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Fokusdomäne und Wortstellung der Spaltsätze im Deutschen

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(1)

Yuto Y

AMAZAKI

F

OKUSDOMÄNE

UND

W

ORTSTELLUNG

DER

S

PALTSÄTZE

IM

D

EUTSCHEN

ABSTRACT

Bei den deutschen Spaltsätzen finden sich zwei verschiedene Wortstellungen, wie in (i) dargestellt:

(i) a. Es ist Hans, der kommt. b. Hans ist es, der kommt.

Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, anhand von Experimenten der Akzeptabilität die Semantik der Spaltsätze im Deutschen zu analysieren. Als Ausgangspunkt soll die Fra-ge-Antwort-Relation erklärt werden, durch die der Unterschied zwischen den kanoni-schen (ia) und den invertierten Spaltsätzen (ib) deutlich wird. Normalerweise können die invertierten Spaltsätze nicht als Antwort auf eine W-Frage verwendet werden. Dar-aus lässt sich schließen, dass der Fokus der invertierten Spaltsätze als unerwartet aufge-fasst werden kann. Durch Experimente wird festgestellt, dass die Wortstellung der Spaltsätze mit der Interpretation der Fokusdomäne im Zusammenhang steht. Wenn das fokussierte Element in den Selektionsmöglichkeiten unwahrscheinlicher ist als andere Alternativen, werden die durch evaluative Adverbien überraschenderweise vorfeldbe-setzten Spaltsätze verwendet. Dagegen werden die invertierten Spaltsätze eingesetzt, wenn der Sprecher annimmt, dass der Hörer die Proposition als unerwartet betrachtet, weil sich das fokussierte Element nicht in den hörerseitigen Selektionsmöglichkeiten befindet.

 Schlüsselwörter: Spaltsatz, Wortstellung, experimentelle Pragmatik

1 EINLEITUNG

Bei den deutschen Spaltsätzen finden sich zwei verschiedene Wortstellungen (vgl. Huber 2002, Altmann 2009). Die erste ist ein kanonischer Spaltsatz, in dem der enge Fokus auf der Cleft-Konstituente (abgekürzt: CK) liegt und die CK nach dem Kopulaverb steht. Die zweite ist ein invertierter Spaltsatz, in dem der enge Fokus auf der CK liegt und die CK vor dem Kopulaverb steht, wie in (1) und (2) dargestellt ist:

Der kanonische Spaltsatz

(1) a. [Es] [ist] [Hans]F [‚] [der kommt].

(2)

Der invertierte Spaltsatz

(2) a. [Hans]F [ist] [es] [‚] [der kommt].

b. Cleft-Konstituente – Kopula – Cleft-Pronomen – Komma – Nebensatz

Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, anhand von Experimenten der Akzep-tabilität die Bedingungen herauszustellen, unter denen die invertierten Spalt-sätze verwendet werden. Der Schwerpunkt liegt auf dem semantischen Unter-schied zwischen den kanonischen und den invertierten Spaltsätzen, der bisher in der einschlägigen Literatur kaum Betrachtung gefunden hat. Durch Expe-rimente soll dargelegt werden, dass der Unterschied der beiden Spaltsätze mit der Interpretation der Fokusdomäne in Zusammenhang steht.

2. FOKUSDOMÄNEDERKANONISCHENUNDINVERTIERTEN SPALTSÄTZE

2.1 Klassifikation des Fokus

In diesem Abschnitt soll es um eine Klassifikation des Fokus gehen. Laut Rooth (1992: 76) wird unter dem Fokus ein Ausdruck verstanden, der die Menge von Alternativen einführt, die typischerweise von der Frage geliefert wird. Die Theorie der Alternativensemantik (vgl. Rooth 1992, 1996) hat den Vorteil, dass der Fokus als Frage-Antwort-Relation verstanden werden kann, wie in (3) dargestellt:

(3) Kontext: Der Fragesteller hat eine Teilnehmerliste gelesen. Darauf stehen folgende

Na-men: Hans, John, Mary, Francesca.

a. Wen hast du eingeladen? b. Ich habe HANS eingeladen.

Im Beispielsatz (3b) wird Hans von einer Menge der Teilnehmer als Antwort ausgewählt. Außerdem kann die Fokusstruktur nach der Informationsstruk-tur klassifiziert werden, wie in (4), (5) und (6) dargestellt. Der Bereich des Fo-kus in diesen Beispielen ist mit einer eckigen Klammer gekennzeichnet und mit einem Index F versehen:

(4) Satzfokus a. Was ist passiert?

b. [Arno hat gegen den ANTRAG gestimmt.]F

(5) Prädikatsfokus a. Was hat Arno getan?

b. Er [hat gegen den ANTRAG gestimmt]F.

(6) Argumentfokus

a. Wer hat gegen den Antrag gestimmt? b. [ARNO]F hat gegen den Antrag gestimmt.

(3)

In allen oben angegebenen Beispielen wird eine Konstituente (ANTRAG oder ARNO) phonologisch fokussiert. Im Gegensatz zu dem Satzfokus (4) kann der enge Fokus in Bezug auf die informationsstrukturelle Distribu-tion unterteilt werden: in Prädikatsfokus (5) und Argumentfokus (6). Diesbezüglich ist auch erwähnenswert, dass die fokussierten Konstituen-ten mit den vorausgehenden W-Frage-KonstituenKonstituen-ten korrespondieren. Im nächsten Abschnitt gehe ich auf die Fokusstruktur der kanonischen Spalt-sätze ein.

2.2 Kanonischen Spaltsätze

Aufgrund der Informationsstruktur wird die Fokusstruktur der kanonischen Spaltsätze als Argumentfokus klassifiziert. Deshalb können die kanonischen Spaltsätze als Antwort auf eine W-Frage verwendet werden.

(7) Wer steht da auf der Bremse? Es ist der globale Wettbewerb, der uns daran hin-dert.

(Braunschweiger Zeitung, 18.11.2010, Dies ist ein Statistik-Trick)

Die kanonischen Spaltsätze verhalten sich aber anders als ein Argumentfokus im einfachen Satz, wie in (8) dargestellt:

(8) A: Wer hat das Fenster zerbrochen? a. B: Hans hat das Fenster zerbrochen.

b. B: ??Es war Hans, der das Fenster zerbrochen hat.

Die unterschiedliche Akzeptabilität wird darauf zurückgeführt, dass die Spaltsätze aus der biklausalen Struktur bestehen. Durch die biklausale Struk-tur (9a) wird die Fokus-Hintergrund-Gliederung im Vergleich zu der mono-klausalen Struktur (9b) deutlich:

(9) a. Es ist [Hans]Fokus, [der kommt]Hintergrund.

b. Hans kommt.

Es würde erwartet, dass die Redundanz der Hintergrundinformation die Ak-zeptabilität in (8b) verringert. Wenn der Nebensatz der kanonischen Spalt-sätze auch mit dem vorausgehenden Satz gleichbedeutend ist, können die ka-nonischen Spaltsätze aber bei der Korrektur lizenziert werden:

(10) A: Klaus hatte einen Unfall.

B: Es war Arnim, der einen Unfall hatte. (Zifonun et al. 1997: 528)

In Beispiel (10) korrigiert der Sprecher B die Aussage von Sprecher A. Bedeut-sam ist dabei, dass die beiden Sätze (10A) und (10B) als Antwort auf eine im-plizite W-Frage (‚Wer hat einen Unfall?‘) aufgegriffen werden können. Es ist

(4)

daher anzunehmen, dass die kanonischen Spaltsätze verwendet werden, wenn der Sprecher das hörerseitige Bias1 korrigiert, unter dem der Hörer dem fokussierten Element der kanonischen Spaltsätze dessen Alternativen vor-zieht. Diese Ansicht wird in folgendem Beispiel veranschaulicht. Im origina-len Text wird der kanonische Spaltsatz (11a) verwendet. Dazu habe ich den monoklausalen Satz hinzugefügt, um die beiden Sätze miteinander zu ver-gleichen.

(11) DIE ZEIT:

Herr Professor Schulte-Markwort, wieso sind heute schon Jugendliche so aus-gebrannt wie Manager?

Michael Schulte-Markwort:

Schüler müssen heute ein unglaubliches Arbeitspensum bewältigen; 36 Stun-den Schule sind normal, dazu kommen Hausaufgaben, Prüfungen, Referate. Viele kommen so auf 50 bis 60 Wochenstunden. Das eigentliche Problem ist aber der Leistungsdruck.

ZEIT:

Die Schüler werden in Tiger-Mom-Manier von ihren Eltern angetrieben? Schulte-Markwort:

Nein.

a. Es sind die Jugendlichen selbst, die sich unter Druck setzen. b. ?Die Jugendlichen selbst setzen sich unter Druck.

Da haben in den vergangenen Jahren unglaubliche Selbstdisziplinierungspro-zesse stattgefunden. Die heutigen Jugendlichen wollen gut sein, ganz ohne Antrieb von außen. Oder eher: perfekt.

ZEIT:

Warum? (…)

(Zeit online, 27.03.2014, Wer nichts leistet, hat verloren)

In Beispiel (11) negiert der Sprecher (Schulte-Markwort) den Alternativen (ihre

Eltern) unter dem hörerseitigen Bias. Das gleiche Resultat kann beobachtet

1 Es ist zu beachten, dass Spaltsätze nicht durch das Vorhandensein des expliziten

Alterna-tiven lizenziert werden. Ohne expliziten AlternaAlterna-tiven in Beispiel (ii) können Spaltsätze verwendet werden, während deren Akzeptabilität der Spaltsätze in Beispiel (i) niedrig ist, obwohl es einen expliziten Alternativen (Canada) gibt. In dieser Arbeit wird angenommen, dass die Funktion der kanonischen Spaltsätze im Deutschen als Korrektur mit der Rich-tung des Diskurses im Zusammenhang steht und das hörerseitige Bias dabei eine große Rolle spielt.

(i) A: Darren sounded really excited about his vacation. I think he might be going to Ca-nada.

a. B: Actually, he’s going to Mexico. b. B: ?Actually, it’s Mexico that he’s going to.

(ii) A: We were planning Amy’s surprise party for weeks. I can’t believe she found out about it. Who told her about it?

a. B: Ken told her about it.

b. B: It was Ken who told her about it. (Destruel & Velleman 2014: 198)

(5)

werden, wenn die vorausgehende W-Frage explizit2 ist. In Beispiel (12) hat der Leser (Inspector Lestrade) bei Ermittlungen ein Bias gegen den Alternativen (Sohn).

(12) Kontext: Inspector Lestrade verfolgt einen Mord, der sich gestern im Schloss eines

Gra-fen ereignet hat. Nun werden dessen Sohn und Neffe verdächtigt. Während der Sohn kein Alibi hat, kann der Neffe eines aufweisen. Inspector Lestrade bekommt einen Brief von Holmes. Darin steht Folgendes: „(…) Vermutlich haben Sie schon angefangen, Ermittlungen gegen den Sohn des Grafen anzustellen. Ich habe jetzt einen schlagen-den Beweis gefunschlagen-den, der zeigt, wer der Täter ist.

a. Es war der Neffe, der den Mord begangen hat. b. ?Der Neffe hat den Mord begangen.

(…)“

Nach der Annahme des hörerseitigen Bias kann der Kontext auch vorausge-sagt werden, in dem die kanonischen Spaltsätze nicht lizenziert werden. Wenn ein Bias gegen das fokussierte Element (Sohn) vorliegt, können die ka-nonischen Spaltsätze nicht präferiert werden, wie in (13) dargestellt:

(13) Kontext: [Der Kontext ist gleichlautend wie in (12)] a. ?Es war der Sohn, der die Mordserie begangen hat. b. Der Sohn hat die Mordserie begangen.

(…)“

Von obigen Betrachtungen gehe ich davon aus, dass die kanonischen Spalt-sätze dem monoklausalen Satz vorgezogen werden, wenn der Sprecher das hörerseitige Bias korrigiert, unter dem der Hörer dem fokussierten Element der kanonischen Spaltsätze dessen Alternativen vorzieht. Betrachten wir im nächsten Abschnitt mithilfe der Frage-Antwort-Relation die Fokusdomäne der Spaltsätze etwas näher.

2.3 Invertierte Spaltsätze

In diesem Abschnitt soll der semantische Unterschied zwischen kanonischen und invertierten Spaltsätzen genauer beleuchtet werden. Aufgrund der Infor-mationsstruktur wird die Fokusstruktur der invertierten Spaltsätze als Argu-mentfokus klassifiziert. Deswegen könnte erwartet werden, dass die invertier-ten Spaltsätze als Antwort auf eine W-Frage verwendet werden können. Die folgenden Beispiele (14) und (15) zeigen aber, dass der CK der invertierten Spaltsätze irgendeine markierte Fokusinterpretation verliehen wird.

2 Angemerkt sei, dass Spaltsätze im Deutschen ganz schriftlich sind. Deshalb habe ich den

Kontext geschaffen, wobei die Spaltsätze in einem Brief geschrieben werden. Dabei sind die vorausgehenden expliziten Fragen rhetorisch in dem Sinne, dass der Schreiber aus Sicht des Lesers eine Frage stellt (vgl. Meibauer 1986). Diese Beschränkung des Kontexts wird auf den schriftlichen Charakter der Spaltsätze zurückgeführt.

(6)

(14) Kontext: Inspector Lestrade ermittelt in einer Mordserie, die sich innerhalb der Familie

Baskerville ereignet hat. Bis gestern wurden der Vater, der Hausarzt und der Dienst-bote ermordet. Nun werden der Sohn sowie der Neffe des Mordes verdächtigt. Wäh-rend der Sohn kein Alibi hat, kann der Neffe eines aufweisen. Inspector Lestrade be-kommt einen Brief von Holmes. In diesem steht Folgendes: „(…) Vermutlich haben Sie schon angefangen, Ermittlungen gegen den Sohn anzustellen. Ich habe aber jetzt einen schlagenden Beweis gefunden, der zeigt, wer der Täter ist.

a. Es war der Neffe, der die Mordserie begangen hat. b. ??Der Neffe war es, der die Mordserie begangen hat.

(…)“

(15) Kontext: gleichlautend wie in (14)

a. ??Es ist der Hausarzt, der die Mordserie begangen hat. b. Der Hausarzt ist es, der die Mordserie begangen hat.

Er hat sich mit dem Gerichtsmediziner zusammengeschlossen, um seinen Tod vorzu-täuschen. Die Sterbeurkunde ist fehlerhaft. Ein Drahtzieher innerhalb der Familie Baskerville, der das Szenario entworfen hat, hat sich mit ihnen verschworen, um an das Erbe zu kommen, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen. (…)“ Zu beachten ist in den Beispielen (14) und (15), dass sich die Menge der dächtigen auf die Familie beschränkt. Wenn die CK aus der Menge der Ver-dächtigen ausgewählt wird, ist die Akzeptabilität der kanonischen Spaltsätze (14a) als Antwort auf eine Frage höher als die der invertierten Spaltsätze (14b). Dagegen ist die Akzeptabilität der kanonischen Spaltsätze (15a) als Antwort auf eine Frage niedriger als die der invertierten Spaltsätze (15b), wenn die CK nicht aus der Menge der Verdächtigen ausgewählt wird. Die Beispiele (14) und (15) werfen die Frage auf, wie die Semantik der invertierten Spaltsätze charakterisiert werden soll. In der Literatur3 wird der kontrastive Fokus von

dem nicht kontrastiven Fokus in dem Sinne unterschieden, dass das fokus-sierte Element die Alternativen der Fokusdomäne explizit negiert (vgl. Frey 2006, Krifka 2007). Im gleichen Sinne werden die Spaltsätze schon lange ohne Rücksicht auf die kanonische und invertierte Wortstellung als kontrastiv oder als Korrektur charakterisiert (vgl. Huber 2002, Altmann 2009). Wenn die Kon-trastivität der invertierten Spaltsätze durch die explizite Negation der Alter-nativen lizenziert wird, sollte die Antwort (15b) akzeptiert werden, weil die CK (Neffe) aus der Menge der Verdächtigen ausgewählt wird und die Alterna-tive (Sohn) explizit negiert wird. Die niedrige Akzeptabilität von (14b) zeigt jedoch, dass die bisherige Definition des kontrastiven Fokus nicht für die Fo-kusinterpretation der invertierten Spaltsätze gilt. Nach Zimmermanns (2008) 3 In der Forschungsliteratur wurde die exhaustive Interpretation schon lange als ein

wich-tiges Merkmal des Spaltsatzes angegeben (vgl. Horn 1981, É. Kiss 1999). Jedoch wurde in den letzten Jahren aus Sicht der experimentellen Perspektive immer stärker darüber dis-kutiert, dass Exhaustivität in Spaltsätzen nicht semantischer, sondern pragmatischer Na-tur ist (vgl. DeVeaugh-Geiss et al. 2018, Destruel et al. 2019). In dieser Arbeit gehe ich nicht mehr auf dieses Problem ein.

(7)

Definition ist vielmehr davon auszugehen, dass der Fokus der invertierten Spaltsätze als unerwartet charakterisiert wird (vgl. Destruel et al. 2019). In sei-ner Definition spielt die sprecherseitige Annahme in Bezug auf die hörersei-tige Überraschung eine Rolle.

(16) Contrastive Focus Hypothesis

Contrastive marking on a focus constituent α expresses the speaker’s assumption that the hearer will not consider the content of α or the speech act containing α likely to be(come) common ground.

(Zimmermann 2008: 354)

Aus der Beobachtung in (14) und (15) lässt sich schließen, dass die invertierten Spaltsätze als Antwort auf eine W-Frage verwendet werden können, wenn der Sprecher annimmt, dass der Hörer nicht anstandslos die Proposition akzeptie-ren kann. Entscheidend ist, dass das fokussierte Element in (15) zwar schon im Kontext vorgekommen ist, angesichts der Tätersuche werden aber die Selek-tionsmöglichkeiten des fokussierten Elements bei der hörerseitigen Annahme nicht kalkuliert.

Allerdings soll die Analyse der oben angegebenen Relation zwischen der Fokusdomäne und den beiden Spaltsätzen verfeinert werden, weil es nicht nur auf den Unterschied der Fokusdomäne, sondern auch auf Wahrschein-lichkeit, Weltwissen oder Diskus zurückgeführt werden kann, dass das fokus-sierte Element unerwartet ist. Deswegen werden in den folgenden Kapiteln Experimente angestellt, um die Bedingungen der invertierten Spaltsätze em-pirisch sowie theoretisch zu analysieren.

3. ZWEI EXPERIMENTE

3.1 Theoretischer Hintergrund

In diesem Abschnitt sollen Überlegungen zu der Relation zwischen der Fo-kusdomäne und der Wortstellung der Spaltsätze angestellt werden. Bei diesen Experimenten werden vier Bedingungen in Erwägung gezogen: Angesichts der Klassifikation in Abschnitt 2 stellt sich die Frage, ob die invertierten Spalt-sätze dadurch lizenziert werden können oder nicht, dass das fokussierte Ele-ment in den Selektionsmöglichkeiten unwahrscheinlicher ist als andere Alter-nativen. Dabei kann die Gegenüberstellung von Alternativen (i) oder die Wahrscheinlichkeit auf einer Skala (ii) die Unerwartetheit verursachen. Au-ßerdem wird abgewogen, ob es für die invertierten Spaltsätze ausreichend ist oder nicht, dass das fokussierte Element außerhalb der Selektionsmöglichkei-ten liegt. Es wird mit einbezogen, ob die Fokusdomäne außerhalb der Selekti-onsmöglichkeiten noch beschränkt ist (iii) oder nicht (iv).

(8)

Bevor das Design der Experimente erläutert wird, soll die Fokussensitivi-tät der evaluativen Adverbien erklärt werden, weil sie bei den Experimenten bezüglich der Fokusdomäne eine Rolle spielt. Diese Adverbien (z. B.

glückli-cherweise) bringen eine Einschätzung des Sprechers gegen eine Proposition

zum Ausdruck (vgl. Döring 2009, 2012, Liu 2011, Schäfer 2013). Ihre Interpre-tation kann mit dem Fokus im Zusammenhang stehen, wie in (17) dargestellt ist:

(17) Glücklicherweise hat Peter [Weißwein]F verschüttet.

Obwohl die Proposition in (17) selbst nicht glücklich ist (dass Weißwein verschüttet wurde), kann anhand des Fokus der Satz (17) laut Döring (2009, 2012) folgendermaßen interpretiert werden: Der Sprecher meint, dass das, was Peter verschüttet hat, im Hinblick auf die Reinigung besser ist als Rotwein.4

Bezüglich der Relation zwischen der Fokussensitivität der evaluativen Adverbien und den Spaltsätzen beschränke ich mich diesmal auf evaluative Adverbien, die die Alternativen auf einer Skala der Erwartetheit anordnen. Diese verdeutlicht, wie sehr die Elemente erwartet werden (z. B.

erstaunlicher-weise, überraschenderweise). Aus den Beobachtungen in 2.2 lassen sich zwei

Hypothesen bezüglich der Fokusdomäne der Spaltsätze aufstellen. Erstens werden die invertierten Spaltsätze nicht dadurch lizenziert, dass das fokus-sierte Element in den Selektionsmöglichkeiten bezüglich Weltwissens oder Wahrscheinlichkeit unwahrscheinlicher ist als andere Alternativen. Bei inver-tierten Spaltsätzen muss das fokussierte Element außerhalb der Selektions-möglichkeiten ausgewählt werden. Zweitens ist es nicht ausreichend, dass sich das fokussierte Element nur außerhalb der Selektionsmöglichkeiten be-findet. Die Fokusdomäne außerhalb der Selektionsmöglichkeiten muss sich auf einen Bereich einschränken, in dem das fokussierte Element durch das hörerseitige Weltwissen nicht erreichbar ist. In den folgenden Abschnitten werden diese Hypothesen durch zwei Experimente untersucht.

4 Basierend auf der These von Beaver & Clark (2008), analysiert Döring (2009, 2012) das

Adverb glücklicherweise (fortunately) als bouletic modal base (vgl. Kratzer 1991). Dabei wer-den die Alternativen nach Weltwissen auf der wünschenswerten Skala geordnet. (i) a. Glücklicherweise hat Peter [Weißwein]F verschüttet.

b. [fortunately Φ] (w) = 1 iff

There is a w‘ ∊ B(w) such that w‘ <good w) (Döring 2012: 211)

c. [Peter hat Weißwein verschüttet] = 1,

∀x. Peter hat x verschüttet <günstig Peter hat Weißwein verschüttet,

wobei x ∊ ALT (Weißwein), x ≠ Weißwein (Döring 2009: 60)

(9)

3.2 Experiment I 3.2.1 Methode

Im ersten Experiment wurde getestet, dass die invertierten Spaltsätze dadurch lizenziert werden können oder nicht, dass das fokussierte Element in den Se-lektionsmöglichkeiten unwahrscheinlicher ist als andere Alternativen. Dabei kann die Gegenüberstellung der Alternativen (i) oder die Wahrscheinlichkeit auf einer Skala (ii) die Unerwartetheit verursachen, dass das Element nicht zu erwarten ist. In jedem folgenden Kontext ist es in den Selektionsmöglichkeiten im Vergleich mit den anderen Alternativen unwahrscheinlicher. Die folgen-den Beispiele beginnen mit einem context sentence, wobei die Unwahrschein-lichkeit durch Gegenüberstellung der Alternativen in (18) oder die Wahr-scheinlichkeit in (19) verursacht wird. Darauf folgen Spaltsätze als target

sen-tences. Als Partizipanten haben zehn Muttersprachler die Akzeptabilität (auf

einer Skala 1 ‚am natürlichsten‘ bis 5 ‚am unnatürlichsten‘) beurteilt.

(18) Kontext: Guy de Maupassant bekommt einen Brief von Claude Monet. Darin steht

Fol-gendes: „(…) Zu unserem Salon gehören vier Maler: Édouard Manet, Pierre-Auguste Renoir, Paul Cézanne sowie Claude Monet und zwei Schriftsteller: Émile Zola sowie Guy de Maupassant. Letzte Woche hat eines der Mitglieder ein Ölgemälde mitge-bracht. Wer hat die Landschaft gemalt?

a. Es war Émile Zola, der sie gemalt hat. b. Émile Zola war es, der sie gemalt hat.

c. Es war überraschenderweise Émile Zola, der sie gemalt hat. d. Émile Zola war es überraschenderweise, der sie gemalt hat. e. Überraschenderweise war es Émile Zola, der sie gemalt hat.

(…)“

(19) Kontext: A bekommt einen Brief von B. Darin steht Folgendes: „(…) Bei einem

Pferde-rennen werden folgende Wahrscheinlichkeiten vorhergesagt: A 90 %, B 50 %, C 10 %. Welches Pferd hat gewonnen?

a. Es war C, das als Erstes durchs Ziel gelaufen ist. b. C war es, das als Erstes durchs Ziel gelaufen ist.

c. Es war überraschenderweise C, das als Erstes durchs Ziel gelaufen ist. d. C war es überraschenderweise, das als Erstes durchs Ziel gelaufen ist. e. Überraschenderweise war es C, das als Erstes durchs Ziel gelaufen ist.

(…)“

In Beispiel (18) wird die Unwahrscheinlichkeit des fokussierten Elements (Émile Zola) durch die Gegenüberstellung (Maler vs. Schriftsteller) geliefert. In Beispiel (19) sind das fokussierte Element (C) und dessen Alternativen nach den Wahrscheinlichkeiten geordnet. Die Unwahrscheinlichkeit des fokussier-ten Elements wird durch die Skala der Wahrscheinlichkeit (90 % > 50 % > 10 %) gezeigt.

(10)

3.2.2 Resultat

Das Resultat des ersten Experiments wird im Folgenden veranschaulicht. Die Akzeptabilitätsbewertung der Muttersprachler wird als Boxplot kalkuliert. Vo-rausgeschickt sei, dass die niedrige Zahl die bessere Akzeptabilitätsbewertung zeigt.Als Ergebnis lässt sich herausstellen, dass die durch Adverbien vorfeld-besetzten Spaltsätze in den beiden Beispielen (18) und (19) vorgezogen werden. Außerdem ist bemerkenswert, dass der statistisch signifikante Unterschied zwi-schen (18c) sowie (18e) (t(14) = 2.61, p-value = .020) und (19c) sowie (19e) (t(9) = 2.33, p-value = .045) per T-Test bestätigt wird. Daraus lässt sich schließen, dass Adverbien im Mittelfeld keinen größeren Einfluss auf die Interpretation der Spaltsätze ausüben als solche im Vorfeld. Deshalb werden die Spaltsätze mit Adverbien im Mittelfeld nicht in Experiment II berücksichtigt.

Abbildung 1: Boxplot des Beispiels (18)

(11)

3.3 Experiment II 3.3.1 Methode

Im zweiten Experiment wurde getestet, ob es für die invertierten Spaltsätze genügt oder nicht, dass das fokussierte Element außerhalb der Selektionsmög-lichkeiten liegt. Es wird mit einbezogen, ob die Fokusdomäne außerhalb der Selektionsmöglichkeiten noch beschränkt ist (iii) oder nicht (iv). In jedem fol-genden Kontext wird das fokussierte Element außerhalb der Selektionsmög-lichkeiten ausgewählt. Die folgenden Beispiele (20) und (21) beginnen mit ei-nem context sentence, wobei die wahrscheinlicheren Alternativen angegeben werden. Darauf folgen Spaltsätze als target sentences. Für Experiment II wur-den zehn neue Partizipanten ausgesucht, die ebenfalls Muttersprachler sind. Sie haben die Akzeptabilität (auf einer Skala 1 ‚am natürlichsten‘ bis 5 ‚am unnatürlichsten‘) beurteilt.

(20) Kontext: Inspector Lestrade ermittelt in einer Mordserie, die sich innerhalb der Familie

Baskerville ereignet hat. Bis gestern wurden der Vater, der Hausarzt und der Dienst-bote ermordet. Nun werden der Sohn sowie der Neffe des Mordes verdächtigt. Wäh-rend der Sohn kein Alibi hat, kann der Neffe eines aufweisen. Inspector Lestrade be-kommt einen Brief von Holmes. In diesem steht Folgendes: „(…) Vermutlich haben Sie schon angefangen, Ermittlungen gegen den Sohn anzustellen. Ich habe aber jetzt einen schlagenden Beweis gefunden, der zeigt, wer der Täter ist.

a. Es ist der Hausarzt, der die Mordserie begangen hat. b. Der Hausarzt ist es, der die Mordserie begangen hat.

c. Überraschenderweise ist es der Hausarzt, der die Mordserie begangen hat.

Er hat sich mit dem Gerichtsmediziner zusammengeschlossen, um seinen Tod vorzu-täuschen. Die Sterbeurkunde ist fehlerhaft. Ein Drahtzieher innerhalb der Familie Baskerville, der das Szenario entworfen hat, hat sich mit ihnen verschworen, um an das Erbe zu kommen, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen. (…)“

(21) Kontext: A bekommt einen Brief von B. Darin steht Folgendes: „(…) Bei der aktuellen

Tennis-Weltmeisterschaft waren Nadal und Djokovic favorisiert, weil die beiden um die Spitzenposition in der Weltrangliste gekämpft haben. Wer hat die aktuelle Tennis-Weltmeisterschaft gewonnen?

a. Es war Hanfmann, der außerhalb der Top 100 einen Sieg errungen hat. b. Hanfmann war es, der außerhalb der Top 100 einen Sieg errungen hat. c. Überraschenderweise war es Hanfmann, der außerhalb der Top 100 einen Sieg

errungen hat. (…)“

Der Unterschied zwischen den Beispielsätzen (20) und (21) besteht in der Be-schränkung der Fokusdomäne außerhalb der Selektionsmöglichkeiten. In Bei-spiel (20) ist das fokussierte Element (der Hausarzt) schon vorgekommen, aber explizit ausgeschlossen. In Beispiel (21) kommt das fokussierte Element

(Hanf-mann) nicht im context sentence vor. Dabei liegt es nahe, dass es nicht explizit

(12)

3.3.2 Resultat

Das Resultat des zweiten Experiments wird im Folgenden veranschaulicht. Die Akzeptabilitätsbewertung der Muttersprachler wird als Durchschnitt kal-kuliert. Vorausgeschickt sei, dass die niedrige Zahl die bessere Akzeptabili-tätsbewertung zeigt. Den Ergebnissen lässt sich entnehmen, dass die invertier-ten Spaltsätze in Beispiel (20) bevorzugt werden und dass die durch Adver-bien vorfeldbesetzten Spaltsätze in Beispiel (21) vorgezogen werden. Obwohl es scheint, als würde ein kleiner Unterschied zwischen (20a) und (20b) beste-hen, wird der statistisch signifikante Unterschied dazwischen (t(15) = 3.20, p-value = .005) per t-Test bestätigt.

3.4 Diskussion

Die Resultate dieser Experimente belegen, dass die invertierten Spaltsätze nicht immer im unerwarteten Kontext verwendet werden können. Die erste Hypothese wird durch das erste Experiment (18) und (19) bestätigt: Für die invertierten Spaltsätze ist es nötig, dass das fokussierte Element außerhalb der Selektionsmöglichkeiten ausgewählt wird. Der niedrige Rang im Vergleich mit den anderen Alternativen (18) oder die niedrige Wahrscheinlichkeit (19) ist nicht ausreichend dafür, dass die invertierten Spaltsätze zugelassen wer-den, weil das fokussierte Element in beiden Kontexten aus den Selektions-möglichkeiten gewählt wird, die der Hörer aktuell annimmt. Die zweite Hy-pothese wurde durch das zweite Experiment (20) und (21) bestätigt: Es ist für die invertierten Spaltsätze nötig, dass sich die Fokusdomäne außerhalb der Selektionsmöglichkeiten auf einen Bereich einschränkt, in dem das fokus-sierte Element durch das hörerseitige Weltwissen nicht mehr erreichbar ist.

Andererseits dienen die Daten in (18), (19), (20) und (21) auch zur Analyse der kanonischen und der durch Adverbien vorfeldbesetzten Spaltsätze. Wenn das fokussierte Element im Vergleich mit den anderen Alternativen deutlich unwahrscheinlich ist, werden die durch evaluative Adverbien

(überraschender-weise) vorfeldbesetzten Spaltsätze unter den folgenden Bedingungen

(13)

riert: Wenn das fokussierte Element seinen Alternativen in den Selektions-möglichkeiten gegenübergestellt wird, ist das Bias bei Selektionsmöglichkei-ten so stark, dass das fokussierte Element im Vergleich mit den anderen Alter-nativen deutlich unwahrscheinlich ist, wie in (18). In den Selektionsmöglich-keiten sind das fokussierte Element und dessen Alternativen nach den Wahr-scheinlichkeiten geordnet, wie in (19) zu sehen ist. Außer dem Diskurs kommt das fokussierte Element vor, wie in (21).

Dieses Ergebnis wird in Tabelle 1 zusammengefasst, in der aus Gründen der Übersichtlichkeit Abkürzungen genutzt werden. Die Abkürzung von ‚der durch Adverbien vorfeldbesetzte Spaltsatz‘ ist ‚Adverb‘, die von ‚der inver-tierte Spaltsatz‘ ist ‚Invertiert‘:

Tabelle 1: Fokusdomäne und Wortstellung der Spaltsätze

4. SCHLUSS

In dieser Arbeit wurde die Semantik der Spaltsätze anhand von zwei Experi-menten analysiert. Wie in den Beispielsätzen (8), (12) und (13) betrachtet, kön-nen die kanonischen Spaltsätze nicht immer als Argumentfokus verwendet werden, weil sie ein Hörer-Bias bei Selektionsmöglichkeiten verlangen. In die-ser Hinsicht können die kanonischen Spaltsätze von dem monoklausalen Satz unterschieden werden. Wie in Abschnitt 2 beobachtet, gehört die CK der ka-nonischen Spaltsätze zu den Selektionsmöglichkeiten, während die CK der invertierten Spaltsätze außerhalb der Selektionsmöglichkeiten steht. Die in-vertierten Spaltsätze können als Antwort auf eine W-Frage verwendet wer-den, wenn der Sprecher annimmt, dass der Hörer nicht anstandslos die Pro-position akzeptieren kann. Wie in Abschnitt 3 erwähnt, wurde die Semantik der invertierten Spaltsätze dadurch charakterisiert, dass der Unterschied zwi-schen den durch evaluative Adverbien vorfeldbesetzten Spaltsätzen und den invertierten Spaltsätzen auf die präzise Klassifikation der Fokusdomäne zu-rückgeführt wird.

Das fokussierte Element

in den Selektionsmöglichkeiten außerhalb der Selektionsmöglichkeiten

deutlich unwahrscheinlich ausgeschlossen nicht

ausgeschlossen Gegenüberstellung Wahrscheinlichkeit

Adverb Adverb Invertiert Adverb

(14)

LITERATUR

Altmann, Hans (2009): Cleft- und Pseudocleft-Sätze (Spalt- und Sperrsätze) im Deutschen. In: Rita Brdar-Szabó, Elisabeth Knipf-Komlósi & Attila Péteri (Hg.): An der Grenze zwischen Grammatik und Pragmatik. Frankfurt am Main (Peter Lang), S. 13–34.

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Abbildung 1: Boxplot des Beispiels (18)
Abbildung 3: Das Resultat des Experiments II
Tabelle 1: Fokusdomäne und Wortstellung der Spaltsätze

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