Einführung
In diesem Vortrag möchte ich nicht direkt die Geschichte der Geschichts- und Sozialwissenschaften in Japan, sondern eher die einzelnen geschichtlichen Situation der Intelligenz in Japan als ihren philosophischen Hintergrund erörtern
1.
Der Vortrag gliedert sich in drei Teilen. Zuerst möchte ich einen Überblick über die Ausgangsbedingungen der modernen Wissenschaften in Japan und die besondere Position des Marxismus darin geben. Danach möchte ich die Struktur des Denkens bzw. des Zeitgeistes in der Nachkriegsgesellschaft im Zusammenhang der sozioökonomischen Faktoren skizzieren. Um die historische Bedeutung des nachfolgenden Zeitabschnitts ausdrücklich zu machen, wird dieser Teil relativ ausführlich behandelt. Schließlich führe
1 Dieses Manuskript gibt einen Vortrag wieder, den ich im Rahmen des Forschungskolloquiums am 18. Juni 2008 an der Helmut-Schmidt Universität in Hamburg hielt.
Ge s c hi c ht s - und Sozi al wi s s e ns c haf t e n i n Japan s e i t de n 1980e r Jahr e n.
Wi s s e ns c haf t al s Re f l e x de s s ozi al e n Wande l s
Jun Nakat a
抄録
本稿は,日本における歴史学を含めた社会科学において1980年代以降顕著になってきた諸傾向 を紹介することを目的とする。またこれらの傾向の歴史的な位相を明らかにするために,1.明 治期から第二次世界大戦終結,および2.戦後初期から1970年代までの日本の社会科学の特色に ついてもとりあげた。
結論として,日本における社会科学が,政治状況のあり方ならびに大衆社会状況とその中での 知的エリートのあり方を強く反映させた形で形成された言説空間の中で展開してきたこと。また この言説空間は,1970年代までは,ド イツを含む西欧諸国との比較において極めて独自の形で展 開してきたマルクス主義の影響力の大きさ,およびそれと強い相関関係を有する政治的自由主義 の相対的な弱さ,社会領域の自律性に対する関心の薄さを特徴とすること。そしてその80年代以 降のゆらぎが,システム社会論,市民社会論ないし大衆社会論等の再評価という形をとって顕著 になっていることを指摘した。
ich einige Zeichen des Paradigmenwechsels seit Mitte der 1980er-Jahre an und überlege seine Bedeutung.
Es ist eine der Grundvoraussetzung meiner Argumentation, dass die wirtschaftliche, gesellschaftliche und internationale Umgebung die Situation der Intelligenz in der japanischen Gesellschaft immer stark geprägt hat. Der Ansatz mag für die Europäer fremd sein, dass das Denken bzw. der Zeitgeist von fremden Faktoren bestimmt werden. Denn für die europäischen Denkrichtungen war der Schub ihrer Entwickelung grundsätzlich immer immanent.
Für die meisten außereuropäischen Menschen entstand jedoch ihre moderne Gesellschaft von Anfang an unter dem großen Einfluss fremder Faktoren, nämlich der globalen Erweiterung der europäischen Welt in der Zeit des Imperialismus des 19.
Jahrhunderts. Die moderne Gesellschaft in der außereuropäischen Welt einschließlich Japans musste in diesem Sinne hybrid sein. Auch die Struktur des Denkens war keine Ausnahme.
Um die Struktur des Denkens in Japan zu verstehen, ist es jedoch viel wichtiger, auf
den Mechanismus der Entstehung dieser Hybride zu achten. Viele gegenwärtige Japaner
glauben, dass es Japan im Vergleich zu anderen außereuropäischen Ländern kurze Zeit
gelang, einen eigenen modernen Nationalstaat zu errichten, und zwar ohne nennenswerten
Widerstand der traditionellen politischen bzw. religiösen Kräfte. Heute noch scheint die
japanische Gesellschaft von der Spannung zwischen der europäischen und der
traditionellen Weltanschauung, die für die Situation um den islamischen
Fundamentalismus typisch ist, befreit ist. Diese scheinbar weiche Landung auf dem
modernen Staat ohne heftige Auseinandersetzung zwischen den europäischen
Denkströmungen und der traditionellen Weltanschauung hat gerade deshalb bis heute
einen entscheidenden Einfluss auf die Strukturierung des Denkens in Japan. Im Folgenden
möchte ich diese These konkretisieren.
1. Von der Meiji-Restauration zur Niederlage im Zweiten Weltkrieg: 1867-1945
Mein Hauptthese lautet: Der größte und entscheidendste Faktor für die Strukturierung des Denkens des modernen Japans war das Fehlen einer Tradition des „Liberalismus“ im politischen Sinne. Die gesamte Konstellation um das Denken in den einzelnen Zeitabschnitten war zwar im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen bzw. internationalen Faktoren bzw. mit den anderen Denkrichtungen sehr unterschiedlich, aber für die Strukturierung spielte immer der Mangel an einer politisch-liberalen Tradition eine bestimmte Rolle.
Die soziale und politische Konstellation zur Zeit der Errichtung des modernen Staates in Japan war für die negative Entwicklung des politischen Liberalismus entscheidend.
Japan erfuhr das Einströmen des europäischen politischen Denkens und den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungsprozess der modernen Gesellschaft seit Ende des 19. Jahrhunderts fast gleichzeitig. Dies hatte drei Folgen:
1) Der freie Raum für den politischen Liberalismus, in dem sich er selbstständig ohne Konkurrenz mit den noch moderneren politischen Ideen wie Sozialismus bzw.
Postmodernismus entwickeln konnten, existierte von Anfang an nicht. Mir scheint die Entwicklungsgeschichte der Zeitung symbolisch dafür. In Europa konnten die politischen Zeitungen sich über ein Jahrhundert selbstständig entwickeln, bis die kommerziellen Massenzeitungen am Ende des 19. Jahrhunderts erstanden. Dagegen erschien die erste politische Zeitung in Japan erst in den 1870er-Jahren. Nur knapp 20 Jahre später wurde schon die erste kommerzielle Massenzeitung veröffentlicht.
2) Für die politischen und intellektuellen Eliten Japans in der Anfangsphase der
Modernisierung schien der politische Liberalismus als soziale Ordnungsidee nicht mehr
funktionsfähig, weil sie erkannten, dass die japanische Gesellschaft schon damals einige
postmoderne Tendenz zeigte. Ein Staat, der auf politisch und wirtschaftlich selbständige
Bürger gründen sollte, wurde für sie unakzeptabel, weil es ihr Ziel war, Japan möglichst
schnell zu einem Industrie- und Militärstaat zu machen, der den europäischen Mächten
Konkurrenz machen konnte. Nicht die bürgerliche Selbstständigkeit, sondern die Förderung durch den Staatsapparat war dafür wichtig. Andererseits hielt man angesichts der zunehmenden Tendenz zur staatlichen Intervention, welche die Basis der bürgerlichen Selbständigkeit unterminierten, sowohl in Europa, als auch in Japan den Liberalismus für
„altmodisch“. Obwohl die damaligen politischen Eliten sich ursprünglich aus den kritischen Kräften gegen die ständische Feudalgesellschaft entwickelt hatten, schien ihnen der Liberalismus deshalb nicht als Grundlage der Sozialordnung geeignet.
3) Hinsichtlich ihrer Funktion in der Gesellschaft hatten das postmoderne Denken und die Tradition der pragmatischen Denkstruktur in Japan eine interessante Affinität, nämlich die Hinweise auf die Grenze der menschlichen Vernunft bzw. Kognitionsfähigkeit. Wegen dieser Affinität musste der Liberalismus einen Kampf an zwei Fronten führen. Auch der Marxismus hatte die Funktion des postmodernen Denkens mit der ideologischen Kritik, dass die politisch selbstständigen Bürger aus wirtschaftlicher Hinsicht nichts anders als
„Bourgeoisie“ waren.
1-1. Geschichtswissenschaft
Auch die Geschichtswissenschaft entwickelte sich in dieser Struktur des Denkens. Die moderne Geschichtsforschung in Japan begann in der Zeit der Meiji-Restauration (1867-).
Dies wurde durch die Gründung des Historiographical Institute an der Tokioter Universität im Jahr 1888 symbolisiert. In diesem Sinne könnte man auch die Geschichtsforschung und ihre Institutionalisierung an der Universität als einen Teil der modernen Staatsbildung in Japan betrachten.
Im Kontext dieses Vortrages sind die institutionellen und kulturellen Besonderheiten der Forschungen japanischer Geschichtswissenschaft folgende:
1) Von Anfang an wurde kein Kompromiss zwischen der Tradition des Humanismus und der Institutionalisierung der Universität im Rahmen des modernen Staates gesucht:
Die Professoren in der japanischen Universitäten wurden einseitig vom Kulturministerium
ernannt. Hier gab es eine entscheidende Diskontinuität zu den traditionellen intellektuellen
1-1. Geschichtswissenschaft
Gruppen, wie Mönchen und Konfuzianisten. Die Lehrkräfte verstanden zwar die Idee des europäischen Humanismus, aber sie verkörperten ihn nicht, sondern waren bloß funktionelle Eliten. Das staatliche Interesse wirkte sich deshalb direkt auf die Gliederung der historischen Fakultät aus, wie der Abteilung Geschichte Japans, Geschichte Asiens und Geschichte Europas.
2) Start mit in sich abgeschlossenen Fachdisziplin
2: Die Gründungszeit der Universitäten in Japan (1870er – 1890er-Jahre) war gleichzeitig in Europa die Zeit, in der sich die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen drastisch differenzierten und spezialisierten. Als Ergebnis der Aufnahme dieses spezialisierten wissenschaftlichen Zustandes starteten die japanischen Geistes- und Sozialwissenschaften einschließlich der Geschichtswissenschaft von Anfang an mit jeweils gegenseitig in sich abgeschlossener Form. In diesem Sinne existierten bei den japanischen Akademikern keine gemeinsamen kulturellen Grundlagen, nämlich die humanistische Tradition. Die japanischen Geistes- und Sozialwissenschaftler stellen bis heute keine Bildungsbürgertum dar, sondern sind nur Spezialisten eines bestimmten Fachbereichs.
3) Kokutai-Ideologie: Kokutai ist ursprünglich ein japanisches Wort, das „die Grundordnung des Meiji-Staates“ bedeutet. Die Tatsache, dass in ihrem Zentrum der Tenno (Kaiser) stand und seine angebliche Gottheit, führten dazu, die verfassungsrechtliche Diskussion über ihn zu tabuisieren. Verfassungsrechtliche Diskussion heißt unvermeidbar auch Diskussion über die Grenzen der staatlichen Machtausübung. Die kaiserliche Armee, die ihre Macht nicht auf den rechtsstaatlichen Rahmen einschränken wollte, instrumentalisierte besonders in den 1930er-Jahren diese Gottheit des Tennos für eine solche Tabuisierung. Man muss deshalb beachten, dass es einen äußersten großen Unterschied zwischen der Diskussion der damaligen Verfassungsrechtlern und der Vorstellung der normalen Japaner über Kokutai gab. Unter diesem Vorbehalt kann man den ideologischen Gehalt von Kokutai wie folgt zusammenfassen:
2 Maruyama, Masao, Denken in Japan, Frankfurt a. M 1988, S. 75 und 88.
1. Das Japanische Kaiserreich war ein Staat, in dem nur Kaiser, der einzige Nachkomme der japanischen schamanistischen Götter, die Souveränität besaß. 2. Das japanische Volk war keine Souverän, sondern Untertan, der die Pflicht des uneingeschränkten Gehorsams gegenüber dem Kaiser hatte. 3. Das Japanische Kaiserreich und seine Untertanen besaßen wegen der absoluten Gottheit des Kaisers im ostasiatischen Raum die kulturelle und geistliche Überlegenheit und hatten deshalb die Recht, in diesem Gebiet einer hegemonialen Macht zu haben.
Die Kokutai-Ideologie konnte zwar durch die Unterstützung des Staatsapparates institutionell an der Universitäten große Macht genießen, wie das Beispiel von Professor Kiyoshi Hiraizumi (1895-1984) zeigte: er war Ordinarius für die Geschichte des Mittelalters und der Frühneuzeit Japans an der kaiserlichen Universität Tokio (1923-1945) und ein fanatischer Kokutai-Ideologe. Aber ihr Gehalt war nichts anderes als die unkritische Verherrlichung des Kaisertums ohne Systematik.
1-2. Marxismus in Japan
Die Kokutai-Ideologie war bis zur Niederlage im Zweiten Weltkrieg die einzig offiziell anerkannte Ideologie in den japanischen Geistes- und Sozialwissenschaften einschließlich der Geschichtswissenschaft einerseits. Andererseits hatte der Marxismus auf die intellektuelle Strukturierung und die Entwicklung der japanischen akademischen Welt einen - negativ oder positiv - entscheidenden Einfluss, obwohl er im japanischen politischen und kulturellen Kontext ziemlich eigentümlich interpretiert wurde.
Unter dem Regime vor dem Zweiten Weltkrieg wurde der Marxismus durch eine Reihe
von Gesetzen wie „Gesetz zur Kontrolle radikaler sozialer Bewegungen (1922)“, „Gesetz
zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung (1925)“ und „Gesetz über Schutz und
Überwachung von Weltanschauungstätern (1935)“ verboten. Die Forscher mit einem
marxistischen Ansatz konnten jedoch „akademisch“ relative große Freiheit genießen. Weil
ihre Homogenität und Geschlossenheit bzw. Isolierung von den Massen sich im Vergleich
zur Nachkriegsgesellschaft stark ausgeprägt blieben, konnte die Regierung nicht die
1-2. Marxismus in Japan
politische Methode benutzen, mit der Mobilisierung des durch die Kokutai-Ideologie indoktrinierten Volkes den Marxismus zu unterdrücken.
Man kann das Ausmaß des Einflusses des Marxismus in den japanischen Geistes- und Sozialwissenschaften erst verstehen, wenn man die geistesgeschichtliche Rolle, die der Marxismus in Japan tragen musste, erkennt.
Der Marxismus war zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Japan rezipiert worden. In dieser Zeit wurden, wie der Friedensvertrag nach dem russisch-japanischen Krieg (1904-1905) symbolisch zeigte, die Grenzen der Expansionspolitik des modernen japanischen Staates deutlich. Der Versuch, die sozialen Spannungen, welche die gewaltige Aufrüstung ohne Berücksichtigung der sozialen Belastung verursachte, in eine Expansionspolitik zu kanalisieren, begann damit zu scheitern. Andererseits wurde das Interesse an der Innenpolitik als deren Gegenreaktion stärker. Gerade in dem Moment, als die Gesellschaft als nicht vom Staat identifizierte Existenz zum ersten Mal in der japanischen Denktradition entdeckt wurde, war der Marxismus in Japan rezipiert worden. Sein Einfluss auf die geistige Welt in Japan war für die Europäer unvorstellbar groß. Denn der Marxismus war in der japanischen intellektuellen Welt ohne Tradition des politischen Liberalismus die erste Philosophie, die die Frage der vom Staat unabhängigen Gesellschaft thematisierte.
Maruyama Masao (1914-1996) zufolge lag einer der entscheidenden Faktoren seines großen Einflusses in der Art der Erfassung der Gesellschaft. Im japanischen Denken fehlt traditionell die Systematik im europäischen Sinne. Es ist zwar für europäische Forscher vermutlich schwer, sich diese Situation vorzustellen, aber sie ist in Japan eine relative selbstverständliche Tatsache, auf die bereits oft von vielen Ideenhistorikern hingewiesen wurde. Der Marxismus als Philosophie, die eine sehr umfangreiche Systematik besaß und die aus ihrer Systematik heraus eine Erfassung der Gesellschaft verlangte, war in dieser japanischen Denktradition beispiellos und sah für die Intellektuelle unvorstellbar attraktiv aus.
Der beschränke Einfluss des Marxismus in der europäischen Gesellschaft zeigt
paradoxerweise die Stärke der Tradition der Denkrichtungen, die eine zum Marxismus in Konkurrenz stehende Systematik besaßen: des politischen Liberalismus und des Christentums. In der japanischen intellektuellen Landschaft fehlte die Tradition des politischen Liberalismus und des Christentums. Deshalb monopolisierte der Marxismus die Position des Denkens mit seiner Systematik.
In diesem Zusammenhang ist auch die folgende Tatsache zu betonen. Durch die Monopolisierung des angeblich systematischen Denkens wurde der Marxismus in Japan als eine enorm umfangreiche Philosophie, die auch die ursprünglich liberalen bzw.
christlichen Ideen wie den Rationalismus, das christliche Gewissen und den Geist der Experiments usw. beinhaltete, verstanden. Das traf und trifft für sowohl die Anhänger, als auch für die Kritiker des Marxismus in Japan zu. Diese Tatsache wird sofort klar, wenn man in Japan die Logik der Kritik beobachtet. In Japan hat die Kritik aus der Perspektive der Ablehnung aller abstrakten Ideen meistens die Form der Marxismus-Kritik.
Die hegemoniale Position des Marxismus erschien in den konkreten Ergebnissen der Geschichtswissenschaft als die höhere Entwicklung der sozialökonomischen bzw.
politökonomischen Forschung. Es ist zum Beispiel bemerkenswert, dass in der Auseinandersetzung um den Charakter des Herrschaftssystems des Meiji-Regimes in den 1920er-Jahren schon das Thema des so genannten „Sonderwegs“ in Deutschland diskutiert worden war.
2. Die Intellektuellen und Massen in der Nachkriegsgesellschaft bis zum Anfang der 1980er Jahren
2-1. Marxismus in der Nachkriegsgesellschaft
Wenn man vergleicht, welchen Einfluss der Zweite Weltkrieg auf die Bundesrepublik
und Japan hat, bemerkt man, dass auf dem japanischen Festland viel weniger materielle
Schäden entstanden als in der Bundesrepublik. Andererseits waren die Veränderungen des
politischen und gesellschaftlichen Systems, die von der Besatzungsmacht eingeführt
2. Die Intellektuellen und Massen in der Nachkriegsgesellschaft bis zum Anfang der 1980er Jahren
2-1. Marxismus in der Nachkriegsgesellschaft
wurden, in Japan viel größer. Die Einführung des Parlamentarismus auf der Basis der repräsentativen Demokratie, des demokratischen Systems der Kommunalverwaltung, die Volkssouveränität, die grundsätzliche Veränderung und Demokratisierung des Schulsystems und die Verneinung der Kokutai-Ideologie usw. wurden in Japan von der Besatzungsarmee befohlen.
Diese Nachkriegsreform hatte zwar institutionell einigen Einfluss auf die Geschichtswissenschaft, wie das Berufsverbot von Professor Hiraizumi. Aber in geistesgeschichtlicher Hinsicht waren die folgenden zwei Entwicklungen viel wichtiger:
1) Die Ablehnung der Kokutai-Ideologie verursachte in der Nachkriegsgesellschaft eine allgemeine Abnahme des Interesses an Themen, wie der Geschichte der Außenpolitik bzw.
der Militärgeschichte, weil sie sich mit nationalen Angelegenheiten beschäftigen. Die Kokutai-Ideologie war eine Art unsystematischer Mischung von Kaiserkult, Chauvinismus, Totalitarismus und Nationalismus. Wenn man an die Schlagkraft der Kokutai-Ideologie im geistigen Leben der Japaner denkt, war es schwierig, über dieses Thema eine differenzierte Diskussion zu führen. Ihre Verneinung führte deshalb zur allgemeinen Tabuisierung des Nationalen.
2) Der Marxismus, der auf eine lange Tradition zurückblickte, stand in der Nachkriegsgesellschaft nach der Ausschaltung der Kokutai-Ideologie in voller Blüte. Die japanische Nachkriegsgeschichtswissenschaft begann wegen dieses stärken Einflusses des Marxismus eher mit dem Charakter einer Sozialwissenschaft als einer Geisteswissenschaft.
Diese marxistische intellektuelle Welt musste jedoch besonders im Hinblick auf die Weltanschauung relativ isoliert von der allgemeinen japanischen Gesellschaft bleiben, weil die allgemeine politische Kultur der Nachkriegsgesellschaft eher konservativ bzw.
autoritär war.
Auch die Entwicklung zur Massenbewegung und die drastische Zunahme der Parteimitglieder der JKP am Anfang der Nachkriegszeit waren Gründe, warum die Intellektuellen ihre Isolierung in der Gesellschaft nicht genug erkennen konnten.
Außerhalb dieses intellektuellen Gettos entwickelte sich eine ganz andere geistige
Landschaft. Sie führte dazu, dass sich die Denkstrukturen bzw. das Denkverhalten der Japaner in der Nachkriegsgesellschaft von denjenigen der Bürgern der Bundesrepublik entscheidend unterschiedlich.
2-2. Massenkonsumgesellschaft und politische Öffentlichkeit
Zunächst möchte ich die drei sozialökonomische Faktoren, die für die Strukturierung des hegemonialen Diskurses vom 1955 bis zum Anfang der 80er-Jahre entscheidend waren, skizzieren. Danach werde ich den aus dieser Struktur entstandenen Diskurs erläutern.
1) Wirtschaftswunder und die Entstehung des massenhaften Mittelstandes:
Das sog. Wirtschaftswunder in den 50er-Jahren erzeugte einen in der Geschichte beispiellosen „massenhaften Mittelstand“ in der japanischen Gesellschaft. Im Hinblick auf die Strukturierung des geistigen Lebens der Japaner waren die Egalisierung des Zugangs zum Wissen und das Einströmen der Massen in die politische Öffentlichkeit die bemerkenswerteste Konsequenz dieser Entwicklung. Diese Tendenz war zwar schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu beobachten, aber hinsichtlich des Umfangs und des Tempos gab es in den 1950/60er-Jahren eine Zäsur. Zudem lief diese Entwicklung in der japanischen Nachkriegsgesellschaft viel schneller und umfangreicher ab als anderswo.
2) Entstehung des „Neo-Obrigkeitsstaats“:
Das oben genannte Wirtschaftswachstum wurde noch von einer anderen langfristigen
Tendenz begleitet: der funktionellen Veränderung des Staates in der Gesellschaft. Dieser
Prozess des Funktionswandels vom Nachtwächterstaat zum Wohlfahrts- bzw. Sozialstaat
wurde als Realisierung der „Freiheit durch Staat“ in damaligem Japan im Allgemeinen
positiv eingeschätzt. Dieser Prozess bedeutete jedoch gleichzeitig eine Zunahme des
Staatseinflusses auf die materiellen Lebensbedingungen der einzelnen Bürger. Dieser
Funktionswandel des Staates hatte einen großen Einfluss auf ihr Denkverhalten. Der
politische Liberalismus setzte als Ausgangspunkt die Existenz des vom Staat autonomen
Individuums voraus. Die Entwicklung des Wohlfahrtstaats unterminierte jedoch dieses
2-2. Massenkonsumgesellschaft und politische Öffentlichkeit
autonome Individuum, weil sie die materielle Abhängigkeit der Menschen vom Staat stärkte.
Diese Tendenz wurde damals als Garantie der Verbesserung des Lebens- bzw.
Konsumstandards sehr optimistisch eingeschätzt. In der Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs wurde die staatliche Intervention nicht als dem wirtschaftlichen Liberalismus entgegengesetzt, sondern als seine institutionelle Förderung betrachtet. In einer Gesellschaft ohne bürgergesellschaftliche Traditionen konnte man für in diesem Prozess verloren gegangenen Wert wie die Autonomie der Bürgergesellschaft keine aktive Bedeutung finden. Andererseits wurde dieser Prozess als Förderung der Befreiung von der autoritären Kommunalgemeinschaft sehr positiv eingeschätzt.
Auch die Anhänger des Marxismus, der eine starke Tendenz zur staatlichen Machtkonzentration und zum Industrialismus hatte, bewerteten diese Entwicklung aus diesem Grund sehr positiv.
3) Strukturwandel der intellektuellen und politischen Öffentlichkeit (Habermas):
Auch die Entwicklung der „no print media“, die vom Film (Radio und Fernsehen folgen danach) symbolisiert wurden, und die Kommerzialisierungstendenz der Zeitungen und Zeitschriften wurden zwar schon Ende des 19. Jahrhunderts beobachtet, aber diese Tendenz wurde erst im zweiten Hälfte der 50er-Jahren in Japan spürbar.
Sie verursachte ein Phänomen, das als Strukturwandel der Öffentlichkeit von Habermas und mit einer noch kulturpessimistischeren Form von T. Adorno dargestellt wurde. In der sehr umfangreichen Diskussion von J. Habermas möchte ich hier nur auf die Frage der
„Vermarktung des Denkens“ eingehen. Der politischen Öffentlichkeit der japanischen Nachkriegsgesellschaft fehlte einerseits die Tradition der bürgerlichen Denkkultur.
Andererseits wurde sie durch das Einströmen der Massen drastisch schnell erweitert.
Gegen die Tendenz zur Vermarktung des Denkens, die von den kommerzialisierten
Massenmedien zwecks Einflussnahme auf die Massen massiv betrieben wurde, konnte die
japanische Nachkriegsgesellschaft kein widerstandsfähiges Denkprinzip formulieren. Als
Ergebnis dieser Entwicklung entstand eine totale Vermarktung der politischen
Öffentlichkeit und eine Struktur, in der auch „Wissen“ als Ware vertrieben und konsumiert wurde. Die Menschen in einer Gesellschaft ohne bürgerliche Tradition können zudem die politische Öffentlichkeit von dem Mechanismus dieses Wissensmarkts nicht unterscheiden.
Das wertlose Wissen als Ware musste in dieser Struktur den „Wissensmarkt“ verlassen.
Auf dieser Weise wurde die Qualität des Wissens mit der Qualität als Ware gleichgesetzt.
Die intellektuelle Struktur, in der die kommerziellen Massenmedien mit ihrem gigantischen Kapital in der Öffentlichkeit eine absolut hegemoniale Position besaßen, entwickelt sich in Japan im Vergleich zu der Bundesrepublik sehr stark.
Viele Intellektuelle einschließlich der Marxisten beobachteten damals die Tendenz zur Vermarktung des Denkens in den Massenmedien kritisch. Sie griffen jedoch nicht aktiv darin ein. Stattdessen hielten sie meistens von den kommerzialisierten Massenmedien generell Abstand. Sie unterschätzten offensichtlich die Durchschlagskraft dieser Dynamik.
Dieses Verhalten führte jedoch besonders in den 1970er-Jahren zu einer drastischen Einbuße ihres Einflusses in der Gesellschaft.
Als Logik gegen diese Vermarktungstendenz der politischen Öffentlichkeit scheint mir der politische Liberalismus in der Gesellschaft der Bundesrepublik eine große Rolle gespielt zu haben. Der politische Liberalismus, der in der Öffentlichkeit in der Zeit vor der Massengesellschaft einen großen Einfluss gehabt hatte, konnte auch der Tendenz zur Vermarktung der Öffentlichkeit der bundesrepublikanischen Gesellschaft starken Widerstand leisten.
Wenn man die Frage überlegt, welches Wissen eigentlich als Ware eine Bedeutung hat, bemerkt man eine interessante Tatsache: Die Veränderung des Nationalismus im 20.
Jahrhundert spielt eine Rolle dabei. In der Idee des klassischen Liberalismus „wurden“ die Menschen zu Bürgern mit einem minimalen Interesse für das Gemeinwesen und die Gesellschaft und mit einem gewissen Wissen darüber - in der historischen Wirklichkeit dazu mit dem finanziellen Vermögen. Im Nationalismus des 20. Jahrhunderts
„sind“ dagegen die Menschen normalerweise seit ihrer Geburt schon Bürger
3. Wenn
3 Hier spielt die Frage der Mobilisierung der Menschen für den Krieg eine große Rolle.
Bildung als Voraussetzung zur Teilnahme an der Öffentlichkeit nicht mehr notwendig wird
4, gib es die Gefahr, dass Wissen nur ein Art Instrument wird, das die nicht selbstkritischen primitiven Bedürfnisse der einzelnen Individuen bedient. Der Wert des Wissens wird nur in dieser Hinsicht beurteilt. Auf diesem „Markt des Wissens“ hat die bürgergesellschaftliche Aufklärung als Ware keine Erfolgsmöglichkeit. Die intellektuelle Aktivität, die bestimmte kulturelle Voraussetzungen vom Publikum verlangt, findet nur eine kleine „Kunden-Gruppe“.
2-3. Der starke Glaube an die Allmächtigkeit des Markts
In dieser sozioökonomischen Struktur herrscht eine Art Libertarismus in der Mentalität der Japaner. Es mag zu Missverständnissen führen, wenn ich den Begriff Libertarismus benutze. Damit ist der Glaube an die Allmächtigkeit des Markts gemeint. Dieses Prinzip wird auch auf die intellektuelle Welt ohne Ausnahme angewandt. Die Vorherrschaft der pragmatischen Weltanschauung, die aus den Erfahrungen des Umgangs mit dem Markt gebildet ist, wird zu einem starken Grund, die Intellektuellen bzw. Theorien im Allgemeinen anzufeinden. Der massenhafte Mittelstand in Japan glaubt, dass er der Nutznießer in der Gesellschaft des Libertarismus ist. Denn ihre Entstehung, nämlich das Wirtschaftswunder, fiel zeitlich mit der Verbreitung dieses Zeitgeistes zusammen. Auf diese Weise entstand eine Struktur des Denkens, in der eine politische Kultur ohne Liberalismus als Voraussetzung des Wirtschaftswachstums bzw. der Verbesserung des Lebensstandards und als „predetermined harmony“ gesamtgesellschaftlich akzeptiert wurde. Interessanterweise wird dieses gesamte System in Japan als „freie Demokratie in der Nachkriegszeit“ verstanden.
3. Paradigmenwechsel: 1980er-Jahren
4 Hinweis von K. Löwith. Löwith, Karl, Sämtlichen Schriften, Bd. 2, Stuttgart 1983, S. 533. Er lehrte 1936 bis 1941 an der Kaiserlichen Universität Tohoku in Sendai.
Seit der Mitte der 80er-Jahre wurde die Veränderung der sozialökonomischen Struktur der „predetermined harmony“ auch in Japan spürbar. Es soll hier genügen, nur einige Beispiele zu nennen, wie die Tendenz zum Abbau des Wohlfahrtstaats wegen der finanziellen Engpässe, des Wirtschaftswachstums der Volksrepublik China und des gewaltige Einströmens ihrer Produkte nach Japan, den drastische Kapitalabfluss auf die globale Ebene usw.
Dieser sozioökonomische Strukturwandel begann mit anderer Form als in der Zeit des Wirtschaftswunders Einfluss auf die Struktur des Denkens in Japan auszuüben. Seit Mitte der 80er-Jahre ist ein Paradigmenwechsel in den japanischen Geistes- und Sozialwissenschaften einschließlich der Geschichtswissenschaft zu beobachten. Seine konkreten Formen sind zwar sehr unterschiedlich, aber man kann darin eine gemeinsame Art der Analyse der Gegenwart Japans erkennen. Dieser Analyse zufolge gerät das japanische Nachkriegssystem jetzt in eine Funktionslähmung. Die Zeit des kontinuierlichen Wachstums neigt sich dem Ende zu. Diese Funktionslähmung in Japan sei jedoch kein völlig neues Phänomen. Sie sei vielmehr eine Form eines Problems, das allen modernen Gesellschaftssystemen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immanent sei.
In diesem Sinne sei die gegenwärtige Diskussion über diese Funktionslähmung nur eine Wiederentdeckung des Problems. Der Glanz des „golden age“ (E. Hobsbawm) und die Stärke des Glaubens an „predetermined harmony“ sowie die eigenartige Position des Marxismus in der japanischen intellektuellen Welt hätten verhindert, dieses Problem in den Vordergrund des Bewusstseins von Forschern zu rücken. In Folgenden möchte ich drei neuen Strömungen als Zeichen des Paradigmenwechsels in den japanischen Geschichts- und Sozialwissenschaften skizzieren.
3-1. Systemtheorie
Die Zunahme von Forschungsarbeiten mit systemtheoretischem Ansatz ist eine der
bemerkenswerten neuen Tendenzen seit 80er-Jahren. Um Missverständnisse zu vermeiden,
wird hier die Systemtheorie folgendermaßen definiert: Die Systemtheorie unterscheidet
3-1. Systemtheorie
zuerst zwischen der postmodernen und der modernen Gesellschaft. Die moderne Gesellschaft wird einerseits als Klassengesellschaft charakterisiert. Andererseits wird die postmoderne Gesellschaft als eine Gesellschaft verstanden, in welcher die gesellschaftliche Standarisierung und Nivellierung fortschreiten werden und auch der Klassenkampf institutionalisiert wird. Selbstverständlicherweise wurde der Schwerpunkt auf die Analyse der postmodernen Gesellschaft als Systemgesellschaft gelegt. Die Forscher mit systemtheoretischem Ansatz suchen die Ursache der Funktionslähmung der gegenwärtigen japanischen Gesellschaft im immanenten Strukturproblem der Systemgesellschaft.
Die Aufsatzsammlung von Amemiya, Yamanouchi und Prinz ist ein Beispiel, in dem die Regime in Deutschland und Japan während des Totalen Krieges als eine Systemgesellschaft analysiert werden
5. Die Arbeit von Ryusaku Yamada, der sich hauptsächlich mit der Massengesellschaftstheorie beschäftigt, ist ein typisches Beispiel für die Wiederentdeckung des vorher in Japan fast vergessenen systemtheoretischen Ansatzes
6. Denn sein Argument beruht hauptsächlich auf der Systemtheorie von Keiichi Matsushita (1929-), der schon in den 50er-Jahren einer der wenigen Anhänger der Massengesellschaftstheorie war. Auch die Tatsache, dass die neue Übersetzung des klassischen Werks der Massengesellschaftstheorie, „Der Aufstand der Massen“ von Jose Ortega y Gasset, im Jahr 1991 veröffentlicht wurde, war in diesem Kontext kein Zufall.
Die Geschichtsforschung mit diesem Ansatz richtet ihr Interesse auf die Zeit der Entstehung der Systemgesellschaft, nämlich die Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Auf die Frage, wann die Systemgesellschaft eigentlich entstand, antworten allerdings die einzelnen Forschungen je nach den eigenen Merkmalen der Systemgesellschaft unterschiedlich. Zum Beispiel behauptet D. Peukert, der gerade wegen seines systemtheoretischen Ansatzes bei den japanischen Historikern sehr starke Resonanz
5 Yamanouchi, Yasushi u.a. (Hg.), Soryokusen Taisei kara Gurobarizeshon e (Vom Regime des Totalen Krieges zur Globalisierung), Heibon sha 2003.
6 Yamada, Ryusaku, Taishu Syakai Ron to Demokurashi. Taishu, Kaikyu, Shimin㩷
(Massengesellschaftstheorie und Demokratie. Masse, Klasse und Bürger), Fuko sha 2004.
gefunden hat, dass in Deutschland die postmoderne Gesellschaft (nach seiner Terminologie „Klassische Moderne“) in den letzten 10 Jahren des 19. Jahrhunderts entstand
7. Die Forschung über die Geschichte der Wirtschaftsidee in Deutschland findet durch die Diskussion um den sog. „Ordoliberalismus“ (Walter Euken) in der Zwischenkriegszeit den Anfang der Systemgesellschaft. Dieser Forschung zufolge sollte die systemgesellschaftliche Wirtschaftsidee, dass die liberale wirtschaftliche Ordnung nicht durch „laissez-faire“, sondern erst durch künstliche Regulierung funktionsfähig wurde, erst in dieser Zeit in den Wirtschaftstheorien wichtige Position erhalten
8. Dagegen behaupten Shoichi Amemiya, Yasushi Yamanouchi, Michael Prinz in einer Aufsatzsammlung, dass die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges als Totaler Krieg für die Entstehung der Systemgesellschaft entscheidend war. Bemerkenswert ist in dieser Diskussion, dass sowohl der Nationalsozialismus als auch der japanische Faschismus neben dem amerikanischen „New Deal“ als eine Form der Reaktion auf die Krise der Systemgesellschaft verstanden wurden
9. In diesem Sinne betonen diese Forschungen in systemgesellschaftlicher Hinsicht die Kontinuität zwischen den Vor- und Nachkriegsgesellschaften der beiden Länder.
3-2. Postmodernist Max Weber
Die Bedeutung von Max Weber in den Sozialwissenschaften Japans war und ist für Europäer unvorstellbar groß. Der Paradigmenwechsel brachte auch für die Max Weber-Forschung in Japan eine große Wende. Um es kurz zusammenzufassen, betont die neue Weber-Forschung in Japan die postmoderne Seite seines Denkens. Die neuen Forschungsarbeiten richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Diskussion über die Rationalisierung und die Bürokratisierung von Weber, und zwar als eine Frage des Regulierungsmechanismus der Gesellschaft. Von den neuen Forschungen wurde die
7 Peukert, Detlev, Die Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 2006 (Neue Auflage).
8 Amemiya, Akihiko, Kyoso Chitsujo no Polittikusu (Politik der Wettbewerbsordnung), Tokyo Daigaku Shuppankai 2005.
9 Yamanouchi, a. a. O.
3-2. Postmodernist Max Weber
bisherige orthodoxe Weber-Interpretation in Japan kritisiert, dass Weber die Entwicklung der Bürokratie und der Rationalisierung als einen Prozess zur Realisierung der modernen Gesellschaft positiv dargestellt hätte. Dagegen behaupten die neuen Forschungen, Weber habe schon das Problem der Systemgesellschaft, das durch die Entwicklung der Bürokratisierung und Rationalisierung gebracht werde, erkannt. Charakteristisch für diese Forschungen ist die Betonung der negativen Seite dieser Entwicklung wie der Entfremdung des Menschen durch die endlose Bürokratisierung und Disziplinierung der Gesellschaft und die zunehmende Ausschaltung der Undisziplinierten
10.
3-3. Interesse an Sozialphilosophie: Entdeckung der Zivilgesellschaft?
Das Interesse an der systemtheoretischen „Diagnose“ ist eine Tendenz der neuen japanischen Sozialwissenschaften. Andererseits wird auch über das „Rezept“ gegen die Funktionslähmung der gegenwärtigen japanischen Gesellschaft heftig diskutiert. Hier möchte ich die Zunahme des Interesses an der öffentlichen Philosophie als ein Beispiel dafür erörtern. Diese Diskussion hat eine gemeinsame Voraussetzung, und zwar führt sie die Funktionslähmung der japanischen Gesellschaft auf den Strukturwandel der Öffentlichkeit zurück.
Eine konkrete Erscheinung dafür ist die Flut von Arbeiten über Masao Maruyama (1914-1996). Maruyama ist einer der bedeutendsten Politologen und Forscher der Geschichte der japanischen politischen Ideen. Er war einer der wenigen Politologen, die vom Anfang der Nachkriegszeit bis zum Ende der 60er-Jahre konsequent auf das Fehlen eines politischen Liberalismus in Japan und des geistig autonomen Individuums als seiner Basis verwiesen. Es ist zu einfach, ihn als Liberalist einzuordnen, weil man in seinem Denken relativ leicht den Einfluss von postmodernen Denkern finden kann. Auch mit diesem Vorbehalt war Maruyama ein hartnäckiger Verfechter des politischen Liberalismus in der Nachkriegsgesellschaft in Japan.
Die gegen ihn gerichteten Kritiken erzählen selbst sehr klar die Position des politischen
10 Yamanouchi, Yasushi, Max Weber Nyumon (Max Weber zur Einführung), Iwanami Shoten 1997.