen durchgefallen ist, schreibt er auf den Rücken des Knechtes : ,,'Wegen dieses Knechtes bin ich im Staatsexamen durchgefallen. Er soll nicht am Leben bleiben. Packe ihn in einen Bambuskorb und wirf ihn in den Fluß !" So

schickt er ihn nach Hause. Auf dem weg begegnet der Knecht einem Mönch und läßt

diesen eine Korrektur anbringen : ,, Wegen dieses Knechtes habe ich Glück gehabt. Gib

ihm als Belohnung meine Tochter ! "

(8)

Ein Vergleich der europäischen und japanischen Varianten vom Unibos-Schwank

Der Herr kommt aber zu, früh nach Hause, und steckt den Knecht in einen Bambuskorb.

Diesen hängt er an eine Weide über den Fluß. Als die augenkranke Alte vorbeikommt, redet der Knecht ihr ein : wer sich in den Bambuskorb setzt, dessen Augen werden gleich

geheilt. Die Alte tauscht den Platz mit ihm. Daraufhin kommt der Herr zum Fluß und läßt den Bambuskorb ins Wasser fallen.

Nach zwei Tagen kommt der Knecht zurück und sagt dem Herrn, daß er auf dem

Flußgrund eine schöne Prinzessin im Drachenpalast gesehen habe. Da der Herr zum Palast im Fluß gehen will, packt der Knecht ihn in den Korb ein, wirft ihn ins Wasser

und nimmt die 'lochter des Herrn zur Frau(ls).

II. Die Analyse und der Yergleich des Unibos-Schwanke in Europa und Japan Beim Vergleich der Unibos-Schwänke verwenden wir hauptsächlich die folgenden

Varianten :

Europäische Fassungen

Version 1: Brüder Grimm, Kinder- und Hausmtirchzn. Vollständige Ausgabe. Darmstadt 1966.

Nr. 61 ,, Das Bürle " S. 358-362.

Vesion 2: Gottfried Henssen, VoIk erzahh. Münsterlilndische Sagen, Mdrcken und Schzoänke. Münster 21954.

Nr. 205 ,, Unibos " S. 27L-275.

Version 3 : Klara Stroebe/ Reidar Th. Christiansen, Norwegische Volksmärchcn. (Die Märchen der Weltliteratur) Disseldorf/ Köln 1962.

Nr. 40 ,, Der große und der kleine Peter " S. 220-22G.

Japanishe Fassungen

Version 4 : Horst Hammitzsch, Japanische Volksmärchen. (Die Märchen der Weltliteranr) Düsseldorf/ Köln 1973.

Nr. 64 ,, Der Pferdehändler Yasohachi " S. 204-2L6.

Version 5 : Toschio Ozawa, Japanische Märchen. (Fischer Taschenbuch) Frankfurt a. M.

r974.

Nr. 57. ,, Der Lügnet Hatschibei' S. L22-L25.

Version 6: Ebd.

Nr. 58. ,, Das Pferd, das Geld herausgibt " S. L25-128.

1. Die Einleitungsmotive von der Betrügerei des Helden

In den europäischen Varianten ist als Einleitungsmotiv von einer einzigen Kuh (od.

einem Kalb) des Helden die Rede.

In der Version t hat das ,, Bürle " keine Kuh und kein Geld, eine zu kaufen. Deshalb

läßt es seinen Gevater Schreiner eine Kalbfigur aus Holz hobeln und den Hirten das Kalb

(9)

8 Takeshige TaxsnlnÄ'

auf die Weide tragen. Da der Hirt glaubt, daß es selber laufen kann, kommt er am Abend ohne das Kalb zurück. Da einer indessen das Kalb gestohlen hat, muß der Hirt ihm dafür eine echte Kuh geben.

In der Version 2 schickt die Mutter ihren Sohn Eulenspiegel nach der Stadt, um eine

Kuh zu verkaufen. Da er aber dafür zu wening Geld bekommen hat, klagt ihm die Mutter, daß sie nun nichts zu essen haben. Deshalb betrügt er den Lehrjungen des Bäckers um zwei Stuten (Kuchenbrote).

-In

dieser Version kommt ,, Eulenspiegel " als ein Held vor,

aber diese Version ist kein Eulenspiegel-Schwank, denn es fehlt ihr das eigentliche Eulen- spiegel-Element von der ,, verdrehten Deutung des Wortlauts erhaltener Aufträge'"(16)-

In der Version 3 verschwendet der kleine Peter sein Erbteil, indem er in Saus und Braus lebt. Als ihm vom Besitz nur noch ein Kalb übrigbleibt, ftihrt er es auf die Weide des großen Peter. Dieser ärgert sich darüber und schlägt das Kalb'

In den japanischen Varianten ist nur in der Version 4 von einem einzigen Pferd des Helden die Rede. Dort leiht der Pferdehändler Yasohachi, der selber nur ein altes, mageres Pferd besitzt, von seinem Nachbarn, einem reichen Edelmann, achtundvierzig schöne Pferde. Mit diesen Pferden geht er durch die Stra8en der Stadt und prahlt gegen die Leute

:

.. Die hat mir alle mein Nachbar, der Schwachkopf, verkauft, ich hab' ihm dafür das neunundvierzigste Pferd, den alten, lahmen Klepper dahinten, angedreht ! " Der Edelmann

wollte nun auch gern hören, was die Leute über seine Pferde sagen würden, und war deshalb heimlich zur Stadt gegangen und hatte sich, ohne daß Yasohachi ihn sehen konnte, unter die Menge gemischt. (S. 205)

Im Verhalten des Edelmanns spiegelt sich die japanische geschlossene Gemeinschaft wider. wo man das Gerücht der anderen für höher hält als seine eigene Meinung. Des- wegen macht der Edelmann mit dem falschen Gerücht ernst und ärgert sich über die Lüge so heftig, daß er das einzige, magere Pferde des Helden tot schlägt'

In der Version 5 ist der Hauptfigur, der Lügner Hatchibei, der bei einer reichen Familie als Knecht arbeitet. Nach dem Beten zum Schutzgott des Dorfes käut er auf dem Rückweg den Reis, der als Opfergabe gedacht war. Er spuckt ihn unter einen Kiefernbaum und lügt dem Herrn vor, daß das der Kot eines Kranichs sei, der hoch oben im Kiefern- baum beim schintoistischen Schrein ein Nest gebaut habe. Auf seine Anregung geht der

Herr mit ihm zum Kiefernbaum, um sich den Kranich und drei Küken anzuschauen. Als sie auf den hohen Baum klettern, schreit der Lügner auf halber Höhe : ,, Ach, du liebe Zeit ! Mein Herr ! Ihr Haus brennt !" (S. 122) Während der Herr sich noch schwerfällig auf dem Baum abmüht, ist der Knecht schon zu Hause angekommen und ruft den Haus- leuten zu : ,, Der Herr ist eben von einem Kiefernbaum gefallen und schwer vetletzl."

(S. 122) In dieser Version zeigt sich schon am Anfang das Motiv: Reis als Opfergabe.

Das ist typisch für Japan, wo Reis die primäre Ernährungsgrundlage bildet. Nach der

Strafentlassung sagt der Lügner wieder : ,, IJnser Herr ist so geizig, daß nur er solche

Rinder haben kann. Ein Mann, den ich kenne, ist zwar arm, hat aber viel größere Rinder'

(10)

Ein Vergleich der europäischen und japanischen Varianten vom Unibos-Schwank

IJnser Herr ist wirklich geizig." (S. 123) Daraufhin gibt das falsche Gerücht im Dorf dem

Herrn AnlaB zum Entschluß, den Helden umzubringen, wie in der Version 4.

In der Version 6 tritt zwar am Anfang das Motiv vom Goldpferd auf, wie es manch-

mal in Europa vorkommt, aber eigentümlich ist die folgende Rechtfertigung des jüngeren Bruders vor dem älteren Bruder : ,, Ich habe dich nicht betrogen. Die Kuh glaubt, sie braucht bei dir kein Geld zu geben, weil deine Familie so reich ist. Nur deshalb gibt sie

kein Geld. Bei mir hat sie Geld gegeben, weil ich arm bin." (S. 126) Dann betrügt der jüngere Bruder den älteren wieder und verkauft ihm für eine Menge Geld ein wunderbares Bild vom Daruma-Priester, dem Gründer des Zen-Buddhismus, der den Schirm beim schönen

Wetter zuklappt und bei Regen aufspannt. (S. 126f.) Es bleibt zu bemerken, daß das

Roll-Bild vom Daruma-Priester ein charakteristisches Motiv ist in Ostasien.

2. Die Belauschung der Ehebrecherin und der Wahrsager in der Kuhhaut. (Version l, 2, 3

und 4)

In diesem Motiv besteht eine merkwürdige Ahnlichkeit zwischen den europäischen und den japanischen Varianten. Der Held geht in die Stadt, um sein Kuh-, Kalb- od. Pferdefell zu verkaufen. Weil es Abend wird, oder weil es stürmt, bittet der Held um Unterkunft für die Nacht bei einem Haus. Er wird Zeuge, wie die Hausfrau ihren Liebhaber bewirtet und wie sie das schöne Essen und den Ehebrecher vor ihrem Mann versteckt, als dieser nach Hause kommt.

Dann sagt der Held aus der Kuhhaut wahr. Der Wahrsager ist aber in Europa meistens

ein im Fell eingewickelter Rabe, während in Japan aus einem Pferdefell die Wahrheit gelesen wird. Der Gegenstand der Wahrsage ist die von der Frau versteckte Speise.

Diese Speise ist in Europa selbstverständlich eine andere als in Japan

:

In Europa;

Wein unterm Kopfkissen Braten in der Ofenkachel Salat auf dem Bett

Kuchen unterm Bett (V 1, S. 360)

ne gebraotte Gaus in'n Backuoben

un de Wienpulle in't Beddstrauh (V 2, S. 272) (eine gebratene Gans in dem Backofen

und die Weinflasche in dem Bettstroh)

eine Schüssel Rahmgrütze unter der Ofenbank

Bier und Branntwein unter der Kellertreppe (V 3, S. 222)

In Japan;

ein mit Speisen und Sake (Reiswein) gut besetzter Tisch im Hinterzimmer ein paar schöne Tintenfischarme am Nagel für die Regenmäntel (V 4, S. 207)

Und dann wird der Liebhaber erwähnt, der in Europa und auch in Japan gewöhnlich

(11)

Takeshige Tetculne

ein Geistlicher ist :

Pfaff im Schrank auf dem Hausehrn (V 1, S. 359) Pastor in de Hawerkiste (Haferkiste) (V 2, S' 272)

Priester in einer großen Kiste in der guten Stube (V 3, S. 221) Liebhaber in einem großen Korb im Wandschrank (V 4, S. 206)

In der Version 4 steht nur ein Liebhaber, aber nach der japanischen Märchensammlung

von Keigo Seki ist er in den meisten Fällen ein buddhistischer Priester. Zum Beispiel zeigt sich eine folgende japanische Version:

Während der Herr auf der Reise ist, läßt sich seine Frau mit einem buddhistischen Priester zu weit ein. Als ihr Mann nach Hause kommt, versteckt sie ihren Liebhaber in einem Topf. Ihr Mann geht absichtlich in den Tempel des Priesters, um den Topf zu verkaufen. Der Priesterlehrling sagt ihm, daß man den Topf nicht kaufen kann, weil der Priester seit gestern abend nicht da ist. Dann befiehlt der Priester im Topf dem Lehrling, daB er den Topf zu jedem beliebigen Preis kaufen soll. Daraufhin verkauft der Herr ihn für hundert Ryö und wird damit ein Reisweinhändler(17).

-Einer

literarischen Variante von diesem Typ begegnen wir schon in der Erzählung ,, Konjahu- Monogatari" (ca. 1050 n. Chr.)cte>.-

In den europäischen Versionen steckt der Teufel (Düwel) in der Kiste (od. Schrank), während in der japanischen Version der Dämon, der den Hausherrn heute nacht ums Leben bringen will, im Korb sitzt.

Daraufhin wird das Kuhfell für Geld verkauft oder für die Kiste, in der der Ehebrecher steckt, eingetauscht. Dabei ist der Schlüssel zur Kiste in den europäischen Versionen erwähnt, während er in der japanischen Version gar nicht vorkommt. In der Version 1 muß die Müllerin, die alle Schlüssel zu sich genommen hat, im Auftrag ihres Mannes den Schlüssel hergeben (S. 360). In der Version 3 behauptet die Bäuerin, daß der Schlüssel dazu verloren ist (S. 222). In diesem ,, Schlüssel " - Motiv äußert sich etwas typisch Euro- päisches. Die Tatsache, daß in keiner japanischen Version das Schlüssel-Motiv vorkommt, deutet darauf hin, daß der Begriff des individuellen Besitzes in Europa ein anderer ist.

Ja, man könnte sogar daraus lesen, daß dem europäischen Individum die viel größere Hochschätzung entgegengebracht wird als dem asiatischen.

In der japanischen Version 4 sagt der Held dem Ehebrecher, bevor er ihn für Geld

aus der Kiste befreit

:

,, Führe in Zukunft ein anständigeres Leben, trachte nicht anderen nach dem Ihrigen und laß anderer Leute Frauen zufrieden, willst du mir das versprechen ? " (S. 208f.)

Hier ist der Held keine eigentliche Schwankfigur, sondern trägt ein didaktisches Ele-

ment. In der europäischen Version 3 hat dagegen der Priester eine Ausrede und sagt dem Helden:

,, Ach nein, ach nein, ich bin wirklich der Gemeindepriester, ich war zur Seelsorge bei

der Bäuerin. Der Bauer ist böse und wild, und da mußte sie mich in der Kiste ver-

stecken. Ich habe eine silberne Uhr bei mir und eine goldene Uhr, die sollst du haben

(12)

Ein Vergleich der europäischen und japanischen Varianten vom Unibos'Schwank 11 und achthundert Taler dazu. Laß mich nur heraus !" (S. 223)

Das freche Verhalten des Priesters ist noch passender für den Schwank als die beleh' rende Überredung in der Japanischen Version.

Dann geht der Held zurück, prahlt vor den Gegnern und sagt ihnen, daß er das Kuh' oder Pferdefell sehr teuer verkauft habe. In den europäischen Versionen sagt der listige Held dabei einfach wie in Version 3 : ,, Heute stehen die Kalbhäute hoch im Preis auf dem

Markt." (5. 229) In der japanischen Version 4 ist dagegen erwähnt, warum die Pfedehäute so teuer sind:

,, Dort hat man mir erzählt, daß in nächster Zeit ein Krieg auszubrechen droht und daß

man deshalb überall Pferdehäute sucht, um die Kriegstrommeln damit zu bespannen.

Soviel habe ich für das Fell des mageren, alten Kleppers bekomen." (S. 209)

Hier zeigt sich die wirklichkeitsnahe Tendenz der japanischen Volkserzählung, weil die Erklärung des Helden über den hohen Preis des Fells begründet ist. Die eigentliche Schwankfigur glaubt leicht ohne Begründung alles, was der Listige gesagt hat, wie in den europäischen Versionen.

Schließlich glauben die Gegner es dem listigen Helden, bringen alle ihre Kühe um und gehen in die Stadt, um die Felle zu verkaufen. Aber die Leute nennen sie nur Dumm- köpfe

:

Nu gaoht de Buern hiär un slacht all iähre Kaih. Ja, wao se up't Markt kuemt, dao

kricht se för't Fell bloß fief Daler. (Nun gehen die Bauern hin und schlachten all ihre

Kühe. Ja, wie sie auf den Markt kommen, da kriegen sie für ein Fell nur {ünf Taler.)

(v 2, s. 273)

Dort liefen sie(:4is Diener des reichen Nachbarn) straßauf, straßab und riefen aus

:

,, Pferdehäute zum Kriegstrommelbespannen ! Wohlfeil, wohlfeil ! Das Stück nur drei- hundert Ryö ! " Die Leute in der Stadt aber sagten : ,, FIört doch diese Dummköpfe

!

Sollte man es glauben, da$ es auf der Welt solche Toren gibt ? Die Leute müssen den

Verstand verloren haben ! " (V 4, S. 210)

3. Die wieder getötete Leiche (Version 2, 3, 4 und 5)

Die Grundhandlung von dieser Episode ist in der europäischen und auch der japani-

schen Versionen ganz gleich. Die Gengner, die mehrmals von dem listigen Helden betrogen geworden sind, versuchen ihn totzuschlagen, aber töten im Zorn versehntlich seine alte

Mutter. Die Altentötung ist in der Wirklichkeit sehr brutal, aber im Schwank wird der

Mord ganz schwankgemäß nicht weiter ernst genommen oder gar als Grausamkeit auf-

gefaßt(rs). In den Versionen 3 und 4 wird der Mord bei den Gegnern nicht bestraft, sondern nur mit Geld gesühnt, um den schlauen Helden noch reicher zu machen'

Dann läßt der Held die tote Mutter nochmals töten und bekommt vom vermeintlichen Mörder Geld. In der Weise des Mordes gibt es einen kleinen Unterschied zwischen den europäischen und den japanischen Versionen.

In der Version 2 sieht der Doktor eine alte Frau auf der Straße stehen bleiben und

(13)

L2 Takeshige Tlrerlnr befiehlt dem Kutscher:

,, Aoch, föhr dat aolle Wief män üöwer ! "

(Ach, überfahre das alte Weib !) (S. 273)

Im Schwank überfährt sogar der Arzt mit Absicht einen Menschen, denn er ist hier eine schwankhafte Figur geworden.

In der Version 3 hält der Schiffer die Alte, die einen Korb mit Apfeln trägt, für eine

Marktfrau und fragt sie dreimal, was die Apfel kosten. Da die Alte aber gar nicht geant-

wortet hat, gibt er ihr eine Ohrfeige, daß ihr Kopf über den Markt rollt.

In den japanischen Versionen setzt der listige Held seine tote Mutter auf den Rücken eines Pferdes (od. Rindes) und geht zum Gasthaus auf dem Weg.

In der Version 4 spielt der Held den Zechern im Teehaus einen Streich. Darum gerät einer von ihnen im hellen Zorn und wirft den großen Eisenkessel nach dem Helden. Der Kessel aber verfehlt ihn und trifft statt seiner seine Mutter draußen, daß sie mit einem lauten Plumps von Pferde fällt.

In der Version 5 schickt der Held den Wirten nach seiner Mutter auf dem Rind. um etwas Essen mitzubringen. Als der Wirt zweimal laut die still sitzende Alte anruft, verliert sie plötzlich das Gleichgewicht und stürzt vom Rücken des Rindes herunter.

In der Reaktion des Helden und des Gegners auf den vermutlichen Mord gibt es

wiederum einen typischen lJnterschied zwischen den europäischen und den japanischen

Varianten. In dem europäischen Schwank verhandelt der Gegenspieler wegen des Mordes ganz sachlich mit dem Helden:

,, Ja, Junge, sie doch still ; ick will di auk Wagen un Piär giebben ! " (Ju, Junge, sei doch

still; ich will dir auch Wagen und Pferd geben !) (V 2, S. 274)

Der große Peter bat den kleinen Peter, er solle um Gottes willen nichts sagen. Wenn er stillschweigen wolle, so bekomme er achthundert Taler. (V 3, S. 224)

In dem japanischen Schwank sind dagegen bei der Verhandlung die Nachbarschaft und die Verwaltung erwähnt :

Der Pferdehändler Yasohachi sagte : ,, Morgen gehe ich zur Statthalterei und werde Anzeige erstatten I " Nun wurde der Nachbar vor Angst grün und gelb im Gesicht und verlegte sich aufs Bitten : ,, Nehmt doch Vernuft an, Nachbarn sollen doch gut freund- schaftlich zusmmenhalten. Behalte das, was hier geschehen ist, für dich, und ich will dir hundert Ryö bezahlen." (V 4, S. 211)

Hier zeigt sich das Leben der Japaner, in dem die Harmonie der Nachbarschaft eine unleugbare Rolle spielt. (Vgl. die Unterstreichungslinie) Das Ideal der Harmonie (jap. Wa), das dem Konfuzianismus entstammt, bleibt in Japan bei allen Streitfällen innerhalb der einzelnen gesellschaftlichen Einheiten oberste Norm für jede Lösungczo). Ein solches Grundverhalten spiegelt sich sogar im Schwank.

In den meisten Varianten hört der törichte Gegner daraufhin vom Helden, daß man

ein altes Weib teuer verkaufen kann, und bringt seine alte Mutter um. Er versucht vergeblich,

sie zu verkaufen und geht darum in voller Wut zurück.

(14)

Ein Vergleich der europäischen und japanischen Varianten vom Unibos-Schwank 13

In der europäischen Variante sagt der Held dem Gegner ganz kurz: ,,Alte Weiber stehen heute hoch im Preis auf dem Markt " (V 3, S. 224), aber in der japanischen Variante ist vom Helden erklärt, warum man so teuer Tote erbieten kann

:

I-Ieute werden Menschellebern in der Stadt zu kaufen gesucht, die Inan zur Medizin-

zubereitung verwenden will. (V 4, S. 2L2)

Durch die Angabe des Grundes kommt der Schwank einer Alltagserzählung näher.

4. Die Befreiung aus dern Sack durch 'fausch mit einem llirterr (oder lSlinden)

Der Gegenspieler, der sich über die mehrmalige Betrügerei des listigen Helden ärgert, ergreift den Helden, um ihn ins Wasser zu werfen. Ilei dem europäischen Schwank wird der Held in ein durchlöchertes Faß oder in einen Sack gesteckt, während er bei dem japani- schen Schwank in sein Bettzeug gewickelt oder in einen Sack, besonders in einen Strohsack gepackt wird. Der Strohsack ist selbstverständlich ein Typisches Requisit in Japan, wo man hauptsächlich von Reis lebt.

In der japanischen Version 4 erklären die Diener dem Helden deutlich, warum der Herr ihn ins Wasser werfen will:

,, Ach, wenn so ein schlechter Mensch, wie du es bist, am Leben bleiben würde, wer weiß, was er dann noch für Unheil und Unglück über das Dorf zu bringen imstande ist.

ljnser Herr hat uns darum den Befehl gegeben, dich in den Fluß zu werfen und darin zu ertränken, um die Welt von so einem Schurken zu befreien." (S. 213)

Darrn antwortet der Held YasoJwchi darauf.;

,, Nun gut, da ist nun einmal nichts mehr daran zu ändern, und ich will euch zeigen,

daß Yasohachi weiß, wie es sich für einen Mann zu sterben ziemt." (S. 213)

Hier zeigt sich die typisch japanische Gefaßtheit des Helden auf den Tod. (Vgl. die

Unterstreichungslinie) In Japan galt früher der Selbstmord nicht als feige Tat, sondern als

ein Akt des Mutes und heute noch gilt aus dieser Tradition heraus der Selbstmord als ehrenvoll(21).

Als die Gegner zum Fluß gehen, um den Helden im Sack ins Wasser zu werfen, verlassen sie ihn auf dem Weg kurz und ohne Absicht und geben ihm damit die Gelegen- heit, den Platz mit dem andern zu tauschen. Im dem europäischen Schwank gehen die Träger des Sacks ins Wirtshaus, um Alkohol zu trinken, oder der Gegenspieler geht nach

I{aus, um etwas Liegengelassenes zu holen. In dem japanischen Schwank betrügt der schlaue Held dagegen die Neider und sagt ihnen, daB er viel Geld unter dem Kaki-Baum vergraben habe, wie etwa iu Version 5

:

,,Jetzt werde ich ins Meer geworfen, und niemand findet mein Geld. Ich habe das Geld, das ich durch den Verkauf der toten Mutter mit Mühe verdient habe, unter dem Kaki- Baum vergraben. Wenn ich gestorben bin, gibt es niemanden mehr, der das Geld an sich

nimmt. Schade, daß es verloren ist." (S. 124)

f)ann lassen die geizigen Gegner den Sack mit dem Helden liegen und eilen zum Baum,

um vergeblich nach dem Geld zu suchen. Es ist sehr bemerkenswert, daß der japanische

(15)

1t Takeshige Terrnene

Held bei jeder Gelegenheit den törichten Gegner betrügt, indem er das Gespräch auf die

weltliche Begierde, besonders auf das Geld, bringt.

Während der Abwesenheit der Gegner tauscht der Held den Platz im Sack mit einem andern. In dem europäischen Schwank ist die Person des Tauschenden in fast allen Ver- sionen ein Hirt:

Nun trieb gerade der Schäfer mit einer Herde Schafe daher. (V 1, S. 361)

Dao kümp de Schaiper met sine Schaop dao vörbi. (Da kommt der Schäfer mit seinen Schafen da vorbei.) (V 2, S. 274)

Nun kam ein Mann des Weges mit einer gro6en stattlichen Schafherde. (V 3, S. 225)

In dem japanischen Schwank tritt dagegen gewöhnlich ein Blinder (Fischer) auf

:

Kurz darauf sah er einen Ochsentreiber. der mehrere hoch mit Fischen beladene Ochsen

vor sich her trieb, des Weges kommen. Als er genau hinsah, merkte er, daß dieser an einem Augenübel litt und fast blind war. (V 4, S. 214)

Als sie fort waren, kam ein Blinder mit einem Stock vorbei und stolperte über den Sack.

(v 5, s. 124) In der Version 6 wechselt der Held den Platz im Strohsack direkt mit seinem Gegen- spieler, seinem älteren Bruder, dessen Augen krank geworden sind.

Als Veranlassung zum Tausche kommen in dem europäischen Schwank die Verheißung einer höheren Stellung, wie etwa Bürgermeister, Papst, und die Verheißung des Himmel- reichs vor. Aber auch ein Versprechen der Heirat mit einer Königstochter ist möglich.

Der listige Held im Sack ruft:

,, Da wollen sie mich zum Schultheiß machen, wenrr ich mich in das Faß setze, aber ich tus nicht." (V 1, S. 361)

,, Ich kann nich liäsen un kann nich schrieben, kann kine gudden Drünke verdriägen

un fall Paopst te Rom wäden !" (V 2, 3. 274) (Ich kann nicht lesen und kann nicht schreiben.

kann keinen guten Trunk vertragen und soll Papst in Rom werden !) ,, Ins Himmelreich ! Ins Paradies !

Ins Himmelreich ! Ins Paradies ! " (V 3, S. 225)

In dem japanischen Schwank kommt dagegen das folgende Motiv vor: Wer im Stroh- sack sitzt, dessen Augen werden gleich geheilt. In der Version 5 sagt der Blinde, der am Leben verzweifelt

:

,, Ja, ich bin seit meiner Kindheit blind. Es gibt nichts Schönes in meinem Dasein, ich kann nicht sterben und kann nicht leben " (S. 124)

Dann entgegnet ihm der listige Held:

,, Ach, das trifft sich gut, setz dich doch einmal zur Probe in diesen Sack. Ich war auch

blind, aber seit ich in diesem Sack war, kann ich wieder sehen. Wenn du dich in diesen

Sack setzt, dann kannst du bestimmt auch gleich wieder sehen." (S. 124)

(16)

Ein Vergleich der europäischen und japanischen Varianten vom Unibos-Schwank

In der Version 4 rät der Held dem Blinden, sich in die Decke zu wickeln und den folgenden Spruch zu wiederholen:

,, Triefaugen, vergeht, Augen, werdet wieder gut ! (S. 214)

Das europäische Motiv von der Verheißung einer Stelle, wie etwa Bürgermeister, Papst,

oder der Heirat mit einer Prinzessin ist phantastisch und märchenhaft, dagegen ist das

Motiv vom augenkrankheitsheilenden Strohsack im japanischen Schwank wirklichkeitsnahe, weil es sich dabei um eine ernste Lebensfrage handelt'

Ein japanischer Volkskundler, Kunio Yanagida, äu8ert sich zum ,, Sack " - Motiv : ,, In Japan gibt es eine mündliche Überlieferung, daß ein Strohsack, in dem eine Krankheits- heilende Buddhastatue Yakushi-Nyorai (skr. Bhaisajyaguru) alts Holz steckt, einmal ans

Ufer gespült wurde. Nach dem Volksglauben verheiße diese Buddhafigur im Sack dem Volk Glück und Heil. In Japan betet man vor der Buddhastatue, daß eine Augenkrankheit geheilt würde.'((zz) So erklärt sich, daß ein Volksglauben sogar im Schwank eine klare Spur hinterläßt.

Der Sack, in dem sich ein anderer (Hirt od. Blinder) versteckt, wird von den zurück- kehrenden Trägern ins Wasser geworfen. In dieser Szene führen der Mann im Sack und die Träger ein komisches Gespräch:

der Schäfer: ich will ja gerne Schultheiß werden.

die Bauern : das meinen wir auch. aber erst sollst du dich da unten umsehen.

(v 1, s. 361f.) der Schäfer: Ick kann gutt liesen un kann gut schrieben, ick kann auk gudde Drünke

verdriägen un will auk Paopst te Rom wäden

(Ich kann gut lesen und kann gut schreiben ich kann auch guten Trunk vertragen und will auch Papst im Rom werden !)

die beiden Knechte : Jau, dat saB du suk wäden :

so, een, twee, drei !

(Ja, das sollst du auch werden: so, eins, zwei, dteil) (V 2,5.274) der Schafbauer: Ins Himmelreich ! Ins Paradies !

der große Peter : Ja, ja, versuch nur selber, ob du den Weg findest ! (v 3, s. 226)

In den japanischen Varianten kommen die Träger des Sackes wütend zurück, weil sie

unter dem Kaki-Baum kein Geld gefunden haben:

die Hausleute: Du hast uns belogen ! Dort gibt es kein Geld.

der Blinde: Ich bin ein anderer als der, der im Sack gesessen hat.

gelaufen. Ich sitze nur deshalb hier, weil er mir sagte

:

sitzt, werden deine Augen geheilt. Ich bin ein anderer.

die Hausleute: Du willst uns wieder reinlegen, du Lügner !

der blinde Ochsentreiber: Triefaugen, verschwindet, Augen, werdet wieder gut !

die Diener: Was soll denn dieses sinnlose Geplapper nun wieder bedeuten, der Bursche

will uns wohl schon wieder mit seinen schlechten Späßen zum besten haben

?

Der ist schon weg-

Wenn du im Sack

(v 5, s. 124)

Diesmal soll es ihm nichts nützen

!

(v 4, s. 215)

(17)

16 Takeshige Texnaene

Als Einwurfstelle kommt in dem europäischen Schwank ein 'Wasser, ein Fluß od,

Teich vor, dagegen ist im japanischen Schwank öfter vom Meer die Rede, was selbstver- ständlich ist, weil Japan vom Meer umgeben ist :

Sie rollten das Faß ins Vy'asser hinein.

bums in'n Müelendieck. (bums in den Mühlenteich) der große Peter warf ihn ins Wasser.

Sie warfen ihn in den Fluß.

Sie nahmen den Sack und warfen ihn ins weite Meer,

Er trug ihn zum Meer und warf ihn ins Wasser.

5. Der Tod der reichen Gegner im 'Wasser, die sich Vieh (oder Fisch) aus dem 'Wasser holen wollen.

Als die törichten Gegenspieler glauben, daß sie den Helden ins'Wasser geworlen hätten, kommt der europäische Held mit einer Herde Schafe nach Hause zurück, während der japanische Held mit Fischen zurückkehrt. Dabei wundern sich die Gegner, auf welche Weise er mit Schafen (bzw. Fischen) aus dem Wasser gekommen sei.

Der listige Held antwortet

:

,, Ich bin versunken tief, tief, bis ich endlich auf den Grund kam : ich stieß dem Faß den Boden aus und kroch hervor. da waren schöne Wiesen, auf denen vielen Lämmer weideten,

(v 1, s. 362) (v 2, s. 274) (v 3, s. 226)

(v 4, s. 215)

(v 5, s. 124) (v 6, s. 128)

(v 1, s. 362)

(v 2, s. 275) davon brachte ich die Herde mit."

,, de (:6i" Schafe) sind all in den Müelendiek."

(die sind alle in dem Mühlenteich)

,, Ich bin gleich auf den Grund gesunken wie ein Stein, und da erblickte ich viele Schaf- herden, kannst du mir glauben. Da drunten gehen sie zu Tausenden, die zu Tausenden, eine Herde schöner als die andere." (v 3, s. 226)

In den europäischen Varianten, kurz gefaßt, gibt es auf dem Grund des Wassers schöne

Schafherden. Das Motiv von den Schafen aus dem Wassergrund ist ein überspanntes Motiv, aber je phantastischer das Motiv ist, um so gemäßer ist es dem Schwank.

In den japanischen Varianten bekommt der Held aus dem Meeresgrund viele Fische.

Das Motiv von den Fischen aus dem Meeresgrund ist zweifellos der Wirklichkeit näher.

Der japanische Held sagt

:

,, Kaum war ich auf dem Grund des Flusses angekommen, da sah ich schon vor mir einen prächtigen Palast stehen. Drin saß eine wunderschöne Frau, die mich freundlich einlud hereinzukommen. Die hat mir hier die Ochsen mit der Fischladung geschenkt."

(v 4, s. 215)

In Japan ist eines der beliebtesten Volksmärchen das von ,,Urashima-Taro " (Sohn der

Meeresinsel)

:

Ein barmherziger Junge findet beim Fischfang im Netz unter den Fischen eine

Schildkröte. Auf ihre Bitte hin rettet er ihr das Leben. Zum Dank dafür lädt die

Schildkröte den Jungen für drei Tage zum Palast auf dem Meeresgrund ein. Beim

(18)

Ein Vergieich der europäischen und japanischen Varianten vom Unibos-schwank II

Abschied bekommt er als Geschenk von der Prinzessin ein Schatzkästchen, das er nie und nimmer öffnen darf. Als er es aber an der Seeküste öffnet, wird er plötzlich ein alter Weißkopf, weil in Wirklichkeit drei hundert Jahre vergangen sind.

Nach diesem Volksmärchen gebe es in der Tiefe des Meeres den Palast ,, Riugu"

(Drachenpalast), das Haus des Meeresgottes. Der Palast sei aus Krystall und köstlichem Gestein erbaut und flimmere von Gold und Silber, von leuchtend roten Korallen und schim- mernden Perlen. Im Palast wohne eine Tochter des Meeresgottes; die unvergleichlich schöne Prinzessin Otohime, die einen barmherzigen Mann, der dem Tier aus dem Meer das Leben gerettet habe, festlich empfange und ihn bitte, für immer bei ihr zu weilen. Im Palast solle

der Mann dafür ewige Jugend und Schönheit erhalten und mit der Prinzessin das glücklichste Leben führen(23).

In der Version 4 von unserem Schwank sagt der Held dem Gegner weiter:

,, Sie wollte eigentlich, daß ich noch länger bleiben sollte, und hätte mich am liebsten über Nacht bei sich behalten. Ich wollte aber nicht bleiben, wollte doch unserm Herrn hier möglichst schnell erzählen, was ich erlebt habe." (v 4, s. 215f.)

Daraus ergibt sich, daß der japanische Held aus jenem märchenhaften Palast auf dem Meeresgrund zurückgekommen ist. Deswegen rät der japanische Held dem Gegner nicht, aus dem Wassergrund eine Herde Schafe zu holen und in dieser Welt mit dem Reichtum gut zu leben wie im europäischen Schwank, sondern er redet ihm lieber ein, in jener Welt, im Palast auf dem Meeresgrund, für immer das glücklichste Leben zu führen, weil das irdische Leben mit viel Leid erfüllt ist:

,, Haben Sie keine Lust, einmal im Sack ins Meer geworfen zu werden ? Wenn Sie das

wollen, dann brauchen Sie nicht mehr in dieser Menschenwelt, in einem solchen Durch-

einander, zu wohnen." (v 5, s. 125.)

Hier spieglt sich die resignierte Lebensweise des Japaners wider.

Nun glauben die Gegner dem Helden und springen ins Wasser. Im europäischen Schwank springen gewöhnlich alle Bewohner im Dorf ins Wasser. Dabei halten die Bauer

in der Version 1 die Spiegelung der Wolkenschäfchen für die Schafe auf dem Meeresgrund und das , plumps' des Schulzen, der zuerst springt, klingt ihnen, wie , kommt.'(2rr

In der Version 2 kommt auch die ähnliche Aufforderung zum Nachspringen vor. Als ein Bauer zur Probe ins 'Wasser hinein springt und ihm das Wasser bald bis ans Maul kommt:

das sech he : ,, Lupp, lupp ! "

,, Ja," secht de annern, ,, wenn dao Luppen (Hämmel) sind, dann find der auk öggen (Mutterschafe) !"

Dao sind de Buern all versuoppen.

(da sagt er : ,, Lupp, lupp ! "

,, Ja," sagen die andern, ,, wenn da Luppen (Hämmel) sind, dann sind da auch öggen (Mutterschafe) !"

Da sind alle Bauern ertrunken.) N 2, S. ZTS)

(19)

Takeshige Tercna.lne

Im japanischen Schwank läßt sich der dumme Gegner von dem listigen Helden über- reden und springt ohne Begleiter allein ins Wasser:

Der Herr glaubte dem Hatschibei und sagte ,,'Wenn es dort wirklich so schön ist, wie du sagst, dann gehe ich mit." Hatschibei lie8 ihn sich nun in einen Sack setzen, lud ihn auf einen Wagen, fuhr zum Meer und warf ihn hinein. (v 5, s. 125) Der Edelmann ging mit ihm zusammen zum Fluß. Dort bat er ihn, ihn an der richtigen Stelle hineinzustoßen, damit er auch den Palast nicht verfehlen könne. (V 4, S. 216)

Wie ist der Schluß des Schwanks ? In den europäischen Varianten ist ohne eingehende Beschreibung nur erwähnt, wie der Held reich geworden ist:

Da war das Dorf ausgestorben, und Bürle als der einzige Erbe ward ein reicher Mann.

(v I, s. 362)

Nun hatte der kleine Peter sie alle los, erbte Haus und Hof, Pferde und Einrichtung und hatte selbst Geld genug, um sich Rinder zu kaufen. (v 3, s. 226)

In der europäischen Version 2 bricht die Geschichte ab, ohne zu eruählen, daß er reich geworden ist.

Im japanischen Schwank kehrt der Held dagegen heim und teilt der Frau des reichen Gegenspielers mit, daß er durch Testament ihres Mannes der Erbe der Famillie werden soll :

,, Gnädige Frau, Ihr Herr Gemahl ist zum Drachenpalast auf dem Grunde des Flusses gegangen. Er sagte mir, daß er keine Lust hätte, noch einmal hierher zurückzukehren, das soll ich Euch von ihm mitteilen. Dann sagte er noch : , Yasohachi, ich schenke dir mein Haus mit allem, was darin ist. Meine Frau kannst du auch haben, wenn du willst.' Wie ist's wollen Sie mich heiraten ? " Die Frau sagte sofort ,, ja," und so bekam Yaso- hachi zum Schluß das Haus des reichen Nachbarn und dessen Frau dazu und wurde an

seiner Stelle Edelmann. (v 4, s. 216)

Der japanische Held bekommt nicht nur das Erbe des reichen Mannes, sondern auch dessen Frau. Hier zeigt sich das patriarchalische Familiensystem im alten Japan : Der Wille des Hausherrn gilt viel mehr als derjenige des einzelnen Familienmitglieds ; Wenn der

Hausherr stirbt, soll seine Frau seinen ledigen Bruder heiraten, um die Erbschaft der Familie anzutreten.

In der europäischen Version 3 ist es nicht möglich, daß sich die Frau des Gegners mit ihrem Schwager verheiratet, weil sie vorher ihrem Mann ins Wasser nachgesprungen ist.

In den japanischen Versionen 5 und 6 vergißt der Schwankeruähler zum Schluß nicht,

eine moralische Lehre hinzuzusetzen. Es ist eine echt volkstümliche Moral, die Moral der

Armen, der Bauern, der Unterschicht. Es ist nicht Konfuzius, der daraus spricht, denn

der Konfuzianismus liefert die Legitimation ftir die Herrscha{t der Oberschicht. Nach Kon-

fuzius mu0 sich das Individuum den Bedürfnissen der Familie als Kollektiv unterordnen,

d. h. es muß Frieden herrschen unter den Familienmitgliedern, damit die Familie ein

lebensfähiger Organismus ist. Denn ein Herrscher kann ein Land nur gut regieren, wenn

die Familienverbände harmonieren. Die gute Beziehung zwischen zwei Brüdern etwa ist

(20)

20 Takeshige Temalnr

einfache Gerücht kann Anlaß zum Totschlag des Pferdes sein.

Als Märchenelement kommt das Motiv vom Drachenpalast auf dem Meeresgrund vor.

Als Bestandteil der Volkssage kommt das Motiv vom Augenkrankheit heilenden Strohsack vor.

Die Figur im japanischen Schwank ist, wie oben erwähnt, nicht so schwankgemäß gestaltet wie im europäischen Schwank.

3. Der japanische Schwank besitzt eine lehrhafte Tendenz,

Am Schluß des Schwankes kommt oft, wie bereits erwähnt, die volkstümliche Moral von der Geschichte. Das ist wiederum ein Hinweis darauf, daß der japanische Schwank

im Gegensatz zum europäischen keine eigenständige Gattung darstellt. Er besteht neben Elementen aus Märchen, Sagen etc. vor allem aus Elementen des realen Lebens.

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Minwa)

(21)

Ein Vergleich der europäischen und japanischen Varianten vom Unibos-schwank 19

nur gerechtfertigt durch die bessere Beherrschbarkeit von Menschen, die unter sich in Frieden leben.

Dagegen spricht die folgende Volksmoral:

Das ist eine Lehre dafür, daB man auch einem Bruder gegenüber vorsichtig sein muß.

Man darf einem Menschen eben nicht blindlings vertrauen. (V 6, S. 128)

III. Die Eigenart des japanischen Typs vom Unibos-Schwank 1. Die japanische Variante ist gewöhnlich ganz kurz.

In Japan teilt sich der Schwank von diesem Typ, wie oben erwähnt, klar in drei Gruppen.

Der Grundtyp ,, Der Krankenheilende im Strohsack " ist am einfachsten unter ihnen.

Im Grundtyp wird nur das folgende Einleitungsmotiv zur Urform hinzugefügt: Der Held lügt dem Hausherrn vor, daß ein Kranich im Baum ein Nest gebaut habe, und daB das Haus des Herrn brenne.

Die beiden Entwicklungstypen sind ,, Der Wahrsager mit dem Pferdefell " und ,, das

Pferd, das Gold herausgibt." In jenem Typ wird das Motiv von der Belauschung der Ehebrecherin als Einleitungsmotiv zur lJrform hinzugefügt und in diesem Typ das Motiv vom Goldesel.

Der Typ teilt sich deshalb in drei lJntertypen, weil jeder Untertyp je ein eigenes

Einleitungsmotiv hat.

In Japan gibt es nur wenige Kettenschwänke, während sie in Europa gern erzählt werden. Deswegen ist die japanische Version 4, die mehrere Nebenmotive enthält, ein Ausnahme.

Wir können annehmen, daß der Schwank mit vielen Pointen nicht der japanischen Denkweise entspricht. Satt dessen erzählt man in Japan lieber selbständige, kurze Schwänke nacheinander.

Typisch japanisch ist also die kurze, knappe Darstellung. Es ist dies eine Beobachtung,

die etwa durch die große Tradition des Kurzgedichtes ,, Ifaihu" und die Absenz einer Romantradition im europäischen Sinne Gewicht erhält(2s).

2. Die japanische Variante ist nicht so typisch schwankgemäß gestaltet wie die europäische.

Der japanische Schwank nimmt verschiedene Elemente der anderen Erzählgattungen, etwa Märchen, Sage, und des realen Lebens in sich auf, indem er deren Eigenschaft nicht stark ins Schwankhafte umformt, d. h. der japanische Schwank ist nicht so weit entwickelt oder raffiniert, wie der europäische. Mit anderen Worten kann man sagen; Die Volkserzäh- lungen in Japan zweigen noch nicht so sehr in verschiedene Erzählgattungen ab, wie in Europa(26).

Als Wirklichkeitselemente ziegen sich etwa das patriarchalische Familiensystem und die

japanische geschlossene Gemeinschaft, die mehr gilt als der einzelne Mensch. Sogar das

参照

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