Zur vergleichenden Forschung uber Entwicklung und Richtung der Stadt‑und Regionalsoziologie in Deutschland und Japan
著者 Kamiya Kunihiro
journal or
publication title
関西大学社会学部紀要
volume 26
number 2
page range 31‑56
year 1994‑12‑05
URL http://hdl.handle.net/10112/00022536
~'ffi::lc$ ftl:i;,$$;ti!~JI ffi26~ffi 2 ~. 1994, pp. 31-56. ISSN 0287-6817
Zur vergleichenden Forschung über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie
in Deutschland und Japan
K. Kamiya
Abstract
Seinerzeit hat Hans Freyer in seinem berühmten, "Soziologie als Wirklich- keitswissenschaft"gesagt: "Hier wird die Soziologie zum wissenschaftlichen Selbstbewußtsein einer mensch~chen Gegenwart, zu.einer Existenz". Diese Feststellung trifft auch für die Stadt-und Regionalsoziologie zu. Meiner Meinung nach sollte die Entwicklung und Richtung der Stadt-und Region- alsoztlogie eigentlich die Stadt-und Regionalstruktur und thre Wandlung selbst widerspiegeln. Seit langem interessiere ich mich für vergleichende Forschungen Über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie fn Deutschland und Japan. Dadurch will. ich hier die der Stadt-und Re- gionalstruktur und ihrer Wan.dlung zugrund liegenden Unterschiede zwischen Deutschland und Japan herausstellen.
Schlüsselwörter: Stadtuntersuchungen im Zusammenhang gesamtgesellschaftlicher Theo- riebildung, Soziologie der Gemeinde, Soziologie des Städtebaus, Stand- orttheorien, Infrastrukturplanung, Sozialraumanalyse, Städtebauförder- ungsgesetz.
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1. Vorbemerkung
Als Stadtsoziologe interessiere ich mich seit langem für vergleichende Forschungen über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionälsoziologie in Deutschland und Japan.
Seinerzeit hat Hans Freyer in seinem berühmten Buch, "Soziologie als Wirklichkeits- wissenschaft'' gesagt: ''Hier wird die Soziologie zum wissenschaftlichen Selbstbewußtsein einer menschlichen Gegenwart, zu einer Existenz". Diese Feststellung trifft auch für die Stadt-und Regionalsoziologie zu. Nach meiner Meinung sollte die Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie eigentlich die Wandlungen der Stadt-und Regionalstruktur selbst widerspiegeln. Durch vergleichende Forschungen über die Ent- wicklung und ·Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in Deutschland und Japan will ich hier die der Stadt-und Regionalstruktur zugrunde liegenden Unterschiede zwischen Deutschland und Japan herausstellen.
Bis heute habe ich schon sechsmal Deutschland besucht. Dabei habe ich mich haupt- sächlich, _im soziologischen Institut der Münchner Universität, im Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin, in der wissenschaftlichen Einheit, Stadt-und Sozialforschung, der Bremener Universität und in der Berliner Technischen Universität, mit den Forschungen der Stadtsoziologie beschäftigt. In Japan habe ich dann ein Buch und einige Aufsätze über die deutsche Stadtsoziologie und die Struktur und die Wandlungen der deutschen Städte veröffentlicht. Dieser Aufsa,tz gibt einen Teil meiner Forschungsergebnisse wieder.
Zunächst möchte ich den Lesern die bei der Herstellung dieses- Aufsatzes benutzten
Unterlagen vorstellen. Diese Unterlagen umfassen fast alle Bücher und Aufsätze, in denen
die Entwicklung und Richtung der deutschen Stadt-und Regionalsoziologie in den 50er,
60er, und 70er Jahren behandelt wurde. Leider J:iabe ich bis heute keine Werke nicht fin-
den können, die die Ergebnisse der deutschen Stadt-und Regionalsoziologie der 80er Jahre
zusammengefaßt hätten. Aber seit einigen Jahren habe ich das "Nachrichtenblatt zur
Stadt-und Regionalsoziologie" abonniert, das im Auftrag der Sektion Stadt-und Regio-
nalsoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie von Hartmut Häußerman und
Wendelin Strubelt herausgegeben wird. Anhand dieser Nachrichtenblätter, die ich seit
1986 regelmäßig erhielt, will ich hier die Entwicklung und Richtung der deutschen Stadt-
und Regionalsoziologie während der 80er Jahre skizzen. Am Ende dieses Manuskriptes
habe ich die bei der Herstellung meines Refarats benutzten Unterlagen angezeigt.
Zur vergleichenden Forschung über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in Deutschland und Japan (Kamiya)
2. Die Entwicklung und Richtung der Stadt-und
Regionalsoziologie in der Bundesrepublik Deutschland
In seinem Aufsatz ging es H. Korte zwei Schwerpunkte. Einmal ging es ihm um die Frage, welches Erkenntnisinteresse jeweils der soziologischen Betrachtung von Problemen der Stadt zugrunde zu legen ist, zum anderen stellt er die Frage nach der Umsetzung sozio- logischer Ergebnisse in räumliche und bauliche Strukturen in den Vordergrund (H. Korte, 1974, 9). Anders ausgedrückt hat er seine Darstellung der Geschichte der deutsch~n Stadt- soziologie an zwei Achsen, d.h. Theorie und Praxis, orientiert. Auch möchte ich in meiner Darstellung ebenso seinem Beispiel folgen. Zuerst zeige ich die Tabelle 1 an, die ich auf Grund von der Darstellungen von Korte über die Geschichte der deutschen Stadtsoziolo- gie von der Vorkriegszeit bis Ende der 60er Jahre zusammengefaßend hergestellt habe.
Tabelle 1 Die zeitliche Lage in der Entwicklung der Stadtsoziologie Deutschlands (bis zum Ende 1960 Jahre)
Klassifikation I. Stadtuntersuchungen im
Zusammenhang gesamt- gesellschaftlicher Teoriebildung
II. Soziologie der Gemeinde
III. Soziologie des Städtebaus
Periode Bis zum zweiten Weltkrieg
Von 1950 bis zur ersten Hälfte der sechziger Jahre
Von 1960 bis zur ersten Hälfte der siebziger Jahre
Tendenz Klassische, theoretische Stadtuntersuchungen
Strukturelle u. positive Untersuchungen a) Gemeinde als globale
Kategorie
b) Die Großstadtforschung c) Ergebnisse empirischer
Sozialforschung Funktionale u. Praktische Untersuchungen
a) Die Phase des Übergangs b) Die Stadt als Funktions-
system
c) Kritik an der Praxis des
Städtebaus
2-1 Die Entwicklung der Stadtsoziologie in Deutschland bis zum zweiten Weltkrieg Die wesentlichen Eigenschaft der deutschen Stadtsoziologie bis zum zweiten Weltkrieg hat H. Korte in seiner Klassifikation "Stadtuntersuchungen im Zusammenhang gesamt- gesellschaftlicher Theoriebildung" herausgearbeitet (H. Korte, 1974, 10). Als typische Vertreter der Stadtsoziologen hat er M. Weber, W. Sombart, G. Simmel und F. Tönnies angesehen. Um die Jahrhundertwende und von divergierenden Ansätzen ausgehend, haben diese Sozialwissenschaftler der theoretischen und soziologischen Stadtforschung entscheidende Impulse gegeben. Ihr Erkenntnisinteresse ging freilich nur bedingt auf eine Beschreibung und Erklärung des sozialen Lebens in der Stadt. Primär ging es ihnen um die Begründung einer soziologischen Theorie der Gesellschaft, wobei die Stadt lediglich als Beispiel dient.
Eigentlich lag das Erkenntnisinteresse von Max Weber darin, warum sich nur im Okzident der bestimmte von Rationalität gekennzeichnete Kapitalismus entwickelte (M. Weber, 1920: Vorbemerkung). Nach seiner Meinung sollen die freien Städte im europäischen Mittelalter entscheidend zur Bildung des rationalen Kapitalismus und des modernen Staates beigetragen haben. Werner Sombart sah in seiner Theorie des Kapitalis- mus in der Stadt einen ökonomischen Faktor für die Herausbildung des modernen Kapitalismus. Georg Simmel formulierte in seinem Artikel "Die Großstädte und das Geistesleben" auf dem Hintergrund seiner kulturgeschichtlichen Abhandlung "Philoso- phie des Geldes" seine Anschauung von der Großstadt und dem großstädtischen Leben.
Ferdinand Tönnies rückte das allgemeine Verhältnis > Stadt - Land < in den Vorder- grund des Interesses. In seinem berühmten Buch "Gemeinschaft und Gesellschaft"
versuchte er zu zeigen, wie "Gemeinschaft" im dörflichen Wesensverband und "Gesell- schaft" im städtischen Zweckverband aufzufinden sind. Bei diesen Klassikern der Sozio- logie diente die Stadt jedenfalls immer nur als ein besonders anschauliches Beispiel.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in Deutschland ein neuer Zweig der Soziologie die
"Soziographie" begründet. Mit der statistischen und positiven Methode wurden von den Forschern der Soziographie zahlreiche verschiedene Untersuchungen auf dem Lande und in den Städten durchgeführt.
Mit der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus war die unter allgemeinen
soziologischen Gesichtspunkten betriebene Bescgäftigung mit der Stadt in Deutschland
beendet.
Zur vergleichenden Forschung über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in Deutschland und Japan (Kamiya)
Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs hat sich der Wiederaufbau der deut- schen Soziologie unter dem Einfluß US-amerikanischer Forschungsergebnisse entwickelt.
2-2 Soziologie der Gemeinde
- von 1950 bis zur ersten Hälfte der 60er Jahre -
Mit dem Konzept "Soziologie der Gemeinde" hat H. Korte die Entwicklung und Rich- tung der westdeutschen Stadt-und Regionalsoziologie von 1950 bis zur ersten Hälfte der 60er Jahre zusammengefaßt. Zwei Faktoren waren es, die sie in dieser Zeit bestimmten.
Der erste war die Wandlung der Zustände in den deutschen Städten und Gemeinden. Im
Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der zerstörten Städte, der Rekonstruktion der
Marktwirtschaft und dem Verstädterungsprozeß, entfalteten sich die Soziologie der
Gemeinde und die Großstadtforschung. In dieser Zeit dehnte sich die Verstädterung auf
die ehemals agrarisch-ländlich strukturierten Gebiete aus. In den Städten, insbesondere
den Großstädten, konzentrierte sich die Bevölkerung. Unter diesen Umständen mußten
sich die Soziologie der Gemeinde und die Großstadtforschung mit dem Erbe der von
W.H. Riehl beschriebenen, von 0. Spengler beklagten und von F. Tönnies behaupteten
Großstadtfeindlichkeit auseindersetzen. Der andere Faktor ist ein wissenschaftlicher
nämlich, der Einfluß der US-amerikanischen Soziologie und Sozialforschung. Im großen
ganzen waren theoretische und spekulative Forschungen bis zum zweiten Weltkrieg die
Hauptströmungen in der deutschen Soziologie. Nach der Niederlage von 1945 standen die
Bundesrepublik Deutschland und ebenso Japan sowohl politisch und militärisch als auch
kulturell und wissenschaftlich unter dem Einfluß der USA. Die Soziologie war da keine
Ausnahme. Der amerikanischen Soziologie ging es vor allem um empirische und prakti-
sche Untersuchungen der Gesellschaft so wie sie wirklich war. Ein Teil der westdeutschen
Stadt-und Regionalsoziologen arbeiteten an Forschungsprogrammen, die an nordameri-
kanischen Forschungsmethoden orientiert waren und von den USA finanziell unterstützt
wurden. Ein typisches Beispiel dafür war die berühmte Darmstadt-Studie. Dabei handelte
es sich um eine umfangreiche gemeindesoziologische Bestandsaufnahme, die der Einfüh-
rung und Verbreitung empirischer Forschungsmethoden dienen sollte. Das Gebiet der
Stadt-und Regionalsoziologie der 50er Jahre, das sich entsprechend den Veränderungen
der Zustände in den deutschen Städten und Gemeinden in dieser Zeit entwickelte, hat
H. Korte in zwei Richtungen, a) Gemeinde als globale Kategorie und b) Die Großstadt-
forschung, klassifiziert.
a) Gemeinde als globale Kategorie
Mit der ersten Richtung-dem Versuch, Gemeinde als globale, durchgehende Kategorie zu beschreiben und zu begründen-ist eng der Name Rene König verbunden. In seinem Buch, "Grundformen der Gemeinschaft: Die Gemeinde" (Hamburg 1950) hat er sie in der Definition bestimmt: Gemeinde sei ein soziales Urphänomen, nämlich die lokale Einheit einer Gruppe von Menschen, die ihr soziales, wirtschaftliches und kulturelles Leben gemeinsam fristen und bestimmte Werte und Bedingungen anerkennen (R. König, 1958 S. 178ft). Innerhalb einer Gemeinde unterscheidet König zwischen formellen und informellen Funktionskreisen. Durch die Ausgliederung von der formellen oder zweck- orientierten Funktionskreise in andere Spezialsoziologien oder die Kommunalwissen- schaft, verblieb für die Soziologie der Gemeinde die Aufgabe, die > sozialen Beziehungen und tragenden Gebilde zu erhellen, die die informellen Funktionskreise ausmachen <
(Ebenda, S. 52). Dabei wurde der grundsätzliche Einfluß der Verstädterungsprozesse auf die Gemeindestruktur an besonders ausgeprägten Beispielen untersucht. Dieses Vorgehen war aber auch darauf abgestellt, die Stabilität des gemeindlichen oder nachbarschaft- lichen Lebens herauszuarbeiten.
b) Die Großstadtforschung
Im Jahre 1950, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, erschien die bekannteste stadtsoziologische Arbeit "Großstadtforschung" von Elisabeth Pfeil. Diese Arbeit war lange Jahre vergriffen. Sie wurde dann 1972 in der 2. neu bearbeiteten Auflage unter dem Titel "Großstadtforschung - Entwicklung und gegenwärtiger Stand - " veröffentlicht.
In dieser Arbeit wird versucht, die Entwicklung der Großstadtforschung von den Anfängen bis zur Gegenwart darzustellen. Die Arbeit mündet konsequent in der Beschreibung
"neuer Formen der Stadt" und "neuer Raumstrukturen". Damit wird einer Entwicklung
Rechnung getragen, die etwa seit 1950 zu einer bis dahin unbekannten Auflösung der
traditionalen, relativ geschlossenen Siedlung führte und für die Olaf Baustedt den Begriff
und des analytische Konzept der "Stadtregion" entwickelte. "Wesentliche Elemente
dieses Ansatzes waren einerseits die Abwehr von kulturkritischen und kulturpessimisti-
schen Elementen und andererseits die Erarbeitung empirischer Belege zu der These, daß
die wichtigsten Bestandteile der Gesellschaft stabil geblieben seien, oder sich in einem
Anpassungsprozess befänden, der die bisherigen Formen der Stabilität zwar differenzie-
ren, aber nicht aufheben könne" (H. Korte, 1984 S. 284).
Zur vergleichenden Forschung über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in Deutschland und Japan (Kamiya)
c) Ergebnisse empirischer Sozialforschung
In den 50er Jahre wurde die Rezeption der nordamerikanischen Soziologie abgelöst durch die Entwicklung einer eigenständigen westdeutschen Soziologie. Die erste Gemein- deuntersuchung nach dem Kriege war die 1948 begonnene und in neun Monographien veröffentlichte Darmstadt-Studie, über die Nels Anderson und Christian v. Ferber berich- ten. Die Darmstadt-Studie war zunächst von Zivilbeamten der amerikanischen Militär- regierung angeregt und von Anderson betreut worden, der in einem ''informellen Rückblick" über Entstehen, Finanzierung, Ziel und Ergebnis dieser Studie berichtet (N. Anderson, 1956, S. 144 ff). In Japan wurde die Darmstadt-Studie in der zweiten Hälfte der 50er Jahre von einigen Soziologen vorgestellt und als ein bedeutendes Ergebnis der deutschen Gemeindesoziologie nach dem Krieg hoch geschätzt. In Deutschland hielt man sie zwar für eine beachtliche Leistung der westdeutschen Soziologie, aber sie wurde nicht so hoch eingeschätzt, daß sie den deutschen Soziologen als Modell für sozio- logische Untersuchungen gedient hatte. Als Grund dafür hat Hans Oswald zwei Punkte genannt: Einmal ist in der Studie die in vielem untypische Situation einer durch Luftan- griffe zerstörten Stadt und ihrer als Evakuierungsgebiet dienenden Umgebung in der ersten Nachkriegszeit festgehalten. Zum anderen aber behandeln die meisten der neun Monographien keine gemeindesoziologischen Probleme im engeren Sinne, sondern sie untersuchen dringende Probleme im Nachkriegsdeutschland am Beispiel Darmstadts".
(H. Oswald, 1966 564). In der zweiten Hälfte der 50er Jahre erschienen dann eine Reihe empirischer Stadt-und Gemeindeuntersuchungen. Dazu gehören Bücher wie die von Croon/Utermann, Mayntz, Klages und Pfeil (Helmut Croon/Kurt Utermann, 1958, Renate Mayntz, 1958, Helmut Klages, 1958, Elisabeth Pfeil, 1954). Als klassische Arbeiten sind sie auch heute noch mit Gewinn zu lesen. In diesem Sinne könnte man, wie Bernard Schäfers in seinem Aufsatz "Stadtsoziologie in der Bundesrepublik Deutschland (1988)" schrieb, die 50er Jahre das Gründerjahrzehnt der westdeutschen Stadtsoziologie benennen.
2-3 Soziologie des Städtebaus
- von der letzten Hälfte der 60er Jahre bis zum Anfang der 70er Jahre -
Etwa seit 1960 entwickelte sich die westdeutsche Stadtsoziologie allmählich zu neuen
Phasen, d.h. von statischen, strukturellen Forschungen zu solchen dynamischen und
funktionellen Charakter, die weithin praktisch und planungsorientiert waren. Grund
dafür war die Wandlung der westdeutschen Städte und Gemeinden. Nach der Zusammen- fassung von Bernhard Schäfers sind die 60 Jahre gekennzeichnet durch einen hektischen Bauboom und eine sich alle Gesellschaftsbereiche erstreckende Planungseuphorie (B. Schäfers, 1988, S. 15). Bis zum Ende der 50er Jahre waren mehr als 5 Millionen neuer Wohnungen gebaut worden. Die Wohnungsnot war mindest quantitativ überwunden.
Damit war bei der deutschen Städtebaupraxis eine neue Situation eingetreten. Neben den quantitativen Anforderungen von Wohnungen mußten zusätzliche Faktoren im Städte- und Wohnungsbau berücksichtigt werden. In dieser Situation richtete sich das Augen- merk auf die Soziologie. Hinsichtlich der Tendenz der westdeutschen Stadtsoziologie nennt Schäfers die 60 Jahre das Ausbaujahrzehnt.
a) Die Phase des Übergangs
Die Entwicklung und Richtung der westdeutschen Stadt-und Regionalsoziologie in der ersten Hälfte der 60er Jahre hat H. Korte als die Phase des Übergangs bezeichnet. Als wegweisend hat er zwei Arbeiten, "Die moderne Großstadt" von Hans Paul Bahrdt und
"Die überschätzte Stadt" von Hans Oswald genannt.
Bahrdt ging es in seinem Buch "Die moderne Großstadt" um eine soziologische Defini- tion der Stadt als Erweiterung der Ausführungen von M. Weber über den städtischen Markt. Daraus entwickelte Bahrdt die These: "Eine Stadt ist eine Ansiedlung, in der das gesamte, also auch das alltägliche Leben die Tendenz zeigt, sich zu polarisieren, d.h.
entweder im sozialen Aggregatzustand der Öffentlichkeit oder in dem der Privatheit stattzufinden ... Je stärker Polarität und Wechselbeziehung zwischen öffentlicher und privater Sphäre sich ausprägen, desto städtischer ist, soziologisch gesehen, das Leben einer Siedlung (H.P. Bahrdt, 1961 S. 60). Das sich entwickelnde Wechselverhältnis Privatheit-Öff entlichkeit setzt er in Beziehung zu vergangenen und gegenwärtigen Stadt- formen. Dies führt zur Fragestellung nach den Zusammenhängen zwischen bestimmten sozialen Zuständen und bestimmten Städtebauformen. Damit leitet Bahrdt die Phase der Soziologie des Städtebaus ein und richtet das Interesse sowohl der Soziologen wie der Planer und Architekten auf die konkrete Planung und Umgestaltung der Städte. Einige Jahre später versuchte er unter dem Titel "Humaner Städtebau" seine Vorstellungen noch systematischer und ausführlicher darzulegen.
Das Buch "Die überschätzte Stadt" von Hans Oswald hat den Untertitel "Ein Beitrag
der Gemeindesoziologie zum Städtebau". Oswald suchte, über die These Königs, daß die
Zur vergleichenden Forschung über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in Deutschland und Japan (Kamiya)
Gemeinde eine Einheit auf lokaler Ebene sei, hinaus zu gehen und sich der Praxis des Städtebaus zu zuwenden. Im Jahre 1960 war das Bundesbaugesetz rechtskräftig gewor- den, das anknüpfend an die "Charta von Athen" die Trennung der Funktionsbereiche Arbeit, Verkehr, Wohnen und Freizeit zum Prinzip erhob. Folglich herrschte damals die Idee des Funktionalismus in der Welt des Städtebaus. Oswald fordert den funk- tionalen Städtebau: "Es genügt nicht zu sagen, kein Rauch, kein Gas, kein Lärm, kein Verkehr mehr, wenn Rauch, Gas, Lärm, Verkehr zum Funktionieren notwendig sind"
(H. Oswald, 1966 S. 195).
b) Die Stadt als Funktionssystem
Erst Norbert Schmidt-Relenberg unternahm in seinem 1968 veröffentlichten Buch
"Soziologie und Städtebau" den Versuch, die Stadt als soziales System zu begreifen.
Sich anlehnend an die Paradigma von T. Parsons betrachtet Schmidt-Relenberg die Struktur als die statische Seite des Systems und die Funktion als die dynamische Seite des Systems. Nach dem Paradigma Parsons besteht das System aus der Struktur und dauert durch die Funktion. Auf der Grundlage struktur-funktionalistischer Ansätze versteht Schmidt-Relenberg die Stadt als System, d.h. als "Gesamtheit der Leistungen, die den kumulierten individuellen Ansprüchen genügen und von den beteiligten Individuen, Gruppen und Subsystemen erbracht werden" (N. Schmidt-Relenberg, 1968 S. 105). Die Anwendung der Soziologie für den Städtebau entwickelt sich auf der Grundlage dieser Logik. Wie schon oft angegeben, führen die Untersuchungen auf der Grundlage des Struktur-Funktionalismus zu Beiträgen zur Optimierung des bestehenden Systems, zur Verringerung oder Ausschließung von Konflikten und dazu, möglichst vielen Ansprüchen gerecht zu werden. In diesem Sinne trägt, wie oft kritisiert, der Struktur-Funktionalismus notwendig zur Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Lage bei. In derselben Zeit machten sich verschiedene Kritiker an der Praxis des Städtebaus bemerkbar.
c) Die Kritik an der Praxis des Städtebaus
Hier möchte ich auf zwei Arbeiten verweisen, die in dieser Zeit Kritik an der Praxis des Städtebaus übten. Die erste ist das Buch "Tod und Leben großeramerikanischer Städte"
von Jane Jacobs, in dem sie eine neue Art von Großstadtkritik formulierte. In ihrer Arbeit
ist die Kritik gegen das gerichtet, was Planer und Architekten aus der Großstadt gemacht
haben. Man habe die Großstädte zwar durchgrünt, entmischt, durchsonnt und entstaubt,
aber dabei die in ihnen lebenden Menschschen und ihre sozialen Beziehungen aus dem Blick verloren. Unter diesem Gesichtspunkt pladierte sie für eine Multifunktionalität und die Mannigfaltigkeit der Stadt.
Im gleichen Zusammenhang ist die 1965 erschienene Arbeit "Unwirtlichkeit unserer Städte" von Alexander Mitscherlich zu sehen (A. Mitscherlich, 1965). Er geht von dem Eindruck aus, den die neuen Vorstädte als Schlafstädte machen, und beklagt ihren fehlen- den Wert für die psychische und soziale Entwicklung ihrer Einwohner, vor allem für Kinder, Jugendliche, Hausfrauen und alte Menschen. Heide Berndt hat dann zusammen mit Klaus Horn und Alfred Lorenzer die Kritik Mitscherlichs weiterentwickelt und die zusammenhänge zwischen Gesellschaftssystem, Deformation primärer Triebregungen und den Funktionalismus der Architektur herausgearbeitet (H. Berndt, A. Lorenzer und K. Horn, 1968).
2-4 Politisierung und Konsolidierung - Die 70er Jahre -
In Bezug auf die Entwicklung und Richtung der Stadtsoziologie in den 70er Jahren hat Schäfers die 70er Jahre als die Zeit der "Politisierung und Konsolidierung" heraus- gestellt. Dabei ist die "Politisierung" der Stadtsoziologie gleichbedeutend mit der Politisierung der Stadtplanung, während unter ''Konsolidierung'' die Ausweitung und Fundierung des theoretischen Wissens, die Zunahme empirischen Wissens und die Professionalisierung der Stadt-und Regionalsoziologie zu verstehen ist (B. Schäfers, 1988 S. 15). Hier zeige ich die zeitliche Klassifikation der deutschen Stadtsoziologie von Schäfers als Tabelle 2 an.
Tabelle 2 Die zeitliche Klassifikation der deutschen Stadtsoziologie von Schäfers
1950 Jahre Das Gründerjahrzehnt
1960 Jahre Das Ausbaujahrzehnt
1970 Jahre Politisierung u. Konsolidierung
Zur vergleichenden Forschung über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in Deutschland und Japan (Kamiya)
a) Die Politisierung der Stadtplanung und Stadtsoziologie
Als Ursachen, die in den 70er Jahren zur Politisierung der Stadtplanung und der Stadtsoziologie führten, kann man zwei Faktoren mit sozialer Wirksamkeit ansehen. Der erste waren die seit der zweiten Hälfte der 60er Jahre stärker in Erscheinung tretenden Bürgerinitiativen und der andere war das Inkrafttreten des 1971 im Bundestag verab- schiedete Städtebauförderungsgesetzes im Jahre 1972. Beide Faktoren stehen eng im Zusammenhang miteinander.
Ende der 60er Jahre gab es in den fortgeschrittenen Ländern der Welt überall heftige Studentenbewegungen. Unter deren Einflüssen kam es dann zahrreichen Bürgerinitia- tiven, die die gesamte Gesellschaft bewegten und eroberten. Aus der soziologischen Perspektive wurden einige bedeutende Werke veröffentlicht, die die Bürgerinitiativen theoretisch und empirisch untersuchten. Die Bürgerinitiativen haben notwendig die Vorstellung der Beteiligung bzw., Partizipation der Bürger oder Betroffenen zum Planungsprozess stark beeinflußt, und zugleich die politosoziologischen Forschungen in den Gemeinden, wie die lokale Machtstruktur, das Problem der Bürgerbeteiligung an der Kommunalpolitik u.a.m., gefördert.
Im Jahre 1960 war das Bundesbaugesetz in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft getreten. Aber mit der Zeit stimmte es nicht mehr mit den wahren Verhältnissen der Gesellschaft überein. Das 1971 verabschiedete Städtebauförderungsgesetz wurde zum Ergänzungsgesetz des Bundesbaugesetzes. Dieses neue Gesetz heißt genau "Gesetz über städtebauliche Sanierungs-und Entwicklungsmaßnahmen in den Gemeinden". Mit dem Städtebauförderungsgesetz wollte man die Absicht verwirklichen, in der Stadtmitte die alten und verkommenen Stadtviertel zu sanieren und in den Vororten neue Wohnviertel aufzubauen. Beim Städtebau, insbesondere bei der Sanierung, hat man starke und verschieden gelagerte Interessen zu berücksichtigen, da viele Bewohner schon lange dort wohnen. Im allgemeinen wohnen die ärmeren Bürger im Sanierungsviertel. Sie bedürften eigentlich der öffentlichen Hilfen. Bei der Durchführung des Sanierungsplans muß man sorgfältig auf die Absichten der betroffenen Bewohner achtgeben. Das Gesetz bestimmt deutlich, daß die zuständige Behörde im Verlauf der städtebaulichen Sanierungsmaßnah- men immer mit den Betroffenen über deren Interessen sprechen und sie anhören muß. Die Betroffenen haben das Recht, an der Planung und der Durchführung der Sanierungsmaß- nahmen mitzuwirken. Diese Bestimmung des Gesetzes nennt man den sogenannten
"Sozialplan". Das Gesetz bestimmt im vierten Paragraphen des zweiten Kapitels die
sogenannten "vorbereitenden Untersuchungen und Stellungnahmen". Nach dieser Bestimmung muß die zuständige Behörde vor Fertigstellung eines Konzepts der Sanie- rungsmaßnahmen Kenntnisse über die "jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhänge, Umstände und Vorstellungen" erwerben. Bis dahin hielt man den Städtebau nur für ein Problem der Architektur oder des Baugesetzes. Aber durch das Städtebauförderungsge- setz sind auch soziologische Probleme hinzugefügt worden. Auf diese Weise ist jetzt die neue Sachlage entstanden, daß die Soziologie in der Praxis des Städtebaus eine wichtige Rolle spielt.
b) Die Konsolidierung der Stadt-und Regionalsoziologie
Hinsichtlich der Konsolidierungsphase der westdeutschen Stadtsoziologie wurden einige Versuche von den Stadtsoziologen angestellt, entsprechend ihren Inhalten und Schwerpunkten verschiedene Forschungen zu klassifizieren. Über die Politisierung der Stadtplanung und der Stadtsoziologie hinausgehend, hebt Korte in der Zusammenfassung seines Buchs die folgenden Trends der 70er Jahre hervor: 1) die Ausweitung und Fundie- rung des theoretischen Wissens, 2) eine Zunahme empirischen Wissens über die Vorgänge der Stadtentwicklung und ihrer Planung, 3) die Professionalisierung der vor allem an den neugegründeten Universitäten ausgebildeten Stadt-und Regionalsoziologen. Die ersten fünf Abschnitte ausgenommen, in denen Fragen der Beteiligung der Betroffenen im Städtebau und ihre Mitwirkung an der lokalen Politik behandelt werden, hat Korte in den 70er Jahren die letzten fünf Abschnitten seines Buches zur Basis einer Konsolidierung der Stadtsoziologie gemacht. Die Titel dieser sechs Abschnitte sind:
9. Standorttheorien
10. Probleme einer bedürfnisgerechten Infrastrukturplanung
11. Die stadtsoziologische Lösung der Infrastrukturproblematik: Soziale Infra- struktur
12. Wiederentdeckte Klassik: Die Chicagoer Schule
13. Die Rezeption der Sozialökologie: Die Sozialraumanalyse und der Versuch einer Reformulierung der Stadtsoziologie
(H. Korte, 1981, S. 72 - S. 124)
Zur vergleichenden Forschung über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in Deutschland und Japan (Kamiya)
Aus der Konsolidierungsphase der stadtsoziologischen Forschungen seit den 70er Jahren hat Bernhard Schäfers einige bis in die Gegenwart reichende Richtungen wie folgt skizziert. (Die für diese Richtungen representativen Soziologen und die Erscheinungsjahre ihrer Arbeiten sind in Klammern gesetzt.)
1. Neo-Marxismus/New Urban Sociology (Lefebvre, 1970, Castells, 1973/75, Krämer u. Neef, 1985)
2. Stadtökologie: Muster und Indikatoren der (vergleichenden) Stadtentwicklung - Die "Chicago Schule" (Friedrichs, 1977, Hamm, 1977, Herlyn, 1980, Vaskovics, 1976)
3. Neuere Ansätze zur Beschreibung städtischer Lebensbedingungen (Friedrichs, 1985)
4. Neue Technologien und sozialer Wandel (Friedrichs, 1987, Häußermann u. Siebel, 1987)
5. Forschungen zur "Neuen Urbanität" und Kultur der Stadt (Schneider- Kuszmierczyk, 1986, Sennett, 1983, Spiegel, 1986)
6. Wohnungssoziologie (Herlyn, U., und Herlyn, 1., 1983, Kromery, 1981)
In seinem Aufsatz ''Notizen zur stadtsoziologischen Literatur der 70er Jahre'' hat Ulfert Herlyn die Trends der westdeutschen Stadtsoziologie in fünf Abschnitten zusammengefaßt.
1. Einführungen und annotierte Literaturübersichten.
In diesem Abschnitt werden zuerst die wichtigsten Übersichten über die soziologi- sche Großstadtforschung bis zum Jahre 1970 aufgeführt und dann sozialkundliche Einführungen zur soziologischen Stadt-und Regionalsoziologie vorgestellt.
2. Zur Theorie der Stadt.
Im zweiten Abschnitt unternimmt Herlyn den Versuch, die Theorien städtischen Lebens bzw. städtischer Entwicklung darzustellen. Die systemtheoretischen und marxistischen Ansätze bilden die beiden Versuche der 70er Jahre, die städtische Wirklichkeit systematisch zu analysieren. Außerdem werden behandelt und rezen- siert die umfassende Analyse der sozialen und räumlichen Organisation der Stadt von Friedrichs, der phänomenologische Theorieansatz der "Umwelterfahrung"
von Bahrdt und die umfassenden Theorie hinsichtlich der städtischen Sozialstruk-
tur und des städtischen Sozialverhaltens, insbesondere hinsichtlich der sozialen
Segregation als Ausdruck und Voraussetzung sozialer Ungleichheit.
3. Soziologische Stadtforschung.
In dieser Zeit blühte viele empirische Forschung auf. Dazu gehörten Untersuchun- gen über die von der Forschung in Deutschland lange vernachlässigten Machtbe- ziehungen in der Stadt, und die soziologischen Untersuchungen in den Neu-und Altbauvierteln. Fast untrennbar sind insbesondere die Arbeiten über die Lebens- verhältnisse in Altbauvierteln mit Sanierungsprozessen verbunden.
4. Zur Soziologie des Wohnens und der Wohnung.
In den 70er Jahren hat sich nicht nur ein großer Teil der stadtsoziologischen Liter- tur zentral mit der Wohnungsfrage befaßt, sondern auch die empirische Woh- nungsforschung hat auch verschiedene und umfangreiche Perspektiven aufgezeigt.
5. Stadtplanung und Partizipation.
Als Trends der 70er Jahre kann man sowohl die allgemeine "Politisierung der Stadtplanung", als auch die entsprechende Politisierung der Stadtsoziologie in weiterem Sinne bezeichnen. Wie ich schon erwähnte, könnten zwei Faktoren, nämlich die Verabschiedung des Städtebauförderungsgesetzes von 1971 und das Aufkommen der Bürgerinitiativen, als Gründe dafür angegeben werden.
Die Inhalte der Abschnitte 1 bis 4 in dem Herlynischen Aufsatz entsprechen den von Schäfers typisierten Perioden der Konsolidierungsphase der westdeutschen Stadtsoziologie der 70er Jahre, und der Abschnitt 5 entspricht der von Korte genannten Politisierungs- phase der Stadtsoziologie.
Auf diese Weise hat die westdeutsche Stadt-und Regionalsoziologie der 70er Jahre
sowohl theoretisch als auch praktisch eine sprunghafte Entwicklung erlebt. Am Ende
seines Buchs hat Korte diese Trends wie folgt zusammengefasst: "Insgesamthaben die
stadtsoziologischen Forschungsarbeiten der 70er Jahre im Vergleich zu der davorliegen-
den Zeit in vielfacher Weise Fortschritte des Wissens erbracht. Die zukünftigen For-
schungsarbeiten und Diskussionen müssen hier ansetzen und versuchen, Kontinuität zu
bewahren und Innovation zu erreichen. Jedenfalls wird ein Bericht über die 80er Jahre
die Stadtsoziologie daran zu messen haben, ob sie diesen Fortschritt an Wissen auch zur
Beantwortung noch offener Fragen genutzt hat" (H. Korte, 1986 S. 135).
Zur vergleichenden Forschung über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in Deutschland und Japan (Kamiya)
2-5 Die Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in den 80er Jahren Als ich mich im Sommer 1992 etwa einen Monat lang in Deutschland aufhielt, habe ich Professor Häußermann in der Bremer Universität besucht, der damals Vorsitzender der Sektion Stadt-und Regionalsoziologie innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziolo- gie (DOS) war. (Im Herbst 1993 ist er dann an die Berliner Humboldt Universität überge- siedelt.) In seinem Institut hat er mich freundlich empfangen und mir viele nützliche Forschungsmaterialien gegeben. Dabei habe ich ihn danach gefragt, ob ich Aufsätze oder Bücher bekommen könnte, in denen die Entwicklung der deutschen Stadtsoziologie in den 80er Jahren zusammengefaßt sei. Aber es gab damals noch keine Materialien darüber.
Seither habe ich bis heute ständig allen möglichen Zeitschriften oder Büchern solche Nachrichten gesucht, aber leider vergeblich. Folglich blieb mir nichts anderes übrig, als es mit einer anderen Methode zu versuchen.
Wie Ihnen bekannt ist, wurde in den 70er Jahren innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DOS) die Sektion Stadt-und Regionalsoziologie gegründet. Sie beschloss, ein Nachrichtenblatt herauszugeben, das dem Informationsaustausch zwischen den Mitgliedern und anderen Interessenten dienen sollte. Als ein Abonnent habe ich alle diese Nachrichtenblätter von der ersten bis zur letzten Nummer erhalten. Mit Hilfe dieses Materials möchte ich die Trends der deutschen Stadtsoziologie in den 80er Jahren nach- zuzeichnen versuchen.
Dieses Nachrichtenblatt sollte zweimal im Jahre erscheinen. Aber in den ersten beiden Jahren erschien jeweils nur ein Blatt. Die einzelnen Ausgaben sollte folgende ständige Rubriken enthalten:
1. Berichte über wissenschaftliche Aktivitäten im Bereich der Stadt-und Regional- soziologie
2. Beschreibungen von Forschungsprojekten, Darstellung von Ergebnissen 3. Die Ankündigung von Tagungen, Kongressen, Einladungen, Terminen usw.
4. Lauf ende Hinweise auf Neuerscheinungen und Informationsquellen wie Buch-und Zeitschriftenveröffentlichungen, Dissertationen, Diplom-Arbeiten, Graue Literatur 5. Titel von Lehrveranstaltungen im Bereich der Stadt-und Regionalsoziologie, Aktivitätsprofile von einschlägigen Instituten innerhalb und außerhalb der Univer- sitäten
(Nachrichtenblatt zur Stadt-und Regionalsoziologie 1. Jg. Nr. 0 Juli 1986 S. 1)
In jedem Nachrichtenblatt ist unter dem Titel "Berichte und Ankündigungen aus der Sektion" das Schwerpunktthema aufgeführt, das bei den alljährlich im Frühling statt- findenden Sitzungen der Sektion behandelt wird. An Hand diesen Schwerpunktthemen möchte ich den jüngsten Trends der deutschen Stadt-und Regionalsoziologie nachgehen.
Die Tabelle 2 zeigt die Schwer-punktthemen der Sektionssitzungen in den vergangenen neun Jahren.
Tabelle 3 Die bei den Sektionssitzungen behandelten Schwerpunktthemen
Jahr 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994
Schwerpunktthemen Nord- Süd- Gefälle
1. Stadtpolitik 2. Stadtkultur/Urbanität Städtische und regionale Kulturen im Wandel
1. Stadt-Ökologie-Soziologie 2. Stadtpolitik (fortgesetzt) Soziologie des ländlichen Raums
Umgestaltung alter Industrieregionen
Ost-und westdeutsche Stadt-und Regionalentwicklung im Vergleich Der Raumbegriff in den Sozialwissenschaften
Wandel der sozialräumlichen Strukturen in Berlin u. Brandenburg
Es mag riskant erscheinen, nur aus diesen Themen die jüngste Entwicklung und Rich- tung der deutschen Stadtsoziologie herzuleiten. Aber ich möchte hier doch einen solchen Versuch unternehmen. Meines Erachtens kann ich von folgenden Trends sprechen:
Erstens: Zum gesamten Deutschland sind verschiedene Stadt-und Regionalprobleme aufgenommen und diskutiert worden.
Zweitens: Die mit der Umwelt der Stadt verbundenen Fragen sind ernsthaft aufge- nommen und diskutiert worden.
Drittens: Die fundamentalen und theoretischen Ansätze der Stadtsoziologie sind
aufgenommen und ernstlich diskutiert worden.
Zur vergleichenden Forschung über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in Deutschland und Japan (Kamiya)
3. Die Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in Japan
Wie ich schon erwähnte, entsprechen die Trends der Stadtsoziologie dem strukturellen Wandel der Stadt und sogar der Gesellschaft im Ganzen. In diesem Sinne möchte ich hier die Entwicklung und Richtung der japanischen Stadtsoziologie vonder Vorkriegszeit bis heute im Zusammenhang mit den Wandlungen der Städte und Regionen in Japan aufnehmen.
3-1 Ansatzphase der japanischen Stadtsoziologie - Die Vorkriegszeit -
In den 1920er Jahren begann auch in Japan die Urbanisierung der Gesamtgesellschaft.
Diese Entwicklung beobachtend haben die japanischen Soziologen Schritt für Schritt angefangen, die Stadt mit Interesse zu verfolgen. Aber damals haben sie sich allenfalls darauf beschränkt, die europäischen und amerikanischen Theorien der Stadtsoziologie vorzustellen, zu prüfen und zu übernehmen. Zum Teil haben sie mit der empirischen Methode die japanischen Städte untersucht. Jedoch blieben diese Untersuchungen noch in der Ansatzphase. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg haben gründlichere soziologische Untersuchungen über die Stadt begonnen.
3-2 Entstehungsphase - Die SOer Jahre -
Im Zweiten Weltkrieg wurden auch in Japan die meisten Groß-und Mittelstädte durch die Luftangriffe zerstört. Viele Stadtbewohner wurden nolens volens aufs Land evakuiert.
Mit dem Kriegsende kamen sie wieder in die Städte zurück. Die bald einsetzende Ent- wicklung der Schwer-und Petrochemieindustrien unter dem Einfluß des Koreakriegs (1950-53) und das wirtschaftliche Wachstum, das dieser Krieg bewirkte, führten zur schnel- len Konzentration der Menschen auf die städtischen Regionen. In diesen Jahren hat in Japan die Zeit der Urbanisierung schon begonnen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Japan, ebenso wie Deutschland, fast in allen Berei-
chen, z.B. politisch, wirtschaftlich und kulturell, unter dem Einfluß der USA. Bei der
Soziologie gab es da keine Ausnahme. Sowohl auf dem Gebiet der Theorie als auch
bei der positiven Forschung ist die amerikanische Soziologie wie eine Lawine in die sozio- logische Welt Japans hereingebrochen.
Im Vergleich zur Vorkriegszeit, wo die Agrarsoziologen in der Welt der japanischen Soziologie die leitenden Faktionen gebildet haben, haben die Stadtsoziologen in dieser Zeit angefangen, quantitativ und qualitativ allmählich an Einfluß zu gewinnen. In seinem Auf- satz hat Suzuki, emeritierter Professor der staatlichen Universität Kyushu, die hauptsächli- chen Trends in dieser Zeit, entsprechend der Methodologie der Forschungen, wie folgt zusammengefaßt (Suzuki, 1991, 25):
(1) Der erste Trend zeigt sich in den Forschungen, die die Paradigmata der amerika- nischen Stadtsoziologie vorgestellt und sie zur Analyse der japanischen Städte angewendet haben. Unter dem Einfluß der Chicagoer Schule sind in dieser Zeit die hauptsächlich drei Ansätze bei der Forschung der städtischen Wirklichkeit herausgekommen: der pathologische Ansatz, der Ansatz des Urbanismus und der ökologische Ansatz.
(2) Den zweiten Trend bestimmt Suzuki als die Methode des Nationalismus. Ohne die Paradigmata der Chicagoer Schule zu berücksichtigen, haben einige Stadtsozio- logen in dieser Zeit Forschungen zur typisch japanischen Wirklichkeit unter einhei- mischen Gesichtspunkten durchgeführt.
(3) Zum dritten Trend gehören die Forschungen mit der Methode der synthetischen Soziologie im weiteren Sinne. Der sogenannte marxistische Ansatz ist auch ein Beispiel davon.
3-3 Entfaltungsphase - Die 60er Jahre -
Als die Periode des Höhenflugs der japanischen Wirtschaft ist dieses Jahrzent allgemein
bekannt. In dieser Periode erfuhr die japanische Gesellschaft in ihrer Struktur eine
weitgehende Metamorphose, die in einer schnellen Industrialisierung und Urbanisierung
bestand. Diese einer Revolution vergleichbare Wandlung hat folgende Erscheinungen
gefördert: die Konzentration der Bevölkerung in den Großstädten, die Veränderung der
älteren, strengeren Klassenstruktur zu mehr demokratischen, fließenden Formen, das
schnelle Wachsen des Bruttosozialprodukts, das zunehmende Interesse an den Problemen
der Umweltverschmutzung, die explosive Ausbreitung des Fernsehens und das Entstehn
der massiven Konsumgesellschaft.
Zur vergleichenden Forschung über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in Deutschland und Japan (Kamiya)
Aufbauend auf den grundlegenden Forschungen in der Entstehungsphase haben die in dieser Entfaltungsphase entstandenen Arbeiten wirklich damit begonnen, sich unmittel- bar mit den Einflüssen der schnell beschleunigten Urbanisierung zu befassen und die wichtigen Typen und Linien der Forschung herauszuarbeiten, die zur Grundlage der gegen- wärtigen Stellung der Stadtsoziologie in der Welt der japanischen Soziologie wurden.
(1) Unter den direkten und indirekten Einflüssen der Chicagoer Schule wurden die umfangreichen Forschungen über die städtische Wirklichkeit in der Zeit dieser schnellen Urbanisierung noch weiter gefördert.
(2) Unter dem steten Hinweis auf die schnelle Entwicklung der japanischen Wirt- schaft als die Hauptursache der zunehmend unkontrollierbaren Umweltver- schmutzung der hoffnungslosen Überverdichtung in den Großstädten einerseits und andererseits der sie begleitenden ernsten Ausdünnung auf dem Lande haben die marxistischen Soziologen in dieser Zeit viele Forschungen durchgeführt, die auch Reform und soziale Demonstrationen einschlossen.
(3) Im Jahre 1969 wurde von der Forschungssektion des Beratungsausschusses über das Leben des Volkes (Kokumin Seikatsu Shingikai Chohsa Bukai) eine Broschüre herausgegeben. Der Titel dieser Broschüre war: Community - die Restitution der Menschlichkeit auf der Ebene des Alltagslebens-. Hier möchte ich "Community" auf deutsch mit "Das Gemeinwesen" übersetzen. Durch die zunehmende Urbanisierung war das traditionelle Gemeinwesen zusammen- gebrochen und die Solidarität zwischen den Menschen war schwächer geworden.
Man fühlte sich zunehmend isoliert und ohnmächtig. Entsprechend dieser Wirklichkeit forderte man die Restitution des Gemeinwesens auf der Ebene des Alltagslebens. Auf diese Weise wurde die Restitution des Gemeinwesens zu einem politischen Ziel der lokalen Regierung. Diese Broschüre hatte eine große Aus- wirkung auf die japanische Stadtsoziologie. In den 70er Jahren wurden unter den Stadtsoziologen viele verschiedene Untersuchungen über "Community" durch- geführt, die einem regen Meinungsaustausch begleitet waren.
(4) In dieser Zeit wurden die Diskussionen über die "Community Power Structure"
in den USA auch in Japan vorgestellt und japanische Stadtsoziologen führten
empirische Untersuchungen über die Machtstruktur in einigen japanischen
Städten durch. Die dabei untersuchten Städte waren aber in allen Fällen soge-
nannte "Industriestädte", die auf die Entstehung eines großen Unternehmens zurückgingen und daher hinsichtlich aller Aspekte der Stadt von diesem Unter- nehmen vollständig beherrscht waren. Deshalb kann man die aus diesen Unter- suchungen abgeleiteten Schlußfolgerungen nicht auf die Machtstruktur in den anderen normalen Städte anwenden.
3-4 Konsolidierungsphase - Die 70er Jahre -
Diese Zeit reichte vom Anfang der 70er Jahre bis zur Mitte der 80er Jahre. 1973 war der sogenannte erste Öl-Schock aus Anlaß des vierten Palästina-Krieges ausgebrochen.
Seither trat die Welt in eine Zeit niedrigeren wirtschaftlichen Wachtums ein.
Zu Anfang dieser Zeit hat man sich vorwiegend noch mit den als negatives Erbe der 60er Jahre übergenommenen Übelständen herumgequält. Das spiegelt sich auch in den Trends der Stadt-und Regionalsoziologie wider. Der erste Trend zeigt sich in der Erfor- schung und Bewertung der Bürgerinitiativen. Seit den 60er Jahren waren überall im ganzen Land Bürgerinitiativen entstanden, oft im Zuge der Protestbewegungen gegen Umweltschäden. Bei der politischen Behandlung dieser Konflikt auf der lokalen Ebene hatten die wie Pilze aus der Erde schießenden und oft auch ebenso schnell wieder vergehenden Bürgerinitiativen einen erheblichen Anteil. Damals haben sich die marxisti- schen und mit dem Marxismus sympathisierenden Stadt-und Regionalsoziologen mit den Untersuchungen der Bürgerinitiativen beschäftigt, wobei sie besonders nach der Reform der Politik auf lokaler Ebene und nach der Bürgerbeteiligung an den Entscheidungs- prozess fragten. Der zweite Trend zeigt sich in der weitereren Entwicklung der "Commu- nity" -Forschung. Auf den Hintergrund der Betonung von "Community" in den 60er Jahren habe ich schon hingewiesen. Auch in den 70er Jahren wurde dieser "Commu- nity" -Komplex von den japanischen Stadtsoziologen immer wieder aufgenommen.
Als Maßname gegen die Zerstörung der menschlichen und gemeinschaftlichen Beziehun- gen zwischen den Einwohnern suchte man, auf nachbarschaftlicher Ebene eine solche solidarische Bindung wiederherzustellen. Diesem Trend folgend sind in dieser Zeit viele soziologische Werke über "Community" herausgegeben worden.
In den 70er Jahren wurden in Japan einige neue Paradigmata der westlichen Stadtsozio-
logie bekannt und von den japanischen Stadtsoziologen bei der Analyse der städtischen
Wirklichkeit angewendet.
Zur vergleichenden Forschung über Entwicklung und Richtung der Stadt-und Regionalsoziologie in Deutschland und Japan (Kamiya)
Erstens: Anfang der 70er Jahre wurden die Werke der französischen Stadtsoziologen, H. Lefebre und M. Castells, veröffentlicht. Ihre Paradigmata hat man mit dem Begriff
"New Urban Sociology" bezeichnet. Die "New Urban Sociology" faßt jene Ansätze der Stadtsoziologie zusammen, die der polit-ökonomisch-marxistischen Tradition der Analyse von Raum-und Siedlungsstrukturen und von Wohnverhältnissen unter den Bedin- gungen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsformation verpflichtet sind. Diese Paradigmata haben in Japan auch verschiedene Diskussionen unter den Stadtsoziologen ausgelöst.
Zweitens: Die in der ersten Phase von Park, Burgess und Mackenzie erarbeiteten Ansätze der Chicagoer Schule haben sich allmählich zu den Paradigmata der "Urbanität als Lebensform" (Urbanism as a Way of Life) von L. Wirth und der "Neuen Urbanität und Kultur der Stadt'' von C.S. Fischer umgewandelt. In seinem berühmten Aufsatz hat Fischer die Stadt als eine große Menge der Bevölkerung betrachtet (Fischer 1975 1324).
Je größer die Bevölkerung in einem Ort wird, desto deutlicher wird der Ort als eine Stadt geprägt. Das sollte genau eine Art der monistischen Auffassung von der Stadt durch die Zahl der Bevölkerung sein. Entsprechend der Zunahme der Bevölkerung in einem Ort nimmt hier die Möglichkeit zu, daß jemand in seiner Umgebung die Menschen finden könnte, die gleiche oder gemeinsame Interessen oder Belange mit ihm haben. Man kann die Stadt als eine Agglomeration zahlloser Netze bezeichnen, die von den gemeinsamen Interessen oder Belangen der dort lebenden Menschen hergestellt werden. Daher zeigen sich in der Stadt eigenständige Kulturen. Das ist der Grundriß des Paradigmas von Fischer. Sein Paradigmahat große Einflüsse auf die japanischen Stadtsoziologen ausgeübt und wurde von ihnen in der städtischen Wirklichkeit auf seine Richtigkeit überprüft.
Im Jahre 1982 wurde die Japanische Gesellschaft für Stadtsoziologie von gleichge- sinnten Stadtsoziologen neu errichtet. Seither findet die Tagung der Gesellschaft einmal jedes Jahr im Frühling statt. Auf diese Weise hat die japanische Stadtsoziologie einerseits im Bereich der Theorie, andererseits in ihrer Organisation sprunghafte Fortschritte gemacht.
3-5 Mannigfaltigkeitspbase - Die 80er Jahre -
Die japanische Gesellschaft hat mit dem Eintritt in die 80er Jahre die davor noch latent bleibenden Trends in einem Zug manifestiert. Diese Trends hat man mit den drei
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