Maren Godzik
*1. Einleitung
Gregor Samsa always had bad dreams. / One morning he awoke to find / he'd become a giant bug. So weit, so bekannt – auch wenn der Leserin die Übersetzung etwas verkürzt erscheinen mag und ihr die kleinen Unterschiede wie die nun chronisch gewordenen schlechten Träume und die Hervorhebung, dass der Protagonist sich trotz seiner Verwandlung immer noch in seinem Bett befindet, ausgelassen werden, ist das Original „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheureren Ungeziefer verwandelt" klar zu identifizieren. Die Übersetzung von Ungeziefer in „giant bug" klingt etwas freundlicher und weniger abstoßend als die ebenso wie „Ungeziefer" negativ konnotierte direkte Übersetzung „vermin" und weniger neutral als das ebenfalls in den englischen Übersetzungen benutzte „insect", häufig ergänzt durch das Adjektiv „monstrous".
1Das obige Zitat ist dem 2013 erschienenen
* 福岡大学人文学部准教授
1 Es gibt von Kafkas Verwandlung zahlreiche Übersetzungen ins Englische. Einen Großteil dieser vergleicht Gooderham (2015), dem Leser die Eröffnungssätze präsentierend. Die erste Übersetzung, 1933 von Edwin and Willa Muir vorgelegt, lautet: „As Gregor Samsa awoke one morning from uneasy dreams he found himself transformed in his bed into a gigantic insect." Stanley Corngold hingegen übersetzte
Bilderbuchverwandlungen:
Zur Transformation von drei Erzählungen in ein Kinderbuch
Bilderbuch My First Kafka. Runaways, Rodents & Giant Bugs von Matthue Roth (Text) und Rohan Daniel Eason (Illustration) entnommen. Eine Übersetzung des Buchs ins Deutsche liegt bislang nicht vor.
2Bücher der Weltliteratur werden nachweislich seit Ende des 17.
Jahrhunderts für Kinder umgeschrieben. Sie gehören schon lange – sei es zu Bildungszwecken oder, als neuere Tendenz, zu Unterhaltungszwecken – zu den Klassikern der Kinderliteratur (Zöhrer 2010: 10). My First Kafka ist nicht das einzige Buch, dem Franz Kafkas Erzählungen zugrunde liegen und das für Kinder beziehungsweise Jugendliche konzipiert ist.
Beispielhaft seien hier die (auch) im deutschsprachigen Raum erschienenen folgenden drei Publikationen angeführt: In Dirk Walbreckers
3Jugendroman Greg: Eine rätselhafte Verwandlung (1999) verwandelt sich der sich von seiner Familie unverstanden fühlende Gregor „Greg" Hansen in eine riesige Raupe (der Buchumschlag der Ausgaben von 2004 (Rowohlt)
und 2013 (Buch und Media) zeigt einen Schmetterling). Im Peritext explizit auf Kafkas Verwandlung Bezug nehmend versetzt Walbrecker
1972 näher am Original: „One morning as Gregor Samsa was waking up from anxious dreams, he discovered that, in his bed, he had been changed into a monstrous vermin."
Auch Joachim Neugroschels Übersetzung von 1993 bleibt beim „monstrous vermin", ebenso Joyce Crick (2009). Bei Michael Hofmann (2007) hingegen fi ndet sich Gregor als „monstrous cockroach" wieder, Christopher Moncrieff (2014) lässt Gregor zum
„enormous bedbug" werden und Susan Bernofsky (2014) macht ihm zum „monstrous insect". Und John R. Williams (2014) übersetzt sehr flüssig: „One morning Gregor Samsa woke in his bed from uneasy dreams and found he had turned into a large verminous insect".
2 Nichtsdestotrotz ist eine Buchbesprechung von Katharina Laszlo (2014) in der Frankfurter Allgemeinen erschienen.
3 Dirk Walbrecker hat eine Reihe von Kinderbuchklassikern von Cervantes' Don Quijote (1992) bis Charles Dickens' Oliver Twist (2010) umgeschrieben, die sich als
„Neuerzählungen" verstehen und im Gegensatz zu dem hier erwähnten Roman der zugrundeliegenden Literatur eng folgen.
das Geschehen in die Gegenwart, in dem das Alter des Protagonisten und seine pubertären Probleme, symbolisiert durch die Raupe als unfertiges Stadium, die entscheidende Rolle spielen. Darüber hinaus nutzen auch Medien und Wissenschaft das seltsame Phänomen der Verwandlung des Jungen rücksichtslos für ihre Zwecke aus. Kaulen (2005: 66) bewertet das Buch als einen konventionellen und „pädagogisch bemühten Jugendroman", im Gegensatz zum Bilderbuch Beetle Boy von Lawrence David und Delphine Durand (1999, dt. Der Käferjunge, 2000), weil es als an frühkindliche Leser adressiertes „satirisch überzeichnete[s] Bilderbuch gar nicht erst in „direkte Konkurrenz" mit der berühmten Vorlage gerate.
4Das Buch erzählt die Geschichte von Gregor Sampson, einem Schuljungen, der eines Tages als Käfer aufwacht, nach anfänglichen Schwierigkeiten, seine sechs Beine zu koordinieren, jedoch ganz normal frühstückt und zur Schule geht und dessen äußerer Wandel ausschließlich von seinem besten Freund, nicht aber von seiner Familie und seiner Lehrerin bemerkt wird, auf humorvolle Weise und mit Happy End.
5Die Reihe Kafka für Kinder und Erwachsene – wobei „und Erwachsene"
in nur sehr kleinen Buchstaben hinzugesetzt ist – („Der Storch im Zimmer", 2016a; „Vor dem Gesetz", 2016b; „Drei Erzählungen" (2017, „Der Kü belreiter", „Poseidon", „Wunsch, Indianer zu werden")
6des onomato
4 Das Buch ist 2002 unter dem Titel Boku, mushi ni natchatta auf Japanisch erschienen. Alexandra Schatz (2003) hat aus dem Buch einen Kurzfi lm gemacht.
5 Vgl. auch Marlene Zöhrer, die dieses Buch in ihrer Studie zur „Weltliteratur im Bilderbuch" näher analysiert (2010: 126, 133-134, 141). Sie bezeichnet diese Art der Transformation, die sich nur vage an die Vorlage hält, ohne dass die Grundmotive geändert werden, als „Variation" (2010: 132-133).
6 Das 2018 erschiene Buch Kafka für Kinder und Erwachsene versammelt ebenfalls von Hanna Koch illustriert sieben Erzählungen von Franz Kafka, darunter auch die schon erschienenen („Der Storch im Zimmer", „Vor dem Gesetz", „Poseidon",
Verlags übernimmt hingegen Kafkas Text ohne Änderungen; die Bücher im mittleren Bilderbuchformat versuchen, sich durch die gelb und grau-blau flächigen Illustrationen von Hanna Koch von den herkömmlichen Ausgaben abzusetzen und so ein neues, junges Lesepublikum zu gewinnen.
7Zwar ist interessant, welche neuen Deutungsmöglichkeiten sich durch den Wechsel vom allgemeinliterarischer Text zum Bilderbuch, von einem älteren Text zu einem Text, der sich an Kinder der Gegenwart richtet
8, ergeben und bei dem deshalb die Werktreue nicht im Vordergrund steht, der stattdessen den Regeln seiner Gattung, dem Bilderbuch, folgt (vgl.
Zöhrer 2010: 12-16). Dieser Beitrag möchte jedoch My First Kafka als Bilderbuch analysieren, wobei der Aspekt, dass es auf berühmten Vorlagen beruht oder, um es mit Marlene Zöhrer (2010) zu sagen, wie die
„Transformation" des „Basistextes" in den „Folgetext" vorgenommen wurde, zumindest bei der Analyse des eigentlichen Texts – des Schrifttexts und des Bildtexts – nicht vorrangig betrachtet werden soll. Die Abweichungen vom Original spielen dementsprechend nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr ist wichtig, wie das Kinderbuch als Kinderbuch funktioniert.
„Der Kübelreiter", „Die Bäume", „Wunsch Indianer zu werden" sowie zwei kurze Denkbilder, „Eva und Adam" und „Haustier"). Zu den Büchern dieser Serie des ursprünglich als Hörbuchverlag gegründeten onomato Verlags gibt es Downloads beziehungsweise eine Audio CD mit einer Volltextlesung.
7 Herbert Fuchs (2017) kommt in seiner Rezension zu dem Schluss, dass das Konzept nur bedingt aufgeht, nämlich nur mit Unterstützung von Vorlesern oder, bei Kindern mit großer Leseerfahrung, anderen vorgebildeten Gesprächspartnern, die den Fragen der Kinder gewachsen sind.
8 Dieser Medienwechsel und die Zielgruppenanpassung sind das, wofür Zöhrer den Begriff der Transformation vorschlägt (Zöhrer 2010: 20).
2. Autoren, Verlag und äußere Gestaltung des Buchs 2.1 Autoren und Verlag
Matthue Roth ist ein vielseitig kreativer Autor und Künstler. My First Kafka ist sein erstes Kinderbuch, inzwischen folgte ein weiteres (The Gobblings, 2014, ebenfalls bei One Peace Books erschienen), wieder in Zusammenarbeit mit Rohan Daniel Eason. Rohan Daniel Eason hat eine Reihe von Bilderbüchern illustriert, die sich stilistisch sehr von My First Kafka unterscheiden, beispielsweise Brave Red, Smart Frog: A New Book of Old Tales, eine Neuschreibung von Grimms Märchen der Autorin Emily Jenkins (2017, Candlewick Press).
Der erst 2006 gegründete Verlag One Peace Books publiziert ein vielseitiges Sortiment an Romanen, Graphic Novels und Kinderbüchern. Der Schwerpunkt liegt jedoch, nur am Rande bemerkt, auf der Übersetzung von japanischer Literatur von Miyazawa Kenji und Dazai Osamu bis Manga.
2.2 Die äußere Gestaltung des Buchs (Peritext)
Der Titel des Bilderbuchs My First Kafka erlaubt keine Zweifel, dass es sich um eine Adoption von Kafkas Werk oder Werken handelt. Die Illustration auf dem Cover lässt ebenfalls keine Zweifel aufkommen, welches Werk die Leserin erwartet.
Das Bilderbuch beinhaltet drei nicht im engeren Zusammenhang
stehende Geschichten unterschiedlicher Länge. Dadurch unterscheidet
es sich von den meisten Bilderbüchern, die, wenn es sich nicht um
Märchenanthologien und dergleichen handelt, in der Regel nur aus einer
Geschichte bestehen. Während die erste Erzählung fünf und die dritte nur
drei Seiten umfasst, besteht die mittlere aus 22 Seiten und verweist wie die
Umschlaggestaltung darauf, dass sie die Haupterzählung des Bilderbuchs darstellt.
Bei vielen Bilderbüchern deuten nicht selten die Umschlaggestaltung und das Vorsatzpapier nicht nur den Inhalt, sondern manchmal auch den Verlauf der Geschichte an (Kurwinkel 2017: 66). Bei My First Kafka zeigt der schwarz-weiß gestaltete Umschlag und Schutzumschlag des mit etwa 20
×25 cm und 32 Seiten typischen Bilderbuchformat aufweisenden Hardcover- Buchs (Zöhrer 2010: 96) einen großen, fast die gesamte Seite einnehmenden, mit geometrisch-arabesken Formen gemusterten abstrahierten Käfer
(mit relativ exakter Darstellung der Beine) von der Bauchseite, dessen letztes Beinpaar in Herrenschuhen steckt und dessen runde, schwarze Augen die Betrachterin anzublicken scheinen. Der Titel des Buchs My First Kafka nimmt in großen Serifen-Lettern die Ecke rechts oben ein, der darunter stehende Untertitel Runaways, Rodents & Giant Bugs [Ausreißer, Nager und Riesenkäfer] in nicht einmal halb so großen, nicht ganz waagerecht – und dadurch einen etwas beunruhigenden Inhalt verheißend – darunter stehenden Buchstaben deuten auf die drei Geschichten, ohne die Originaltitel zu nennen und im Falle der ersten Geschichte eine Interpretation liefernd, die sich aus der Erzählung selbst nicht ergibt. Der Titel des Buches rückt die Tatsache, dass es sich um Kafkas Erzählungen handelt, in den Mittelpunkt und richtet sich damit – wie bei Kinderbüchern nicht selten der Fall und insbesondere bei denjenigen, die auf einer Vorlage aus der Weltliteratur beruhen – nicht nur an die Zielgruppe im engeren Sinn („for Kids"), sondern vor allem an deren Eltern und andere Vermittler.
99 Kurwinkel (2017: 66) verweist darauf, dass bei Bilderbüchern die „erwachsenen Mitleser" (kursiv im Original) als Vermittler und Vorleser „kauf- und
Die Namen des Autors und des Illustrators werden unten rechts genannt;
indirekt noch einmal auf den Ausgangstext verweisend ist dem Autor ein
„Retold by" vorangestellt.
Für die mehr oder weniger belesene Betrachterin des Buchs führt der Untertitel „Giant Bugs" und noch mehr die großformatige Käferillustration im Zusammenhang mit dem Namen Kafka unweigerlich zur Verwandlung.
Dabei fragt man sich, ob der Plural eine Bedeutung haben und ob er mit dem Bild auf der Umschlaginnenseite (siehe unten) im Zusammenhang stehen könnte, auch wenn sich diese kleine Szene nicht mit der ursprünglichen Erzählung (und auch nicht mit der im Bilderbuch) vereinbaren lässt.
Die Information auf der vorderen Innenklappe verfolgt das gleiche Ziel ohne weitere Verweise auf die drei Basistexte. Die Geschichten werden hier die Zielgruppe erweiternd mit „for all ages" angepriesen. Die Aufhebung der Altersbegrenzung nach oben ist nicht nur aus verkaufsstrategischen Gründen eine Tendenz, die Zöhrer (2010: 171) verstärkt beobachtet und mag auch auf die starke Zunahme von Texttransformationen von Weltliteratur für Kinder zurückzuführen sein (Zöhrer 2010: 9). Die vordere Umschlagklappe zeigt außerdem, um ein Vielfaches kleiner als auf der Vorderseite, fünf Käfer, von denen drei eine Tube mit der Aufschrift
„No. 1 bug paste" halten oder transportieren, während der vierte sich am Verschluss zu schaffen machen scheint und der fünfte eine Zahnbürste aufrecht heranträgt. Beide Motive finden sich auch innerhalb der zweiten Geschichte auf der Textseite.
rezeptionsentscheidend" sind. Dieses wird auch mehrfach von Zöhrer (2010) betont, die die Nennung des bekannten Verfassers als „ein Versprechen für hohe literarische Qualität und Bildung" für den erwachsenen Bilderbuchkäufer beschreibt (2010: 103).
Die Rückseite des Umschlags ist bis auf einen Apfel, an dem sich in realistischer Größenrelation ein kleiner Käfer emporreckt, sowie ISBN- Nummer und Strichcode leer. Das Vorsatzpapier vorn und hinten ist schlicht grau. Das Titelblatt verzichtet auf Illustrationen. Die hintere Innenklappe stellt Matthue Roth und Rohan Daniel Eason vor, mit humorvollem Tonfall wiederum eher Erwachsene als Kinder ansprechend.
3. Inhaltliche Analyse des Schrift- und Bildtexts
Die erste Geschichte des Buchs ist „Excursion into the Mountains"
(Basistext: „Der Ausflug ins Gebirge" veröffentlicht 1913 in Betrachtung), die zweite „The Metamorphoses" (Die Verwandlung, 1915 veröffentlicht)
und die dritte Erzählung ist „Josefine the Singer or, The Mouse People"
(„Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse", veröffentlicht 1924 in Ein Hungerkünstler). Die Auswahl der Erzählungen mit einer der ersten, der bekanntesten und der letzten Erzählung Kafkas ist vermutlich eher zufällig; vielmehr werden die Umsetzbarkeit in ein Bilderbuch und persönliche Präferenzen eine Rolle gespielt haben. Informationen dazu fehlen im Buch selbst und auch die in Rezensionen (Osgood 2013; Stinson 2013)
beschriebene Geschichte der Entstehung des Buchs bleibt bei den Angaben zur Auswahl der Basistexte vage.
Wie die Umschlaggestaltung sind auch die Illustrationen im Buch
durchgehend schwarz-weiß, jedoch unterscheiden sich die Illustrationen der
drei Geschichten hinsichtlich der Verteilung über die Seiten und die Art der
Illustration, die bei den ersten beiden abstrahierter und besonders bei der
Flächengestaltung geometrischer, bei der letzten Geschichte realistischer
ist. Nicht nur die Beziehung und die Verteilung von Bild und Schrift auf
den Seiten, sondern auch der Schriftsatz ist bei den drei Geschichten unterschiedlich. Das Buch ist nicht paginiert.
3.1 „Excursion into the Mountains“
Die kurze Erzählung „Excursion into the Mountains" handelt, ohne auf die Übereinstimmungen mit und Unterschiede zu Kafkas Original einzugehen, von einem Mädchen, das sich allein in den Bergen befindet und verzweifelt
„'I don't know!' / I cried without being heard. / ‘I do not know." rufend über ihr Alleinsein nachdenkt, und dass sie niemandem etwas zu Leide getan habe und auch ihr sei von niemandem ein Leid angetan worden. Diese
„Niemande" materialisieren sich im Folgenden zu Phantasiegestalten, die das Mädchen mit sich zu nehmen scheinen oder mit denen zusammen sie nun, wenn man den Titel der Geschichte als Interpretationshilfe hinzuzieht, den Ausflug unternimmt.
Bei dieser ersten Erzählung sind die kurzen Gedichtzeilen auf der ersten Seite mittig in der oberen Hälfte, auf den folgenden zwei Doppelseiten ist der Text auf die rechte Seite gerückt, bei der ersten Doppelseite sogar in die äußerste untere rechte Ecke. Direkte und indirekte Rede sind wie auch bei der folgenden Erzählung vermischt.
Auf der ersten Seite steht in einer Landschaft mit überspitzen fast
schwarzen, aber mit Schnee bedeckten Bergkegeln im Hintergrund und
einem überwiegend weißen Mittel- und Vordergrund, aus dem wie aus
dem Schnee abstrahierte Blätter wachsen, ein Mädchen. Es trägt eine
dunkel gemusterte Bluse und einen weiten weißen, glockig fallenden Rock
und wirkt in der Darstellungsweise leicht altmodisch (möglicherweise
auf die Entstehungszeit von Kafkas Erzählung Bezug nehmend) und in
ihrer vor allem auf den ersten beiden Doppelseiten frontal dem Betrachter zugewandten Haltung etwas puppenhaft. Sie hat ihre Hände wie rufend zum Gesicht erhoben, somit die ersten drei Zeilen der Erzählung illustrierend.
Nach dieser in der weiten Landschaft verlorenen Szene erscheinen auf den folgenden zwei Seiten vor der Bergkette eine Parade tigerartig gemusterte Wesen im Vordergrund, aufrecht laufend, aber mit echsenartigen Vorder- und Hinterläufen. Die kugelrunden Köpfe haben übergroße Augen, riesige knollenartige Nasen und aus ihren Mündern ragen spitze Zähne. Das Mädchen befindet sich weit rechts im Bild zwischen einem Monster, das es an der Hand hält und sich ihm zugewendet hat, und einem anderen, das einen Arm auf die Schulter des Mädchens gelegt hat. Das Mädchen wirkt im Gegensatz zum ersten Bild ruhig und zuversichtlich, kein bisschen erschreckt durch die dichte Ansammlung der merkwürdigen Gestalten mit ausdruckslosen Gesichtern. Auf der vierten und fünften Seite sehen wir das Mädchen umgeben oder besser umzingelt von einer noch größeren Anzahl der Wesen im Mittelgrund. Das Mädchen hat beide Zeigefinger an den Mund gelegt und blickt ratlos nach unten.
Während auf der ersten Seite „nobody" noch die ursprüngliche
Bedeutung bewahrt, sind die „nobodies" auf den nächsten Seiten zweifelslos
konkrete Wesen. Eine deutliche Diskrepanz liegt, nachdem auf den ersten
beiden Seiten Text und Bild parallel verlaufen sind, zwischen der Aussage
von Text und Bild auf der letzten Seite der Erzählung. Während der Text
durchaus zuversichtlich (der Beginn der drittletzten Strophe lautet „We
travel so happily" und die letzte Zeile „It's a wonder we don't burst into
song") endet, zeigt das Bild ein ratloses Mädchen, das auch im Kontrast
zur vorherigen Bildseite steht. Somit lässt dieses ambivalente Ende
Interpretationsraum für den Rezipienten. Die Kürze der Erzählung und die starke Reduktion erschweren ein einfaches Nachvollziehen der Handlung.
3.2 „The Metamorphoses“
Die Geschichte „The Metamorphoses" besteht aus drei Teilen. Sie handelt von Gregor Samsa, der eines Tages als Käfer aufwacht, nach und nach bemerkt, dass er zwar seine Umgebung versteht, sie aber ihn nicht mehr.
Während besonders seine Schwester ihn versorgt, bewirft sein Vater ihn, als er eines Tages sein Zimmer verlassen hatte, mit Äpfeln, von denen einer in seinem Panzer steckenbleibt. Drei bärtige Männer ziehen in die Wohnung ein und hören beim Essen Gregors Schwester beim Geige spielen zu. Auch Gregor steckt seinen Kopf durch die Tür, um der Musik zu lauschen. Die Männer, die ihn entdecken, verlassen die Wohnung Hals über Kopf. Während seine Eltern wünschten, Gregor würde sie verstehen, zieht er sich wieder in sein Zimmer zurück. Als er merkt, dass er sich nicht mehr bewegen kann, macht es ihn glücklich. Nachdem seine Familie ihn am nächsten Morgen so entdeckt, gehen sie ohne ihn spazieren und planen die Zukunft, die nun rosig vor ihnen liegt.
Der Schrifttext dieser Erzählung, wie die erste in Gedichtform mit kurzen Strophen geschrieben, befindet sich überwiegend auf der linken Textseite, während die rechte der Illustration vorbehalten ist, die sich über die gesamte Seite erstreckt. Kleine, freischwebende Bildelemente befinden sich zusätzlich am unteren Rand auf den Textseiten. Nur bei der vorvorletzten Doppelseite der Erzählung erstreckt sich die Illustration bis auf die linke Seite, auf die einige Textzeilen integriert sind.
Die Bilder sind grafisch und meist flächig, die Formen haben klare
Umrisse, die Flächen sind vielfältig dekorativ, teils arabesk gemustert. Die Darstellung ist weit detailreicher als die der anderen beiden Erzählungen.
Während die monoszenischen Bilder auf der rechten Buchseite „zentrale Augenblicke des Geschehens" (Thiele 2003, 46) wiedergeben und somit einer üblichen Illustrationsweise von Kinderbüchern folgen, stehen die Bildelemente unterhalb des Texts auf der linken Seite nicht immer im eindeutigen Zusammenhang mit diesem.
Die erste Doppelseite beginnt mit Gregors Aufwachen als Käfer, seinen Versuchen aufzustehen und seiner ihn rufenden Mutter. Das Bild zeigt ein Zimmer, in dem wir den mit einer Decke bedeckten im Bett liegenden Gregor sehen, das letzte Paar Beine in Socken steckend, ein vorderes Bein in einem Schlafanzugärmel. Der Wecker auf dem Nachttisch zeigt sieben Uhr. Vor seinem Bett liegt ein Paar Hausschuhe. Der Teppich, auf dem das Bett steht, hat ein Wellenmuster, die Tapete ist in einem regelmäßigen Muster von unzähligen Käfern in weißen Vignetten überzogen. Die Sicht in Gregors Zimmer aus der Aufsicht ist perspektivisch nicht ganz stimmig, sondern wirkt etwas aus der Balance geraten, die verunsichernde Situation widerspiegelnd. Dies trifft auch für die folgenden Bildseiten zu, auf denen Gregor zu sehen ist, im Gegensatz zu den übrigen Seiten, auf denen er nicht abgebildet ist. Das Bildelement auf der linken Seite zeigt die schon auf dem Schutzumschlag abgebildeten Käfer mit Zahnbürste, wohl hier als Verweis auf das morgendliche Zähneputzen als menschliche Handlung. Wie auch auf dieser Seite scheint sich die Einrichtung sowie die Kleidung der abgebildeten Figuren vage an der Entstehungszeit des Basistexts zu orientieren.
Die nächste Doppelseite beschreibt, nach dem lauten Knall, den Gregors
Fall aus dem Bett verursacht hat, die vergebliche Kommunikation zwischen
Gregor und seiner Familie sowie dem „Manager", der ihn zur Arbeit holen will. Auf der Bildseite sind Gregors Eltern, die mit einer im Text nicht erwähnten Katze spielende Schwester und der Manager in Anzug und Hut zu sehen. Die Tapete ist wieder mit unzähligen weißen Käfern auf schwarzem Grund dekoriert. Auf der linken Seite sehen wir einen Schlüssel, dessen Bart den Zangen eines Hirschkäfers gleicht. Offensichtlich symbolisiert der „verwandelte" Schlüssel für Gregors Zimmertür die Unzugänglichkeit Gregors.
Auf der nächsten Doppelseite gelingt es Gregor, die Tür aufzuschließen, nachdem er erkannt hatte, dass seine Antworten von seiner Familie unverstanden geblieben waren und sie voll Sorge um seine Gesundheit war. Während seine Familie nun sprachlos seine neue Gestalt betrachtet und Gregor die Balance verliert und auf alle seine Beine fällt, entflieht der Manager der Wohnung. Sein Vater schlägt mit einem Stock nach Gregor, worauf sich dieser in sein Zimmer zurückzieht. Das Bild zeigt wiederum vor einer Käfertapete die vordere Hälfte Gregors, den fliehenden Manager, einen umstürzenden kleinen Tisch, von dem Geschirr und eine Vase fallen, und die ohnmächtig nach hinten sinkende, die Katze im Arm haltende Mutter.
Links sehen wir quasi das Ergebnis dieser dramatischen Szene, die Melone des Managers in einer Lache aus dem Inhalt der heruntergefallenen Kaffeetassen und Gebäck. Das Bild stellt die Situation weit dramatischer dar als der Text, verzichtet jedoch auf die Darstellung des gewalttätigen Vaters.
Auf der ersten Doppelseite des zweiten Teils entdeckt Gregor die Milch, eigentlich sein Lieblingsgetränk, die seine Schwester ihm in Türnähe in sein Zimmer geschoben hat, und stellt fest, dass er sie nicht mehr mag.
Das Bild zeigt ihn vor einer Schale sitzend, in der die Milch ihn reflektiert.
Von seinem Mund spritzt die Milch fontänenartig in alle Richtungen. Die Katze umstreicht die Milchschüssel, die wohl zum Schutz des Fußbodens auf Zeitungen steht, auf denen Fotos von Käferbeinen und ein Teil einer Überschrift, „Unbelievable Truth. Giant⋮" zu erkennen sind. Hier wird etwas angedeutet, was Dirk Walbrecker in seiner Version zu einem Hauptthema macht, nämlich das Sensationelle der Verwandlung, das in den Medien ausgeschlachtet wird und somit aus dem familiären Drama ein gesellschaftliches macht. Das kleine Bild unter dem Text zeigt einen Milchflaschenhalter mit leeren Milchflaschen und zwei kleine Käfer, die neben beziehungsweise auf einer Milchflasche krabbeln.
Auf der folgenden Doppelseite wird von den Versuchen der Schwester berichtet, für Gregor das richtige Essen zu finden, der inzwischen eine Vorliebe für Essensreste und nicht mehr frisches Gemüse entwickelt hat.
Neben der täglichen Versorgung mit Essen reinigt die Schwester auch Gregors Zimmer. Das Bild zeigt Gregor unter einer Couch verkrochen (und diese aufgrund seiner Größe halbseitig in die Höhe drückend), auf deren Armlehne die Katze hockt, während die Schwester im Begriff ist, einen Teller mit Essen auf Zeitungen zu stellen. Eine der in der Ecke liegenden Zeitungen trägt die Überschrift „Man is bug". Der Fußboden des Zimmers ist übersäht mit undefinierbaren Krümeln und einer Pfütze. Ob es sich um Essensreste oder Exkremente handelt, bleibt der Interpretation des Betrachters überlassen. Das Bild links stellt einen Teller mit dem im Text erwähnten Essen Gregors dar, allerdings flankiert von Messer und Gabel sowie einer Flasche Tomatenketchup, Requisiten, die vielleicht an das Menschsein Gregors erinnern sollen.
Die nächste Doppelseite beschreibt Gregors Vergnügen, an den Wänden
und der Decke herumzukrabbeln, wobei er auf seine Schwester Rücksicht nimmt und sich unter die Couch verkriecht, wenn sie ins Zimmer kommt.
Seine Eltern vermeiden seine Nähe, auch wenn sie die Arbeit der Schwester wertschätzen. Als aber eines Tages seine Mutter zusammen mit der Schwester in seinem Zimmer Ordnung macht, krabbelt Gregor in den Flur und bleibt dort an der Decke sitzen. Seine Mutter, die ihn dort entdeckt, fällt in Ohnmacht. Im selben Augenblick kehrt der Vater nach Hause zurück.
Auf dem Bild sehen wir Gregor – aus der Perspektive Gregors, denn das Bild ist um 180 Grad gedreht – neben der jugendstilartigen Deckenlampe sitzen, während über beziehungsweise unter ihm seine Mutter auf ein Sofa niederzusinken droht und die Katze mit gesträubten Haaren und angelegten Ohren Richtung Gregor blickt. Die Blumen auf einem kleinen runden Tisch hängen vollkommen welk über den Rand der Vase, abgeworfene Blütenblätter liegen um den Tisch. Die weißgrundige Flurtapete hat wieder ein Käfermuster. Das Bild unter dem Text zeigt die Vase mit den verwelkten Blumen, hier jedoch aus menschlicher Perspektive, also „richtig herum".
Auf der nächsten Seite wird beschrieben, wie der Vater Gregor mit Äpfeln attackiert, von denen sich einer wie ein Nagel in den Rückenpanzer gebohrt hat. Die wieder zu sich kommende Mutter bittet den Vater aufzuhören. Auf dem Bild sehen wir den aufgebracht schreienden Vater immer noch im Flur, der, seine Hosentaschen mit Äpfeln gefüllt, ein Bombardement von Äpfeln auf Gregor, der uns im Halbprofil (soweit sich das bei einem Käfer sagen lässt) zugewandt ist, niedergehen lässt. Unter dem Text sehen wir das Bild von der Umschlagrückseite, einen sich an einem Apfel aufreckenden kleinen Käfer.
Der dritte Teil beginnt mit dem Einzug drei bärtiger Männer in die
Wohnung der Samsas, ohne dass Gründe dafür erwähnt werden. Während sie am Esstisch speisen, isst Gregors Familie in der Küche. Eines Abends spielt die Schwester nach dem Essen Geige in ihrem Zimmer. Besorgt, dass dies die neuen Mitbewohner stören könnte, fragt der Vater, ob seine Tochter aufhören solle, aber die Männer wünschen stattdessen, dass sie im Wohnzimmer spiele. Auch Gregor steckt seinen Kopf durch die Tür, um seiner Schwester zu lauschen. Während die drei Männer schon bald zu ihren Gesprächen zurückkehren, hofft Gregor, dass die Musik nie enden möge. Die Schwester beendet jedoch ihr Spiel.
Das zugehörige Bild zeigt uns frontal drei langbärtige Männer in stark gemusterter Kleidung nebeneinander an einem Tisch vor halb leergegessenen Tellern sitzend, die gutgelaunt der Musik zuhören, trinken und essen, hinter ihnen dieselbe Käfertapete wie im Flur. Das Bild unter dem Text stellt absurderweise einen langbärtigen Käfer dar, der wie zum Gruß seinen Hut lüftet. Die Grenze zwischen Mensch und Käfer erscheint zunehmend ambivalent.
Optisch als Höhepunkt oder als Wendepunkt zeigt sich die nächste Doppelseite. Nur wenige kurze Textzeilen finden sich am oberen Rand der linken Seite. Die bärtigen Männer haben Gregor entdeckt. Gregors Vater bittet sie, den Raum zu verlassen, sie beschließen jedoch, unverzüglich auszuziehen.
Die Buchmitte teilt die Szene in zwei Hälften, getrennt vom Tisch steht
links Gregors Familie, zwischen ihnen Gregor, wobei es aussieht, als ob
der Vater ihn mit der Schürze der Mutter zu verdecken versucht. Auf der
rechten Seite flüchten die drei bärtigen Männer erschrocken Stühle um- und
Teller vom Tisch werfend, im Hintergrund steht ein mit Geschirr gefülltes
Küchenbuffet.
Die vorletzte Seite beschreibt Gregors Rückkehr in sein Zimmer, nachdem er den klagenden Wunsch seiner Eltern „if only he understood us" gehört hatte, die nicht wissen, dass Gregor sie nach wie vor versteht.
In seinem Zimmer bemerkt Gregor, dass er sich nicht mehr bewegen kann.
Aber er empfindet das als ein angenehmes Gefühl. Glücklich an seine Familie denkend und den Kopf gesenkt betrachtet er den Sonnenuntergang.
Das Bild zeigt Gregors aufgeräumtes Zimmer, auf dem gemachten Bett liegt ein zusammengelegter Schlafanzug, darauf ein Hut. Die Katze liegt zusammengerollt in der Mitte. Vor dem Bett steht ordentlich ein Paar Schuhe vom selben Modell wie auf dem Buchumschlag (siehe 2.2), auf dem Nachttisch das Foto eines Mannes, vielleicht Gregors. Das Fenster ist geöffnet und gibt den Blick auf Hausdächer frei, die Gardine vom Wind bewegt. Die schwarze Tapete mit den weißen Vignetten zeigt keine Käfer – sondern Schmetterlinge. Im Gegensatz zu den vorherigen wirkt dieses Bild durch gerade Wände und eine stimmige Perspektive ruhig und geordnet.
Erst auf den zweiten Blick erkennt man auf dem vorderen Bettpfosten einen
kleinen, von einem Strahlenkranz umgebenen Käfer, etwa von der Größe
der Käfer, die bisher auf der Textseite zu sehen waren. Unter dem Text
findet sich, im Kontrast zu der aufgeräumten rechten Seite, ein zerbrochener
Wecker, die Zeiger verbogen, die Einzelteile um ihn verstreut. Während der
kleine leuchtende Käfer verschiedene Interpretationen zulässt, zum Beispiel
eine erneute Verwandlung in einen Käfer natürlicher Größe oder aber
einen wie mit einem Heiligenschein nicht mehr von dieser Welt, aber immer
noch vorhandenen Gregor – die Schmetterlinge auf der Tapete verweisen
ebenfalls auf eine Verwandlung – , lässt der in Einzelteile zersprungene
Wecker die Deutung zu, dass Gregors Zeit abgelaufen ist.
Das Ende erzählt davon, dass Gregors Familie am nächsten Morgen feststellt, dass er sich nicht mehr bewegt. Seine Schwester bemerkt, dass er sehr dünn geworden sei, da er schon eine Weile nicht gegessen habe. Die drei verlassen darauf das Haus, um nach Monaten wieder einmal in einem Park vor der Stadt spazieren zu gehen. Im Zug dorthin beschließen sie, sich eine neue Wohnung zu suchen. Die Erzählung endet mit der Aussage, dass ihre Tochter nun zu einer schönen jungen Frau herangewachsen sei. Für diese fühlte es sich in der warmen Sonne so an, als ob ihrer aller Träume wahr werden würden.
Auf dem Bild spazieren Gregors Eltern mit seiner Schwester in der Mitte Hand in Hand auf einem Weg durch die Natur, in der Sonne starke Schatten werfend. Ihre Gesichter wirken gelöst und zufrieden, genauso wie die Körperhaltung der Katze, die mit hoch erhobenem Schwanz der Familie folgt. Von Gregor fehlt jede Spur. Und auch das Bildelement auf der Seite mit dem Text fehlt, ebenfalls verdeutlichend, dass Gregor ist nicht mehr da.
3.3 „Josefine the Singer or, The Mouse People“
„Josefine the Singer or, The Mouse People" ist die Geschichte einer Maus, die
sich für eine große Sängerin hält, erzählt aus der Perspektive eines „wir",
welches sich als die Menge der Mäuse herausstellt. Dieses „wir" bezweifelt
von Beginn an die Qualität des Singens, das sich kaum von dem Pfeifen
aller übrigen Mäuse unterscheide. Singen kann Josefine nur im Stehen, sich
damit über die anderen Mäuse erhebend. Trotzdem finden sich alle Mäuse
ein, um Josefine zuzuhören, gerade auch, wenn es am gefährlichsten ist,
denn dann singe sie am besten. Das „wir" berichtet weiter, dass Josefine der
Überzeugung sei, dass sie die anderen Mäuse durch ihr Singen beschütze, wohingegen das „wir" behauptet, dass sie es seien, die Josefine beschützten.
Eines Tages verletzt sich Josefine und verliert ihre Fähigkeit zu singen. Die Mäuse bitten sie, es zu versuchen, aber Josefine verschwindet spurlos.
Die Bilder dieser Erzählung unterscheiden sich von den zwei vorhergehenden dadurch, dass sie weit weniger abstrahiert sind. Vielmehr erinnert die Darstellung der teils aufrechtstehenden, teils sich mäusegerecht auf allen Vieren fortbewegenden Mäuse an herkömmliche Illustrationen in Bilderbüchern. Auch die Umgebung der Mäuse, ein Kornfeld und die Vögel auf einem Ast und in der Luft sind fast naturalistisch dargestellt.
Abstrakte, geometrische Muster finden sich nicht. Anders als bei den zwei
vorhergehenden Geschichten ist der Text zwar noch in Strophenform, aber
er nimmt fast die gesamte Breite der Einzelseiten ein, so dass es wie ein in
kurze Absätze unterteilter Fließtext wirkt. Wörtliche Rede gibt es in dieser
Erzählung nicht, die Erzählperspektive beschränkt sich ausschließlich auf
das „wir". Auf der letzten Seite sitzt die Maus Josefine allein im Kornfeld,
eine Träne an ihrem Auge. Auch hier können wir eine Diskrepanz zwischen
Text und Bild feststellen. Während der Text aus Sicht der anderen Mäuse
über das Verschwinden von Josefine berichtet, sieht der Betrachter Josefine
vor sich. Die Spur Josefines ist also nur für die anderen nicht auffindbar,
dem Betrachter wird jedoch ihr Dilemma deutlich, dass sie glaubt, ohne
Singen nicht zu ihrem Mäusevolk zurückkehren zu können, obwohl sie allein
kaum überleben kann. Die auf den ersten Blick verniedlichte Darstellung
der weinenden Maus lässt in Wechselwirkung mit dem Text neue
Deutungsmöglichkeiten zu. Womöglich wartet Josefine nur darauf, wieder
zurückgeholt zu werden.
4. Schlussbetrachtung
Mit Verweis auf die großen Klassiker der Kinderliteratur wie Swifts Gullivers Reisen (1726), Carolls Alice im Wunderland (1865), Collodis Pinocchio (1883) und die vielen Bilderbuchpublikationen, die Anleihen beim Surrealismus machen, schreibt Jens Thiele unter Bezugnahme auf Jean Piagets magisches Denkens des Kindes, dass „Kinderliteratur voll von Motiven des Realitätsbruchs, der Verfremdung und der Absurdität"
sei (Thiele 2003: 32).
10Herkömmliche Bilderbücher, in denen es „Momente des Ungewöhnlichen" oder des „Außeralltäglichen" gibt, folgen oft einer einheitlichen Struktur. Die Geschichte beginnt mit einer „normalen", alltäglichen Situation, es kommt darauffolgend zu Schwierigkeiten, wodurch die Geschichte ins Ungewöhnliche abdriftet, um am Ende zu einer Auflösung und der Wiederherstellung einer leicht veränderten Normalität und Alltäglichkeit zurückzukehren (Thiele 2003: 41).
Das anfangs erwähnte Bilderbuch Beetle Boy beginnt zwar auch mit der Verwandlung und somit mit dem Außeralltäglichen, endet aber diesem Schema entsprechend. Matthue Roth hingegen belässt die Struktur der ausgewählten Erzählungen Kafkas in ihrer Form. Sie beginnen alle mit einer außergewöhnlichen Situation: Ein Mädchen steht verloren in den Bergen und beklagt seine Einsamkeit. Gregor wacht als Käfer auf. Eine
10 Heinrich Kaulen verweist jedoch darauf, dass schon seit den 1960er Jahren Kinder- und Jugendbücher erschienen sind, die das „Phantastische" als „Bestandteil der Alltagsrealität", „das Naheliegende und Selbstverständliche als einen Ort irritierender Rätsel, die zum Fragen Grübeln und Weiterdenken anregen" und darüber hinaus in dieser Alltäglichkeit „Bilder eines möglichen Anderssein" zeigen. Kaulen nennt dies einen „von Kafka inspirierten Kinderblick" (2005: 74). Die Zielgruppe, auf die sich Kaulen bezieht, ist meines Erachtens jedoch in einem etwas höheren Alter als die, der man magisches Denken unterstellt.
Maus, die nicht richtig singen kann, hält sich für eine große Sängerin und übt eine nicht erklärbare Faszination auf ihre Zuhörer aus. Und auch am Ende der Erzählungen kann nicht von einer (Wieder-) Herstellung des Alltäglichen gesprochen werden. Es gibt zwar eine Art Lösung, doch sie hinterlässt beim Leser zumindest leichte Beklemmungen, auch ist diese Lösung nicht eindeutig: Es ist zweifelhaft, ob eine Gruppe von „Niemanden"
der Hauptperson tatsächlich gute Gesellschaft leisten, auch wenn der Text sich hier weit positiver positioniert als die Illustration. Das Schicksal Gregors mag umso mehr verstören, weil zwar auch Familien in Bilderbüchern schon lange keine Bilderbuchfamilien mehr sind, aber Gregors Familie erst durch sein Verschwinden handlungsfähig wird und optimistisch in die Zukunft schauen kann, wie sowohl der Text als auch das letzte Bild der nun dreiköpfigen Familie zeigen. Und auch Josefines Verschwinden, nachdem sie nicht mehr singen kann, endet wenig hoffnungsvoll.
Das Ende dieser Geschichten ist sicherlich nicht typisch für Bilderbücher, und es wirkt besonders schockierend, weil die Leserin mit den Protagonisten sympathisiert. Easons Bilder, die bis zu Gregors Verschwinden dicht an der Käferperspektive konzipiert sind – besonders deutlich als Gregor an der Decke krabbelt und das Zimmer und die hereintretende Schwester auf dem Kopf stehend erscheinen – fördern diese Parteinahme.
Kafkas Erzählungen verlieren bei Roth und Eason trotz der Kürze nicht
ihre Bedrohlichkeit. Selbst der Tod, in vielen Fällen in Kinderliteratur
tabuisiert und bei der Transformation in Bilderbücher „purifiziert" (Zöhrer
2008: 120), wird zwar nicht explizit erwähnt, schon gar nicht wird Gregor
wie im Ausgangstext aus dem Zimmer gekehrt, aber auch jüngeren Lesern
wird deutlich, was mit Gregor geschehen sein kann und dass seine Familie
offensichtlich ohne ihn glücklicher zu sein scheint.
Zwar ließe sich argumentieren, dass durch die Käfer- oder Mausgestalt eine Distanzierung von der Hauptfigur einfacher möglich sei (Jane Doonan in Thiele 2003: 145), aber dies trifft vermutlich für Kinderliteratur noch weit weniger als für Erwachsenenliteratur zu, denn Kinderliteratur ist von unzähligen tierischen Protagonisten bevölkert; Mäuse gehören vermutlich zu den am häufigsten in Bilderbüchern auftretenden Tieren (Pauli & Schärer 2015), aber auch Insekten wie die Biene Maja (Waldemar Bonsels, 1912) und die Kleine Raupe Nimmersatt (Eric Carle, 1969) sind nicht selten und stellen kaum Hindernisse zur Identifikation dar.
Besonders durch die schon angesprochene Diskrepanz zwischen Text und Bild gegen Ende der Erzählungen, nachdem Text und Bild zuvor überwiegend parallel verlaufen sind, und im Falle von „The Metamorphoses"
durch die amplifizierenden Bilder (Zöhrer 2010: 143-145), also den kleinen Bildelementen auf den Textseiten, die mal den Text, mal das Bild pointiert zu kommentieren scheinen und mal eine eigene Interpretation oder sogar eine eigene Nebenhandlung vermuten lassen, entsteht eine Wechselwirkung oder eine zusätzliche Ebene. Diese liefert weitere mögliche Zugänge zum Geschehen, so dass trotz der starken Komprimierung die wichtigsten Züge von Kafkas Ausgangstext bestehen bleiben, ohne ihn nur zu kopieren. Das kommt einer Rettung des sprachlich durchaus ansprechenden, aber eben sehr verkürzten Texts durch die Bebilderung gleich (vgl. Neuhaus 2007:
143). Auch wenn die Bilder bisweilen von komplexerer Ausdruckskraft sind,
könnte man mit Thiele (2012: 224) von einer „produktive[n] Korrespondenz
beider Erzählschichten" sprechen.
Literatur
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David, Lawrence (Text) & Delphine Durand (Illustration) (2000): Der Käferjunge.
Wolfram Sadowski (Übersetzung). München: Middelhauve.
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Kafka, Franz(2016a): Der Storch im Zimmer – Kafka für Kinder. Mit Bildern von Hanna Koch. Düsseldorf: onomato Verlag.
Kafka, Franz(2016b): Vor dem Gesetz – Kafka für Kinder. Mit Bildern von Hanna Koch. Düsseldorf: onomato Verlag.
Kafka, Franz(2017): Drei Erzählungen – Kafka für Kinder. Mit Bildern von Hanna Koch. Düsseldorf: onomato Verlag.
Kafka, Franz(2018): Kafka für Kinder und Erwachsene. lllustriert von Hanna Koch.
Düsseldorf: onomato Verlag.
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