Seh ich auch so — Die Verberststellung in der Alltagssprache als Thema für den DaF-Unterricht

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NTERRICHT

Angela Lipsky

1. EINLEITUNG

Im Deutschen werden Sätze formal nach der Stellung des finiten Verbs in Verberstsätze, Verbzweitsätze und Verbletztsätze eingeteilt. Geht man von der standard(schrift)sprachlichen Norm aus, ist die Verberststellung vor allem in Entscheidungsfragen (Hast du morgen Zeit?), in Imperativsätzen (Mach die Tür

zu!), in Wunschsätzen (Wäre es doch nur schon Abend!) oder in

Konditionalsät-zen ohne wenn (Regnet es morgen, bleiben wir zu Hause) zu finden (siehe z. B. Imo 2016: 201). Dagegen werden Aussagesätze (deklarative Sätze) und W-Fragen mit Verbzweitstellung realisiert und die Verbletztstellung ist in eingeleiteten Nebensätzen die Regel.

Es gehört jedoch zu den besonderen syntaktischen Merkmalen der münd-lichen oder schriftmünd-lichen Alltagssprache, dass Verberststellungen auch in for-melhaften Phrasen (Beispiel 1) oder in deklarativen Sätzen, in denen eigent-lich eine Verbzweitstellung zu erwarten wäre (Beispiele 2 und 3), auftreten. Beispiel 1)

050 C ich hab halt glaub ich schon ALles mal gehört.

051 außer HIP hop. (GDA1, Cocktailabend)

Beispiel 2)

061 L ja aber dann scheckt man doch gar nichts mehr von dem REST?

062 S ja geNAU.

063 seh ich AUCH so. (GDA, Sushi essen)

Beispiel 3)

022 T wahrSCHEINlich ähm müsst ihr uns dann (…)

023 von der bushaltestelle wieder abholen.

024 (…)

025 M ja.

1 GDA = Datenbank Gesprochenes Deutsch für die Auslandsgermanistik

(https://daad-gda.sprache-interaktion.de/) Alle Transkriptionen sind nach der vereinfachten Version des Gesprächsanalytischen Transkriptionssystems (GAT 2) erstellt (siehe Anhang). Die Hervor-hebungen der Äußerungen mit Verberststellungen wurden von mir vorgenommen.

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026 das ist ja kein proBLEM.

027 T ja-

028 sag ich aber noch mal beSCHEID. (GDA, Telefonat Besuch vereinbaren)

Die Beispiele 2 und 3 unterscheiden sich strukturell insofern, als dem Satz seh

ich auch so eine obligatorische Akkusativergänzung im Vorfeld (= Das sehe ich auch so) fehlt, während sag ich aber noch mal Bescheid ein syntaktisch

vollständi-ger Satz ist. Aber auch in dem Beispiel ließe sich ein Ausdruck im Vorfeld wie

in dem Fall oder dann (= Dann sage ich aber noch einmal Bescheid) rekonstruieren,

wollte man den Anschluss an den Vorkontext versprachlichen.

DaF-Lehrende und Lernende werden in Hörtexten, Dialogen oder Kurz-nachrichtentexten moderner Lehrbücher häufig mit solchen alltagssprachli-chen Verberststellungen konfrontiert. So ist die Phrase finde ich (Beispiel 4) in einem Videoclip zum Lehrwerk Menschen zu hören und der Satz War total

langweilig (Beispiel 5) wird in einem Chat im Lehrwerk Netzwerk verwendet:

Beispiel 4)

Ich mag das Zimmer. Es ist so richtig gemütlich, finde ich.

(Kalender et al., 2013: 187, Menschen A1.2)

Beispiel 5)

Tina Wie war dein Tag?

Daniel D. Na ja, es geht. Ich war schon um 10.30 Uhr an der Uni. Vorlesung. Tina Wirtschaftsrecht bei Strasser?

Daniel D. Ja. Der Typ hat die ganze Zeit geredet. War total langweilig.

(Dengler et al. 2013: 98, Netzwerk A1)

Nach Imo (2013: 125) können „manche der syntaktischen Besonderheiten der gesprochenen Sprache auf eine etablierte Beschreibungstradition in den DaF-Grammatiken sowie den Lehrwerken zurückblicken“; er verweist auf Modal-partikeln, DialogModal-partikeln, Interjektionen, Ellipsen und Vokative. Verberst-stellungen gehören sicherlich nicht dazu, denn Erklärungen zu ihren Funkti-onen und Verwendungskontexten findet man kaum in den Lehrwerken und nur in einigen Grammatiken.

Für DaF-Lehrende kann es jedoch sinnvoll sein, für die meist sehr auf das Prinzip der Verbzweitstellung und die schriftsprachliche Norm getrimmten Lernenden die verschiedenen in authentischer Sprache vorkommenden Verb-erststellungen und ihre Funktionen zu thematisieren, zum einen um Ler-nende auf die Rezeption von Alltagssprache in Gesprächen und Kurznach-richtentexten vorzubereiten, zum anderen um Unterschiede zu nicht-ziel-sprachlichen Verberststellungen (wie *Aber denke ich…)2 oder unpassenden

Ausdrücken (z. B. *ich glaube so statt glaube ich) zu verdeutlichen. Um erklären zu können, warum es in der Alltagssprache bestimmte Möglichkeiten der

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wendung von Verberststellungen gibt, die in der standard(schrift)sprachli-chen Norm nicht vorgesehen sind, müssen DaF-Lehrende aber verstehen, wie diese Verberststrukturen an die Produktionsbedingungen der gesprochenen oder geschriebenen Sprache-in-Interaktion3 gebunden sind.4

Eine sehr umfassende Darstellung der Verberststellungen und ihren spe-ziellen pragmatischen Funktionen in der gesprochenen Sprache findet sich be-reits bei Auer (1993) und in zusammengefasster Fassung in der Duden-Gram-matik. In Abschnitt 2 werde ich diese kurz referieren und daraus vier Katego-rien für die Funktionszuschreibung von Verberststellungen vorstellen. In den Beschreibungen anderer Grammatiken und Lehrbücher steht jedoch meist das für die Schriftsprache entwickelte Konzept der Ellipse im Vordergrund und (syntaktisch nicht als elliptisch geltende) Äußerungen wie in Beispiel 3 blei-ben unberücksichtigt. Auch darauf wird in Abschnitt 2 eingegangen. In Ab-schnitt 3 wird dann anhand von authentischen Gesprächen aus der Daten-bank Gesprochenes Deutsch für die Auslandsgermanistik (GDA) und einem Kurz-nachrichtentext aus der Mobile Communication Database (MoCoDa)5 konkret

aufgezeigt, wie sich die Nicht-Versprachlichung eines Vorfeldelements in all-tagssprachlichen Verberstsätzen in Hinblick auf die jeder Interaktion zugrun-deliegenden Prinzipien der Sequenzialität und der joint construction (= koope-rativer Aufbau von Bedeutungen und Strukturen) beschreiben lässt und wie man damit – noch über Auers Darstellung hinausgehend – die Verberststel-lung als funktionales Mittel der Sprache-in-Interaktion verstehen kann. Diese Perspektive kann auch für die Unterscheidung von authentischen Verberst-stellungen und nicht-zielsprachlichen Strukturen in Lernertexten fruchtbar gemacht werden, was in Abschnitt 4 erläutert wird. Abschnitt 5 enthält schließlich Vorschläge, wie DaF-Lehrende ihre Lernenden im Unterricht für die verschiedenen Formen und Funktionen von Verberststellungen in der All-tagssprache sensibilisieren können und wie man dafür authentische Texte aus der Datenbank Gesprochenes Deutsch für die Auslandsgermanistik und aus der

Mobile Communication Database (MoCoDa) einsetzen kann.

3 Der Begriff Sprache-in-Interaktion bezieht sich auf die Sprache gemeinsamer

kommunika-tiver Handlungen mehrerer Teilnehmender an mündlichen oder schriftlichen Gesprächen (siehe Imo 2013).

4 Siehe Günthner, Wegner & Weidner (2013: 124): „Viele der in den Transkripten

vorhande-nen Merkmale werden weder in den Grammatiksektiovorhande-nen der Lehrbücher noch in den Arbeitsbüchern systematisch didaktisiert. So wird den Lernenden nicht verdeutlicht, wel-che speziellen Funktionen die jeweiligen Phänomene in Gespräwel-chen übernehmen und auf welche Weise sie in den Produktions- und Rezeptionsbedingungen der gesprochenen Sprache begründet liegen.“

5 http://mocoda.spracheinteraktion.de/

Zur Datenbank MoCoDa siehe auch Imo, Hayashi & Ogasawara in dieser Zeitschrift, Seite 57.

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2. ZUR BESCHREIBUNG VON VERBERSTSTELLUNGEN IN DER ALLTAGSSPRACHE: EIN BLICK AUF DARSTELLUNGEN BEI AUER (1993), IN VERSCHIEDENEN

GRAMMATIKEN UND EINEM LEHRBUCH

Das Kapitel Gesprochene Sprache der Duden-Grammatik (2005)6 enthält einen Abschnitt zur Verberststellung, der sich auf die ausführliche Studie von Auer (1993) Zur Verbspitzenstellung im gesprochenen Deutsch bezieht. Darin werden zunächst Verwendungsweisen von Verberstsätzen aufgezählt, die sowohl in der geschriebenen als auch in der gesprochenen Sprache vorkommen. Neben den bereits in Abschnitt 1 genannten Frage-, Befehls-, Wunsch- und uneinge-leiteten Konditionalsätzen gehören dazu noch a) Einschübe zur Redeeinfüh-rung, b) so genannte Koordinationsellipsen und c) Sätze mit doch.

a) Es ist wohl so, sagte Lukas, dass wir da erst am Anfang stehen. b) Er grub den Garten um und pflanzte Erdbeeren.

c) Verzieht er doch keine Miene, obwohl die Peperoni höllisch scharf ist.

(siehe Duden 2005: 1220)

Erwähnt wird des Weiteren die Verberstellung als „Indikator für bestimmte Gesprächs- bzw. Textsorten wie den Witz (Kommt ein Mann in die

Wirt-schaft…)“ oder die narrative Verwendung in mündlichen Erzählungen (hab ich gesagt tja schönen dank aber es tut mir leid↓ hab nicht mehr gegrüßt bin weggegan-gen…), wobei die Verberststellung die Funktion hat, „den

Handlungscharak-ter der einzelnen Äußerungen zu betonen und Handlungssequenzen in ge-raffter Form darzustellen“ (Duden 2005: 1222). Als typisch für die gespro-chene Sprache gelten außerdem Verberststellungen anstelle von Verbzweit-stellungen in den folgenden Konstruktionen:

– als sogenannte „uneigentliche“ Verberststellung in „Aussagen, denen eine obligatorische Ergänzung (Subjekt, Objekt oder Präpositionalergänzung) fehlt“, wie in also ehrlich *bin bestimmt nicht zum vergnügen hier (Duden 2005: 1221).7 (vgl. mit Beispiel 2 oben)

– als sogenannte „eigentliche“ Verberststellung in „Aussagen, in denen alle semantisch obligatorischen Ergänzungen vorhanden sind, aber nach dem finiten Verb stehen“, wie in gibt halt überall solche und solche (ebd.). In diesem Fall verzichtet die gesprochene Sprache auf Vorfeldfüller wie z. B. es, da oder

dann8. (vgl. mit Beispiel 3 oben)

6 Die Duden-Grammatik verwendet wie Auer den Terminus „Verbspitzenstellung“. Im

Folgenden beziehe ich mich auf die 7. Auflage von 2005 und das von Reinhart Fiehler verfasste Kapitel zur gesprochenen Sprache. In der neuesten Auflage der Duden-Gram-matik (2016) wurde dieses um einige Teile gekürzt.

7 Das Sternchenzeichen in den Transkriptionen der Duden-Grammatik verweist auf eine

kurze Pause.

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Die Duden-Grammatik erläutert mit Bezug auf Auer, dass diese Verberststel-lungen häufig in sequenziellen Kontexten verwendet werden und bestimmte pragmatische Funktionen erfüllen:

Verberststellungen finden sich häufig bei Äußerungen, die eine

Bewer-tung, einen Kommentar, eine Modalisierung oder eine Elaborierung

be-inhalten. Diese Äußerungen sind eng bezogen auf die Vorgängeräuße-rung, in der der Bewertungsgegenstand etc. eingeführt wurde. Zugleich ist ihre diskursive Relevanz geringer als die der Bezugsäußerung. (Duden 2005: 1221)

Bei Bewertungen oder Kommentaren drücken die Sprechenden mit der Verb-erstäußerung ein ästhetisches oder moralisches Urteil über einen Sachverhalt, eine Person oder eine Sache, die in der vorangegangenen Äußerung erwähnt wurden, aus. Das folgende Beispiel ist aus Auer (1993: 208)9:

Beispiel 6)

H Ah: das is ja ne Unverschämtheit

(2.0) find ich S finds seltsam.

Modalisierungen sind in formelhaften Phrasen wie hoff ich, weiß nicht, glaub ich zu finden und verdeutlichen eine Einstellung des Sprechers:

Der Sprecher modalisiert eine von ihm selbst gemachte Behauptung. Dies führt dazu, daß der Wahrheitsgehalt, die Wahrscheinlichkeit, die Zuver-lässigkeit etc. der in der Behauptung enthaltenen Information beurteilt wird. (Auer 1993: 207)

Die Phrasen können der modalisierten Behauptung nicht nur nachgestellt werden, wie in Beispiel 7 aus Auer, sondern treten häufig auch in der Mitte der Äußerung auf, wie in den Beispielen 1 und 8 aus der Datenbank

Gespro-chenes Deutsch für die Auslandsgermanistik:

Beispiel 7)

B i glaub daß no e=bißle Sturm kommt un (nad) bin des

schlimme/die Regenwolken mitnimmt un morgen schöner wird.

A ja:;=

B =hoff ich nämlich (Auer 1993: 207)

Beispiel 8)

002 die hatten auch glaub ich nur SECHS eissorten zur auswahl (GDA,

Eis essen)

9 Zur besseren Lesbarkeit wurde hier auf einige im Original enthaltene

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Gerade für den Kontext des DaF-Unterrichts ist es wichtig, auf die verschiede-nen Stellungsmöglichkeiten dieser formelhaften Ausdrücke hinzuweisen.

Bei Elaborierungen oder Reformulierungen handelt es sich um Äußerun-gen, „mit denen ein Sprecher seine eigene Äußerung oder (seltener) die der vorherigen Sprecherin spezifiziert, präzisiert, exemplifiziert oder in anderer Weise reformuliert.“ (Auer 1993: 209)10

Beispiel 9)

M =was nich schlecht is s Siemens, (1.0)

F m’m (1.5)

M also isn: isn: isn: isn: starkes Papier, (Auer 1993: 209)

Neben diesen Funktionen der Bewertung/Kommentierung, Modalisierung und Elaborierung können Verberststellungen auch die Funktion einer Ant-wort auf Ja/Nein-Fragen oder auf andere Aussagen eines Gesprächspartners, die eine Antwort erfordern oder erwartbar machen, übernehmen (siehe Auer 1993: 211f oder Duden 2005: 1221).

Beispiel 10)

A: Kann man Muränen auch essen? B: Glaub ich nicht. (nach Duden 2005: 1221)

In dem Fall drückt glaub ich nicht die Einstellung des Sprechers zur Proposi-tion Muränen kann man essen aus und die Antwort kann noch mit nein kombi-niert werden (nein, glaub ich nicht). Nach Auer (1993: 212) gehören auch Äuße-rungen vom Typ mach ich als Reaktion auf eine Aufforderung wie grüß alle zu dieser Art von Antworten mit Verberststellung. Außerdem kann man die bei Weinrich et al. in der Textgrammatik der deutschen Sprache angeführten Ausdrü-cken der Zustimmung wie hast ja recht, ist schon klar, wird gemacht und der Ab-lehnung wie stimmt ja gar nicht, kommt gar nicht in Frage dieser Kategorie zu-rechnen. Sie werden als stereotype, umgangssprachliche Äußerungen mit „leerem Vorfeld“ bezeichnet (Weinrich et al. 1993: 78).

Zusammenfassend lassen sich somit folgende Kategorien für die Funkti-onszuschreibung von alltagssprachlichen Verberststellungen festhalten: – Bewertung/Kommentar der vorausgehenden eigenen oder fremden

Äuße-rung

10 Auer erwähnt außerdem noch die narrative Funktion. Er teilt die Verbspitzenstellungen

in zwei Typen ein: Typ 1 markiert einen anderen Satzmodus in Abgrenzung von deklara-tiven V2-Sätzen (Frage, Befehl, Wunsch, Konditionalsatz, narrative mündliche Verwen-dung); Typ 2 dient zur Markierung der „erhöhten textuellen Bindung an den Vortext“ (vor allem mündliche Verwendungen, Koordinationsellipse, Einschubsätze) (siehe Auer 1991: 219).

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– Modalisierung der eigenen Äußerungen (durch formelhafte Ausdrücke in der Mitte oder am Ende einer Äußerung)

– Elaborierung/Präzisierung/Reformulierung der vorausgehenden eigenen oder fremden Äußerung

– Reaktion auf eine vorausgehende Äußerung anstelle oder kombiniert mit einer Ja/Nein-Antwort, als Zustimmung oder Ablehnung

Auer betont, dass Verberststellungen in allen Fällen einen engen textuellen Bezug zum Vorkontext herstellen und geht von einem für die gesprochene Sprache typischen Mittel zur Kohäsionsbildung aus (siehe Auer 1993: 193, 219).11 Bei Weinrich et al. wird diese Möglichkeit der „Anknüpfung an den voraufgehenden Kontext“ ohne das Vorhandensein eines explizites Vorfeld-elements, das normalerweise diese Funktion erfüllt, mit der Sprechsituation in „lebhaften Gesprächen“ erklärt:

Die Anknüpfung an den voraufgehenden Kontext, der in schriftlichen Tex-ten hauptsächlich dem Vorfeld obliegt […], kann in diesem Fall [in Gesprä-chen] unterbleiben, da eine lebhafte Wechselrede durch eine starke Situa-tionsbindung gekennzeichnet ist. Der rasche Sprecherwechsel macht be-sondere Strategien der Anknüpfung überflüssig. (Weinrich et al. 1993: 79) Auch Hoffmann (2013: 464) geht in seiner deutschen Grammatik für die Leh-rerausbildung auf die Sprechsituation ein, um Weglassungen zu erklären. Er beruft er sich auf das geteilte Wissen der Gesprächspartner und das Ökono-mieprinzip der Sprache:

Wir formulieren, was kommunikativ nötig ist – nicht alles, was man sagen könnte. Zu diesem Ökonomieprinzip gehört, dass man oft nicht ver-sprachlicht, was im geteilten Aufmerksamkeitsbereich liegt oder im Lauf-wissen. (Hoffmann 2013: 194)

So können „Aussagesätze ohne Vorfeld vorkommen, z. B. wenn ein Thema weiter mitzudenken ist“, oder es „kann auch der situativ mitzudenkende Sprecher oder Hörer nicht verbalisiert werden“ (Hoffmann 2013: 464). Hoff-mann führt folgende Beispiele12 an:

– Schulkommunikation

Schüler: Sie sind aber fleißig Lehrer: Bin ich doch immer

– Bin müde. Bist du auch? (Hoffmann 2013: 464)

11 Für Modalisierungen in der Satzmitte wie in Beispiel 8 gilt dies allerdings nicht. 12 Die Beispiele werden hier in leicht veränderter Form ohne Transkriptionszeichen

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Auf weitere Merkmale der interaktionalen Sprache wird allerdings nicht ein-gegangen.

In anderen DaF-Lehrmaterialien und Grammatiken wird vor allem der verkürzte, elliptische Charakter dieser Struktur der gesprochenen Sprache be-tont. So zeigt etwa die Infobox aus dem Lehrwerk Netzwerk13 nur den forma-len Aspekt auf (Wegfall von Pronomen), nicht aber die möglichen Funktionen der Verberstsätze:

Gut gesagt: Geht gut.

Beim Sprechen, in Mails, Chats, Blogs und SMS kann man Pronomen oft weglas-sen.

Es geht mir gut. → Geht gut. Ich bin zufrieden. → Bin zufrieden. Es ist total lustig. → Ist total lustig.

(Dengler et al. 2013: 101)

Die Autoren der Grammatik mit Sinn und Verstand (2006) zählen Verberststel-lungen als „Kurzsätze“ zu den syntaktischen Merkmalen der gesprochenen Umgangssprache und begründet den Verzicht auf Pronomen mit stilistischen Effekten:

Nöö, mach ich nicht! – (Auf einem Zettel:) Komme gleich wieder. – Wird erle-digt.

An der ersten Stelle des Satzes können die Artikelwörter und Pronomen

das/es, aber auch ich, der/die, er/sie wegfallen; der gesprochene Satz

be-ginnt also mit dem Verb. Es entsteht eine knappe, schnelle Erzähl- oder Dialogfolge. (Rug & Tomaszewski 2006: 218)

Granzow-Emden (2013), der sich an Deutschlehrende richtet und schulgram-matisches Wissen mit Blick auf neue Grammatikmodelle beleuchtet, versteht Verberstsätze in Witzen, ebenso wie Imperativsätze, Fragen oder Bedingungs-sätze ohne wenn als markierte Satzformen mit leerem Vorfeld. Verwendet wer-den sie für Sprachhandlungen, „die vom Hörer/Leser besondere Aufmerk-samkeit erfordern“ (Granzow-Emden 2013: 74). Davon unterscheidet er um-gangssprachliche Konstruktionen, die er nicht zu den Verberstsätzen zählt:

In Briefen, der SMS-Kommunikation und in persönlichen Unterhaltungen verzichten Schreiber bzw. Sprecher mitunter auch auf den expliziten Ver-weis auf die eigene Person. Auch so kann ein unbesetztes Vorfeld zustande kommen, wobei das fehlende Subjekt durch den Leser bzw. Hörer

gedank-13 In den Infoboxen „Gut gesagt“ führt das Lehrwerk zahlreiche Merkmale der

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lich ergänzt wird. Solche Sätze gelten als umgangssprachlich; sie sind El-lipsen und keine Verberstsätze in dem hier beschriebenen funktionalen Sinne:

Bleibe noch ein paar Tage in Erfurt. Melde mich, wenn ich wieder da bin.

(Granzow-Emden 2013: 75).

Die Verberststellung im Beispiel Komme gleich wieder von Rug & Tomaszewski oder im Beispiel Bleibe noch ein paar Tage in Erfurt von Granzow-Emden ist al-lerdings typisch für eine am „Telegrammstil“ orientierte schriftliche Aus-drucksweise (in alleinstehenden oder einleitenden Sätzen) und daher von an-deren alltagssprachlichen Äußerungen, die in der Interaktion produziert wer-den, zu unterscheiden. Hier muss noch genauer nach den Gebrauchsbedin-gungen differenziert werden (siehe dazu Abschn. 3).

Außerdem suggerieren die Darstellungen von Granzow-Emden, von Rug & Tomaszewski oder Dengler et al., dass Strukturen der Alltagssprache im Vergleich zur Schriftsprache als defizitär einzustufen sind. Das zeigt sich auch an der Verwendung des Begriffs Ellipse, der sich an den Regeln eines vollstän-digen Satzes in der geschriebenen Sprache orientiert14, die für die Sprache-in-Interaktion nicht im gleichen Maße gelten müssen, da einige Informationen durch den Prozess der Interaktion selbst verständlich sind.

Auffällig ist, dass außer Auer alle anderen zitierten Autoren nur „unei-gentliche“, aber keine „eigentlichen“ Verberststellungen erwähnen und damit den Eindruck erwecken, Verberststellungen entstehen nur, wenn scheinbar redundante Pronomen weggelassen werden. Erklärt werden muss jedoch, wa-rum gerade durch ein finites Verb am Satzanfang eine besonders starke An-knüpfung an den Vorkontext stattfindet, nämlich dadurch, dass die Hörer aus der Situation der Interaktion heraus selbst ein Vorfeldelement rekonstruieren und dies auch ein satzgrammatisch nicht notwendiges Anschlusselement wie z. B. da oder dann sein kann. Außer dem geteilten Wissen und der Einbettung in den Kontext spielen noch andere wichtige Prinzipien der Sprache-in-Inter-aktion, wie die Sequenzialität und das Prinzip der joint construction, eine wich-tige Rolle, um die Weiterführung der Gedanken in vorfeldlosen Sätzen zu si-chern. Das soll im folgenden Abschnitt genauer erläutert werden.

Die Verberststellung in Witzen muss man allerdings als ein textsortenspe-zifisches Merkmal und nicht als eine typisch alltagssprachliche Verberstkons-truktion betrachten. Dieser Gebrauch wird im vorliegenden Beitrag deshalb nicht weiter behandelt, ebenso wenig wie Ausrufe mit Verberststellung, die nicht selten in Lehrwerksdialogen vorkommen (z. B. in Habersack et al. (2013), Hörtext zu Lektion 18: Wuahh, ist das eisig! Puuhh! Ist das wieder eine Hitze

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heute!). Diese Ausrufe sind eine bestimmte Form des emotionalen Sprechens,

das mit der passenden Intonation verbunden werden muss. Anders als in den alltagssprachlichen Verberstkonstruktionen, die im Folgenden besprochen werden, lassen sich hier Fragewörter (Wie ist das eisig! Was ist das für eine

Hitze!) rekonstruieren.

3. DIE VERBERSTSTELLUNG ALS FUNKTIONALES MITTEL DER SPRACHE-IN-INTERAKTION

Verberststellungen sind nicht nur typisch für eine medial gesprochene Spra-che, sondern finden sich auch häufig in schriftlichen Kurznachrichtentexten. Mit Günthner kann man davon ausgehen, dass die Produktionsbedingungen von schriftlichen Kurznachrichten mit denen mündlicher Äußerungen in Ge-sprächen vergleichbar sind:

„SMS-Nachrichten […] richten sich – selbst wenn sie nicht in eine Face-to-face-Situation eingebettet sind, sondern der Rezipient räumlich entfernt ist und zeitlich verzögert reagiert – dialogisch an einem Gegenüber aus: Sie nehmen häufig Bezug auf vorherige kommunikative Handlungen und machen Folgehandlungen erwartbar.“ (Günthner 2011: 7)

Allerdings stehen Äußerungen mit Verberststellung, die am Anfang einer Kurznachrichtensequenz produziert werden, nicht in engem Bezug zu einer vorangehenden Äußerung. In Texten wie im oben zitierten Beispiel von Gran-zow-Emden oder am Anfang der Kurznachricht unten in Beispiel 11 geht die Subjektellipse vielmehr auf den Wunsch nach Kürze zurück („Telegrammstil“, s. Dittmann, Siebert & Staiger-Anlauf 2007: 25). Durch das Medium und die damit eindeutige Zuordnung der Nachricht zu einem Absender genügt es, dass der Schreibende durch eine Verbform der ersten Person in Erscheinung tritt. Zudem spart man sich einige Zeichen beim Verfassen der Nachricht. Beispiel 11)

Mey. muss leider doch noch für heute abend absagen. hab vergessen dass ich schon verabredet war. sorry aber kann ich nicht absagen. euch viel spaß. beste grüße. ulf (MoCoDaDialog #1085 – Absage)

Die Verberststellung kann ich nicht absagen in der Mitte der Nachricht nach

sorry aber erfüllt aber eine typisch alltagssprachliche Funktion. Die Äußerung

steht in engem Zusammenhang mit dem Vorkontext, denn der Sprecher möchte die Bedeutung der erwähnten Verabredung unterstreichen. In dem Fall lassen sich verschiedene Vorfeldelemente zur Anknüpfung an den vor-hergehenden Satz denken: sorry, aber in dem Fall/da kann ich nicht absagen oder

(11)

Grundsätzlich können Äußerungen mit Verberststellung in der mündli-chen Interaktion keinen Gesprächsbeitrag einleiten,15 sie sind vielmehr Reak-tionen auf eine vorhergehende Äußerung. In der nachfolgenden Sequenz aus der Datenbank Gesprochenes Deutsch für die Auslandsgermanistik sieht man deutlich, dass die Verberstäußerungen die Funktionen der Präzisierung, Um-formulierung, Kommentierung und Weiterführung eines Themas überneh-men, das mit der Äußerung 001 Ach, DANkeschön für die wirsingroulade einge-führt wird.

Beispiel 12)

001 O ach DANkeschön für die wirsingroulade.

002 R is KEIne roulade. 003 B is keine rouLAde.

004 O was DENN?

005 B is so SPITZkohl?

006 geDÜNStet?

007 und obendrauf geHACKtes.

(…)

011 O ach SO-

012 B ist LECker.

013 O aHA. 014 (1.0)

015 ja werd ich mir heute Abend

016 B hm

017 O EINverleiben. (GDA, Spitzkohl)

Der von der Sprecherin O aufgeworfene Redegegenstand „Wirsingroulade“ wird von zwei anderen Sprechern präzisiert und umformuliert und schließ-lich von der ersten Sprecherin wieder aufgegriffen. Die Verberststellungen machen hier deutlich, dass ein Thema von den Gesprächspartnern nicht nur fortgeführt, sondern gemeinsam weiterentwickelt wird, ungeachtet gramma-tischer Funktionen der rekonstruierbaren Vorfeldelemente. So ist es möglich, dass in der letzten Äußerung der Spitzkohl als Objekt einer Handlung gedacht werden muss (= den werde ich mir einverleiben), während in den vorhergehen-den Äußerungen der Bezug zum Thema mit das hergestellt wird (= das ist keine

Roulade, das ist Spitzkohl, das ist lecker). Die gedankliche Weitergabe der

Vor-feldinformation im Prozess der Interaktion eröffnet mehr Möglichkeiten der Auslassung, als es zum Beispiel bei monologischen schriftlichen Texten der Fall ist. Der Dialog oben ließe sich nicht völlig in einem Satz mit Ellipsen

zu-15 „Die Formulierung Wünsche dir ein schönes Fest ist genau dann nicht typisch für mediale

Mündlichkeit, wenn sie einen Gesprächsbeitrag einleitet. Und sie ist auch nicht „typisch“ für „medial schriftliche, aber konzeptionell mündliche Texte“, sondern für einen be-stimmten Typus konzeptioneller Schriftlichkeit – nämlich den Telegrammstil.“ (Dittmann, Siebert & Staiger-Anlauf 2007: 25)

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sammenfassen: Das ist keine Roulade, sondern Spitzkohl, ist sehr lecker und *wird

sich Oma heute einverleiben.16

Die speziellen Produktionsbedingungen der alltagssprachlichen Verberst-verwendung sind damit zum einen an das Prinzip des „gemeinsamen Hervor-bringens von Bedeutung und Struktur“ (siehe Imo 2013: 67) geknüpft, d. h. in der Interaktion kann es sowohl zu gemeinsamen Situationsbewertungen als auch zur gemeinsamen Konstruktion von Äußerungen kommen.

Zum anderen lassen sich die Funktionen der Verberststellungen nicht ohne Bezug auf das Prinzip der Sequenzialität („Each constituent action, con-tribution or sequence gets significant parts of its meaning from the position in a sequence“, Linell 1998: 85 zitiert nach Imo 2013: 64)17 und die sich daraus ergebende „Prozessperspektive“ der Beteiligten beschreiben:

Für die Interagierenden ist nicht die Produktperspektive grundlegend, nach der wie in der monologisch orientierten Schriftsprache ganze Sätze mit ihrem jeweiligen propositionalem Gehalt zur Kenntnis genommen werden, sondern eine Prozessperspektive, unter der Interaktion als emer-gierende Struktur von entstehenden und verketteten Aktivitäten wahrge-nommen wird. (Imo 2013: 65)

Auf diese Weise werden nicht nur die Gesprächsteilnehmer und ihr geteiltes Wissen einbezogen, sondern es wird auch betont, dass der Ablauf der Interak-tion und die PosiInterak-tion einer Äußerung an einer bestimmten Stelle der Sequenz selbst zum Bedeutungsaufbau beitragen: Explizite Verweise auf das Thema oder auf grammatische Beziehungen können so überflüssig werden.

So lassen sich auch die Verberstsätze aus dem folgenden Beispiel als typi-sche Konstrukte der Sprache-in-Interaktion beschreiben.

Beispiel 13)

026 D ((imitiert Peter) HEINZ besuchen-)

027 ne?

028 ich sag JA-

029 ich sag wenn se WILL-

030 kann se von mir aus MITfahren.

031 ich sag kann ich se ja FRAgen.

032 kein THEma-

033 F ((kichert))

034 D so.

035 machen wa KRANkenbesuch-

036 BEI heinz.

16 Zum Wegfall von schwach betonten Akkusativpronomen im Vorfeld siehe Duden 2005:

894.

17 Zur Sequenzialität und zum gemeinsamen Hervorbringen von Bedeutung und Struktur

(13)

102

037 war für mich ja auch bisschen PRAKtisch?

038 braucht ich nich so viel BUSgeld ausgeben ne?

039 hatt‘ ja noch die VIErerkarten da für laer?

040 dacht ich ja kann ich dacht ich wenn helga

WILL

041 kann ich ja mit’m bus daHINfahren?

042 die nimmt mich MIT und so- (GDA, Grillparty)

Die Äußerung 037 (Das) war für mich ja auch ein bisschen praktisch und die Äu-ßerung 038 (So) braucht ich nicht so viel Busgeld ausgeben sind beide Kommen-tare der Sprecherin zum Vorschlag, mit einer anderen Frau (se = sie in 029) zusammen zu einem Krankenbesuch aufzubrechen. Die rekonstruierbaren Vorfeldelemente das (= Das war für mich ja auch ein bisschen praktisch) und so (=

So brauchte ich nicht so viel Busgeld ausgeben) beziehen sich beide nicht auf die

direkt vorhergehende Äußerung (machen wa KRANkenbesuch- BEI heinz.), son-dern auf die aus dem weiteren Vorkontext herausgehende Information, dass die andere Frau die Sprecherin im Auto mitnehmen kann. Das und so sind nur sehr vage anaphorisch, denn sie verweisen auf eine Information, die aus dem ablaufenden Gespräch – und dem Vorwissen der Gesprächspartner, das dabei aktiviert wird – emergiert, d. h. auf eine Wissenskonstruktion im Gespräch.

Interessant ist auch die Tatsache, dass nur beide Äußerungen zusammen in der sequenziellen Abfolge wirklich Sinn ergeben und die Rekonstruktion der Vorfeldelemente erlauben. Im Schriftlichen müsste man diesen Sachver-halt mit einem größeren Einsatz sprachlicher Mittel ausdrücken (Dass X mich

mitnahm, war für mich praktisch, denn so brauchte ich nicht so viel Busgeld auszu-geben). Die Verberststellung im darauffolgenden Satz 039 unterstreicht dann

den engen Bezug zu den vorhergehenden, denn hier scheint die Sprecherin zu präzisieren, warum sie durch die gemeinsame Fahrt Geld sparen konnte. Da-mit wird deutlich, dass eine Erklärung der Vorfeldellipse unter Berufung auf das Ökonomieprinzip und alltagssprachliche Auslassungen redundanter Ele-mente (wie z. B. des Subjekts, das schon durch die Verbendung markiert ist) zu kurz greift. Darüber hinaus ist die Sequenz ein gutes Beispiel dafür, dass „eigentliche“ Verbspitzenstellungen wie in Zeile 038 und „uneigentliche“ Verbspitzenstellungen, Äußerungen wie in Zeile 037, in denen ein gramma-tisch notwendiges Element fehlt, gleichermaßen als funktionales Mittel der Sprache-in-Interaktion eingesetzt werden.

Auch im nächsten Beispiel aus dem Gespräch „Spitzkohl“ findet man nacheinander beide Typen von alltagssprachlichen Verberstsätzen.

Beispiel 14)

018 B die jungs haben sich jeder nur eine HALbe geteilt.

019 weil die SIND nicht so für kohl. ((lacht))

020 D nee?

(14)

022 O ja scheiß vitaMIne ne?

023 R hm.

024 D ham se von ihrem OPpa.

025 der hat au nich gerne [KOHL gegessen.]

026 O [HÖR mal aber weiße-]

027 aber WEIße was-

028 ich hatte n letzten dienstag zu WEnig spitzkohl. (GDA, Spitzkohl)

Die Äußerung in 021 enthält zwar alle grammatisch und semantisch notwen-digen Satzteile, zu verstehen ist hier aber eine Konstruktion mit expletivem es oder anaphorischem da (Es/Da sind ja Vitamine drin), die es erlaubt, das Subjekt

Vitamine nach rechts zu stellen und so als wichtigste Information zu

kenn-zeichnen. Der Satz Vitamine sind ja drin hätte eine völlig andere Funktion und wäre in dem Kontext nicht passend. In 024 dagegen ist die Äußerung „stan-dardgrammatisch“ unvollständig, es muss gedanklich etwas rekonstruiert werden, dass als Ergänzung zum Verb dient: Das (= die Tatsache, dass die Jungs

keinen Kohl mögen) haben sie von ihrem Opa.

Der Ausschnitt macht zudem wieder deutlich, dass die Verberststellung ein besonderes sprachliches Mittel ist, um eine enge textuelle Bindung an den Vorkontext und eine Unterordnung unter das bereits angeschnittene Thema auszudrücken. Damit wird die von Auer formulierte Bedingung der „geringe-ren diskursiven Relevanz“ (siehe oben Abschn. 2) der Äußerung mit Verberst-stellung im Vergleich zur Bezugsäußerung erfüllt. Durch die Verberststellun-gen in den beiden aufeinanderfolVerberststellun-genden ÄußerunVerberststellun-gen 021 und 024 wird ange-zeigt, dass die Sprecherinnen kein neues Thema eröffnen, sondern ein beste-hendes fortführen. R und D bieten jeweils eine (mehr oder weniger ernst zu nehmende) Erklärung für die Aussage von B in 019, dass die Jungen keinen Kohl mögen. Der Ablauf selbst der Interaktion macht auch ohne explizite Vor-feldelemente den logischen Anschluss der Äußerungen 021 und 024 an den Vorkontext möglich.

4. UNTERSCHIEDE ZWISCHEN ALLTAGSSPRACHLICHEN UND LERNERSPRACHLICHEN VERBERSTSÄTZEN

Imo weist darauf hin, dass DaF-Lehrende Wissen über typische syntaktische Strukturen der interaktionalen Sprache benötigen, um

echte Lernerfehler – also Strukturen, die deutsche Muttersprachler nicht verwenden würden – von situational angemessenen, aber von der Stan-dardschriftsprache abweichenden Formen des Sprachgebrauchs zu unter-scheiden und so die Äußerungen der Schüler richtig bewerten zu können. (Imo 2013: 123)

(15)

104

Außerdem plädiert er dafür, dass die Lehrenden wichtige Aspekte dieses Wis-sens an die Lernenden weitergeben sollen und

Satzmuster in Bezug auf ihre Funktion in der tatsächlichen Verwendung in Gesprächen gelehrt werden sollten (und zum Beispiel dann auch Mat-rixsätze mit folgenden Hauptsätzen oder die uneigentliche Verbspitzen-stellung als funktionales Mittel behandelt werden müssen) (Imo 2013: 136).

Im Folgenden soll gezeigt werden, wie sich Unterschiede zwischen nicht-ziel-sprachlichen Verberstsätzen nach den Hauptsatzkonjunktionen aber, oder und

und, wie sie manchmal in Texten japanischer Deutschlernender zu beobachten

sind, und akzeptablen Verberstäußerungen in der Interaktion thematisieren lassen. Alltagssprachlich akzeptable Verberststellungen nach aber findet man in der Kurznachricht in Beispiel 11 oder im folgenden Gespräch:

Beispiel 15)

037 S [aber michael] und ich haben genau das

GLEIche [gegessen.]

038 B [aber ER-]

039 (1.0)

040 B aber is ja jetzt nich so als ob er nur wenig ESsen

könnte-041 der isst doch

IMmer-042 mehr so- (GDA, Sushi essen)

Die Sprecherin B spricht mit anderen darüber, warum einem Freund beim Sushi-Essen schlecht geworden ist, und fügt in Zeile 040 einen Kommentar zu den Essgewohnheiten des Freundes hinzu, bei dem sich nach aber ein Vorfeld-Platzhalter es rekonstruieren lässt (= aber (es) ist ja nicht so als ob…).

In den folgenden schriftlichen und mündlichen Äußerungen japanischer Lernender ist die Verberststellung nach aber oder und jedoch nicht akzeptabel, da kein Vorfeldelement denkbar ist. Vielmehr sieht es so aus, als ob die Lernenden einen V2-Satz produzieren wollten und aber irrtümlich als Vor-feldelement18 verstehen, was möglicherweise durch häufiges Üben der „Subjektinversion“ gefördert wird. Hier ein Beispiel aus einer schriftlichen Hausaufgabe einer Studentin (S1), die im dritten Semester Deutsch lernt (Ni-veau A2):

Beispiel 16)

(S1)Tatsächlich habe ich auch ein Auslandsstudium aufgegeben, * aber denke ich nun, dass ich

in Österreich studieren möchte.

(16)

Auch in der Antwort eines Studenten (S2) auf die Frage der Interviewerin (I), ob er während seines Deutschlandaufenthaltes viel Kontakt zu deutschen Stu-dierenden hat, steht das Verb direkt hinter aber. Der Student hatte zum Zeit-punkt des Interviews drei Semester in Japan Deutsch gelernt und studierte gerade ein Semester in Deutschland.19

Beispiel 17)

I achso, das war meine nächste frage,

haben sie viel Kontakt zu deutschen oder deutschen [studierenden]?

S2 [m:::h]

ja: (--) ich habe (-) deutschen freund (.) freunde (--)

*ja (-) aber (--) haben wir (-) nicht so oft (--) ähm getroffen Hier fehlt kein anaphorischer Ausdruck (? aber da haben wir (uns) nicht so oft

getroffen). Denkbar wäre in dem Kontext nur ein Verberstsatz wie Aber hab ich nicht so oft getroffen/Aber treffe ich nicht so oft, in dem das Akkusativpronomen die mitgedacht wird, das sich auf die vorher genannten Freunde beziehen

würde.

Ebenfalls nicht angemessen erscheint die Verberststellung nach und in der folgenden Äußerung einer Lernerin (S3), die schon als Gymnasiastin ein Jahr in Deutschland verbracht und danach zwei Semester in Japan an der Univer-sität Deutsch gelernt hatte.

Beispiel 18)

S3 ahh(---)ich (--) habe (1.5)hmmm(--)zwei, für zwei(wochen)

I mhm,

S3 zwei wochen(--)zu:(--)volkshochschule

I mhm,

S3 besucht(---)hmm(---)da war das war alles (-) in deu (.) auf deutsch,

I mhm,

S3 und=ähhh(2.0) *und -)gab es=äh ) nur(1.5)wenig) junge

(--)junge leute,

Die Lernerin führt hier zwei Gründe an, warum sie nach ihrer Ankunft in Deutschland nur zwei Wochen lang einen Deutschkurs an der Volkshoch-schule besuchte: Alles war auf Deutsch und es gab nur wenig junge Leute. Der Satz mit Verberststellung und gab es nur wenig junge Leute enthält den zweiten Grund, jedoch keinen Kommentar oder keine Bewertung einer vorausgehen-den Behauptung. Damit scheinen die pragmatischen Gebrauchsbedingungen für Verberstsätze nicht gegeben zu sein, denn die diskursive Relevanz der Aussage ist nicht geringer einzustufen als die der vorhergehenden.

19 Die Interviews wurden von mir zwischen 2015 und 2016 durchgeführt und nach GAT 2

(17)

106

Nicht akzeptable V1-Sätze nach und entstehen bei (japanischen) Lernen-den außerdem in Fällen, in Lernen-denen gemeinsame Satzteile koordinierter Sätze nicht wiederholt werden, obwohl eine Koordinationsellipse nicht möglich ist. In dem folgenden Beispiel 19 spricht die Lernerin (S4), die zum Interviewzeit-punkt drei Semester Deutsch in Japan und ein Semester an einer deutschen Universität gelernt hatte, über ihre deutsche Tandempartnerin. Die Einspa-rung des Vorfeldelements manchmal aus der ÄußeEinspa-rung 022 wäre in 024 nur akzeptabel, wenn in beiden Sätze das gleiche Subjekt verwendet würde (z. B.

Manchmal besuche ich sie zu Hause und spreche mit ihr). In der Äußerung

er-scheint aber in dem koordinierten Satz ein anderes Subjekt (wir). Beispiel 19)

S4 manchmal gehe ich in ihrem haus

I aha

S4 *und spre unterhalten wir

I hmm

S4 oder (.) ↑ backen

Im nächsten Beispiel wäre eine Modalisierung wie denk ich passend (= in

Deutschland gibt es viele Ausländer, denke ich). Die Lernerin (S5), die zum

Inter-viewzeitpunkt erst drei Semester in Japan Deutsch gelernt hatte, entscheidet sich aber für einen nicht vollständigen Satz mit Verbzweitstellung.

Beispiel 20)

S5 in deutschland haben viele (--) leu (.) auslan (--)der.[aus]länder,(---) *ich denke so.

Ausdrücke wie glaub ich, find ich, denk ich etc. kommen zwar in Hörtexten oder Sprechaufgaben der Lehrwerke vor, werden aber möglicherweise von den Lernenden nicht ohne Weiteres in dieser Form übernommen. Hier macht eine Gegenüberstellung von zielsprachlichen und nicht akzeptablen Ausdrücken Sinn. Gerade wenn zum Beispiel die Setzung obligatorischer anaphorischer Objektpronomen Schwierigkeiten bereitet und Äußerungen wie *Ich kenne

nicht, *Ich mache so produziert werden, ist es wichtig, auf die Bedingungen für

den Verzicht auf Pronomen in der Interaktion hinzuweisen und zu betonen, dass in der Sprache-in-Interaktion nur anaphorische Pronomen oder Subjekt-pronomen aus der Vorfeldposition, nicht aber aus dem Mittelfeld ausgelassen werden dürfen.

5. SENSIBILISIERUNG FÜR VERBERSTSTELLUNGEN IM DAF-UNTERRICHT Damit Lernende auf die alltagssprachlichen Verberststellungen aufmerksam werden, sollten sie zunächst rezeptiv an authentischen Texten arbeiten und versuchen, verschiedene Typen von Verberstsätzen zu unterscheiden,

(18)

impli-zite Vorfeldelemente zu rekonstruieren und die Funktionen dieser Sätze zu bestimmen. Im Anschluss daran können produktive und offenere Übungsfor-men angeboten werden, zum Beispiel unvollständige Gespräche, die die Ler-nenden selbst mit Verberstsätzen fortführen.

Die folgenden Unterrichtsvorschläge sind nicht an ein bestimmtes Lernni-veau gebunden, sondern stellen nur Muster dar, nach denen Lehrende Aufga-ben zu geeigneten, authentischen Texten entwerfen können. Sie sollen zudem illustrieren, wie Texte aus Datenbanken für den DaF-Unterricht eingesetzt werden können. Daneben gibt es auch die Möglichkeit, die Verberststellung zusammen mit anderen typisch alltagssprachlichen Strukturen in authenti-schen Gesprächen oder Kurznachrichtentexten zu thematisieren (vgl. dazu Seite 66 und 67 des Beitrags von Imo, Hayashi & Ogasawara).

5.1 Verberststellungen erkennen und Typen unterscheiden

In der ersten Aufgabe soll es darum gehen, typisch alltagssprachliche Verb-erststellungen von VerbVerb-erststellungen in Imperativen, Fragen und koordinier-ten Sätzen mit Subjektellipsen zu unterscheiden, sowie formelhafte Phrasen in ihren verschiedenen Positionen in Äußerungen zu erkennen. Bei dem gespro-chenen Text (B) ist es auf jeden Fall sinnvoll, ihn anzuhören, da prosodische Merkmale eine wichtige Rolle beim Verständnis spielen, zum Beispiel zur Un-terscheidung von Frage- und Aussagesätzen.

Aufgabe 1: Lesen (und hören) Sie die unten stehenden Konversationen und unterstreichen Sie alle Verberststellungen. Unterscheiden Sie folgende Ty-pen:

20

A) Karneval (MoCoDa, Dialog #4254)

Morgen dabei?

Nachricht #1–10.11.2016–14:32:0

I: Imperativ

F: Entscheidungsfrage

SE: Subjektellipse in koordinierten Sätzen nach und, oder

W: Wünsche und Ausrufe20

V1 (…): V1 (Auslassung von da/das/es/ich/wir ….)

V1 P: formelhafte Phrase (in der Satzmitte oder am Satzende) glaub ich,

mein ich, denk ich …

20 In den verwendeten Texten sind allerdings keine Wünsche oder Ausrufe mit

(19)

Hab Lisa jetzt nicht gefrag und hab heute Abend auch bis 8 Uni und

muss freitagabend ja auch wieder nach münster, also lohnt sich das ja auch eigent-lich gar nicht:/

Nachricht #2–10.11.2016–14:42:00

Die anderen fahren doch auch heute Abend erst! Nachricht #3–10.11.2016–14:43:00

Aber es sind dann nur Pärchen am Start, oder? Nachricht #4–10.11.2016–14:44:00

Max und Dennis wollten auch mit glaub ich… Nachricht #5–10.11.2016–14:50:00

Sicher?

Nachricht #6–10.11.2016–14:54:00 Frag die doch mal…

Nachricht #7–10.11.2016–14:56:00

Ich muss zugeben, dass ich nicht so motiviert bin. und ich hab auch gar kein kos-tüm hier..

aber nächstes Jahr bin ich am Start!:) Nachricht #8–10.11.2016–15:10:00 Langweiler, aber okay!

Nachricht #9–10.11.2016–15:12:00 Feiert für mich mit:)

Nachricht #10–10.11.2016–15:13:00

Lösungen:

V1 (ich): Hab Lisa jetzt nicht gefrag (Nachricht #2)

SE (ich): und hab heute Abend auch bis 8 Uni (Nachricht #2) SE (ich): und muss freitagabend… (Nachricht #2)

V1 P: glaub ich (Nachricht #5) I: Frag die doch mal… (Nachricht #7) I: Feiert für mich mit (Nachricht #10)

Als typisch alltagssprachliche Verberststrukturen findet man in Nachricht #2 eine subjektlose Äußerung als Reaktion auf die Frage in Nachricht #1 und in Nachricht #5 die modalisierende Phrase glaub ich.

B) Zum Essen verabreden (gekürzt aus GDA)

004 J HAAALlo.

005 B STÖR ich grade?

006 J nee GAR nich.

007 B Okay dann is ja gut.

008 ähmmm ich hab deine es em ES bekommen?

009 unnnd es is natürlich GAR kein

problem-010 dass du heute lieber PUTzen möchtest?

011 als [dich mit mir] zu TREFfen.

012 J [ja hahahaha]

013 ((beide lachen))

014 B nee MACH das

(20)

016 ähmmm aber MENsa?

017 find ich ne ganz gute iDEE eigentlich?

(…)

040 B dann TREFfen wir [uns-]

041 J [dann] lass uns das doch MAchen.

042 SOLlen wir uns dann

irgendwie-043 WEIß ich nich.

044 bei edeKA oder bei nem anderen bäcker treffen.

045 B bei

edeKA-046 am aeGIdiimarkt einfach.

047 J ja.

048 B [ja.]

049 J [SOL]len wir`s so machen?

050 B is doch SUper.

051 J [okay COOL. ]

052 B [dann können wir] uns irgendwo nach DRAUßen setzen.

053 J ja [das is doch ne] GUte idee.

054 B [ALles klar. ]

055 gut machen wir das SO.

056 J [SEHR schön-]

Lösungen:

F: 05 STÖR ich grade? I: 14 nee MACH das mal-

V1: 17 (= das) find ich ne ganz gute iDEE eigentlich? I: 41 [dann] lass uns das doch Machen

(Hier handelt es sich um eine Imperativform mit dann im Vorfeld.) F: 42–44 SOLlen wir uns dann irgendwie- (…) treffen

V1 P: 43 WEIß ich nich.

F: 49 [SOL]len wir`s so machen? V1: 50 (= das) is doch SUper. I: 55 machen wir das SO.

5.2 Funktionen von Äußerungen mit Verberststellung unterscheiden Die in Abschnitt 2 von Auer (und teilweise Weinrich) übernommenen prag-matischen Funktionen von alltagssprachlichen Verberststellungen sollen hier für die Funktionsbestimmung im Unterricht verwendet werden.

– Bewertung/Kommentar – Modalisierung

– Elaborierung (Präzisierung/Umformulierung)

– Antworten/Ausdruck von Zustimmung oder Ablehnung

Neben diesen für die Sprache-in-Interaktion typischen Verwendungen von Verberstäußerungen können in Gesprächen oder Kurznachrichten

(21)

Verberststel-lungen auch zum Ausdruck von Emotionen (Ist das aber kalt!) oder in der so genannten narrativen Verwendung zur Markierung einer raschen Handlungs-abfolge gebraucht werden. In den folgenden Aufgaben wurden diese Funktio-nen allerdings nicht berücksichtigt, da ich in der Datenbank keine geeigneten Texte, die auch diese Formen enthalten, finden konnte.21 Außerdem müsste noch die Kategorie „Telegrammstil“ (turn-initialer V1-Satz mit Subjektellipse) aufgenommen werden, wenn mit Kurznachrichtentexten gearbeitet wird.

Aufgabe 2

Lesen und hören Sie den Text. Unterstreichen Sie Verberstsätze und ordnen Sie sie dann einer Funktion zu. Ergänzen Sie auch das Vorfeld.

Text: Eisessen (Ausschnitte aus GDA)

001 A ja auf jeden fall DA gab’s einmal also ganz grandioses eis

002 die hatten auch glaub ich nur SECHS eissorten zur auswahl

003 [auch dann- ]

004 B [alle SELBST] gemacht dann ne?

(…)

054 B also das SCHMECKte dann wirklich wie

055 das schmeckte einfach nur so als ob’s so geKÜHLtee eiskaltee foie

gras wirklich wär.

056 fand ich n bisschen eklig als ganzen [BALlen] so zu haben.

(…)

068 B aber das richtig GEIle is natürlich mal wieder in berlin?

069 hahaha is ja KLAR

070 direkt am MAUerpark

071 auch eine ganz kleine EISdiele.

072 kann man sich auch nich REINsetzen.

21 Auer (1993: 215) bemerkt, dass die „narrative Verbspitzenstellung sicher quantitativ

we-niger wichtig ist als die […] konversationellen Typen“, dass sie allerdings in sprachwis-senschaftlichen Forschung mehr beachtet wurde.

a) Modalisierung der eigenen Äußerung durch formelhafte Phrasen wie

glaub ich, mein ich, denk ich etc. Sie schränken die Gültigkeit der eigenen

Äußerung ein, ähnlich wie Ausdrücke wie wahrscheinlich, sicherlich,

mög-licherweise…

b) Bewertung/Kommentierung der vorausgehenden eigenen oder fremden

Äußerung

c) Elaborierung/Präzisierung/Weiterentwicklung der vorausgehenden

ei-genen oder fremden Äußerung

d) Antworten/Zustimmung/Ablehnung der vorausgehenden Äußerung

ei-ner anderen Person mit Phrasen wie glaub ich auch, mach ich, stimmt, hast

(22)

111

073 aber die ham jede woche andere EISsorten.

(…)

148 B wo is denn hier MÖvenpick?

149 A das is da am AAsee.

150 B ach SO

151 ja KLAR stimmt stimmt.

152 hmHM.

(…)

165 B aber bei fiRENze ham die das.

166 [yoghuRETte.]

167 A [ja? ]

168 B mmh

169 A ooch

170 B da [gibt’s ja auch diese GANzen-]

171 A [mag ich AUCH gerne. ]

172 B so was wie tobleROne.

(…)

175 B und TOFfifee und so

176 find ich nich immer äh GANZ gut

177 aber is halt schon geiler als einfach vaNILle.

178 [also-]

179 A [hm- ]

Lösungen:

1. Tp a) Modalisierung der eigenen Äußerung (Verwendung in der Satz-mitte):

002 die hatten auch glaub ich nur SECHS eissorten zur auswahl

2. Typ b) Bewertung, Weiterentwicklung der eigenen Äußerung

056 fand ich n bisschen eklig als ganzen [BALlen] so zu haben.

(= das fand ich ein bisschen eklig, das so als ganzen Ballen zu haben)

3. Typ a) Modalisierung der eigenen Äußerung:

069 hahaha is ja KLAR (= das ist ja klar, dass das richtige geile wieder in Berlin ist)

4. Typ c) Präzisierung

072 kann man sich auch nich REINsetzen.

(= da/in die Eisdiele kann man sich auch nicht reinsetzen)

5. Typ d) Zustimmung zur vorausgehenden Äußerung

151 ja KLAR stimmt stimmt. (= das stimmt)

6. Typ b) Kommentierung zum Thema der Äußerung des Gesprächspartners

171 A [mag ich AUCH gerne.] (= das mag ich auch gerne)

7. Typ b) Kommentierung zum Thema der eigenen Äußerung

176 find ich nich immer äh GANZ gut (= das finde ich nicht immer ganz gut) 177 aber is halt schon geiler als einfach vaNILle. (= aber das ist halt schon

(23)

5.3 Gespräche mit Verberstsätzen fortführen

Für die letzte Aufgabe können Transkriptionen authentischer Gespräche oder Kurznachrichtentexte verwendet werden, in denen man zuvor Verberstsätze gelöscht hat. Die Lernenden werden aufgefordert, selbst Äußerungen zu fin-den, die in dem vorgegebenen Kontext passen können. Hier sollte von vorne-herein klar sein, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt und natürlich neben Verberstsätzen auch andere Satztypen denkbar sind.

Aufgabe 3

Lesen Sie die folgenden Texte und überlegen Sie sich für die Lücken pas-sende Sätze mit Verberststellung (eventuell auch andere paspas-sende Satzty-pen). Sie bekommen immer einen Hinweis auf die Funktion der Äußerung. Den Originalsatz können Sie später in den Lösungen finden.

a) S möchte seine Zustimmung zur Äußerung von L (061) bekräftigen.

053 S ich verSTEH das aber auch immer nich

054 michael und timo BEIde.

055 wenn man mit denen SUshi essen geht

056 die BAden immer

057 das SUshi komplett in dieser sojasoße

058 bis sich der ganze REIS vollgesogen hat

059 B bis der ganz SCHWARZ is.

060 S ja.

061 L ja aber dann schmeckt man doch gar nichts mehr von dem REST?

062 S ja geNAU. ___________________________________ (GDA, Sushi essen)

Mögliche Lösungen: find ich auch/denk ich auch/mein ich auch … Original: seh ich auch so

b) B blättert im Kochbuch ihrer Freundin J und findet das Rezept

Hirse-küchlein. Sie deutet an, dass sie weder Bio-Gerichte noch Biorestaurants

mag und macht dazu noch einen Kommentar mit dem Wort übel (=

schlecht). J widerspricht ihr darauf.

019 B ((lachend) ich find HIRseküchlein hört sich echt so

hardcore vegetarisch an.

020 wie in so’m BIorestaurant.

021 _______________________________

022 J Übel?

023 das is total LEcker. (GDA, Mensaessen)

Mögliche Lösungen: schmeckt doch (sicherlich) übel/find ich übel… Original: is schon echt Übel

(24)

c) Drei Freundinnnen sprechen über Twitter. N sagt, dass sie Karl Lager-feld folgt. Als Kommentar fügt sie hinzu, dass sie die Idee von der Freundin F (= Fredi) hat.

58 S [und was FOLGST] du alles so?

59 N karl

LAgerfeld-60 _______________________________

61 F ja karl LAgerfeld folgen

wir-62 aber der [twittert ungefähr einmal in] zwei MOnaten. (GDA,

Twittern)

Mögliche Lösungen: hab ich von Fredi/hat mir Fredi empfohlen/hab ich Fredi

nachgemacht/war Fredis Idee…

Original: hab ich Fredi geklaut

6. FAZIT

Verberstäußerungen treten in der Alltagssprache sehr häufig auf, deshalb soll-ten sie in einem DaF-Unterricht, der sich an authentischer Sprache orientiert, nicht ignoriert werden. Imo (2013: 115 ff.) unterstreicht, dass neuere DaF-Lehrwerke tatsächlich typische syntaktische Strukturen der Sprache-in-Inter-aktion berücksichtigen und damit Vorgaben des Referenzrahmens umsetzen. Er zitiert einen Satz aus einer E-Mail aus dem Lehrbuch Unternehmen Deutsch

Aufbaukurs als gelungenes Beispiel:

Die E-Mail enthält aber mit der Äußerung „Ist doch gut so, oder“22 (…) – die aus einer „uneigentlichen Verbspitzenstellung“ (Auer 1993: 200) und einem Vergewisserungssignal (vgl. Hagemann 2009) aufgebaut ist – ty-pisch interaktionale Strukturen, die in der Tat auch in halbformellen Ge-schäfts-E-Mails zu finden sind. Das Lehrwerk ist hier völlig auf der Höhe der Zeit. (Imo 2013: 117)

Es genügt jedoch nicht, wenn diese Verberstsätze nur als Input vorhanden sind, aber nicht weiter rezeptiv (und eventuell produktiv) erarbeitet werden. Sie dürfen auch nicht als bloße Verkürzungen komplexerer standardsprachli-cher Strukturen gesehen werden, sondern sind als Strukturen mit eigenen Funktionen zu thematisieren, die eine besonders enge Anknüpfung an den Vorkontext und eine Fortführung des in der Interaktion entwickelten Themas ausdrücken.

22 Text der von Imo (2013: 116) zitierten E-Mail: Lieber Rolf, bei einer Besprechung am 18.01.

haben die ADMs den Zielen der Vertriebstagung weitgehend zugestimmt. Das zeigt ihre hohe Mo-tivation. Ist doch gut so, oder? (Unternehmen Deutsch Aufbaukurs B1–2; 2005: 112)

(25)

114

Die alltagssprachlichen Verberstäußerungen sind nicht „vorfeldlos“ wie Frage-, Imperativ- oder Ausrufsätze, die sich durch die Nichtbesetzung des Vorfelds von deklarativen Sätzen mit Verbzweitstellung unterscheiden. In der Alltagssprache kann theoretisch immer ein Vorfeldelement rekonstruiert wer-den, es muss bloß in der Interaktion nicht versprachlicht werden. Um das zu verstehen, müssen Lernende natürlich auch wissen, welche pronominalen oder anaphorischen Elemente zu einem deutschen Satz gehören und welche bevorzugt die Anschlussfunktion im Vorfeld übernehmen – gerade für Ler-nende mit Erstsprachen, die keine Pronomen kennen, eine nicht immer leichte Aufgabe. Außerdem gilt es zu begreifen, dass die Bedeutung und Struktur von Äußerungen in der Interaktion durch die Abfolge der Redebeiträge und das gemeinsame Handeln konstituiert wird und deshalb sprachlich nicht aus-gedrückte Vorfeldelemente im Kommunikationsprozess für die Beteiligten re-konstruierbar sind. Die mitgedachten Vorfeldelemente dürfen nicht nur als informationsstrukturell redundante Bestandteile betrachtet werden, denn Re-dundanz oder Sprachökonomie allein ist kein Grund für die Verwendung von Verberstsätzen in der Interaktion, darin unterscheiden sie sich von Kurzsätzen im „Telegrammstil“, die Kurznachrichtentexte einleiten oder allein stehend in schriftlichen Benachrichtigungstexten (z. B. Bin kurz weg …) zu finden sind.

Bislang gibt es jedoch für DaF-Lernende und Lehrende nur sehr wenige und knappe Darstellungen über die Funktionen und Gebrauchsbedingung von alltagssprachlichen Verberststrukturen, so dass man sich für die Zukunft in Lernergrammatiken und Lehrwerken noch ausführlichere Beschreibungen in einem Kapitel zur interaktionalen Sprache wünscht.

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Weinrich, Harald Sprache (unter Mitarbeit von Maria Thurmair, Eva Breindl und Eva-Maria Willkop) (1993), Textgrammatik der deutschen Sprache. Mannheim: Dudenverlag.

Datenbanken

GDA: Gesprochenes Deutsch für die Auslandsgermanistik https://daad-gda. sprache-interaktion.de/

MoCoDa: Mobile Communication Database http://mocoda.spracheinterak-tion.de/

(27)

ANHANG Transkriptionszeichen Generell: Kleinschreibung

Hauptakzent einer Einheit in Großbuchstaben: akZENT Letzte Tonhöhenbewegung am Einheitenende:

? steigend ; fallend . tief fallend – gleichbleibend Pausen: (.) Mikropause (-) kurze Pause (--) mittlere Pause

(2.0) Länge der Pause in Sekunden

Überlappungen/Simultansprechen: wort[wort] [wort]

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参照

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