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Zum Begriff der Höflichkeit in Adelungs Wörterbuch. Ein Aspekt soziopragmatischer Sprachgeschichte im 18. Jahrhundert

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(1)

Zum

Begriff

der

Hovacbkeit

in

Adelungs

W6rterbuch

- Ein Aspekt soziopragmatischer Sprachgeschichteim 18.

Jahrhundert*

-Hiroyuki

TA}<ADA

1. Pragmatische

Sprachgeschichtsforschung

Vor allem seit

dem

Zifrcher

Kolloquium

,,Anstitze zu einer

pragmatischen

Sprachgeschichte"

im

Jahre

1978

(vgl.

Sitta

1980)

spieit

in

der

deutschen

Sprachgeschichtsforschung

die

,,pragmatische" Perspektiveeine wichtige Rolle.

Ein

Sprachhistoriker

soll

gemljB

dieserPerspektlve,,sprachliche Handlungen

und Handlungsmuster im sozialen Kontext institutionellerund

privater

Dimension"

(Henne

1980,89)beschreibenund erklhren. Die ,,soziopragmatische`C

Sprachgeschichtsschreibung

bei

v.

Polenz

(1995)

versteht

.Sprache als

Voraus-setzung, Instrumentund

Produkt

gesellschaftlichen

Handelns und Verhaltens

von Personen,Institutionenund GroBgruppen"

(v.

Polenz 1995,

39;

vgl. auch

v. Polenz 2000, 13;

Cherubim

1998;Linke 1996, 16f£

).

Ihr

Sprachgebrauch

verweist aufihre ,,Mentalitatsgeschichte"

(Linke

1996),d.h.,,,wie Menschen in

verschiedenen historischen

Epochen

und verschiedenefi sozialen

Gruppen

unterschiedlich

denken,

fiihlen,

wollen"

(Herrnanns

1995,71).

Mit

dieser

Orientierungmbchte ichin der vorliegenden Arbeitversuchen,

aufgtund der Analyse des BegriffsHoj7dr)bkeit

als

gesellschaftliche

Verhaltens-erwartung in

der

Mtte

des

18.

Jahrhunderts,

also inderbeginnenden

,,btirgerli-chen Epoche", Fragmente der damaligen sprachlichen

Alltagskultur

bzw.

der

Normen der

Umgangsformen

zu rekonstruieren. Als

Quelle

nehme ichdabei clie AnfUhrungen in den Lemmabeschreibungen im ,,Grammatisch-kruischen

W6rterbuch

der

Hochdeutschen MundartC`

(1.

Aufl.:

Leipzig 1774-1786;2. Aufl. Leipzig 1793-1801)'}von

Johann

Christoph

Adelung,

das

nicht ein

*> Die EntstehungdiesesBeitragsistdurchein Forschungsstipendiumder Alexander-von-Humboldt-Stiftung ftirden Sommer 2001 sowie ,,the Kansai UniversiryResearch

Gr2nts:Grand-in-AidforEncourAgement of Scientists,2001" gefordertworden, FUr die

Durchsichtmeines Manuskripts und wertvolle HinweisedankeichHerrn Prof Dr. Helmut

Henne

(Braunschweigl

herzlich.

1) Die Lemm2beschreibungen in der zweiten Aufiage diesesW6rterbuches sollen analysiert werden; beiNotwendjgkeit sollen aber auch dietheoretischen Bemerkungen inder

ersten AuflagedesW6rterbuches sowie inderStilistik

,,Uber den deutschenSty1"

(Berlin

(2)

Die Japanische Gesellschaft fur Germanistik Die JapanischeGesellschaftfur Germanistik

94 HiroyukiTAKADA

Produkt

,,einer

bloB

individuellen

Weltsicht"

(HaB-Zumkehr

1999,253)istund

deshalb

,,den VCJortgebrauchder Zeit um die

Jahrhundertmitte"

(Semenjuk

1984,152)reprlisentativ widerspiegelt.

2. Stilisnischeund soziopragmatische Markierungen

Adelung

bemUht

sich, den

Gebrauch

der VU6rterm6glichst

genau

und vollsttindig, und zwar ,,sprachsoziologisch-stilistisch"

(Henne

1975, 114), zu

schildern. Auf

den

.gesellschaftliche[n] Verhaltnisse[n]

jeder

Classe von

Einwohnern"

(Adelung,

Styl,

1785, 2. Tl, 7f)

beruhe

nach Adelung ,,die

WUrde

des

Ausdruckes"

(ibid.,

8):Wenn ein Ausdruck ,,der eigenthUmlichen

Denkungs- und

Ernpfindungsart

der

niedern

Classen"

(ibid.)

gemtiB

sei, so sei er nach Adelung als

gebildetem

BUrger

der

Oberschicht

niedrig,d. h. nicht edel, hingegenseier edel, wenn er

derjenigen

der oberen

Klassen

angemessen

sei.Nach

der

stilistischen und sozialen ,,Wifrde derVer6rter"

(Adelung

1774,1.

Tl.,XIV), macht Adelung eine funffacheKlassifikation:1.,,die h6here od.

erhabene

Schreibart",

2.,,die edle"

Schreibart,

3.,,die

Sprechart

des

gemeinen

Lebens und vertraulichen Umganges", 4. ,,die niedrige"Sprechartund

5.

,,die

ganz

p6belhafte"

Sprechart.

Die

letztgenannte

Sprechart

liege.tief unter

dem

Horizonte

des

Sprachforschers"

abid.)

und

dttrfe

deshalb

nicht

indasW6rterbuch

autgenommen werden.

Folgende

Zitate

zeigen,

daB

der

Lexikograph Lemmata seines W6rterbuchs

nicht nur stilistisch, sondern auch nach

Region,

Haufigkeit,

Sozialschicht,

Situationund Sti1farbungbeschreibt:

,,Die

Gnade

[.

..] 1.Die Neigung,

jemanden

Wohlthaten zu erweisen

[...]

Bey

den

Schwtibischen

Dichtern istes in dieser

Bedeutung

sehr

hliufig,wie es

denn

auch irnOberdeutschen in derselbennoch v6-g

galngeund

gebe

ist,und indergesellschaftlichenH6flichkeitunter Personen

gleiches

Standes

ttiglich

gebraucht

Wird.

[

...

];

ja

selbst

im

Hochdeutschen

sagt man in

der

vertraulichen Sprechart,wie stehe ic)binthrerGiade?.SVb stehet

haythm ingroLtCler(1)iade

[...]"

(Adelung

1796,

2.

Tl.,

736)2)

,,WMk6mmen,

[

...

]

1.Bey

der

Ankunft

angenehm, angenehm inAnsehung

derAnkunft;

da

denn

diesesWort eine

gew6hnliche

GruBfbrmel bey der

Ankunft

eines andern

ist,

und nur als ein.Adverbium

gebraucht

wird.

[

...

]

-lbmanden uzaZtZ"leemmen

heci(li?n,

ihnmit diesem GruB empfangen; inder

ansttindigern

Sprechart,

thnbewiiZ(iem7nven.

(Adelung

1801,4.Tl.,1550)

Die Markierungen

bzw.

diekornmentierendenPfadikate,,h6flich", ,,vertraulich"

2)andetsBeirnZitataus dem W6rterbuchvon Adelungsollen Beispiele2nschaulichkeitshalber

(3)

Zum BegriffderntJZfchkeitinAdelungsVCf6rterbuch 95

und ,,anstljndig" in diesen Zitatenstellen eher

Gebrauchsanweisungen

rnit

jeweiligen

sozialen Funktionen dar.

3.

Soziale

Gebrauchsanweisungen

3.1.

.H6flichkeit"

Die

gesellschaftliche

Notwendigkeit von

,,Beachtung der

Courtoisie",

die

,,zunljchst in

den

Titelnund andern Benennungen der Ehrerbietung,Achtung

und H6flichkeit"

(Adelung

1785,Sty1,2.Tl.,75) bestehe,erklart Adelung in

seiner

Stilistik

damit,

daB

,,das

VerhaltniB

der

Personen

gegen einander

in

der

so verschlungenen und zusammen

gesetzten

bUrgerlichen

Gesellschaftso

verschieden ist"

(ibid.,

75).Das Lemma Hoj7iichleeiterklart Adelung inseinem

W6rterbuch

folgendermaBen:

,,Die H6flichkeit

[...]

1) Die Fertigkeit,andern seine Hochachtung

thadg zu erweisen, und inengerm Verstande,in

dieser

thtitigenErweisung

seiner Hochachtung

den

n6thigen Unterschied zu beobachten

[...]`i

(Adelung

1793,2.Tl.,1246)

Vaennman alsoinseinen Handlungen seine ,,Hochachtung" und den rangmalligen

,,Unterschied"

gegenUber

,,andern" ausdrUckt, handeltes sich um ,,H6flichkeit".

HOflichseien nach Adelung z. B. folgendeAusdrUcke: ,,A7bhmen sie ]P7alu sagt

man in

der

h6flichenSprechart,fUr das niedrigere, set?yn sie smb nieden"

(Adelung

1798,

3.

Tl.,

789);

,,Befehlen,

[...]

In

der

Sprache

der

Hdflichkeit

wird diesesWort oft furvenhi(ge4 hefieheiz,M(gitt(giau etuas hahengebraucht.uras

heX?hlen

sie?

U77e

sie

hel?hlen.

(Adelung

1793,1.

Tl.,

789fi);,,En'nnem,

[,..]

ein

hbflicherAusdruck flirmahnen. Elinen5heulZhieren'nnerva. En'nneredbcbde .Sthuld`

(ibid.,

1905).

Indem wir

die

Attributezum SubstantivHoj9lethkeitnliher analysieren, erkennen

wir unterschiedliche Arten

yon

Hoj7lithkeitbeiAdelung:

nach

dem

Trager:soziale Schichten

(Hl

inv

gesedethay[Mtthen

Lehen,H im

genveinen

Lebetz,H des

gemeinen

Hat{fen4

H

unter den

groyCCI7n

Hatg?n,H von

gen'rgemPlemsenen,Hl unter .Plersonengleibbes.Slandes

H

der

nied7i2grten

C](ass&

.H

von

derfoinem

Lvamp,

nach dem Adressaten:sozialer Abstand

(H

gflgen

gerit(geng

H

gagen

weit

erkahene .FlersoneagH

,gqgen LibmehmengHl unter Personengleibbes

5hrnda),

nach der Beschafilenheit:MaBigkeit versus Ubertreibung

igemeine

H,

gesedecbaLl[klicheH,

fie"ndsabafa'dee

H, an`inichxige Hl, R'herin'eheneH, sthla"e H,

ge

av"iagene

H)

nach

der

AktualitAt:

Mocle

(moduche

H, MedespmthederH., H derMode, neuere

H,

heunge

H, immer

hbher

steigende EL, vemdete .Fbnvel derH);

(4)

Die Japanische Gesellschaft fur Germanistik Die Japanische Gesellschaft fur Germanistik

96 HiroyukiTAKADA

Das

VC'ort

htl]9ith

verbindet sich irnVC'6rterbuchmit

den

Substantiven

EVnladui{g,

ll7brte,Anrede und .Sthimbli mit

den

Verben

eneRlfaf{gen,anreden, sthim2fen und

hagegneag

und

die

Substantivform

Hoplc)bkeitmit

den

Verben aninn, erkennen,

genieffen,envidet77 und scvbul2iZg

haihen.

Aus diesenKollokationenltiBtsich das

Wesen

des

BegriffsHb]7?lchkeitfolgendermallenveranschaulichen:

Man

hatvor

allem bei

der

Einladung,dem Empfang

(der

Begegnung) und der Anrede

gegenUber

dem

AdressatenH6Aichkeit walten zu lassen;dieschuldige H6flichkeit

muG man nun zuerst erkennen und

dann

mit

h6flichen

Worten erwidern. Auch

beim Schimpfen sollte man dieH6flichkeitnichtvergessen.

3.2.

,,Ansttindigkeit"

(,Anstand`b

Der BegriffAnsin'nd{gkeiLIAnslandunterscheidet sich vofi Hoj7ibbkeitdadurch, daB er ,,WUrde" und ,,ErnstC` voraussetzt.

Das

Lemma Anstifiinde[g)leeitwird von

Adelung so

definiert:

,,Die Anstlindigkeit

[.

..]

(1)

Die Eigenschaft

des

liuBern Betragensso

wohl, als

des

sitdichen Verhaltens,nach welcher es der WUrde und

den

jedesmahligen

Umst2nden einer Person

gemljB

ist

[

. . .

]."

(Adelung

1793,

1.Tl.,378)

So

kommt

das

Wort ,,Anstand" in

der

Stilistik

verbunden mit ,,Ernst" und ,,VUUrde" vor: ,,durch Ernstund Anstand

des

Ausdruckes"

(Adelung

1785,Sty1,

2.Tl.,29);,,mit

WUrde

und Anstand"

abid.,

38),wobei. der Begriff,,Ve'Urde"

ausdrUcklich feinere,,VorzUge derobern

Classen

in

der

bUrgerlichen

Gesellschaft" bedeutet:

,,Die teP2?de

[

. . .

]

3.

Die

Eigenschaft,da etwas

den

VorzUgen

der

obern

Classen in der bUrgerlichen

Gesellschaft

gemljB

ist,hoher Grad

der

Anstandigkeit;

ohne Plural.Ernst "nd Ul7dirk

hemsthet

in seinem

,gangen

Betmgen.

Die

urfilrzle

des

Sbyles,

die Eigenschaft,

da

der

Ausdruck dem verfeinerten Empfindungsverm6gen der obern Classenangernessen ist."

(Adelung

1801,4.Tl.,1626)

Auch

die

Tatsache,

daB das Wort ,,anstandig" am allermeisten mit ,,edel"

gereiht

benutztwird,

deutet

auf

die

eigentliche Stilh6he

des

Begriffs.anstljndig",

wie z. B.:

,,Ubrigens istnoch dieseszu bemerken,

da3

die mit eiL zusammen

gesetzten

Zeitw6rteredler und anstdndiger sind, als

die

mit andern gleich

bedeutenden Partikeln.

Erkauen

istedler als acbauen und bauen,eriksen edler

als auslaen und aass"then, enloirthen edler als ausloicthen, ersth2Zgenedler

als

tode

sabk{gen u.s.E"

(Adelung

1793,1.Tl.,1854)

(5)

Zum BegriffderHb]eic)bkeitinAde]ungs VV6rterbuch 97

,,Anstlindigkeit" und ,,H6flichkeit" um

Handlungseigenschaften

handelt,die

nichtauf dieobere Schichtbeschranktsind, sondern auch die,,gemeine" We]t

betreffen,

wie

folgende

Beispiele

zeigen: ,,Der

Eheschatz,

[...]1)

In der

anstAndigern Sprechartdes

groBen

Haufens,ein Ehegatte,

beyderley

Geschlechtes.

[...].

"

(Adelung

1793,1.Tl.,1647);,,irre

[...]

(e)

Des Verstandesberaubt,

in der h6Hichen Sprechart

des

gemeinen Lebens. ine im 1(b2fese7n, Inieneden,

fantasiren.EVn inerlhnsch,

der

aberwitzig, wahnsinnig ist."

CAdelung

1796, 2.

Tl.,139D; ,,Der Eheliebste,

[.

..] ein Ehefileinte4eine

Ehefilehste,

der

Ehemann,

die

Ehefrau,

in der anstandigern Sprechartdes

gemeinen

Lebens, aber aus

H6flichkeitvon gerifigernPersonen.

[...]."

(Adelung

1793, 1. TL, 1645).

,,Geringe Personen"kdnnen sich nAmlich

bei

Gebrauch

dieser

W6rterangemessen

,,anstljndigC` oder ,,hOflich" verhalten.

3.3.

,,Vertraulichkeit"

Die vertrauthbbkeitbestehtnun in der ,,Liebe" unter

Gleichrangigen.

Die

Vizrtraulichleeit

definiertAdelung als,,die thatige Erweisung seines Vertrauens zu

jemandes

Liebe und Wohlwollen ohne

Zurtickhaltung"

(Adelung

1801,4. Tl.,1163),wobei das Vertraueneine Art ,,Gleichheit so wohl

des

Standes

als

der Fahigkeit"

(Adelung

1785,

Sty1,

2.

Tl.,

14) voraussetze. Adelung istsich

bewuBt,

daB es sich beim BegriffVertraulichkeitweniger um den ,,Grad

der

Wtirde",als um

die

,,Absicht

des

Sprechenden

und

Schreibenden"

Obid.,

13)

handelt.In der ,,Absicht, warum man sie

gebraucht`C

(ibid.,

15) und im

,,VerhljltniB

dcrjenigen

Personen,

fUr welche man schreibet"

(ibid.,

15)

unterscheide sich dievertrauliche Schreib-und Sprechartvon anderen

Stilen.

Der

Gegenstand

des

vertraulichen

Sdls

sei,,das Kleinliche,Angenehne, Gefallige"

(ibid.,

36),wahrend er im h6heren

Stil

,,das Ernste und

GroBe"

(ibid.,

36) sei,

das ,,WUrde, Achtung und Bewunderung"

(ibid.,

38)

erregt. 4. H6rer- und sprecherbezogene H6Bichkeit

4.1. Moderner Pot7teness-Begriff

Die ,Fbca-Theorie von Brown/Levinson

(1987),

die

als Theorie

der

sozialen

Inter2ktionuniverselle GUItigkeitbeansprucht,

besteht

aus

den

Einflu6faktoren

gesichtsbedrohenderHandlungen: 1.soziale Distanz

(dulancel

zwischen Sprecher/ HOrer; 2.relative Macht

ipozueD

des

H6rers gegen"ber dem Sprecherund 3. absoluter Rang

(rnnki)l{O

des Aktes in

der

jeweiligen

Kultur.

Bei

,Pox7beness

handelt

es sich darum, wie Sprecher uncl H6rer sich ihre wechselseitige Wertschtitzungzum Ausdruck

bringen,

um Kommunikationskonfiikte zu

vermeiden

(vgl.

Ltiger2000,5;Ding/Fluck 2000,95).Zur H6flichkeitsstrategie

zur

Vermeidung

der

Gesichtsbedrohung

wird zwischen ,,positiver" und ,,negativer" H6flichkeitunterschieden: beiderersteren

geht

es um Annliherung

(6)

Die Japanische Gesellschaft fur Germanistik Die JapanischeGesellschaft fur Germanistik

98 HiroyukiTAKADA

bzw. den VVunsch,

durch

Freundlichkeit

(mittels

Best2tigung,Verstandnisund

Bewunderung)

vom Gesprdchspartneranerkannt zu werden, wahrend es bei derletzterenum

Distanzierung,

d.h.dasBedUrfnis,

geht,

durch

Respektverhalten

(mittels

Indirektheit,Abschwtichung und

FormalitliO

das eigene Territorium m6glichst wenig einschrljnkeri zu lassen.

4.2. H6reraufivertung

(Erh6hung

der Adressatenposnion)

Je

nach der Distanz und/oder Vertraulichkeit zwischen Sprecher/H6rer wird

beim

Anredeverhalten

ein bestirnmter

Grad

von WertschitzungausgedrUckt.

Zur

Anredehandlung mittels

der

Pronomen

det:setoe,

dieselbe,dussethe

fur

5Vle

bernerkt

Adelung:

,,[ ...

]

Noch

hdufiger

wird

dieses

Pronomen von

der

heutigen

H6flichkeit

gegen

Vornehmere anstatt

des

pers6nlichen.SVle

gebraucht.

Dieseloen

hahen

mir hefbhlen.

[

. . .

]

Wenn

man mit und von sehr

hohen

Personen spricht,

pflegt

rnan

dieses

Pronomen noch mit den VCJ6rternHbch

Hb'chs4

und

Aderkbthstzu erh6hen."

(Adelung

1793,1,

Tl,,

1466)

Bei

der

H6flichkeithierhandeltes sich eher um

die

Formalitatder Ehrfurcht

vor den Menschen

h6heren

Standes,

wEhrend dieH6flichkeitunter Umsttinden von

der

,,Vertraulichkeit" abhangig ist.Die

Abt6nungspartikel

doch solle man

z. B. in einem Bittesatzwie z. B. ,Fbigen5Vemeir

doab!

,,gegen Personen,denen

man

Ehrerbiethung

schuldig

ist"

(Adelung

1793,1.Tl.,,1507),

nicht

gebrauchen.

Die Vertraulichkeitan sich stellt zwar nichtH6flichkeit

dar,

kann und muB aber beiderH6flichkeitvorausgesetzt werden. Im fblgendenBeispielAugt?nschein

gilt

die

Bewunderung bzw. derLob des H6rers als H6flichkeit:

,,Der Augenschein,

[.

. .] Ettaas.inAagenstheinnehmen, und, wenn von

hohen Personen

die

Rede

ist,

nach

der

tibertriebenenH6Hichkeit

der

Hofsprache, etu,as

in

hehen

oder hbthstenAagenscheinnehmen, es mit

Auimerksamkeit

besehen."

(Adelung

1793,

1.

T],,

564f.)

Zur Formalitljt

geh6rt

der Gebrauch

des

Wortes

Wohtsayn,

das man nach

Adelung

fur

Glesuntlbeit

,,in der Sprache der H6fiichkeit,

besonders

gegen

Vornehmere"

(Adelung

1801,4.

Tl.,

1598)

benutzt.

Ebenso wird

der

Ausdruck

die

Bettiente

,,als ein h6flicherAusdruck

fur

eine

Magd

gebraucht"

(Adelung

1793,1.TL, 781f.);,,aus UbertriebenerH6flichkeit"

(ibid.,

782)

benutzt

man

ferner

Bedienutrgflirein BedenterV'eine

Bediente,

wie z.B.: ,,Zft ihre

Bedienung

noevb nitht do1`.

4.3.'Selbsterniedrigung

des

Sprechets

(7)

Zum BegriffderHb]ZichkeitinAdelungs WOrterbuch 99

Sprechers auch mit zur H6fiichkeit.Das Wort K)zecht,das schon im 18.

Jahrhundert

,,um

des

fblgendenvertichtlichen Nebenbegriffeswillen, veraltet"

(Adelung

1796,2.Tl.,1656)war, seitdem

Dieneres

ersetzt

hatte,

gebraucht

man nach derBeobachtung von Adelung ,,nur noch zuweilen aus H6flichkeit

gegen

weit erhabnere

Personen

[...],

den

groBen Abstand zwischen sich und ihnen

dadurch

merklich zu machen"

(ibid.).

Unterthdnrgsei inahnlicher Sinne,,ein sehr

gew6hnlicher

Ausdruck der

gesellschaftlichen

H6flichkeit`C

(Adelung

1801,

4. Tl.

931):

Man benutzt die Formuljerung im hiltenntethbdnrg't oder mueine unterthb-n( e Bilte,,,auch wenn rnan

ihnen

auf

keinerley

Weise

unterwiirfig ist"

(ibid.)

Als syntaktische

Selbsterniedrigung

zum Zwecke derH6flichkeitfungierenz. B.

folgende

Verbindungen mitgltidetith und de Gfite:,,GIUcklich,

[

, , .

]

Wo es oft

im

gesellschaftlichenLeben und aus H6eichkeit von Dingen

gebraucht

wird,

die

zu unserer VUohlfahrteigendich nichtdas mindeste beytragen.7thhin

noth nitht so

glairki7`)h

geueseng

thn

vt

sehen."

(Adelung

1796,2.Tl.,731);,,Die (3le?te

[

. . .

]

Auch in der gesellschaftlichenH6fiichkeitistes, so wie GUtigkeit,sehr

Ublich.Hahen'siedieGle?t4nnd

lassen

siemim meltllen.`C

(Adelung

1796,2.

Tl.,

860).

5. H6flichkeitin

der

Situation

H6rer- und sprecherbezogene H6flichkeitsoll

jetzt

anhand von cinigen

Situations-

bzw.

Handlungstypen naher

betrachtet

werden. 5.1. Briefeschreiben

Die ,,gezwungene H6flichkeit", das Pronomen ichin Briefenals ,,eine Art

von Ehrerbiethung" wegzulassen, habe nach Adelung der

gute

Geschmack

,,grdBten Theilswieder verdrtinget"

(Adelung

1796,2.Tl.,1349). Zu

der

Frage

nun, wann man inseinem Briefnoch dasithmeiden solle, gibt

der

Lexikograph

den

W6rterbuchbenutzern

einen

praktischen

Rat:,,allein

gegen

einen H6hern, von dessenGeschmack man noch nicht tiberzeugetist,muB man sich derselben

immer noch oft genug unterwerfenC`

(ibid.).

Mt einer

bestimmten

SchluBformel

solle man

je

nach der Entfernung vom Stande des Adressaten und des

Adressanten seinen Brief

beenden.

Am

SchluB

des

Briefes

,,von

Vornehmern

an

Geringere"

(Adelung

1793,1.Tl.,1492)schreibe man

diensin,iZti

i'm

Sinne

von ,,willig, einem andern allerley DienstederH6fiichkeitzu leisten"

(ibid.):

7th

hinihrelienstzt,la7ge4 oder im

Superlativ

densnvcb71grter

Dienen

Andererseitssei der

Ausdruck W77rverhleihen eath in( leiadengewagen,,eine

gew6hnliche

SchluBformel

H6herer gegen ihre

Unterthanen"

(Adelung

1796, 2. Tl,,672);im

,,gesell-schaftlichen Umgange" sei

das

VCiortgeiuc{genaber ,,aus H6flichkeitauch unter

(8)

Die Japanische Gesellschaft fur Germanistik Die Japanische Gesellschaft fur Germanistik

100 Hiroyuki TAKADtN 5.2.

GrUBen

Im Handlungsbereich

grzUt

2en

dUrfe

nach

Adelung

ein ,,Geringerer" die

AusdrUcke

Gbtt.gmalele

duh/

und (

btt

gehe

dir

Gbutes!

nicht

gegen

den ,,H6heren"

gebrauchen,

weil sie

gew6hnliche

GrifBe

,,geringerer Personen gegen einander,

ingleichenH6herer

gegen

Geringere"

(Adelung

1796, 2.Tl.,841) sind.

Die

Formulierung7'emandenbewiUleommen gehdre gegenUber derjenigen

7'emanden

wtldLeom",7en he4ilenzur ,,anstEndigern Sprechart"

(Adelung

1801,4.

Tl.,

1550).Bei

sith neigen'in

dem

Sinne

,,sich aus H6flichkeitoder Ehrfurchtmit dem Leibe

beugen"

(Adelung

1798,3.TL, 462)handeltees sich zwar

im

,,ansttindigern"

Sti1

um ein

Verb

fur

beide

Geschlechter;

,,im

gemeinen

Leben"

(ibid.)

werde

aber fUr das mannliche

Geschlecht

das

Verb

brkk7een

und

ftir

das

weibliche

vemeigen oder einen

K)2it;ks

neathen

gebraucht.

5.3.

Fragen,Bittenund iXJidersprechen

Um einen mit IV'lasmeinen sie demit?fragenzu k6nnen,sei dieSituation,,im

gemeinen

Leben" und

die

Vertraulichkeit

vorausgesetzt; in der ,,anstllndigen

Sprechart"

soll es ,,veraltet"

(Adelung

1798,3.Tl.,159) sein.

Der

Gebrauch

dieser

Frage

ohne

Vertraulichkeit

stellt eine Unh6flichkeit

dar.

Die

Frage

mit derFormulierung Whs stehet iu

thren

Diensteneim Sinnevon tL7hsvenlargen sie? sei ein h6flicherAusdruck ,,des

gesellschaftlichen

Umganges"

(Adelung

1793,

1.

Tl.,

1487).

VVenn

rnan im ,,gemeinen Leben"

jemanden

h6flich

bitten

wolle, sollte man ,,als ein h6fischesFlickwort"unbeschza,ert in

die

Rede setzen, wie z.

B.

Gleben

sie mir "nbesa6za,ert

dos

B"ab?,U7lodensieunhescbwert

desen

Runat

lesene

(Adelung

1801,4.Tl.,835).Fallsman einem 2nderen widersprechen muB, sei

die

,,Formel

der

Hdflichkeit"

(ibid.,

1613) 1]brWort inZiilhrenim ,,gemeinen

Leben" zu

gebrauchen.

Ahnlicherweisesei

der

Ausdruck

mil

EnlaubneB

,,eine

gew6hnliche Formel, womit man

in

der

gesellschaftlichen

H6flichkeiteinen EinwurC VViderspruch,oder auch ein unanstlindiges

Wort

begleitet"

(Adelung

1793, 1.Tl. 1914). '

-5.4.

Erwahnung

tabuisierter Themen

In seinem

W6rterbuch

beschreibt

Adelung eine Reihe von Umschreibungen

fiir7bdede,was besagt,

daB

es eine

groBe

Notwendigkeitgab,es euphernistisch

verhUllend auszudrUcken,

das

heiBt,

daB

der

Akt

der

Toiletten-Erwlihnung

in

der

damaligen

BUrgergesellschafteinen sehr hohen Rang derGesichtsbedrohung besaB.Adelung bemerkt

dazu,

daB

rnan ,,verschiedene theilsallgemeine, theils

mildere Nahmen

gegeben

foat],

den damit verbundenen schrnutzigen Begriff zu verstecken"

(Adelung

1793,1.Tl.,127).So kdnne man statt seine Nothduij7 venvbbten ,,h6flich"

(ibid.,

816) sein Behtof'

thun

sagen, Der Ort wird ,,in der

(9)

Zum BegriffderHb]7inbkeitinAdelungs VU6rterbuch 101

(Adelung

1798,

3.

Tl.,1091),In

diesem

Zusammenhang sei das Wort Uhmth als mildernderAusdruck ,,von

dem

Kothe und 2ndem Unreinlgkeiten

[

...

]

am gangbarsten,wenn man aus H6fiichkeithljrtere

AusdrUcke

vermeiden wM"

(Adelung

1804,4.Tl.,882).

Das

Adjektivnoth sei ,,veraltet, auBer daB man in

der hbflichen

Sprechart

des

gemeinen

Lebens zuweilen mir islnoth sagt"

(Adelung

1798, 3. Tl.,524).Das Reflexivsibb tibergebenersetze als ,,ein

hdflicher

Ausdruck

das

niedrige

smb

ipeven"

(Adelung

1801,4.

Tl.,

753).

6.

Sprachkultur

im W6rterbuch

Adelung vgrteidigt z.

T.

veraltete H6flichkeitsformen

im

,,Kanzelley-Styl",

der

,,sehr oft

gen6thiget"

ist,die.Courtojsie"

(Adelung

1785,Sty1,2.Tl.,

75)

zu

beobachten

(zur

ablehnenden Haltung der Grammatiker

im

17.

Jahrhundert

gegenUber

dem Kanzleisul,vgl.

Takada

1998,22D. Man rnuB sich

bei

6ffendichem

Schreiben.nach

der

einmahl beliebtenRangordnung"

(Adelung

1796,2.Tl., 1220)sprachlich verhalten, ,,je nachdem man

glaubt,

daB derRang

der

Person

solches erfordere."

(ibid,):

,,Man spotte Uber

diese

Pifncdichkeit

so viel man

will, so muB man sich dennoch

derselben

unterwerfen, wenn man an

den

Orten,wo sie einmahl eingefuhret worden,

gelesen

seyn will."

abid.).

In derW6rterbucharbeitweist Adelung aber oft kritischauf

die

Eitelkeitder Ubertriebenenmodischen H6flichkeit

hin.

Adelung

gehdrt

nach seinem eigenen Versttindnisnlchtzu

den

Wab'nschlem,die

,,die GlifckwUnscheder modischen

H6flichkeit tibertreibet"

(Adelung

1810,

4.

Tl.,

1626). In

folgenden

Formulierungen

werde z.

B.

das

VUortGblclenach Adelungs

Augen

,,gar sehr

gemiBbrauchet"

(Adelung

1796,2.

Tl.,

729):

.Sleittieme ibb

dus

GZrkZvlehaua sie

dus

leltate

Mahl

?1"

sehen. ( bbunensie mir

dos

G7dick

cbrer

( legynuarkDas

,,auf eine sehr

Ubertriebene Art" gebrauchte btlgbldeen

(z.B.

y'emanden7z?it.seinem Besuth&ntt

seiner

Glegen;uart

h`rglfibee¢ zlihlt zu

der

,,Modesprache derH6flichkeit"

(Adelung

1801,1.Tl,,

800.

Das

VC'ortDiener aus Bescheidenheitstelle oft nur einen

bloBen

Ausdruck

,,der modischen H6flichkeit

[dar],

wobey man nichts denkt"

(Adelung

1793, 1.

Tl,

1486):im binihrergehenengehorsamerblenen1]breunterthb'n{ e

Dienen'nn.

Die AbschiedsformulierungithpmiU mith thnenemAfehlen im

Sinne

von ichnehnee

Ahschied

ven

cbnen

werde ,,in der Modesprache

der

Hbflichkeit

oft"

(Adelung

1793,1,Tl,1798)

gebraucht.

Bei

der

H6fiichkeitmuB es

je

nach

der

Zeitund

Gesellschaft

kulturspezifische

Variablengeben.Aus

der

Welt

der

H6dichkeit,dieAdelunginseinem W6rterbuch

schildert, erfahren wir zum einen etwas tiber

die

stljndische Hierarchiebzw. soziale Distinktioninder Mittedes 18.

Jahrhunderts,

wobei der Lexikograph

den

normierenden

Blick

eines H6herstehenden konsistentvon oben auf

den

Alltagwirft. Es geht um

den

,,guten Geschmack"

der

oberen Schichtder

(10)

Die Japanische Gesellschaft fur Germanistik Die JapanischeGesellschaft fur Germanistik

102 HiroyukiTAKADA

konservativ-st2ndischenWerthaltung,dieleereH6flichkeitgernzur Beibehaltung

der

Standesgrenzebenutzt;hier1alltsich eine sprachliche ,,Kodierung bifrgerlichen

LebensgefuhlsC`

(Linke

1996,

265)

beobachten.

Die

Bedeutung

der

Vertraulichkeit

bei

Adelung

k6nnte auf eine Vertinderungvon standischer zu

bUrgerlicher

H6flichkeithinweisen,weil die Vertraulichkeitzwischen dem Sprecher und

dem Hdrer nicht selten dieVoraussetzung der H6flichkeit

darstellt:

In

diesem

Sinne

k6nnte

man von einem

Ansatz

der

Wandelung von negativer zu

positiver

H6flichkeit

(i.

S.v. Politeness)sprechen.

Das W6rterbuch stellt mit seiner reichen Bestandsaufnahme

dem

BildungsbUrgertum

die

vorhandenen Sprachformen zur VerfUgung. In bezug auf die H6flichkeitleistetdas

X)OJ6rterbuch

die

Funktion,

die

Benutzer vor

Sanktionierungen

wegen Normabweichungen zu schUtzen, indem ihnen

die

herk6mmlichen

(u.

U. veralteten) H6flichkeitsformenund derenangemessener

Gebrauch

mit Beispielenvor Augen gefiihrtwerden.

Den

VU6rterbuchbenutzern

bzw.

der

btirgerlichen

Oberschichtwird

der

Gebrauch

der

anstljndigeren und h6fiicherenVU6rterempfohlen, wie z.B.: ,,Der Mann

[

...

]

XSUenn

man

Ursache

hatmit Achtung zu sprechen, so

gebraucht

man dafur

[

. . .

]

inderanstdndigern

Sprechart

Glade

und Ehegade"

(Adelung

1798,3.Tl.,52ff).Diese,,pragmatische"

Bedeutung desVV6rterbuches

besteht

denn auch inderVermittlungsprachlichen

i"Veltwissens:

,,Ueberhaupt erwtige man

bey

einem

jeden

Bfiefesein VerhljltniB

gegen

diejenigePerson, an welche man schreibt, und stelle sich

dieselbe

a]s

gegenwArtig

vor, so wird man

denjenigen

Ton nicht

leicht

verfehlen,

welchet in dem Briefeherrschen muB, und bey einem hinldnglichen

Grade

von

Geschmack

und VUeltkenntniBwird man nicht in

Gefahr

gerathen,

in

Ubertriebene

Complimente

zu verfallen, oder

in

der

H6flichkeit

zu wenig zu thun."

(Adelung

1785,Sty1,2.TL, 331f)

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参照

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