Rezeption und Austausch im japanischen Gesellschaftsrecht in der Meiji-Zeit
Hans-Peter Marutschke
1. Vorbemerkung
Zu den politischen und ökonomischen Hintergründen, die zur Meiji- Restauration (1868) geführt haben, gibt es bereits eine Reihe von umfangreichen Studien, auf die hier verwiesen werden kann.(1) Dass in dieser Zeit des grundlegenden Wandels dem Gesellschaftsrecht besondere Bedeutung zugemessen wurde, ist auf die Überzeugung der Meiji-Regierung zurückzuführen, für die mit der Meiji-Restauration verfolgten politischen Ziele sei ein starkes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum und dafür wiederum ein (Handels- und) Gesellschaftsrecht unerlässlich, das die eher unflexiblen traditionellen Formen überwindet und so Japans internationale Wettbewerbsfähigkeit stärkt. Eine zentrale Rolle bei der Propagierung und Einführung moderner Gesellschaftsrechtsformen spielte dabei Eiichi Shibusawa (1840-1931), der 1867, also ein Jahr vor der Restauration, im Alter von 27 Jahren mit der Tokugawa Akitake-Delegation auf seiner ersten Auslandsreise die Weltausstellung in Paris besuchte, bei dieser Gelegenheit
(1)G. Sansom, A History of Japan 1615-1867 (1964); C. Steenstrup, A History of Law in Japan until 1868 (1996); W. Röhl (Hrsg.) History of Law in Japan since 1868 (2005), jeweils mit umfangreicher weiterführender Literatur.
die Strukturen kennenlernte, auf denen sich die europäische Wirtschaft gründete und insbesondere die große Bedeutung der Aktiengesellschaft innerhalb dieses Systems erkannte. Nur wenige Jahre später, 1873, gründete er die erste Japanische Handelsbank, die als private Aktiengesellschaft betrieben wurde, im selben Jahr – ebenfalls als Aktiengesellschaft – das Papier- und Verpackungsunternehmen Oji Seiji sowie in den Folgejahren mehrere hundert weitere Unternehmen, die teilweise noch heute existieren. Seinem Rat folgend verordnete die japanische Regierung der Wirtschaft, deren Unternehmensstrukturen bis dahin im wesentlichen auf Familien (ie), Familienverbänden (kumi) oder Genossenschaften (kumiai) sowie Gilden (nakama) beruhte, die sich zur Kapitalbeschaffung vorwiegend auf die eigenen Mitglieder stützten, eine
„Radikalkur“. Der wirtschaftlichen Neuordnung, die auf landesweiten und internationalen Handel ausgerichtet werden sollte, standen die alten Strukturen entgegen, die dadurch gekennzeichnet waren, dass die einzelnen Feudallehen in der Edo-Zeit sozusagen geschlossene Hauswirtschaften darstellten, die kaum einen freien Handel über die lokalen Grenzen hinweg erlaubten. Ausnahmen gab es nur mit expliziter Genehmigung der Feudalherren. Unter diesen Umständen war es auch unmöglich für ein Unternehmen, Kapital aus anderen Gegenden des Landes einzusammeln.
So grundlegend die Meiji-Reformen daher auch erscheinen mögen, so gab e s d o c h a u c h s c h o n v o r 1 8 6 8 Ve r s u c h e , n e u e F o r m e n d e r Handelsgesellschaften auszuprobieren. Zwar hätte die Idee der Aktiengesellschaft bereits zu Beginn der Edo-Zeit über die in Deshima ansässige Ostindische Gesellschaft (VOC) in Japan aufgenommen werden können, es ist aber nicht klar, inwieweit zu dieser Zeit Fragen zur
rechtlichen Struktur der VOC erörtert wurden. Es war dann schließlich Fukuzawa Yukichi, der 1860 als Mitglied der japanischen Gesandtschaft zur Ratifizierung der Handelsverträge in die Vereinigten Staaten reiste und nach seiner Rückkehr in seinem viel beachteten Buch „Seiyo jijô“ (Über die Verhältnisse im Westen) auch über die in den USA üblichen Finanzierungsmodelle von Unternehmen durch Aktien berichtete und auf die Vorteile gegenüber den in Japan vorherrschenden Wechselgeschäfte hinwies.
Offenbar gab es zu dieser Zeit auch einige Versuche mit der Gründung von Aktiengesellschaften, die jedoch nicht zur Vollendung kamen.(2) Die festgefügten, unflexiblen Strukturen der Han dürften diese Experimente letztlich verhindert haben.
Aus diesem Grunde verlief die oktroyierte Einführung des neuen Gesellschaftsrechts nach 1868 natürlich nicht problemlos; in den ersten Jahren der Reform kam es dann auch zu zahlreichen Insolvenzen.(3)
Andererseits wurden Unternehmensneugründungen, basierend auf modernen Unternehmensformen unterstützt und dabei verbundenen Unternehmen ein gewisser Vorrang eingeräumt. Diese ermöglichten die Kapitalbeschaffung auf einer wesentlich breiteren Basis als bisherige Strukturen, was für den Aufbau kapitalintensiver Industriezweige, insbesondere der Schwerindustrie nötig war, die Ausbildung neuer, familienunabhängiger Manager förderte und – im Hinblick auf den Kooperationsgedanken im Unternehmensverbund - trotzdem traditionellen
(2)E. Pauer, Bemerkungen zur Entwicklung der Aktiengesellschaften im Japan der Meiji-Zeit, in S.Linhart/E.Pauer (Hrsg), Sozioökonomische Entwicklung und industrielle Organisation in Japan (1976), 106.
(3)H. Baum/E. Takahashi, Commercial and Corporate Law in Japan: Legal and Economic Developments after 1868, in W. Röhl (Fn 1), 343.
Einstellungen entgegen kam. Mit der Einführung des Yen als neue Währung wurden 1871 die bis dahin als Banken fungierenden Handelshäuser
(ryôgaeya) beseitigt, Steuern mussten künftig in dieser Währung und nicht mehr in Naturalien (Reis) bezahlt werden.
Interessant an dieser Umwälzung der wirtschaftlichen Verhältnisse ist des w e i t e r e n , d a s s d e r Ü b e r g a n g v o n F a m i l i e n v e r b ä n d e n a u f Unternehmensgesellschaften nicht zwangsweise stattfand (insoweit mag die oben genannte Formulierung der „Verordnung“ etwas missverständlich sein), sondern sich in gewisser Weise als logische Fortentwicklung der gesellschaftlichen Umstrukturierung ergab. Tragende Schicht des neuen Unternehmertums wurden die Samurai, die, durchaus nicht nur in der Kriegskunst gebildet, ihre mit der Meiji-Restauration zunächst verbundenen Pensionszahlungen und –ablösebeträge in Aktien der ersten Banken anlegten. Eine Notwendigkeit, selbst unternehmerisch tätig zu werden, ergab sich, als 1876 die Pensionszahlungen der Samurai zwangsweise in Anleihen umgewandelt wurden. Da es ursprünglich aber unter der Würde eines Samurai stand, sich mit Handel zu beschäftigen, bedurfte es zusätzlicher Faktoren, damit dieser Wandel dann so vonstatten gehen konnte, wie wir es aus der Geschichte kennen. In der oben erwähnten sozialwissenschaftlichen Studie(4) heißt es dazu:
„ . . . s o s c h e i n t e s a l l e i n d e r E i n f l u s s d e r P r o p a g a n d a d e r Wirtschaftswissenschaftler wie Politiker gewesen zu sein, der die Form der Aktiengesellschaft verbreiten half und so für das japanische Wirtschaftswachstum zu einem Teil verantwortlich ist...“.
Dass schließlich die Samurai an dieser Entwicklung besonderen Anteil hatten, dürfte auf das Wirken von Eiichi Shibusawa zurückzuführen sein,
(4)E. Pauer, (Fn 2) aaO, 107.
der in gewisser Weise die geistigen Grundlagen für diesen Übergang gelegt hat. Er war der Auffassung, dass der moderne Unternehmer fünf Tugenden besitzen müsse: Bildung, Kraft, Persönlichkeit und einen an konfuzianistischen Schriften gereiften Geist sowie ein Recheninstrument, wozu damals das soroban diente. Und da eben diese Tugenden in gewisser Weise dem althergebrachten Ehrenkodex der Samurai, dem bushidô, entsprachen, erleichterte dies den Samurai, sich im Unternehmertum aktiv zu engagieren. Hinzu kam jedoch ein weiterer, ebenfalls auf traditionellen Strukturen beruhender Faktor: Die von Shibusawa propagierten Aktiengesellschaften sollten nicht als Selbstzweck verstanden werden – und Shibusawa selbst war insoweit Zeit seines Lebens ein Vorbild – sondern als Wirtschaftseinheiten, deren Leitung als Ehre zu verstehen sei, die Verantwortungsbewusstsein erforderte und der sozialen Gesellschaft Nutzen bringe. Vorrangiges Ziel des Betriebs von Aktiengesellschaften sollte also in der Förderung des Staates liegen.(5) Und diese hierarchische Struktur bzw. Ausrichtung wirtschaftlicher Tätigkeit war ja auch für die Wirtschaft der Edo-Zeit typisch.
Das mit den Reformen vorgelegte Tempo der Umstrukturierung der japanischen Wirtschaft spiegelt sich auch in den die Stütze der Wirtschaft bildenden Bankengründungen wider. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten wurde 1876 das reformierte Bankgesetz erlassen, das Banken nur als A k t i e n g e s e l l s c h a f t e n z u l i e ß . N a c h d e m E r l a s s d e s A l t e n Handelsgesetzbuches, das zum Teil am 1. Juli 1893 in Kraft trat, etablierten sich die Aktiengesellschaften als wichtigste Unternehmensform in Japan.
(5)Pauer, (Fn 2 ) aaO, 119.
2. Gesetzgebung zum Gesellschaftsrecht - Hermann Roeslers Entwurf und Gewohnheitsrecht
Schon Mitte der 1870er Jahre hatte man mit Gesetzgebungsarbeiten zum Handels-und Gesellschaftsrecht begonnen, im Juli 1875 legte das Innenministerium einen auf englischem Recht basierten Entwurf vor, der jedoch vom Kabinettsbüro mit der Begründung zurückgewiesen wurde, sich zu einseitig am Recht nur eines Staates zu orientieren. Da inzwischen mit der Gründung des Deutschen Reiches das Interesse in Japan sich immer mehr auch auf deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft richtete, war es eine fast logische Folge, dass die japanische Regierung nach einem deutschen Rechtsgelehrten Ausschau hielt, der als Berater bei den japanischen Gesetzgebungsarbeiten nach Japan eingeladen werden sollte.
Es ist nun von besonderem Interesse und für das Verständnis der nachfolgenden Gesetzgebungsarbeit bedeutsam zu erfahren, wieso die Wahl bei dieser Suche gerade auf Roesler gefallen, vor welchem Hintergrund dies geschehen ist und welche Überlegungen Roesler selbst in Bezug auf das Gesellschaftsrecht angestellt hat. Beispielhaft wird dabei auf das Gewohnheitsrecht Bezug genommen.
⑴ Roesler war ursprünglich gläubiger Protestant, hatte in Erlangen den Dr. iur. utr. mit einer Arbeit zum Thema „Die rechtliche Natur des Vermögens der Handelsgesellschaften nach Römischem Recht“
erworben, ergänzt durch Prüfungsleistungen auch im kanonischen Recht.
Nur wenige Monate später promovierte er noch in Tübingen zum Dr. der Staatswissenschaften mit dem Thema „Über den Wert der Arbeit“. Diese Thematik vertiefte er in seiner Habilitation 1860 „Von dem Einfluss der
Besteuerung auf den Arbeitslohn“. Insgesamt sah er seine Berufung nicht so sehr in der eines akademischen Gelehrten, sondern wollte vielmehr die durch seine wissenschaftliche Arbeit erlangten Kenntnisse in der Praxis so anwenden, dass es zur Verbesserung der sozialen Verhältnisse beiträgt. Den Ruf an die Universität Rostock konnte er zum einen nur deshalb erhalten, weil er Protestant war, zum anderen, weil seine Schriften „zu keinerlei Bedenken in politischer Hinsicht Anlass gaben“.(6) Dass er nach siebzehn Jahren Lehrtätigkeit in Rostock dem Ruf nach Japan folgte, mag zum einen auch mit der Hoffnung verbunden gewesen sein, endlich die praktische Umsetzung seiner Ideen, zB durch Gesetzgebungsarbeit, erleben zu können, was ihm ja an der Universität verwehrt blieb. Mindestens genauso stark wirkte aber wohl der Umstand, dass Roesler kurz vor Unterzeichnung des Vertrags mit der Japanischen Regierung zum Katholizismus konvertierte und ihm dadurch ein Verbleib in Rostock unmöglich geworden wäre.(7)
⑵ Den geringen Einfluss in der Praxis kompensierte Roesler in seiner Rostocker Zeit durch wissenschaftliche Publikationen, die seinen Namen über die lokalen Grenzen hinaus bekannt machten. Als der damalige japanische Gesandte in Deutschland, Aoki Shuzo, 1876 angewiesen worden war, einen deutschen Fachgelehrten zu finden, der den bisher im Auswärtigen Amt in Tokyo tätigen ausländischen Berater Smith aus den USA ersetzen bzw. den französischen Berater beim Justizministerium, Boissonade aus Frankreich, ablösen sollte, der in gewisser Weise vorübergehend auch Aufgaben im Auswärtigen Amt wahrnahm, war es
(6)A. Rauscher, Die soziale Rechtsidee und die Überwindung des wirtschaftsliberalen Denkens – Hermann Roesler und sein Beitrag zum Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft
(1969), 26.
(7)A. Rauscher, aaO, 32.
daher nicht ungewöhnlich, dass auch der Name Roesler ins Gespräch kam. Ungeklärt ist, wie der konkrete Kontakt mit Aoki zustande kam.
Dieser war mit der deutschen Adeligen Elisabeth von Rhade verheiratet, die einen breiten Bekanntenkreis mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens pflegte, zu denen auch Roesler gehört haben mag, in jedem Falle aber der mit Roesler befreundete Großherzog von Mecklenburg, der seinerseits beruflichen Kontakt mit Aoki hatte. Außerdem war Aoki, wahrscheinlich durch seine Heirat, evangelischer Christ geworden. Im Ergebnis erging jedenfalls an Roesler im Herbst 1878 der Ruf an das Kaiserlich-Japanische Auswärtige Amt. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass das Bekanntwerden der Konvertierung Roeslers kurz vor Abschluss des Vertrages auf deutscher Seite zu Versuchen führte, Roeslers Entsendung nach Japan zu verhindern, während für Aoki und die japanische Regierung der Konfessionswandel offenbar überhaupt keine Rolle spielte.(8)
⑶ In der Folgezeit entwickelte sich Roesler als engster ausländischer Berater von Hirobumi Ito und Kowashi Inoue bei der Ausarbeitung der Japanischen Verfassung zu einer einflussreichen Persönlichkeit, deren Rat sehr gefragt war. Und obwohl Roesler weder als Experte im Handelsrecht noch im Gesellschaftsrecht bezeichnet werden kann, wurde er aufgrund seines breiten Wissens, auch im Hinblick auf die politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge schließlich mit der Ausarbeitung eines Handelsgesetzbuches beauftragt, dessen Entwurf mit 1.133 Artikeln er mit Kommentierungen versehen 1884 vorlegte. Dieser Entwurf wurde zwar nie Gesetz, diente jedoch als Vorlage für die folgenden Gesetzesentwürfe, die schließlich in der Verabschiedung des HGB alter
(8)A. Rauscher (Fn 6), aaO 42.
Fassung im Jahr 1893 führte, dem Jahr, in dem Roesler nach Europa zurückkehrte.
⑷ In der Einleitung zu seinem Entwurf hatte er die Prinzipien des Gesetzes wie folgt zusammen gefasst: „Bei der Abfassung eines Handelsgesetzbuches für Japan treten vor allem zwei Gesichtspunkte hervor: einmal, dem Handel und der Industrie Japans eine feste und erschöpfende Rechtsgrundlage zu geben, und sodann, die commercielle und industrielle Thätigkeit der Japanischen Nation auf gleichen Fuss mit den übrigen Handelsnationen der Welt zu bringen. Die Vereinigung dieser beiden Gesichtspunkte ergibt die Aufgabe, ein Gesetzbuch herzustellen nach den besten und neuesten Principien, welche als gemeinsame und allgemein anerkannte Handelsgrundsätze der civilisierten Nationen angesehen werden müssen. Die Erfüllung dieser Aufgabe ist eines der wichtigsten und dringlichsten Interessen für Japan“(9).
Ausgehend von dieser Auffassung musste jedoch das traditionelle japanische Recht und insbesondere das Gewohnheitsrecht aus dem Gesetz verbannt und stattdessen Elemente des französischen Code de Commerce von 1870 und des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuches von 1861 miteinander verbunden werden. Hierzu bemerkte Roesler weiter: “Für die jetzigen Zustände des Handels und Verkehrs, ....können die unvollständigen und zum Theil unbekannten Gewohnheiten und Gebräuche, nach welchen früher der Handel Japans sich richtete, unmöglich genügen. Für viele Rechtsverhältnisse des Handels gibt es in dem bisherigen Recht Japans überhaupt keine Normen; für andere
(9)H. Roesler, Entwurf eines Handels-Gesetzbuches für Japan mit Commentar (1884), I.
sind sie ungenügend oder unvollständig. Diese Mängel müssen sich besonders fühlbar machen im Handelsverkehre zwischen Japanischen und fremden Kaufleuten; die Anforderungen des Fremdhandels wirken aber unausbleiblich auch auf den inneren Handel zurück und erzeugen auch in dem letzteren neue Rechtsbedürfnisse...“.(10)
Gerade dieser Ausschluss traditioneller Elemente rief auf dem politischen Feld die konservativen Stimmen auf den Plan, die letztlich eine schnelle Umsetzung verhinderten.
Die Ausführungen Roeslers in der Einleitung zu dem kommentierten Gesetzentwurf zeigen jedoch, wie intensiv er sich einerseits darum bemüht hat, die in Japan herrschenden Verhältnisse zu erkunden und zu analysieren und andererseits mit durchaus pragmatischen Gründen seinen Gesetzesentwurf zu erklären sucht. Von besonderer Bedeutung für die nachfolgende Gesetzgebung dürfte auch die Tatsache gewesen sein, dass sein Entwurf auf einem intensiven Vergleich mit Handelsgesetzbüchern anderer Nationen beruhte: Dem französischen Code de commerce von 1808, dem spanischen Handelsgesetzbuch von 1830, dem holländischen Gesetzbuch von 1838, dem deutschen ADHGB von 1861, dem italienischen Handelsgesetz von 1865 und dem Handelsgesetz von Ägypten von 1874 als Beispiel „einer Compilation des Handelsrechts aus neuester Zeit“.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser Rechtsordnungen sind in einer anschaulichen summarischen Übersicht in dem Entwurf enthalten.
⑸ Dass es auch für Japan sinnvoll ist, sich bei der Neuordnung bzw. beim Aufbau eines neuen Rechtssystems der Rechtsvergleichung zu bedienen, es sich sozusagen „in guter Gesellschaft“ befindet, macht er durch einen
(10)H.Roesler (Fn 9), aaO.
rechtshistorischen Vergleich deutlich: „Wenn nunmehr Japan das Handelsrecht der westlichen Handelsvölker im wesentlichen zu adoptieren unternimmt, wodurch nicht ausgeschlossen ist, dass es i n e i n z e l n e n M a t e r i e n u n d P u n k t e n s e i n e e i g e n e n Rechtsanschauungen und Rechtsübungen conservirt, so ist dies ein Fortschritt, und die Nothwendigkeit, der auch die westlichen Völker, in alter wie in neuer Zeit, ihrerseits bereits sich unterworfen gesehen haben. Die Römer des Alterthums haben bereits griechisches Handelsrecht und namentlich Rhodisches Seerecht in grossem Umfange adoptirt. Im Mittelalter beobachteten die an den Küsten des mittelländischen Meeres wohnenden Handelsvölker gemeinsame Handelsnormen, besonders im Seeverkehr...Die „Rules d’Oleron“, denen ein englischer Ursprung zugeschrieben wird, beherrschten den Handel, der an den Küsten des Oceans getrieben wurde; die
„Hanseatischen Recesse“ den Handel der nordgermanischen Städte und Küsten, das „Seerecht von Wisby“ den der skandinavischen Völker...“.(11)
⑹ All diese Ausführungen machen zum einen das breite Wissen Roeslers deutlich, aber vor allem auch, mit welch großer Sorgfalt und diplomatischem Geschick er seine Aufgabe wahrnahm. Ein Ergebnis dieser ausgewogenen Vorgehensweise ist mE die Berücksichtigung von Handelsbräuchen in Art.1 des Entwurfes, der in dieser Form auch im heute geltenden Handelsgesetz Japans vorhanden ist und der besagt, dass in allen Handelssachen, gerichtlich wie außer gerichtlich, zunächst die Bestimmungen des Handelsgesetzbuches, dann Handelsgebräuche und an dritter Stelle die Vorschriften des allgemeinen Civilgesetzbuches
(11)H. Roesler (Fn 9), VIII.
zur Anwendung kommen sollen. Zum besseren Verständnis dieser Regelung hilft ein Blick in Roeslers Kommentierung zu diesem Artikel.
Dort heißt es: „...Man kann nicht sagen, dass das Civilrecht durchweg in allen Fällen den Handelsgebräuchen nachstehen soll. Beide Rechtsquellen werden in der Regel nicht miteinander collidiren.
Handelsgebräuche beziehen sich meist auf das specielle Detail der Geschäfte, während das Civilgesetzbuch mehr die allgemeinen Grundsätze des bürgerlichen Rechts repräsentirt...Soweit aber mehr das thatsächliche Detail der Handelsgeschäfte in Frage steht, wird auf Handelsgebräuche zu recurriren sein. Sollte aber im einzelnen Fall zwischen einem Handelsgebrauch und einer Vorschrift des Civilrechts die Entscheidung zu treffen sein, so würde allerdings der Handelsgebrauch den Vorrang erhalten müssen. Denn der Handelsgebrauch ist, wie das Handelsgesetzbuch selbst, eine speciell für Handelssachen bestimmte Norm, welche nothwendig nach der allgemeinen Regel, dass Specialgesetze allgemeinen Gesetzen vorangehen, zu behandeln ist.... .
Das Wort Handelsgebrauch ist übrigens in einem doppelten Sinne zu nehmen. Es umfasst sowohl eigentliche Rechtssätze, als auch die mehr thatsächliche Gestaltung von Geschäften des Handelsverkehres.
...Zur Gültigkeit eines Gebrauchs gehört aber eine gewisse langdauernde Uebung in allen vorkommenden, gleichartigen Fällen, und zwar mit dem Bewusstsein der Verpflichtung, so dass der freie Wille der Einzelnen dabei ausgeschlossen ist. Unter diesen Voraussetzungen kann der Gebrauch entweder ein allgemeiner, oder ein localer sein; dieser Unterschied bedingt nicht die Geltung, sondern nur den Geltungsbereich eines Gebrauches.“ (12)
(12)H. Roesler (Fn 9), 73 f.
Dass dieser keinen Absolutheitsanspruch hat, macht er im Folgenden deutlich: „Es versteht sich von selbst, dass Handelsgebräuche nicht unsittlich und unvernünftig sein dürfen und gegen positive Gebots- oder Verbotsgesetze nicht verstoßen dürfen...“. Diese Relativierung ist natürlich insoweit problematisch, als nicht deutlich wird, wessen Ratio oder Sittlichkeitsverständnis in dem Fall zum Maßstab erhoben werden soll.
Daneben weist er darauf hin, dass das, was der Brauch ist, in den meisten Fällen zwar beim Vertragsschluss stillschweigend verstanden wird, es deshalb aber umso wichtiger ist, das Vorhandensein eines Brauchs zu beweisen: „Handelsgebräuche müssen in allen Fällen nachweisbar sein, und daraus folgt im allgemeinen, dass derjenige, welcher sich auf einen Handelsgebrauch beruft, denselben auch beweisen muss. Ob die Erfordernisse eines gültigen Handelsgebrauchs vorhanden seien, muss in jedem einzelnen Falle vom Ermessen des Richters abhängen....“. Zu Recht sieht Roesler die aus lokalen Traditionen erwachsenen Handelsgebräuche als ein besonderes Problem im Hinblick auf die Anerkennung von Gewohnheitsrecht an, da sich hier Widersprüche zwischen lokalen Gegebenheiten und dem IPR-Kollisionsrecht ähnliche Konfliktlagen ergeben können. Eine Lösung dafür hat er im französischen Recht gefunden: „...Um diesen Uebelständen abzuhelfen, hat die französische Regierung ein Gesetz vom 13. Juni 1866 erlassen, um die Handelsgebräuche des Landes möglichst einheitlich zu reguliren. Es sind in diesem Gesetze eine grosse Menge von Handelsgebräuchen zusammengestellt und einheitlich fixirt, sowohl für Handelskäufe im allgemeinen, als für einzelne Gattungen von Waaren. Die Wirkung des Gesetzes ist, dass bei allen Geschäften der im Gesetz fixirte Gebrauch gelten soll, soweit die Betheiligten nicht ein anderes ausdrücklich verabredet haben. Abweichende Localgebräuche sind dadurch
beseitigt... . Die Vortheile einer solchen Einheit der Handelsgebräuche sind nicht minder für den Auswärtigen, wie für den Binnenhandel eines Landes von der grössten Bedeutung. Dieses Beispiel dürfte daher mit der Zeit auch von der Regierung dieses Landes nachgeahmt werden.“(13)
Um diese Vorgaben in Japan umzusetzen, müsse jedoch zunächst eine s y s t e m a t i s c h e E r f a s s u n g d e s l o k a l e n u n d ü b e r r e g i o n a l e n G e w o h n h e i t s r e c h t s e r f o l g e n : „ Wa s n u n d i e J a p a n i s c h e n Handelsgewohnheiten betrifft, so haben dieselben bisher in der Hauptsache das Japanische Handelsrecht überhaupt gebildet. Diese Handelsgewohnheiten werden durch das Handelsgesetzbuch aufgehoben, soweit sie diesem widersprechen, und neue können fernerhin sich nur bilden, soweit das Gesetzbuch sie zulässt. Daher müssen bisherige Handelsgewohnheiten in das Gesetzbuch aufgenommen werden, wenn sie auch fernerhin erhalten werden sollen. Ohne Zweifel ist die Gesetzgebung dieses Landes hierzu berechtigt, um speciell Japanische Rechtsanschauungen, im Widerspruch mit fremden, den Vorrang zu verleihen. Zweckmäßig w i r d d i e s z u g e s c h e h e n h a b e n , w e n n d i e J a p a n i s c h e n Handelsgewohnheiten übersichtlich gesammelt und bekannt sein werden und mit den Bestimmungen des gegenwärtigen Entwurfes sodann in genaue und geordnete Vergleichung gezogen werden können....“.(14)
Eine solche systematische Erfassung der Handelsgewohnheiten ist jedoch von der japanischen Regierung nicht angeordnet worden, einige rechtsvergleichende Studien dazu sind erst zB von Wigmore oder Hozumi
(13)H.Roesler (Fn 9), 75.
(14)H. Roesler (Fn13), aaO.
vorgenommen worden.(15)
Außer Roesler gab es zur gleichen Zeit noch eine Reihe weiterer deutscher Juristen, die als Berater an einem der japanischen Ministerien tätig waren, kaum einer genoss jedoch eine derart hohe, auch persönliche Wertschätzung, wie sie Roesler zukam.(16)
3. Sonstige Studien zum japanischen Handels- und Gesellschaftsrecht auf deutscher Seite in der Meiji- Zeit, insbesondere L. Lönholm
Da die Öffnung Japans über erzwungene Handelsverträge erfolgt war, bestand ein natürliches Interesse im Ausland an der Entwicklung des Handels- und Gesellschaftsrechts durch die Meiji-Regierung. Eine wichtige Funktion bei dem dazu notwendigen Informationsaustausch kam – wie bereits an anderer Stelle erwähnt(17) - der bereits 1873 von deutschen Kaufleuten, Gelehrten und Diplomaten in Tokyo mit dem Ziel gegründeten Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (OAG) zu,
„die Länder Ostasiens, insbesondere Japan, zu erforschen und
(15)J.H. Wigmore, Law and Justice in Tokugawa Japan: materials for the history of Japanese law and justice under the Tokugawa Shogunate 1603-1867 – 4/B: Commercial Customary Law
(insgesamt sind 15 Bände zur Rechtsgeschichte erschienen; begonnen hatte Wigmore damit in seiner Zeit an der Keio Universität (1889-1892); reprint 1985; Hozumi Nobushige, 慣習と 法律(1929).
(16)Vgl. P.Ch.Schenk, Der deutsche Anteil an der Gestaltung des modernen Rechts- und Verfassungswesens: Deutsche Rechtsberater im Japan der Meiji-Zeit (1997). Allgemeines zu den Deutschen im Meiji-Japan: I. Hardach-Pinke, Die Meiji-Deutschen: Historische und soziale Bedingungen der Anfänge deutsch-japanischer Kulturkontakte in Japan, Saeculum 38
(1987), 76 f.
(17)『Historisch-Vergleichende Studien zum Japanischen Strafrecht in Deutschland』、同志社法 学第377号、杉田宗久教授追悼号 1(1834)-22(1813)頁
Kenntnisse darüber zu verbreiten“. Sie gehört, zusammen mit der ein Jahr zuvor gegründeten “Asiatic Society of Japan”, zu den ältesten ausländischen wissenschaftlichen Gesellschaften in Japan, die bis heute aktiv sind. Die Verbreitung von Kenntnissen über Ostasien erfolgte in der Regel über Vorträge, die in den seit 1873 erscheinenden „Mittheilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens“
publiziert wurden. In diesem Forum wurde regelmäßig aus und über diverse Wissensgebiete berichtet, so auch über Gesetzesreformen. Unabhängig davon sind in der von K. Tamai gegründeten, deutschsprachigen Zeitschrift
„Ostasien“ in der Zeit von 1899 bis 1906 (in der Tamai Chefredakteur war)
u n t e r a n d e r e m a u c h z a h l r e i c h e B e i t r ä g e z u m H a n d e l s - u n d Gesellschaftsrecht sowie sonstige, geschäftsrelevante Berichte, zB über das neue Patentgesetz erschienen, dessen Übersetzung Paul Brunn 1898 dort veröffentlicht und erläutert hat.(18)
Nachdem Roesler Japan 1893 verlassen hatte, war es das Verdienst von D. L. Lönholm, Professor an der kaiserlichen Universität Tokyo, zum einen durch eine umfangreiche Studie, zum anderen durch die Übersetzung des Japanischen Handelsgesetzbuches nebst Einführungsgesetz (erschienen 1899), dass zeitnah die gerade aktuelle Gesetzeslage bekannt wurde. In dem 1895 erschienenen Lehrbuch „Japanisches Handelsrecht, Enthaltend Konkursrecht, Handel-Gesellschaftsrecht und Wechselrecht“ gibt Löhnholm eine detaillierte Übersicht über das geltende Recht und begründet diese Bemühungen im Vorwort wie folgt: „Da der Tag nicht mehr fern ist, wo auch der Ausländer der japanischen Gerichtsbarkeit unterworfen sein wird, so erscheint es als eine gebieterische Nothwendigkeit für den Kaufmann, sich mit der japanischen
(18) Ostasien (1898) H6, 113.
Handelsgesetzgebung näher bekannt zu machen“. Es war zu der Zeit also bereits abzusehen, dass die bis dahin aufgrund der Handelsverträge bestehenden Privilegien bald abgeschafft würden. Der Einleitungstext enthält auch eine kurze Beschreibung der bisherigen Reformbemühungen, unter anderem durch die Ausarbeitung des Entwurfs von Roesler. Dazu schreibt er: „Der von dem deutschen Gelehrten in weniger denn Jahresfrist vollendete Entwurf lehnt sich stark an das deutsche System an, hat aber auch manches aus anderen europäischen Rechten...
aufgenommen. Das einheimische Handelsgewohnheitsrecht hat darin so gut wie gar keine Berücksichtigung gefunden.“ Offenbar hat Lönholm aber die Kommentierungen Roeslers zu seinem Entwurf nicht gelesen, denn, wie oben erwähnt, ist in Bezug auf Art.1 des Entwurfes die Bedeutung des Handelsgewohnheitsrechts durchaus angesprochen, hinsichtlich der insoweit notwendigen, systematischen Erfassung des Gewohnheitsrechts musste Roesler ja den Stab an den japanischen Gesetzgeber weitergeben, der allerdings dann insoweit nicht mehr aktiv geworden ist.
Vier Jahre nach dieser Publikation, die sich nur auf die bis dahin in Kraft getretenen bzw. verabschiedeten Regelungen bezog, wurde dann schließlich das japanische Handelsgesetzbuch verabschiedet und Löhnholm konnte aufgrund seiner Vorarbeiten noch im selben Jahr die deutsche Übersetzung dazu vorlegen.
4. Austausch im Gesellschaftsrecht durch japanische Juristen in Deutschland in der Meiji-Zeit
Während also das deutsche Recht in Japan ab den 1880er Jahren in Form von zahlreichen Beratern und sonstigen Personen präsent war bzw.
vermittelt wurde, begab sich eine Reihe japanischer junger Juristen zum Studium nach Deutschland, um einerseits vor Ort das Rechtssystem zu studieren, das nun das neue Vorbild werden sollte, aber auch, um Informationen über das japanische Recht an deutschen Hochschulen zu verbreiten. Dies geschah in durchaus beachtlicher Anzahl in Form von Dissertationen.(19) Beispielhaft sollen hier zwei Arbeiten vorgestellt werden, die beide in Halle, eine 1890, die andere 1902 entstanden sind.
4.1 Dissertation von Shinpei Takaki (1890)
Takaki Shinpei (1862-1905) promovierte 1890 in Halle zum Thema „Die stille Gesellschaft, die Participations- und die Gelegenheits-Gesellschaft nach den Entwürfen eine Handelsgesetzbuches für Japan“. Nach insgesamt fünf-jährigem Studienaufenthalt in Deutschland wurde er nach seiner Rückkehr nach Japan 1890/91 Professor an der Hochschule für Rechtswissenschaften Meiji Horitsu Gakko.
Wenn man berücksichtigt, dass Takaki zunächst ab 1885 in Jena, dann 1887-88 in Berlin und schließlich den Rest seines Aufenthaltes in Halle studierte,(20) so kann man annehmen, dass er sich im Wesentlichen auf den Entwurf von Roesler stützte, den er aber in seinem „Verzeichnis der vornehmlich benutzten Litteratur“ nicht namentlich benennt. Dort heisst es lediglich „Entwurf eines Handelsgesetzbuches für Japan mit Commentar.
1884“. Im übrigen beschränkt er sich auf die Angabe von sieben weiteren
(19)Der Japan-Bibliographie von Hadamitzky/Kocks (Reihe A, 1990) ist zu entnehmen, dass allein in der Rubrik Recht,Verwaltung (ebd. 157 f.) in der Zeit von ca. 1890 bis 1910 ca. 20 Dissertationen von japanischen Juristen an deutschen Universitäten verfasst wurden, hinzu kommen noch weitere Arbeiten aus anderen Bereichen wie Staatswissenschaft, Wirtschaftsrecht etc.
(20)Angaben aus dem von R. Hartmann erstellten Lexikon von Japans Studierenden in Deutschland in der Meiji-Zeit; online verfügbar auf der homepage der Ostasienbibliothek der Staatsbibliothek zu Berlin: http://crossasia.org/digital/japans-studierende/
Titeln: Behrend, Lehrbuch des Handelsrechts, 1886; Borchardt, Die geltenden Handelsgesetze des Erdballs, 1883; Endemann, Handbuch des Handels-, See- und Wechselrechts Bd I 1881; Leone Levi, International Commercial Law, 1863; Lyon-Caen&Renault, Precis de Droit Commercial, 1884; Renaud, Das Recht der Stillen Gesellschaft, 1885; Smith, Compendium of Mercantile Law, 1877. Insgesamt umfasst die Arbeit 55 Seiten und ist damit verhältnismäßig kurz. Allerdings musste Takaki außer dieser Arbeit noch zwei Seminararbeiten zur Digestenexegese verfassen sowie sich einer mündliche Prüfung unterziehen. Die schriftliche Arbeit wurde von Fitting(21)
begutachtet, an der mündlichen Prüfung waren die Professoren der Fakultät beteiligt.(22)
Die Wahl des sehr speziellen Themas hängt wohl auch damit zusammen, dass sich Takaki vor allem auf den in deutscher Sprache verfassten Roesler- Entwurf stützte, zur Zeit der Abfassung der Arbeit aber bereits der in japanischer Sprache verfasste Reformentwurf veröffentlicht war. Beide Entwürfe hat er, wie er in der Einleitung bemerkt, erst in Deutschland zur Kenntnis nehmen können. Da es zur stillen Gesellschaft etc. keine wesentlichen Abweichungen zwischen beiden Entwürfen gab, lag die Wahl dieses Themas nahe. Und so ist es auch kein Zufall, dass im 1. Kapitel über
„Ausländisches Recht“ wie bei Roesler das französische, spanische, italienische, ägyptische und auch das englische Recht herangezogen werden, um die unterschiedlichen Formen von Handelsgesellschaften in diesen Rechtsordnungen zu erläutern. Im 2. Kapitel folgt dann zunächst ein Überblick über die Struktur des japanischen Entwurfes, im 3. Kapitel geht
(21)Dr.iur 1852 mit dem Thema „Über den Begriff von Haupt- und Gegenbeweis und verwandte Fragen“ (Erlangen 1853). Lehrte Römisches Recht in Basel, ab 1862 o. Prof in Halle. Ab 1864 Mit-Herausgeber von „Archiv für die zivilistische Praxis“.
(22)Originale der Protokolle etc. sind im Archiv der Universität Halle vorhanden. Die Auswertung dieser Dokumente wird in einer gesonderten Abhandlung erfolgen.
es dann in einem historischen Rückblick ausführlicher um die Geschichte der stillen Gesellschaft, bevor dann im 4. Kapitel auf die stille Gesellschaft im Entwurf selbst eingegangen wird. Die stille Gesellschaft (tokumei kumiai) hatte im japanischen HGB keine eigene Position, sondern wurde zusammen mit der „Gelegenheitsgesellschaft“ (toza kumiai) und der
„Gewinn-und Verlustvereinigung“ (kiobun kumiai) unter dem Namen
„Handelsvereinigung auf gemeinschaftliche Rechnung (kyosan shogyo kumiai) zusammengefasst. Dabei wurden sie nicht als Handelsgesellschaften im Sinne des Gesetzes angesehen, obwohl ihr Zweck auf den Abschluss von Handelsgeschäften gerichtet war. Im Ergebnis erfuhren diese Gesellschaften eine Sonderbehandlung, da die Bestimmungen des JHGB, einschließlich der Strafbestimmungen, keine Anwendung fanden. Löhnholm beschreibt in seinem Lehrbuch dazu Folgendes: „Die tokumei kumiai wurde als die Form der Kapitalvereinigung verstanden, bei welcher der Eine das Handelsgewerbe auf seinen Namen betreibt, während der andere sich nur im Stillen mit einer Vermögenseinlage beteiligt. Dabei dürfe das Gesellschaftsverhältnis nach außen hin überhaupt nicht in Erscheinung treten, insbesondere darf in der Firma keine Andeutung eines solchen enthalten sein. Die Geschäftsführung und die Vertretung des Geschäfts ruht allein in der Hand des Geschäftsinhabers. Er wird Eigenthümer der gemachten Einlage, er allein ist Berechtigter am Gesellschaftsvermögen, und er allein ist den Gläubigern der Gesellschaft verpflichtet. Der stille Gesellschafter haftet letzteren unmittelbar nur insoweit, als er die Einlage noch nicht vollständig eingezahlt hat. Der stille Gesellschafter, tokumei in, hat Antheil am Gesellschaftsgewinn....Abgesehen davon beschränken sich seine Rechte darauf, dass er am Ende jedes Geschäftsjahres und bei Auflösung des Vertrages eine Abrechnung, sowie die Vorlegung der Bücher und
Papiere ...verlangen kann... .Bei Beendigung der stillen Gesellschaft erhält der stille Theilnehmer seine Einlage zurück nach Abzug des auf ihn entfallenden Antheils an den Verlusten und den Schulden des Geschäfts. Ebenso wie für ein ganzes Handelsgewerbe kann die stille Gesellschaft auch nur für einzelne Handelsunternehmungen eingegangen werden.“ Bei diesen Ausführungen sind keinerlei Unterschiede im Vergleich zum deutschen Recht erkennbar. Zu den sonstigen Formen von Handelsvereinigungen heißt es weiter:
„Unter Gelegenheitsgesellschaft, toza kumiai, versteht das japanische Recht die Vereinigung mehrerer Personen zur Vornahme einzelner Handelsgeschäfte oder Unternehmungen auf gemeinschaftliche Rechnung. Hier entsteht keine Handelsgesellschaft und kein Gesellschaftsvermögen, aber jeder Theilnehmer wird aus den Handlungen, welche ein Theilnehmer oder ein gemeinschaftlicher Bevollmächtigter zur Ausführung des Vertrags vornimmt, Dritten gegenüber persönlich als Gesamtschuldner verpflichtet und als Gesamtgläubiger berechtigt, selbst wenn der Theilnehmer nicht ausdrücklich im Namen der anderen gehandelt hat. Auf die zwischen den Theilnehmern selbst entstehenden rechtlichen Beziehungen finden die Bestimmungen des Bürgerlichen Rechts Anwendung.
Unter Kiobun kumiai versteht das Gesetz die Verabredung mehrerer Personen, wonach der Gewinn und Verlust aus einzelnen von den Theilnehmern getrennt vorgenommenen Handelsgeschäften oder Unternehmungen gemeinschaftlich sein soll. Die Rechte und Verpflichtungen gegenüber Dritten Personen sind die gleichen wie bei der Gelegenheitsgesellschaft, doch kann der Theilnehmer, der aus der Handlung eines anderen Theilnehmers in Anspruch genommen wird, die Einrede der Vorausklage geltend machen, also verlangen, dass der
Kläger zunächst denjenigen von den Theilnehmern in Anspruch nehme, der die Handlung vorgenommen hat.“(23) Theoretisch müsste Lönholm bei der Abfassung seines Lehrbuchs zum Japanischen Gesellschaftsrecht Kenntnis von der Arbeit Takakis gehabt haben, andererseits war die Verbreitung der von Japanern in Deutschland verfassten Dissertationen zum einen in Deutschland selbst nicht an allen Universitäten üblich und in Japan selbst, wenn überhaupt, wohl nur an den Universitäten vorhanden, an denen die betreffenden Personen dann später tätig waren. Aber die Quellenlage war gleich, eigenständige Bewertungen bzw. Erläuterungen zu den gesetzlichen Regelungen sind weder bei Lönholm, noch bei Takaki vorhanden. Allein bei der Begriffsbildung gibt es den Unterschied zwischen Partizipationsgesellschaft bei Takaki und Gewinn- und Verlustvereinigung bei Lönholm. Außerdem hätte es nahegelegen, hier einen Vergleich zur Gesellschaft bürgerlichen Rechts des deutsche BGB zu ziehen, doch darf man auch insoweit an die Verfügbarkeit der Quellen zu der Zeit in Bezug auf das laufenden Gesetzgebungsverfahren in Deutschland keine zu hohen Ansprüche stellen.
4.2 Dissertation von Torajiro Kambe (1902)
Ebenfalls in Halle promovierte zwölf Jahre später T. Kambe (1865-1939)
zum Thema „Die Offene Handelsgesellschaft nach Japanischem Rechte“.
Anders als Takaki hatte Kambe, der von 1889-92 an der Universität Keio studiert hatte, vor seinem Studium in Deutschland bereits eine feste Stelle an der Universität, zunächst als Assistenz- und dann ab 1899 als ordentlicher Professor. Dem Promotionsverfahren in Deutschland unterzog er sich wahrscheinlich nur, um in Japan sein Ansehen als Wissenschaftler zusätzlich
(23)L. Lönholm, Japanisches Handelsrecht (1895), 115 f.
zu stärken. Aus dem Dissertationsgutachten von Lastig(24) geht hervor, dass Kambe eine gewisse Sonderbehandlung zuteil wurde. Jedenfalls wurde von ihm nicht die Erstellung zusätzlicher Seminararbeiten, wie dies noch bei Takaki der Fall war, verlangt:
„Wie aus dem Lebenslauf des Kandidaten ersichtlich ist, hat dieser seine ganze Studienzeit in Japan absolviert und ist dann dort in Tokio zuerst Assistenzprofessor (93 - 98) gewesen, dann 1899 Professor geworden. Seitdem hat er fünf Semester (über das letzte hier in Halle verbrachte liegt die Exmatrikel noch nicht vor) hier in Halle und Berlin studiert.
Unter diesen Umständen glaube ich an des Professoren Arbeit einen anderen Maßstab legen zu sollen als sonst bei unseren deutschen Kandidaten.“
Aus seinem Lebenslauf geht hervor, dass Kambe in Halle Vorlesungen bei Fitting, Lastig, Loening, Stammler, Endemann, Frank, Stein, Heck, Liepmann, Conrad, Vaihinger gehört hat und es ist anzunehmen, dass er die Dissertation von Takaki, die von Fitting begutachtet worden war, kannte.
Nicht klar ist, warum Kambe für seine Dissertation ursprünglich bei Endemann ein römischrechtliches Thema wählen wollte, wie es im Gutachten von Lastig steht: „Herr Kambe, der ursprünglich ein römischrechtliches Thema wählen wollte, wandte sich, nachdem ihm Herr Professor Endemann wegen nicht ausreichender Befassung der lateinischen Sprache hiervon abgeraten hatte, auf weiteren Rat des Herrn Professor Endemann an mich mit der Bitte, ihm ein Thema aus
(24)Studierte ab 1865 Rechtswissenschaften in Königsberg, promoviert zum Dr. iur. in Halle- Wittenberg 1870, habil. 1871 zum Thema „Die stille Gesellschaft“. 1873 PrivDoz, 1878 o. Prof in Halle, vor allem anerkannt wegen seiner substanziellen Beiträge zur Geschichte des Handelsrechts (»Entwicklungswege und Quellen des Handelsrechts«, 1877).
dem Gebiet des neuen japanischen Gesellschaftsrechtes zu geben.“ In Japan hat er sich später jedenfalls nicht im Gesellschaftsrecht, sondern im Bürgerlichen Recht einen Namen gemacht.
Im Vergleich zur Arbeit von Takaki hat Kambe mit 113 Seiten eine doppelt so umfangreiche Arbeit vorgelegt. Inhaltlich gliedert sie sich in zehn Paragraphen, nach einer Einleitung gibt er einen Überblick über die Arbeiten an dem japanischen Entwurf eines Handelsgesetzbuches bis zur Verabschiedung, anschließend zieht er einen Vergleich zur alten deutschen offenen Handelsgesellschaft, bevor er einen Überblick über das japanische Handelsgesetzbuch gibt. Es folgen der Begriff und der juristische Charakter der OHG, deren Errichtung, das Rechtsverhältnis der Gesellschaft nach innen und nach außen, die Änderung und Auflösung der Gesellschaft und schließlich deren Liquidation. Die Arbeit schließt er mit folgenden sechs Thesen ab:
I. Die offene Handelsgesellschaft ist von dem japanischen Rechte als juristische Person gestaltet, dies würde sich auch für das deutsche R ec h t e mp fe hle n. II. D a s in terdic tum uti possidetis hatte rekupatorische Wirkung. III. Bei Verpfändung einer Sache für eine zukünftige Forderung entsteht ein Pfandrecht nach römischem Rechte erst mit der Forderung und nicht bereits mit der Verpfändung. IV. Das Wandelungsrecht des Käufers ist nach dem DBGB kein Anspruch auf Vertragsschluss. V. Der Besitz ist nach dem BGB als Rechtsverhältnis und nicht bloss als Thatsache aufzufassen. VI. Eine selbständige, nacheinander erfolgende Anstiftung seitens mehrerer Personen ist rechtlich unmöglich.
Insgesamt fällt auf, dass Kambe nicht nur, ähnlich wie Takaki, keinen Wert auf eine sorgfältig erstellte Literaturliste gelegt hat, sonders diese gar nicht vorhanden ist. Lediglich im Text zitiert er Literatur, die sich auf
folgende Werke beschränkt:
Lönholm, japanisches Handelsrecht 1885; Ders., Das Bürgerliche Gesetzbuch für Japan, 1897; Cosack, Lehrbuch des Handelsrechts, 5. Aufl.
(1900); Lastig, in Goldschmidts Zeitschrift für das Gesamte Handelsrecht, Bd.24, 427 (ohne Titelangabe); Schmidt, Handelsgesellschaften in den deutschen Stadtrechtsquellen des Mittelalters, 1883; Staub, Kommentar zum Handelsgesetzbuch, 6. u. 7. Aufl.; Laband, Beiträge zur Dogmatik der H.G.; Endemann, Handbuch des H.R.; Gerber, Deutsches Privatrecht;
Kuntze, Prinzip und System der Handelsgesellschaften; Gierke, Deutsches Privatrecht.
Im Referenz-Gutachten von Rehme wird dies wie folgt kommentiert:
„An der vorliegenden Dissertation habe ich mancherlei in formeller wie materieller Beziehung auszusetzen... Wohl aber ist es zu tadeln, dass er die Litteratur über das japanische Recht mit keinem Worte erwähnt, um so mehr, als er in § 1 seiner Arbeit eine dahingehörige Schrift nicht nur benutzt, sondern ihr sogar einige Sätze wörtlich
(ohne jede Quellenangabe) entnommen hat.“
Neben Kritik wird aber auch Verständnis, insbesondere in Bezug auf Unzulänglichkeiten bei der Verarbeitung des deutschen Rechts gezeigt:
„Was den Inhalt anlangt, so ist zunächst zu bemängeln, dass der Verfasser die Artikel 24-37 des Einführungsgesetzes zum Japanischen HGB, welche die offene Handelsgesellschaft betreffen, nicht berücksichtigt hat. Dagegen möchte ich es ebenso wenig wie der Herr Referent dem Verfasser zum Vorwurfe machen, dass er die Litteratur über das deutsche Recht auch nicht annähernd vollständig herangezogen hat.“
5. Schlussbemerkung
Die Stellungnahmen in den Gutachten zeigen jedoch – und dies gilt in gleichem Maße auch für die vielen anderen Dissertationen japanischer Juristen in dieser Zeit, dass sie den deutschen Professoren Anlass gaben, sich mit dem japanischen Recht zu befassen und in einen kritischen Diskurs einzutreten. Es bedurfte jedoch nicht nur der Betreuung von Dissertationen, um das Interesse am japanischen Recht in der deutschen Rechtswissenschaft zu wecken. Ein Beispiel ist etwa Josef Kohler (1849- 1919), ab 1888 Professor für Bürgerliches Recht, Handels- und Strafrecht, Zivilprozessrecht und Rechtsphilosophie, der 1892 in der von ihm mitbegründeten Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft eine ausführliche Abhandlung zum japanischen Recht – beruhend auf der bis dahin vorhandenen Literatur, insbesondere auch auf den Beitragen in den oben erwähnten Publikationen der OAG und Asiatic Society – veröffentlichte.(25) Aber auch Rechtspraktiker haben sich an der Verbreitung von Informationen zum Japanischen Recht beteiligt, so etwa der Kammergerichtsrat Schultzenstein, der 1889 über den „Entwurf einer Civilprozessordnung für Japan“ berichtete.(26) Oder der als Justizbeamter 1884 nach Japan berufene Otto Rudorff (wohl ebenfalls, wie Roesler, durch Vermittlung von Aoki), der zunächst ein Jahr an der Universität lehrte, dann aber bis 1890 als Berater des Justizministeriums in Japan tätig war.
Nach seiner Rückkehr trat er wieder in den Richterdienst ein.(27) Aber auch
(25)ZSchr vgl. Rwiss. 10/1892, 376-449; im Vorgang dazu ist auch auf den Beitrag von Karl Friedrichs „Zum japanischen Recht“ (mit Bemerkungen und Zusätzen von Kohler) zu verweisen, ebd. 351-375.
(26)ZSchr vgl. Rwiss. 8/1889, 28.f.
(27)Rudorff war maßgeblich an der Ausarbeitung eines Gerichtsverfassungsgesetzes in Japan
interdisziplinär arbeitende Wissenschaftler, wie Karl Rathgen (1856-1921), der von 1882-1890 an der Universität Tokyo Öffentliches Recht, Statistik und Verwaltungswissenschaft lehrte, übten durch ihrer Publikationen einen großen Einfluss auf das deutsche Bild von Japan aus.(28) Gleiches gilt für P u b l i k a t i o n e n a u s S o n d e r b e r e i c h e n d e s R e c h t s , w i e d e m Versicherungsrecht, wozu zB von Mayet bereits ab 1878 Publikationen vorgelegt worden sind.(29)
Es wird eine interessante Aufgabe sein, in weiteren Studien mehr über die Interaktionen japanischer und deutscher Juristen in der Meiji-Zeit und deren Auswirkung auf den rechtswissenschaftlichen Austausch zu erfahren.
beteiligt, zum japanischen Recht sind insbesondere seine Beiträge zur Rechtsgeschichte bekannt (Kamporitsu: Ein japanisches Rechtsbuch aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts
(1888); Tokugawa-Gesetz-Sammlung, in Mitteilungen der OAG (1889) H 9, 141 S. Vgl. auch den Beitrag von W. Röhl, Deutsche Juristen in Japan: Otto Rudorff, in ZschrJapR Nr. 5
(1998), 54 f.
(28)1882 habilitierte sich Rathgen mit dem Thema „Japans Volkswirtschaft und Staatshaushalt“
in Berlin. Weitere wichtige Beiträge: Die Japaner und ihre wirtschaftliche Entwicklung
(1905), Staat und Kultur der Japaner (1907).
(29)zB. P. Mayet, Die Kollektiv-Versicherung der Gebäude in Japan (1878); Die Japanische Staatsschuld (1879); Landwirthschaftliche Versicherung...Vorschläge zur Besserung der Lage des Japanischen Landmanns (1888) 449 S.