Soziale Arbeit in der Deutschen Demokratischen Republik
Yoshio Kunieda
1. Einleitung
In der Deutschen Demokratischen Republik steht der Mensch im Mittelpunkt aller BemUhungen der sozialistischen Gesellschaft und ihres Staates. Dieses Verfassungsprinzip findet in den Leistungen des Gesundheits-und Sozialwesens einen besonders uberzeugenden Ausdruck.
So beschlossen das Zentralkomitee der SED, der Bundesvorstand des FDGB und der Ministerrat der DDR im April 1965 die bisher umfan- greichsten sozialpolitischen Ma finahmen ; dazu gehoren unter anderem:
Fur 3.9 Millionen Burger wurden mit Wirkung vom September 1965 die Alters-und invalidenrenten und die Sozialfursorgeunterstutzungen erhoht. Fur vollbeschaftigte werktatige Mutter mit 3 und mehr Kindern wurde die 40-Stunden-Arbeitswoche eingefuhrt sowie ohne Lohnminderung der Mindersturlaub auf 21, bei Mehrschichtarbeit auf 24 Tage erhoht.
Bei der Geburt jedes Kindes zahlt der Staat eine Geburtenbeihilfe von 1000 Mark (bisher Staffelung von 500 bis 100 Mark) .
Der wochenurlaub wurde urn 4 Wochen verlangert. Schwangeren-und Wochenurlaub bie voller Bezahlung betragen jetzt insgesamt 18 Wochen. Arbeiter, Angestellte und Genossenschaftsbauern, insbeson- dere Familien mit mehr als 3 Kindern, werden vorrangig mit Neuba-
uwohnungen versorgt.
Mietpreise und Heizungsentgelte (Neubauwohnungen) fi r Familien,
deren monatliches Bruttofamilieneinkommen 2000 Mark nicht Uber-
54
steigt, werden gesenkt.
Fur junge Ehen werden Kredite zu sehr gUnstigen Bedingungen gewahrt. Das sind nur die hauptsachlichsten Ma/3nahmen des Beschlus-
ses.
Die Zusammenarbeit mit der UdSSR, die ihre fi hrende Stellung in Wissenschaft und Technik immer mehr festigt, und den anderen sozialis- tischen Staaten gestaltet sich auch auf dem Gebiet des Gesundheits-und Sozialwesen immer enger. Diese Zusammenarbeit reicht von gemein- samen wissenschaftlichen Tagungen der medizinisch-wissenschaftlichen
Gesellschaften Uber die Losung gemeinsamer Forschungsvorhaben bis zur direkten Zusammenarbeit medizinischer Einrichtungen und Wissens- chaftier. Die Koordinierung der Perspektivplane der DDR und der
UdSSR, wie die der Plane aller RGW-Mitgledsstaaten Uberhaupt, gibt der DDR grofle Moglichkeiten, ihr Gesundheits-und Sozialwesen weiter
auszubauen und zu festigen.
Unter sozialistichen Bedingungen wird den Btirgern bei Krankheit und Unfall unentgeltliche Hilfe unter Ausnutzung aller Errungenschaften der modernen Medizin zuteil. Es besteht umfassender Versicherungsschutz und freie Arztwahl. Jeder Burger hat gleiches Recht auf gesundheitliche
Betreuung. Die Burger der DDR sind materiell sichergestellt im Falle der Invaliditat, der Mutterschaft und beim Erreichen der Altersgrenze.
Die gesellschaftlichen Fonds fill- die Bevolkerung der DDR betrungen 1965 28, 4 Milliarden Mark. Fur die Volksbildung, fur das Gesundheits- und Sozialwesen, fur die weitere Entwicklung des Kulturellen Lebens, des Sports und der Erholung wurden also 1, 9 Milliarden Mark mehr ausgegeben als 1964. Einen bedeutenden Platz im Staatshaushalt nehmen die Zuschusse fur die Sozialversicherung und die freiwillige Zusat- zrentenversicherung ein.
1965 arbeiteten im Gesundheits-und Sozialwesen 369 400 Werktatige.
86 Prozent davon waren Frauen.
2. Soziale Arbeit
Gnerelle Probleme des sozialistischen Gesundheitsschutzes, an deren Losung unter aktiver Mitwirkung aller Burger langfristig gearbeitet wird, sind unter anderem die Anpassung der Produktion an den Menschen, die lebensfordernde Gestaltung von Freizeit and Erho-lung, die zweckma/3ige Gestaitung der Wohnbedingungen vor allem in den Stadten, der schrittweise Ubergang zur stadtischen Lebensweise auf dem
Lande and die Reinhaltung von Boden, Luft and Gewassern.
Der staatliche Charakter des Gesundheitswesens bedingt, da/3 alle seine Mitarbeiter als Angestellte tatig sind. Hiervon ausgenommen sind jene Arzte and Zahnarzte, die von frUher her eine eigene Praxis betreiben. Damit wurde der gewerbliche Charakter de arztlichen Tatig- keit Uber-wunden, sie gewahrieistet so die gesundheitliche Fursorge fur den einzelnen in hoher Qualitat. Gleichzeitig wird die Einheitlichkeit der medizinischen Betreuung gesichert and das Prinzip der Einheit von Prophylaxe, Therapie, Metaphylaxe and Rehabilitation verwirklicht.
In der DDR arbeiten uber 28000 Arzte and 7300 Zahnarzte. Die Ausbildung der Arzte dauert ftinf Jahre and die zusatzliche Facharztaus- bildung ebenfalls finf Jahre. Eine neue Methode der Absolventenlenkung soll zum schnellen Abbau territorialer Unterschiede im Gesundheit- swesen beitragen. Die Erteilung der Approbation nach der Aufnahme der Facharztausbildung erfolgt durch den Bezirksarzt.
Die Prophylaxe ist Grundprinzip and Leitmotiv des sozialistischen Gesundheitswesens. Sie flie/3t in die Arbeit jedes Arztes and jedes Mitarbeiters des Gesundheitswesens ein and wird in der Huptsache bei der Dispensairebetreuung verwirklicht. Das Gesundheitswesen der DDR fUhrt die Dispensairebetreuung in zwei Bereichen durch:
Der erste Bereich umfaft die Bertung and gesundheitliche Uberwa-
chung gesunder Menschen, z. B. in den Produktionsbetrieben. Hier wird
56
der vorbeugende Gesundheits- und Arbeitsschutz der Werktatigen durch ein umfangreiches Netz des Betriebsgesundheitswesens und durch den Ausbau von arbeitshygienischen Zentren gewahrleistet. Unter anderem erhohten neue Ma/3nahmen den Anteil der Arbeiter an Erholungs-und Heilkuren, auch zu vorbeugenden Zwecken. Zu diesem ersten Bereich der Dispensairebetreuung gehoren welter die gesetzlich festgelegten Reihenuntersuchungen, die Mutterberatung, der Gesundheitsschutz fur Kinder und Jugendliche, das gesetzlich festgelegte lmpfprogramm nach einem eigens hlierftir geschaffenen lmpfkalender, die Hygienekontrolle z.
B. der Lebensmittelproduktion, des Lebensmittelhandels und der in diesen Zweigen arbeitenden Personen.
Der zweite Bereich der Dispensairebetreuung nach nosologischen (Krankheits-) Gruppen umf a/3t unter anderem die Betreuung von Tuberkulosekranken, Geschwulstkranken, Herz- und Kreislaufkranken, Diabetikern, Rheumatiken und anderen. Diese Form ermoglicht gesamt- staatliche Mafnahmen wie die Spezialisierung und die Konzentration der Betreuung. Der Umfang der Dispensairebetreuung und anderer prophylaktischer Ma$nahmen hat sich auf 40 Millionen Leistungen im Jahr erweitert.
Durch verstarktes Hinwenden zur Prophylaxe konnte eine generelle Reduzierung der alters-und krankheitsspezifischen Sterblichkeit, der Fruhlinvaliditat, der Morbiditat und der Komplikationshaufigkeit errei- cht werden. Der Arzt nimmt heute wesentlichen Enfluf darauf, da/3 gefiirchtete Krankheiten immer mehr zuruckgedrangt werden.
In Verwirklichung der Parteitag der SED gestellten Hauptaufgabe, der Verbesserung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes, wird sich der Gesundheitsschutz der Bevolkerung welter verbessern. Die
Erhohung des Lebensstandards, insbesondere die Verringerung der Arbeitszeit, die schrittweise Uberwindung schwerer korperlicher Arbeit, die Einfuhrung automatischer Produktionsprozesse, erhohte Bildung und gesundheitsfordernde Verhaltensweisen, besserer Bedingungen fur Kor-
i i
perkultu, Sport and Erholung sowie eine wissenschaftliche Ernahrung- sweise werden sich in Verbindung mit den fortschreitenden Erkenntnis- sen der Medizin zunehmend positiv out den Gesundheitszutand der Bevolkerung auswirken.
Zur weiteren Verbesserung der medizinischen Betreuung der Bevolker- ung standen 1965 2.7 Milliarden Mark zur Verfiigung.
3. Versicherungswesen
An der medizinischen Grundbetreuung sind alle Fachrichtungen beteiligt.
Ambulante and stationare Betreuung bilden im Interesse aufeinander abgestimmter medizinischer Mafnahmen eine Einheit. Durch die Einrichtungen des Betreiebsgesundheitswesens werden die ambulanten Einrichtungen in den Wohngebeiten erganzt. Die einheitlich geleitete Gemeinschaftsarbeit zwischen Arzten kommunaler Einrichtungen and
Betreibsarazten, die gemeinsame Nutzung diagnostisch-therapeutischer Kapzitaten in kommunalen medizinischen Einrichtungen and in med-
izinischen Einrichtungen der Betriebe sowei die enge Kooperation ermoglichen eien gute gesundheitliche Betreuung in Whongebieten and Betrieben.
Den zentralen Einrichtungen des Kreises (Kreiskrankenhaus and Polikelinik) obliegt die systematlsche Anleitung aller kleineren Einrich- tungen sowie die Weiterbildung aller Mitarbeiter ihres Verantwortungs- bereiches. Die allseitlge medizinische Betreuung, der Landbevolkerung der DDR entspricht heute der medizinischen Fursorge in den Stadten.
Von groper Bedeutung besonders fur die Werktatlgen auf dem Lande ist der Ausbau der Dinglichen Medizinischen Hilfe.
Umfang and Niveau der ambulanten medizinischen Betreuung sind in
den letzten flint Jahren kontinulerlich gewachsen. Die Zahl der
hauptberuflich ambulant tatigen Arzte erhohte sich urn 3000. Ein am-
58
bulant tatiger Arzt betreut heut im Durchschnitt 1299 Einwohner.
Die j ahrlich zunehmenden Konsultationen verdeutlichen diese Tendenz.
So werden im Klinikum Berlin pro Jahr 160000 Burger ambulant behandelt. Die Zahl der Konsultationen im ambulanten Bereich liegt in dieser Einrichtung sogar bei 400000 jahrlich. Hinzu kommen im gleichen Zeitraum 37000 stationar betreute Patienten.
In Abhangigkeit von der Bevolkerungsichte wird mit der Schaffung von Gesundheitszentren der obj ektiv notwendige Konzentrationsproze/3 gefordert. Dabei wird vor allem der Entwicklung der Poliklinik zu der
im jeweiligen Territorium bestimmenden ambulanten Gesundheit- seinrichtung groj3te Beachtung geschenkt. Die Poliklinik kooperiert mit
alien Gesundheitseinrichtungen des Territoriums, koordiniert als Leiteinrichtung und nimmt auf die Tatigkeit aller Mitarbeiter des Gesundheitswesens Einfluf.
Im Interesse der Burger verbessern die ambulanten Einrichtungen ihr Bestellsystem, richten Frith-und Spatsperechstunden ein und schaffen eine gut abgestimmte Organisaton des arztlichen Bereltschaftsdienstes, der in alien Bezirken besteht.
Die ambulante medizinische FUrsorge ist das entscheidende Bewahrun- gsifeld des Gesundheitswesens. Es kommt darauf an, das diagnostische
Prinzip durchzusetzen, das heiflt, gesundheitliche Beeintrachtigungen frith zu erkennen und zu erfassen, noch starker in das Vorfeld der
Krankheiten einzudringen.
Die betriebsarztliche Fursorge ist ein fester Bestandteil des sozialistls- chen Gesundheitswesens und eine besondere Errungenschaft der Ar- beiterklasse. Hauptanliegen des Betreibsgesundheitswesens sind die
Gestaltung hygienischer und gesundheitsf ordernder Arbeits-und Lebens-
bedingungen fur die Werktatigen und die weitere Hebung ihres Gesund-
heitszustandes. 3742 Einrichtungen des Betriebsgesundheitswesens tragen
durch arbeitshygienische Beratung und Kontrolle der Betriebe, durch die
arbeitsmedizinische Beratung und Kontolle der Betriebe, durch die
arbeitsmedizinische Fiirsoreg and die madizinische Grundbetreuung der Werktatigen zur Erftillung dieser Hauptanliegen bei. Dabei arbeiten sie eng mit den Gesunndheitseinrichtungen der Territorien zusammen.
Grolte Aufmerksamkeit widmet der Betriebsgesundheitsschutz den Werktatigen, die durch korperlich schwere Arbeit, durch Hitze, Staub, toxische Stoffe and Larm Gesundheitsgef ahrdungen ausgesetzt sind oder die Schichtarbeit leisten. Der Betriebsgesundheitsschutz tragt zur planmaf3igen Entwicklung der Arbeits- and Lebensbedingungen bei, nimmt Einflufl auf eine gesundheistfordernde Gestaltung der Arbeit- sumwelt, auf gesund Ernahrung, auf die Forderung der Korperkultur and des Sports, auf Gesundheitserziehung.
Literatur
Glaelner, Gert-Joachim, 1979: Herrschaft durch Kader. Leitung and Gesells- chaft and Kaderpolitik in der DDR am Beispiel des Staatsapparates, Opladen.
Catudal, Honer-6 M., 1980: Kennedy and the Berlin Wall Crisis, Berlin.