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Phänomenologie des Nichtwissens im Kontext der Familienbildung durch donogene Insemination

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Phänomenologie des Nichtwissens im Kontext der Familienbildung durch donogene Insemination

Tobias BAUER

At its outset, artificial insemination with donor sperm (AID) relied on secrecy concerning donor conception and on the anonymity of the donor to protect all involved parties from legal, psychological, and societal difficulties. However, the further development of the practice of AID has shown a growing trend toward openness that has been reinforced by the ongoing debate on the right of a child to know his/her genetic parentage, by the challenges to donor anonymity by new means of readily available DNA testing and donor sibling registries, and by a weakening of the social stigma of AID. This trend is also reflected in the legislative practice of a growing number of countries. This article focuses on the various forms and dynamics of ignorance underlying these developments in AID. It aims to develop a phenomenology of ignorance that could serve as a heuristic lens for future in-depth analyses of the ethical and sociological implications of ignorance and its unmaking in the context of AID.

要旨(Abstract)

キーワード(Keywords): Nichtwissen (ignorance), donogene Insemination DI (artificial insemination by donor AID), Anonymität (anonymity), Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung (right to know one's origin)

1. Einleitung: Nichtwissen als heuristische Linse

Die Auseinandersetzung mit Fragen des „Nichtwissens“ blickt auf eine lange Geschichte zurück. Dies zeigen Aphorismen wie etwa die in Platons Apologie (21d) beschriebene und gemeinhin als „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ wiedergegebene sokratische Erörterung des Nichtwissens. Im 20. Jahrhundert lassen sich in einer Vielzahl unterschiedlichster akademischer Disziplinen zunehmend Versuche beobachten, Nichtwissen zu konzeptualisieren und für neuen Erkenntnisgewinn fruchtbar zu machen. So werden auch gegenwärtig in einer Reihe von Forschungsbereichen nicht nur terminologische, taxonomische und theoretische Überlegungen zum Nichtwissen diskutiert,i sondern auch Möglichkeiten, diese Reflexionen in praktische Anwendung im Rahmen theoretischer oder empirischer Forschung zu überführen.ii Einhergehend mit dieser zunehmenden Beachtung, die das Nichtwissen in vielen Einzeldisziplinen erfährt, zeigen sich Bestrebungen, eine disziplinübergreifende, eigenständige Wissenschaft des Nichtwissens, im englischen Sprachraum mit dem Stichwort ignorance studies bezeichnet, zu etablieren.iii

Der Themenbereich der Familienbildung durch donogene Insemination (DI) stellt einen der aktuellen medizinethischen Diskurse dar, der traditionell in maßgeblicher Weise durch Anonymität, Geheimhaltung sowie durch spezifische Wissens- und Nichtwissenskonstellationen bei den beteiligten Akteuren geprägt ist und somit für eine produktive Betrachtung aus der Perspektive des Nichtwissens prädestiniert erscheint.iv Die seit den Anfängen der DI vorherrschende Praxis der Anonymität des Samenspenders in Verbindung mit der Verheimlichung der Umstände der Entstehungsweise gegenüber dem Kind und dem sozialen Umfeld wird im

【論文】

A phenomenology of ignorance in the context of family-building

through artifical insemination by donor

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späten 20. Jahrhundert mehr und mehr in Frage gestellt. Zunehmende Anerkennung eines Rechts des Kindes auf Kenntnis seiner genetischen Abstammung, Enttabuisierung männlicher Infertilität und der Inanspruchnahme künstlicher Fortpflanzungstechniken sowie Förderung einer frühen Aufklärung des durch Samenspende entstandenen Kindes über seine Entstehungsweise lösen zusammen mit neu gegebenen Möglichkeiten von DNA-Tests und internetgestützten Datenbanken zur Suche nach dem genetischen Vater oder Halbgeschwistern Verschiebungsdynamiken in den bisherigen Praktiken des Nichtwissens aus. Während in manchen Ländern im Zuge dieser Entwicklungen legislative Einschränkungen der Praxis der anonymen Samenspende durch die Einführung von obligatorischen Spenderregistern vorgenommen werden, erlaubt die Rechtslage anderer Länder ausschließlich anonyme Samenspenden, oder gesteht den Eltern de facto eine Auswahlmöglichkeit zwischen identifizierbaren oder anonymen Spendern zu.v Weiterhin eröffnen Möglichkeiten des sog. „Fertilitätstourismus“

oder die Vermittlung privater Samenspenden per Internet neue Optionen für potentielle Eltern auch hinsichtlich der Anonymität von Samenspendern unter Umgehung gesetzlicher Regelungen, sodass die Thematik des Nichtwissens nach wie vor von zentraler Bedeutung für den Diskurs um die DI ist.

Ergebnisse bisheriger Annäherungsversuche an die Thematik der DI aus der Perspektive des Nichtwissens bestätigen den Aussichtsreichtum weitergehender Untersuchungen. So nutzt beispielsweise Wehling (2015b) die Perspektive des Nichtwissens, um die der zunehmenden Kritik an den Praktiken der Anonymisierung im Kontext der DI und an Formen der anonymen Kindesabgabe zugrundeliegenden Mechanismen herauszuarbeiten und kritisch zu hinterfragen. Funcke (2013) bedient sich eines theoretischen Konzepts des Nichtwissens, um eine detaillierte Fallanalyse der DI aus der Perspektive der sog. „Spenderkinder“ zu unternehmen und dabei die Folgen der Aufklärung des Kindes über die Art der Zeugung und die daraufhin angewandten Bewältigungsstrategien im Umgang mit Nichtwissen in Form der Spenderanonymität aufzuzeigen.

Ausgehend von der Annahme, dass eine Betrachtung gegenwärtiger Dynamiken der DI mit Hilfe der heuristischen Linse des Nichtwissen in hohem Maße geeignet ist, deren soziologische, psychologische und ethische Implikationen herauszuarbeiten, versucht der vorliegende Artikel, Möglichkeiten der Anwendung von Nichtwissen auf den Diskurs um die Praxis der DI weiter auszuloten. Zu diesem Zweck soll im Folgenden – unter Berücksichtigung bereits bestehender Taxonomien und Konzeptionen von Nichtwissen – zunächst ein alle im Kontext der DI relevanten Varianten des Nichtwissens adäquat erfassendes Modell vorgeschlagen werden (Abschnitt 2), welches im Anschluss in der Anwendung auf ein konkretes historisches Szenario der DI, die Frühgeschichte der DI in den USA, verifiziert werden soll (Abschnitt 3). Abschließend soll skizziert werden, welche weiterführenden Perspektiven sich aus den mittels dieses Modells gewonnenen deskriptiv-analytischen Erkenntnissen für gegenwärtige Forschungsfragen ergeben (Abschnitt 4). Der vorliegende Aufsatz versteht sich somit als ein präliminärer Schritt zu tiefergehenden Auseinandersetzungen mit soziologischen, psychologischen und ethischen Aspekten der DI, in denen auf Grundlage der hier zu entwickelnden Phänomenologie des Nichtwissens – im Sinne einer Identifizierung und Unterscheidung von Grundformen des Nichtwissens – Aspekte der Anonymität, Geheimhaltung und des Nichtwissens nuanciert erfasst und aus neuem Blickwinkel interpretiert werden können.

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2. Skizze eines Modells des Nichtwissens zur Analyse der Familienbildung durch DI

Unter der Vielzahl der in den unterschiedlichsten Wissenschaftsbereichen vorgeschlagenen Konzeptualisierungen von Nichtwissen, erscheinen für eine Analyse der Familienbildung durch DI besonders solche soziologischer Provenienz vielversprechend. Insbesondere die Arbeiten des Frankfurter Soziologen Peter Wehling, der in seinem Hauptwerk Im Schatten des Wissens? – Perspektiven der Soziologie des Nichtwissens (2006) „Grundlagen und Forschungsperspektiven einer eigenständigen Soziologie des Nichtwissens“ (Buchrücken) skizziert, stellen die Basis der folgenden Überlegungen dar, wobei der Ansatz Wehlings jedoch, den spezifischen Erfordernissen des intendierten Forschungsgegenstandes „Familienbildung durch DI“ Rechnung tragend, modifiziert werden muss.

Zunächst schließt sich der vorliegende Aufsatz Wehlings begrifflich-theoretischen Überlegungen zum Nichtwissen an. Nach Wehling lassen sich zwei Phasen der soziologischen Auseinandersetzung mit Fragen des Nichtwissens unterscheiden, von denen die erste, um die Mitte des 20. Jahrhunderts einsetzende Phase, im Rückgriff auf Simmel und Merton durch die Betonung positiver, funktionaler Aspekte des Nichtwissens geprägt gewesen sei. Diese Zugangsweise werde etwa von Moore/Tumin (1949) prägnant repräsentiert. Eines der wichtigsten Charakteristika einer zweiten, in den späten 1970er Jahren einsetzenden Phase sei jedoch, wie Wehling unter Verweis auf Smithson (1985) darlegt, ein veränderter Blick auf Nichtwissen, welches nun „nicht mehr einfach als homogener Gegenpol zum Wissen aufgefasst, sondern ausdrücklich als vielschichtiges, in sich differenziertes Phänomen begriffen“ (Wehling (2008), S. 20) werde. Aus dieser neueren Perspektive resultiere einerseits eine Abkehr von traditionellen philosophisch-erkenntnistheoretischen Wissensbegriffen (Wehling (2006), S. 110-115), andererseits eröffne sie Möglichkeiten – aber auch die Notwendigkeit –, Modelle zur Klassifizierung und Differenzierung des Nichtwissens zu entwickeln.

Die grundlegenden Anforderungen an ein für die Erfassung verschiedener Formen von Nichtwissen im Kontext der Familienbildung durch DI brauchbares Modell lassen sich durch eine Reflexion über die unterschiedlichen Konstellationen und Dynamiken des Nichtwissens in diesem Bereich umreißen. Dabei sollen im Folgenden vier Aspekte vorgeschlagen werden, nach denen Nichtwissen im Kontext der DI klassifiziert werden kann: Stabilität, Wissen, Manifestation und Intentionalität.vi In dem von Wehling vorgeschlagenen Modell (Wehling (2006), S. 116-146) sind von diesen vier Aspekten bereits die drei des „(Nicht-)Wissen(s)“ (S. 117), der „Intentionalität“

(S. 127) und der „zeitliche(n) Stabilität“ (S. 132) integriert. Bezüglich des Aspekts der Manifestation des Nichtwissens, entweder als Wissen oder als Nichtwissen, welches in Wehlings Modell keine Berücksichtigung findet, soll auf ein von Wilkesmann (2019) zum Zwecke der Analyse medizinischen Nichtwissens entwickeltes Modell zurückgegriffen werden. Dieses postuliert in Anlehnung an Kerwins (1993) Auflistung der „Länder des Nichtwissens“ (S. 179) und Bammer et al. (2009) die Relevanz des Aspekts der Manifestation, wodurch sich eine zusätzliche Dimension des „bekannten Wissens als scheinbares Nichtwissen (known knowns)“ (Wilkesmann (2019), S. 22) eröffnet. Für das hier zu skizzierende Modell des Nichtwissens werden somit die folgenden vier Aspekte – in der Terminologie Wehlings „Unterscheidungsdimensionen“ (Wehling (2006), S. 116) – als maßgeblich vorgeschlagen:

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1) Ein wesentlicher, für familiensoziologische, psychologische oder ethische Auseinandersetzungen mit der Familienbildung durch DI relevanter Aspekt ist die Klassifizierung von Nichtwissen hinsichtlich seiner zeitlichen Stabilität. Nichtwissen kann entweder in Form eines absoluten, auch in Zukunft anhaltenden Nicht-Wissen-Könnens auftreten, wie etwa das Nichtwissen der Spenderidentität im Falle einer strikt anonymen Samenspende, oder aber in Form eines lediglich temporären Noch-Nicht-Wissens, wenn etwa dem Kind die in einem Spenderregister hinterlegte Identität des Samenspenders bei Erreichen eines bestimmten Alters zugänglich gemacht werden soll. Wehling weist darüber hinaus auf Fälle hin, in denen es schwierig sein könne, vorab zu antizipieren, ob Nichtwissen zukünftig in Wissen überführt werden kann, und falls ja, in welchem zeitlichen Rahmen. Weiterhin stellen nach Wehling die beiden Extrempole der zeitlichen Stabilität – in der Terminologie von Faber/Proops (1993) als „reducible ignorance“ (S. 116ff.) und „irreducible ignorance“ (S. 118f.) bezeichnet –, lediglich idealtypische Konstrukte dar, die auch Zwischenformen – von Faber/Proops (1993) als „uncertain ignorance“ (S.

124ff.) beschrieben – zuließen. Bei diesen Zwischenformen sei es zunächst ungewiss, „ob, wann, in welchem Umfang und unter welchen Bedingungen Nichtwissen in Wissen umgewandelt werden kann, und letztlich könne dies nur ex post beurteilt werden“ (Wehling (2006), S. 133). Die hier beschriebene Zwischenform könnte etwa die Situation eines Spenderkindes auf der Suche nach seinem anonymen genetischen Vater beschreiben, in der der Erfolg der Suche u.U. nur schwer prognostizierbar sein kann.

2) Ein weiterer notwendiger Klassifizierungsaspekt betrifft die Frage des Bewusstseins über die Tatsache des Nichtwissens, d.h. die Frage des Wissens des Nichtwissens, um etwa Wissensgefälle zwischen den beteiligten Akteuren aufzeigbar zu machen. Während beispielsweise Eltern, die die Tatsache der Zeugung durch anonyme Samenspende ihrem Kind gegenüber verheimlichen, explizit von ihrem Nichtwissen der Spenderidentität wissen, bleibt dem Kind selbst das Wissen dieses Nichtwissens vorenthalten, welchem somit der Status eines ungewussten Nichtwissens zukommt. Auch hier hebt Wehling die Bedeutung von Zwischenformen hervor, die sich zwischen den Polen des explizit gewussten und erkannten Nichtwissens („ich weiß genau, was ich nicht weiß“, known unknowns) einerseits und des ungewussten oder unerkannten Nichtwissens („ich weiß nicht, was ich nicht weiß“, unknown unknowns) andererseits bewegen können. Derartige Formen des Vermuteten oder Befürchteten, des nicht genau Bestimmbaren, sind auch im Kontext der DI relevant, wenn etwa ein Spenderkind die Nichtkenntnis seines genetischen Vaters, d.h. die fehlende genetische Verbindung zu seinem sozialen Vater zunächst ahnt, und dieser Verdacht dann zu Bestrebungen führt, das Nichtwissen als solches offenzulegen und anschließend – beispielsweise mit Hilfe eines DNA-Tests – in explizit gewusstes Nichtwissen bzgl.

der eigenen genetischen Abstammung zu überführen. Ein idealtypisches ungewusstes Nichtwissen hingegen kann lediglich retrospektiv oder aus einer Beobachterperspektive als solches erkannt werden.

3) Weiterhin muss eine Klassifizierung des Nichtwissens der Tatsache Rechnung tragen können, dass sich Nichtwissen sowohl als – wie eben beschrieben – (bekanntes oder unbekanntes) Nichtwissen, als auch in Form von bekanntem, aber nicht zur Anwendung gebrachtem Wissen (known knowns) manifestieren kann. Als Beispiel hierfür lässt sich die Tabuisierung oder Verdrängung von Wissensinhalten anführen, wie beispielsweise die der Tatsache der Zeugung durch DI seitens der Eltern oder im Familienkreis,

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etwa in Form von Familiengeheimnissen. Wilkesmann (2019) spricht bezüglich dieser Form des Nichtwissens von „scheinbare(m) Nichtwissen“ (S. 23-26). Gerade dieses Nichtwissen als bekanntes Wissen (known knowns) in Form von individuell oder kollektiv auferlegten Tabus oder von Verdrängungsmechanismen berührt wichtige Punkte im soziologischen und ethischen Diskurs um die DI. Demgegenüber scheint allerdings Nichtwissen in Form eines unbekannten Wissens (unknown knowns), also eines intuitiv verankerten, unbewussten Wissens, im Kontext der DI weit weniger relevant zu sein, auch wenn die Einführung des Aspekts der Manifestation es ermöglicht, auch diese Dimension aufzuspannen.

4) Besondere Bedeutung kommt schließlich dem Aspekt der Intentionalität des Nichtwissens zu, d.h. dem Grad, in dem Nichtwissen auf das Handeln oder Unterlassen der beteiligten Akteure zurückzuführen ist. So kann etwa die Anonymität des Samenspenders in Ländern, in denen diese obligatorisch ist, für die Eltern des durch DI gezeugten Kindes mangels Handlungsalternativen eine unbeabsichtigte, unvermeidbare Form des Nichtwissens darstellen, oder aber, in Kontexten, in denen den Eltern eine Auswahlmöglichkeit zwischen anonymen und identifizierbaren Spendern gegeben ist, das Ergebnis einer bewussten Entscheidung des Nicht-Wissen-Wollens sein. Die Besonderheit des Aspekts der Intentionalität des Nichtwissens liegt darin, dass diese sowohl auf ein eigenes Nichtwissen (Nicht- Wissen-Wollen) abzielen kann, als auch bestrebt sein kann, andere Akteure unwissend zu lassen (Nicht-Wissen-Lassen-Wollen) – eine Differenzierung von hoher Relevanz für das Thema der DI.

Auch bezüglich der Intentionalität des Nichtwissens lässt sich ein Spektrum möglicher Abstufungen und Variationen denken, wie beispielsweise ein intendierter Wissensverzicht aufgrund einer wohlüberlegten Kosten-Nutzen-Rechnung, eine billigende Inkaufnahme von Nichtwissen, oder Arten von Gleichgültigkeit oder mangelnder Aufmerksamkeit. So scheinen etwa Szenarien denkbar, in denen bei der elterlichen Entscheidung zwischen einem anonymen oder identifizierbaren Spender Reflexionen über die mit diesem (Nicht-)Wissen verbundenen zukünftigen Konsequenzen durch pragmatische Faktoren wie zeitliche oder monetäre Vorteile der jeweiligen Optionen überlagert werden. Wie der Diskurs um die DI jedoch zeigt, berühren aber gerade explizite Erwartungen an eufunktionale Effekte des bewusst gewählten bzw. Dritten auferlegten Nichtwissens und die dazu ergriffenen Maßnahmen der Verdrängung und Geheimhaltung Kernpunkte der ethischen und soziologischen Fragen der DI.

Das hier vorgeschlagene Modell des Nichtwissens lässt sich somit wie in Abbildung 1 dargestellt zusammenfassen, wobei in allen vier Aspekten des Nichtwissens wie oben beschrieben nicht nur die auf beiden Seiten des jeweiligen Spektrums skizzierten idealtypischen Formen, sondern auch die dazwischenliegenden Abstufungen und Zwischenformen für die praktische Anwendung dieses Modells bei der Analyse der Familienbildung durch DI bedeutsam sind. Weiterhin ist mit Wehling die „Mehrdimensionalität von Nichtwissens- Phänomenen“ (Wehling (2006), S. 146) festzuhalten. Dies bedeutet, dass sich einzelne, in den verschiedenen Szenarien der Familienbildung durch DI beobachtbare Formen des Nichtwissens mit einer Kombination von mehreren dieser Aspekte beschreiben lassen (Abbildung 1).

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stabil ← Stabilität → instabil

gewusst ← Wissen → ungewusst

als Wissen ← Manifestation → als Nichtwissen

beabsichtigt ← Intentionalität → unbeabsichtigt

Abbildung 1: Klassifizierungsaspekte einer Phänomenologie des Nichtwissens

Abbildung 2 bietet eine alternative Darstellung des vorgeschlagenen Modells, bei der in Anlehnung an die von Wilkesmann (2010, 2019), Bammer et al. (2009) und Kerwin (1993) vorgelegten Konzeptualisierungen eine aus den Aspekten Wissen und Manifestation gebildete vierdimensionale Matrix im Zentrum steht, deren Nichtwissensformen durch die ober- und unterhalb davon dargestellten Aspekte Stabilität und Intentionalität weiter spezifiziert werden können. Alternative Terminologien zur Beschreibungen der Nichtswissensformen und Endpole der Klassifizierungsaspekte sind unter Zuhilfenahme der Modelle von Wilkesmann (2010, 2019) und Kerwin (1993, S. 178-182) in dieser Abbildung hinzugefügt.

stabil, dauerhaft

(Nicht-Wissen-Können) ← Stabilität → instabil, temporär

(Noch-Nicht-Wissen)

← Manifestation →

Wissen Nichtwissen

Wissen↑

explizit gewusst, bekannt

(nicht zur Anwendung gebrachtes) bekanntes Wissen

als scheinbares Nichtwissen (known knowns, Fehler,Tabus,Verdrängung)

bekanntes Nichtwissen (known unknowns, conscious ignorance)

ungewusst, unbekannt

unbekanntes Wissen (unknown knowns,

tacit knowledge)

unbekanntes Nichtwissen (unknown unknowns,

meta-ignorance) bewusst, gewollt, beabsichtigt

(Nicht-Wissen-(Lassen-)Wollen) ← Intentionalität → unvermeidbar, ungewollt, unbeabsichtigt (Nicht-Wissen-Können) Abbildung 2: alternative Darstellung des Modells einer Phänomenologie des Nichtwissens

Das hier entwickelte Modell der Klassifizierungsaspekte des Nichtwissens erhebt damit den Anspruch, die im Kontext der DI auftretenden Formen des Nichtwissens im Sinne einer umfassenden Phänomenologie des Nichtwissens zu erfassen und in terminologisch adäquater Form beschreibbar zu machen – ein Anspruch, der im Folgenden nun zu überprüfen ist.vii

3. Formen des Nichtwissens in der Frühgeschichte der DI in den USA

Im Folgenden soll eine der wirkmächtigsten Abhandlungen im frühen Diskurs um die Frage, nach welchen Organisationsprinzipien die DI in medizinisch angemessener, rechtlich abgesicherter und gesellschaftlich wie

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moralisch vertretbarer Form als medizinische Praxis etabliert werden könne, hinsichtlich der darin vorgeschlagenen Praktiken des Nichtwissens analysiert werden.viii In ihrem 1936 im Journal of the American Medical Association erschienenen Artikel legen die Autoren, die Gynäkologin Frances Seymour und ihr Ehemann, der Arzt und Jurist Alfred Koerner, konkrete Vorschläge solcher Grundsätze der DI vor, die im Wesentlichen auf einer strikten Geheimhaltung und auf dem Prinzip der Anonymität basieren. Dieser auf Geheimhaltung abzielende Ansatz ist nicht weiter verwunderlich, wenn man in Rechnung stellt, dass bereits die aus der Tierzucht übernommene und auf den Menschen übertragene Technik der homologen Insemination durch gesellschaftliche Ablehnung und Tabuisierung, sowie durch ethische und juristische Unsicherheiten geprägt war.ix Seymour und Koerner analysieren in ihrem Artikel die einzelnen konkreten Hindernisse und potentiellen Gefahren für alle beteiligten Akteure, insbesondere diejenigen juristischer Natur, und begegnen diesen mit Handlungsanweisungen für eine auf Geheimhaltung und Anonymität basierende DI, welche in ihren Grundgedanken die internationale Praxis der DI bis in die heutige Zeit bestimmt hat. In der folgenden Analyse sollen nun zunächst die sich aus den von Seymour/Koerner (1936) vorgeschlagenen organisatorischen Maßnahmen ergebenden Formen des Nichtwissens betrachtet und anhand des oben (Abschnitt 2) skizzierten Modells klassifiziert werden. Im Anschluss sollen einige Beiträge der Folgezeit betrachtet werden, die sich auf Seymour/Koerner (1936) beziehen und dabei durch die Modifikation einzelner Organisationsprinzipien neue Varianten von Nichtwissen einzuführen versuchen.

In den Vorschlägen Seymours und Koerners zur konkreten organisatorischen Ausgestaltung einer DI ist es der behandelnde Arzt, der alle notwendigen Schritte umsichtig koordiniert. Seine zentrale Stellung ist durch einen erheblichen Wissensvorteil (und damit durch eine ausgeprägte Machtposition) gegenüber den anderen Beteiligten gekennzeichnet, während der langfristige Erfolg des Verfahrens als in hohem Maße von einem (partiellen) Nichtwissen der anderen Beteiligten abhängig erachtet wird.

In der ersten Empfehlung der Autoren zur schriftlichen Fixierung der Einwilligung in die Behandlung durch beide Ehepartner zeigt sich jedoch zunächst ein durchaus ambivalentes Nebeneinander von Wissen und Nichtwissen.

Seymour und Koerner schlagen eine konkrete Formulierung für eine schriftliche Einverständniserklärung zur DI durch beide Ehepartner auf ein und demselben Formblatt (S. 1532) in zweifacher Ausführung vor. Diese Einverständniserklärungen zur Dokumentation des informed consent der Eltern sollen nicht nur mit deren Unterschriften, sondern auch mit Fingerabdrücken versehen, notariell beglaubigt und in zwei verschiedenen Bankschließfächern getrennt aufbewahrt werden. Die Autoren regen an, der behandelnde Arzt solle beizeiten seinen Nachfolger über die Standorte der Einverständniserklärungen informieren, um die fortgesetzte Zugänglichkeit der Dokumente zu gewährleisten. Als hypothetische Konfliktszenarien, in denen das Vorliegen eines solchen Schriftstücks rechtliche Anfechtungen der DI zurückweisen könnte, nennen die Autoren u.a. die Möglichkeit einer Ehescheidung auf Betreiben des Ehemannes, der diese durch Hinweis auf seine Sterilität und eine somit nicht bestehende Vaterschaft zum Kinde gerichtlich leicht durchsetzen könne. Andererseits könnten ohne diese schriftliche Fixierung etwa die Ehefrau oder der Ehemann vor Gericht gegen den behandelnden Arzt im Nachhinein geltend machen, nicht von dem heterologen Charakter der Insemination gewusst zu haben. Eine DI, bei der einer der Ehepartner im Nichtwissen um deren heterologen Charakter gelassen wird, soll durch das

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schriftliche Festhalten ausgeschlossen werden.x

Zum Status des (Nicht-)Wissens um diese Dokumente äußern sich die Autoren ambivalent. Einerseits betonen die Autoren hier deren intendierten präventiven Charakter. Die Ehepartner sollen allein durch das Wissen um die Existenz der Einverständniserklärungen von etwaigen rechtlichen Schritten und damit auch von der Offenbarung der Tatsache der DI gegenüber der Öffentlichkeit abgehalten werden. Explizites, schriftlich fixiertes Wissen wirkt so als Garant des Nichtwissens des Umfelds, wobei die in diesem Verfahren geforderte Offenheit der Ehepartner untereinander einen starken Kontrast zu dem Prinzip der absoluten Geheimhaltung gegenüber Kind und Umfeld bildet. Das Wissen um die Einverständniserklärungen wirke als eine „psychische Bindung“ (a.a.O.), mit anderen Worten als ein explizit gewusstes Wissen im Hinterkopf der Eltern, die eigene Entscheidung zur DI nachträglich nicht anfechten zu können. Dieses Wissen manifestiertxi sich somit als ein scheinbares Nichtwissen, als ein bekanntes, latentes Wissen (known knowns), das zeitliche Stabilität aufweisen soll, allerdings nicht zur Anwendung gebracht wird. Andererseits betonen die Autoren, dass die Einverständniserklärungen von den Beteiligten, nachdem sie in die Bankschließfächer verbracht worden sind, „vergessen“ (a.a.O.) und nur im Falle rechtlicher Probleme wieder hervorgeholt werden sollen.xii Diese Möglichkeit des Vergessens stellt wohl den Idealfall einer weiteren positiven Entwicklung von Ehe und Familie nach der DI dar, in dem die Ehepartner der ermahnenden Erinnerung an die schriftliche Dokumentation der DI nicht mehr bedürfen (und diese Erinnerung evtl. sogar der weiteren Entwicklung der Elternschaft und der Familie hinderlich wird) und so dieses Wissen an zeitlicher Stabilität verliert, verblasst, und sich der Status des Wissens auf der Skala von „explizit gewusst“ mehr und mehr in Richtung “ungewusst” verschieben wird.

Abgesehen von der eben beschriebenen Einverständniserklärung zielen die weiteren Vorschläge Seymours und Koerners im Kern auf die Sicherstellung einer absoluten Spenderanonymität ab. Diese umfasst nicht nur die Anonymität des Samenspenders gegenüber den intendierten Eltern, sondern auch die der Eltern gegenüber dem Spender. Das Wissen und Einverständnis der Ehefrau des Spenders soll vorausgesetzt und schriftlich dokumentiert werden. Als konkrete Maßnahmen zur Wahrung der Anonymität nennen die Autoren die zeitliche und örtliche Trennung der Abgabe der Samenspende durch den Spender von der Aufnahme der zu behandelnden Ehefrau, oder aber die gleichzeitige (räumlich getrennte) Hospitalisierung von Spender und zu behandelnder Ehefrau, um eine Begegnung beider Parteien ausschließen zu können. Das Prinzip der Spenderanonymität beinhaltet nach Auffassung der Autoren weiterhin, dass blutsverwandte Spender, wie etwa ein Bruder des Ehemanns, kategorisch auszuschließen sind. Zur Begründung der strikten Anonymität des Verfahrens führen die Autoren neben rechtlichen und psychologischen Aspekten auch das Wohl des Kindes an.

Zunächst schütze das Prinzip der Anonymität alle beteiligten Akteure vor Versuchen von Erpressung, die aufgrund eines Wissens um die Tatsache der DI und der bestehenden bzw. nicht bestehenden genetischen Verbindungen zwischen den Akteuren denkbar seien. Weiterhin verhindere die Nichtkenntnis der Spenderidentität auf Seiten der Mutter einerseits deren potentiell denkbare juristische Anfechtung der Insemination, und erspare ihr andererseits eine überflüssige Beschäftigung mit der Person des Spenders. Besonders im Falle eines Bruders

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des Ehemanns als Samenspender wäre die Gefahr gegeben, dass die Mutter ihre Gefühle auf den Bruder übertrage und so die Familienverhältnisse (u.U. auch die des Bruders) zerrütte. Auch umgekehrt wäre es möglich, dass der Bruder zu einem späteren Zeitpunkt das Kind als sein eigenes ansehe und für sich reklamiere. Aus der Perspektive der Eltern zeigt sich das Prinzip der Spenderanonymität also als ein vom behandelnden Arzt mit eufunktionaler Zielsetzung (Schutz der Stabilität der durch DI gegründeten Familie nach innen wie nach außen) als Bedingung der Behandlung eingesetztes Nichtwissen. Dieses ist aus elterlicher Perspektive zu charakterisieren als in seiner Intentionalität unvermeidbares (so denn die DI in Anspruch genommen werden soll), als in seinem Wissens-Status explizit gewusstes (known unknowns) und auf hohe zeitliche Stabilität angelegtes Nichtwissen anzusehen, welches sich als Nichtwissen manifestiert.

Verbunden mit der Anonymität des Spenders ist die Verheimlichung der Art der Zeugung und der genetischen Nichtverwandtschaft zwischen sozialem Vater und Kind vor dem gesellschaftlichen Umfeld wie auch vor dem Kind selbst. Eine Entdeckung der wahren Umstände hätte nach Auffassung der Autoren „desaströse“ (S. 1533) Folgen für das psychologische Gleichgewicht des Kindes, was zu irreversiblen Störungen des Kindes durch einen unvermeidbar auftretenden Minderwertigkeitskomplex und zu Verhaltensauffälligkeiten führen würde.

Diese Überlegungen liefern den Autoren ein weiteres Argument gegen die Nutzung eines Spenders aus dem Familienkreis: Durch die Notwendigkeit, auch die Frau des Bruders zu informieren und ihr Einverständnis einzuholen, seien einfach zu viele Personen informiert, als dass sich die zeitliche Stabilität des Nichtwissens des Kindes langfristig aufrechterhalten ließe. Das Nichtwissen des Kindes unterscheidet sich somit von dem der Eltern in seinem Wissens-Status, welcher als „ungewusstes“ Nichtwissen (unknown unknowns) zu klassifizieren ist – ein Status, den es nach Ansicht der Autoren zur Sicherstellung des Kindeswohls unbedingt zu erhalten gelte.

Auch das matching, d.h. die Auswahl des Samenspenders durch den behandelnden Arzt dient dem Ziel der zeitlichen Stabilisierung des Nichtwissens des Kindes und des gesellschaftlichen Umfeldes: Der von den Autoren vorgeschlagene Text der Einverständniserklärung beinhaltet einen Passus, der die Auswahl eines geeigneten Spenders dem behandelnden Arzt überträgt. Diese Auswahl, die sorgfältig und auch unter Einbeziehung eugenischer Gesichtspunkte erfolge, habe nicht nur zum Ziel, der Mutter versichern zu können, dass der Spender genau so wie ihr Ehemann sei, wodurch ihr unnötiges Grübeln über den Samenspender erspart bliebe und ihre volle emotionale Hinwendung zur Familie ermöglicht werde. Bedeutsam sei darüber hinaus auch, – angesichts der beginnenden Anwendung der Blutgruppen-Vererbungsregeln in Gerichtsverfahren zur Feststellung der Vaterschaft – einen Spender mit der gleichen Blutgruppe wie die des Ehemanns auszuwählen.

Der Aufsatz von Seymour und Koerner bietet noch einen weiteren Vorschlag, der darauf abzielt, Nichtwissen zum rechtlichen und psychologischen Schutz der beteiligten Akteure einzusetzen. Die Autoren plädieren für eine personelle Trennung von Inseminationsarzt und Geburtsarzt, d.h. eine Überstellung der werdenden Mutter an einen in die erfolgte DI nicht involvierten und nicht darüber informierten Gynäkologen zur weiteren Begleitung der Schwangerschaft. Hintergrund dieser Maßnahme ist die Idee, dass der Geburtsarzt – in Unkenntnis über die erfolgte DI und die dadurch nicht bestehende genetische Verwandtschaft von Kind und Ehemann, die

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Geburtsurkunde in gutem Glauben auf den Namen des Ehepaars ausstellen wird, wodurch dem Kind rechtliche Anerkennung zuteilwird. Auf diese Weise versucht der Inseminationsarzt, da er zur Wahrung seiner eigenen Integrität sein explizites Wissen der Spenderindentität (known knowns) bei einer Ausstellung der Geburtsurkunde durch ihn selbst nicht zu einer wahrheitswidrigen Anwendung bringen möchte, sich in dieser Sache des Nichtwissens eines Kollegen zu bedienen.

Seymours und Koerners Abhandlung erfuhr in der Folgezeit eine lebhafte Rezeption in einer Vielzahl von Aufsätzen, in denen die grundlegenden Organisationsprinzipien beider Autoren wiederholt, diskutiert, ausgestaltet und erweitert wurden. Im Folgenden sollen daraus einige Vorschläge vorgestellt werden, die die eben beschriebenen Formen des Nichtwissens modifizieren oder versuchen, die Sphäre des Nichtwissens noch weiter auszudehnen.

So wiederholt etwa Abner Weisman in seinem Aufsatz von 1942 über die Auswahlkriterien für Samenspender die bereits von Seymour und Koerner erhobene Forderung nach dem matching der Blutgruppe des Spenders mit der des Ehemanns und fügt die Empfehlung des matchings der Religionszugehörigkeit und des Temperaments hinzu, um den Eltern – bei Beibehaltung der Unkenntnis der Identität des Spenders – die psychologische Anpassung zu erleichtern. Interessant ist weiterhin insbesondere Weismans Vorschlag zur Verwendung von mehreren Samenproben verschiedener Spender im Rahmen eines Behandlungszyklus, um selbst den behandelnden Arzt im Ungewissen über die genaue Spenderidentität zu lassen (S. 144). Die Anwendung dieser Vorgehensweise kann als ein Versuch des behandelnden Arztes interpretiert werden, das beim Verfahren von Seymour und Koerner sich lediglich als scheinbares Nichtwissen (known knowns) manifestierende, nicht zur Anwendung bestimmte (Nicht-)Wissen der Spenderidentität, in „echtes“ Nichtwissen (known unknowns) zu überführen.

Interessant ist auch der Ansatz Alan Guttmachers (1943), der – im Gegensatz zur Betonung der großen Bedeutung der schriftlichen Einverständniserklärung bei Seymour und Koerner – die Vorteile einer Strategie des Vergessens bei allen Beteiligten herausstellt:

Vergessen Sie unterschriebene Dokumente. Wenn die Patienten sorgfältig ausgewählt worden sind, sind Verträge und Vereinbarungen unnötig und stellen nur eine permanente Erinnerung an etwas dar, das so schnell und vollständig wie möglich vergessen werden sollte. Zum Zeitpunkt der Niederkunft müssen die Frau, der Ehemann und der Arzt im Idealfall bereits zweimal darüber nachdenken, um sich daran zu erinnern, dass die Schwangerschaft leiblich nicht die des Ehemanns ist, da sie psychologisch dies bereits geworden ist. (S. 590)

Auch die rechtlich sicherste Möglichkeit, die Erbansprüche des Kindes abzusichern, die Durchführung einer Adoption, lehnt Guttmacher ab, da die damit einhergehende Sichtbarmachung der Umstände der DI die positiven Effekte der Geheimhaltung zunichte mache:

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Ich verstehe diese Möglichkeiten [rechtlicher Schwierigkeiten aufgrund fehlender schriftlicher Erklärungen und einer nicht durchgeführten Adoption des Kindes durch den Ehemann, T.B.], aber wenn man ein Kind, das durch DI entstanden ist, dieser grellen Öffentlichkeit preisgibt, beraubt man das Verfahren des einen großen Vorteils, den dieses gegenüber der Adoption besitzt. Die DI soll dem Umfeld glauben machen, und somit auch das Paar fühlen lassen, dass das Kind das ihre ist, ganz genau so wie wenn es im Ehebett entstanden wäre. Daher unterlasse ich in naivem Vertrauen in meine Mitmenschen jegliches rechtliche Verfahren und verräterische Unterschriften. (a.a.O.)

Guttmacher verstärkt also mit seinem Vorschlag die bei Seymour und Koerner noch in recht ambivalenter Form angedeutete Vorgehensweise, das Vergessen, d.h. die zeitliche Instabilität des Wissens um die Tatsache der DI durch das Unterlassen unnötiger Erinnerungen weiter zu beschleunigen und die Verschiebung des Status des Wissens in Richtung des „Ungewussten“, d.h. die Verdrängung zu befördern.

Zwei weitere Modifikationen erörtert Sophia Kleegman in ihrem Aufsatz aus dem Jahr 1954. Ihre erste Empfehlung umfasst Maßnahmen, die die Geheimhaltung gegenüber dem gesellschaftlichen Umfeld und auch gegenüber dem Kind stärken sollen. Kleegman vertritt dabei wie Seymour und Koerner die Auffassung, dass eine Einverständniserklärung notwendig sei, verzichtet aber auf eine Duplizierung der Dokumente und empfiehlt eine Belehrung des Ehepaars, keine schriftlichen Aufzeichnungen über den Vorgang anzulegen oder aufzubewahren (S. 10). Weiterhin sollen keine Verwandten oder Bekannten ins Vertrauen gezogen werden. Sollte dies bereits geschehen sein, schlägt Kleegman vor, den Ehemann an einen Urologen für eine Untersuchung zu überweisen, um dem Umfeld gegenüber die DI-Schwangerschaft als das Ergebnis einer neuen, erfolgreichen Behandlung des Ehemanns plausibel darstellen zu können. Die zweite, an das Paar gerichtete Empfehlung, am Abend nach der Insemination den Geschlechtsverkehr zu vollziehen, um dem Ehemann einen imaginierten Beitrag („den Spermien einen Schubs zu geben“ (S. 21)) zur Befruchtung zu ermöglichen, kann als Maßnahme interpretiert werden, das Wissen um den Fremdanteil an der Schwangerschaft zu verdrängen. In die gleiche Richtung geht Kleegmans Vorschlag, dem Ehemann die Möglichkeit zu geben, sein Sperma mit dem zur Insemination vorgesehenen Spendersperma zu vermischen (a.a.O.), wodurch das Nichtwissen des Ehemanns darüber, welches Sperma nun zur Befruchtung geführt habe, Raum für Phantasien der eigenen Vaterschaft eröffnen kann. Diese letzten beiden Handlungsempfehlungen können aus der Perspektive des Modells des Nichtwissens als ein Versuch gewertet werden, Spielraum hinsichtlich des Wissens zu gewinnen, nicht der Vater des Kindes sein zu können, d.h. die Manifestation als bekanntes Wissen in eine Unsicherheit hinsichtlich der Vaterschaft abzuschwächen, also in Richtung des Nichtwissens zu verschieben.

Die durch die von Seymour und Koerner und den weiteren hier vorgestellten Autoren beschriebenen Maßnahmen entstehenden Formen des Nichtwissens lassen sich abschließend schematisch wie in Abbildung 3 dargestellt zusammenfassen. Die Darstellung veranschaulicht dabei auch die dem Arzt zugeschriebene zentrale Stellung. Die Maßnahmen des Arztes, dem durch seinen Wissensvorteil eine ausgeprägte Machtposition zukommt, erzeugen gezielt spezifische Wissens- und Nichtwissenskonstellationen, durch welche die Beziehungen zwischen den

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Akteuren kontrolliert werden (Pfeile ③④⑤⑥). In ähnlicher, wenn auch in weitaus weniger umfassender Weise, sollen die Eltern ihrerseits durch die Aufrechterhaltung des erzeugten Nichtwissens anderer Akteure (Pfeile ⑬⑮) zur Stabilität dieser Konstellationen beitragen.

① bekanntes Wissen; bei der gleichzeitigen Verwendung der Proben mehrerer Spender (Weisman):

bekanntes Nichtwissen

② bekanntes Wissen; bei einer Strategie des Vergessens (Guttmacher): Verschiebung in Richtung unbekanntes Wissen

③④⑤ Nicht-Wissen-Lassen-Wollen des Arztes mit der Intention einer dauerhaften zeitlichen Stabilität, die Statusänderungen in den Bereichen Manifestation und Wissen vermeiden soll

⑥ Wissen-Lassen-Wollen des Arztes mit evtl. späterer Intention, die Eltern dies vergessen zu lassen (Guttmacher)

⑦⑧⑨ bekanntes Nichtwissen; Stabilität garantiert durch verschiedene Vorkehrungen des Arztes

⑩ bekanntes Wissen; dokumentiert durch Einverständniserklärung; ambivalenter Wissensstatus (Seymour/Koerner); bei einer Strategie des Vergessens (Guttmacher): Verschiebung in Richtung unbekanntes Wissen; bei der Eröffnung eines Raumes für die imaginierte Möglichkeit der eigenen Vaterschaft (Kleegmann): Verschiebung in Richtung bekanntes Nichtwissen (Manifestation)

⑪⑫⑭ unbekanntes Nichtwissen, nach Möglichkeit stabil; garantiert durch Vorsichtsmaßnahmen besonders des Arztes aber auch der Eltern

⑬⑮ Nicht-Wissen-Lassen-Wollen der Eltern mit der Intention einer dauerhaften zeitlichen Stabilität, die Statusänderungen in den Bereichen Manifestation und Wissen vermeiden soll

Arzt Spender

Umfeld Eltern Kind

Tatsache der DI

⑨ ⑧

Abbildung 3: Formen des Nichtwissens in der Frühgeschichte der DI

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4. Ausblick: Perspektiven zukünftiger Forschung zur Familienbildung durch DI aus dem Blickwinkel des Nichtwissens

Die Ergebnisse der obigen Erörterungen zur Frühgeschichte der DI lassen annehmen, dass sich das hier vorgeschlagene Modell des Nichtwissens auch im Hinblick auf rezente Forschungsfragen im Bereich der DI gewinnbringend einsetzen lässt. Es steht zu vermuten, dass die DI insbesondere in solchen Fällen drängende Fragen ethischer, politischer, juristischer, psychologischer oder soziologischer Natur aufwirft, in denen es entweder a) zu Verschiebungsdynamiken bisheriger Formen des Nichtwissens kommt, oder b) Ungleichgewichte zwischen den beteiligten Akteuren im Sinne von Wissensgefällen (besonders wenn diese von anderen Akteuren intendiert wurden) sichtbar gemacht und problematisiert werden, etwa zum Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit avancieren. In beiden Fällen bietet das hier vertretene Modell des Nichtwissens einen vielversprechenden Zugang zu einer exakten Beschreibung des jeweiligen Phänomens.

Anlässe für die unter a) angesprochenen Verschiebungen im Nichtwissensgefüge der DI können gesellschaftliche Entwicklungen oder technischer Fortschritt sein, wie etwa die schon in der Einleitung erwähnte allgemeine Verfügbarkeit von preisgünstigen, selbst applizierbaren DNA-Tests, mit denen ein Verwandtschaftsverhältnis zum (sozialen) Vater auf einfache und ggf. diskrete Weise bestätigt oder ausgeschlossen werden kann.

Diese Entwicklung nimmt dem unbekannten Nichtwissen des Kindes die vormals in weit stärkerem Maße bestandene Garantie seiner zeitlichen Stabilität und ermöglicht es dem Kind – bei Vorliegen entsprechender Verdachtsmomente (d.h. im Falle eines vermuteten, geahnten, oder befürchteten Nichtwissensxiii) – das unbekannte Nichtwissen in bekanntes Nichtwissen zu überführen. Ein weiteres Beispiel stellt auf der legisla- tiv-regulatorischen Ebene die Abschaffung der Praxis der Spenderanonymität dar, wie sie etwa in Deutschland mit der Einführung eines obligatorischen Samenspenderregisters im Jahr 2018 erfolgte. Für das Kind bedeutet diese Änderung, dass sein vormals unbekanntes Nichtwissen bezüglich der Identität des genetischen Vaters nun die Form eines temporären, bekannten Nichtwissens annimmt – seine vorherige Aufklärung über die Tatsache der DI durch die Eltern vorausgesetzt. Anschließend ist dem Kind die Möglichkeit einer weiteren Umformung dieses bekannten Nichtwissens in bekanntes Wissen gegeben, nämlich durch die Erlangung der Auskunft über seine Abstammung zu einem späteren Zeitpunkt (in der Regel nach Vollendung des 16. Lebensjahrs). Theoretisch wären hier aber auch Szenarien denkbar, in denen das Kind – etwa aus Rücksicht auf die Gefühle der Eltern – auf die Umwandlung des Nichtwissens in Wissen verzichtet, also im Status eines bewussten Nicht-Wissen-Wollens verharrt (deliberate ignorancexiv). Weiterhin stellt diese neue Regelung nicht nur potentielle Nutzer der DI, sondern auch andere beteiligte Akteure, wie etwa in die Behandlung involviertes Beratungspersonal vor die Frage, durch welche Praktiken und Maßnahmen die vormals durch das Nichtwissen in Form der Spenderanonymität erfüllten Funktionen kompensiert werden können.

Der jüngste, in das deutsche Samenspenderregistergesetz von 2018 mündende Diskurs bietet aber zugleich auch ein Beispiel für die unter b) genannte vermehrte Sichtbarkeit und Problematisierung von Wissensgefällen zwischen den Akteuren. Gerade in der Diskussion um Reichweite und Grenzen des Rechts des Kindes auf Kenntnis der eigenen Abstammung im Vorfeld des Samenspenderregistergesetzes wurden die ethischen

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und rechtlichen Implikationen der bisherigen, durch Anonymität und Verschweigen gekennzeichneten Nichtwissenspraktiken und Wissens-Ungleichgewichte zuungunsten des Kindes unter kritischem Vorzeichen Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit. Insbesondere die Tatsache, dass das Nichtwissen des Kindes Ergebnis der Intention anderer Akteure darstellt, war Gegenstand einer kontroversen Diskussion, da von Seiten der Kritiker argumentiert wurde, „die Praxis der Anonymisierung und Geheimhaltung diene in erster Linie – und auf Kosten der betroffenen Kinder – den ‚egoistischen‘ Interessen des Elternpaares und den kommerziellen Zielen der Reproduktionsmediziner“ (Wehling (2015b), S. 109).

Neben einer Fruchtbarmachung der durch die hier vorgeschlagene Phänomenologie des Nichtwissens ermöglichten genauen und nuancierten Beschreibung der in derartigen Dynamiken und Diskursen jeweils involvierten bzw. thematisierten Formen des Nichtwissens, wird es in der zukünftigen Anwendung dieses Modells des Nichtwissens auch darauf ankommen, mit bestimmten dysfunktionalen und eufunktionalen Aspekten verbundene Nichtwissensformen zu identifizieren und dabei sowohl unterschiedliche Interessen und Umgangsstrategien der einzelnen Akteure bzgl. verschiedener Formen von Nichtwissen, als auch deren Reflexion in den relevanten Diskursen genauer zu erfassen.

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Transcript.

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Wilkesmann, M., Steden, S. (Hg.) (2019), Nichtwissen stört mich (nicht): Zum Umgang mit Nichtwissen in Medizin und Pflege. Wiesbaden: Springer.

Diese Studie wurde finanziert durch das von der Japanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (JSPS) geförderte Forschungsprojekt „Recht auf Kenntnis der Abstammung in Deutschland und Japan am Beispiel der anonymen Kindesabgabe und der assistierten Reproduktion“ (2019-2022, Projektnummer 19H01186).

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i Siehe etwa die Überblicke über die unterschiedlichen Zugänge der verschiedenen Disziplinen zum Nichtwissen bei Engel et al. (2002) und Wilkesmann (2019), oder auch die Literaturhinweise bei Wehling (2006), S. 109.

ii Beispiele für konkrete Forschungsthemen, in denen die Perspektive des Nichtwissens wichtige Impulse liefern kann, bieten beispielsweise die im Routledge International Handbook of Ignorance Studies (Gross/McGoey (2018)) oder in Wehling (2015a) versammelten Beiträge.

iii Siehe hierzu ebenso das Routledge International Handbook of Ignorance Studies (Gross/McGoey (2018)).

iv Weitere Beispiele für vielversprechende Anwendungsfelder einer Perspektive des Nichtwissens sind u.a. etwa der Bereich der prädiktiven Gendiagnostik, in dem u.a. Fragen eines „Rechts auf Nichtwissen“ diskutiert werden (Schroeder (2015), Fündling (2017)) oder die Frage nach der Rolle des Nichtwissens in der medizinischen und pflegerischen Praxis (Wilkesmann/Steden (2019), Perron/Rudge (2016)).

v Eine Übersicht über den Diskurs zur Spenderanonymität und die unterschiedlichen legislativen Entwicklungen in einzelnen Ländern bietet Allan (2018).

vi Die folgenden Überlegungen dieses Abschnitts stützen sich hauptsächlich auf die Ausführungen Wehlings (2006, 2008) und Wilkesmanns (2010, 2019).

vii Ein Anspruch auf universelle Gültigkeit und Übertragbarkeit dieses Modells auf andere Themenbereiche wird damit nicht erhoben.

viii Einen Überblick über die Frühgeschichte der DI in den USA geben beispielsweise Swanson (2012), Bernard (2015), besonders S. 195-217, und Allan (2018), S. 9-14.

ix Vgl. Allan (2018), S. 10f.

x Vgl. den Fall der ersten dokumentierten DI aus dem Jahr 1884, bei der die behandelte Frau nicht über die Art des Eingriffs informiert wurde (Hard (1909), Gregoire/Mayer (1965)).

xi Werden im Folgenden die Termini Stabilität, Wissen, Manifestation und Intentionalität im Sinne des in Abschnitt 2 entwickelten Modells des Nichtwissens gebraucht, so werden diese in Fettdruck gesetzt.

xii Beardsley (1940) bedient sich in diesem Zusammenhang einer ähnlichen Formulierung, wenn er den Samenspender als den beschreibt, der „stets der Vergessene bleiben muss“ (S. 96).

xiii Siehe Wehling (2006), S. 118.

xiv So der Titel eines für das Jahr 2021 angekündigten Sammelbandes: Hertwig, R., Engel, C. (Hg.) (2021), Deliberate Ignorance: Choosing Not to Know. Cambridge, Massachusetts: MIT Press. Vgl. auch Wehlings Ausführungen zum Konzept einer rational ignorance (2006, S. 129ff.). – Die weitere Differenzierung des Aspekts der Intentionalität hinsichtlich der Frage, ob es sich bei einer konkreten Nichtwissensform um eigenes Nicht-Wissen-Wollen (deliberate ignorance), oder um ein durch Dritte intendiertes Nicht-Wissen-Lassen-Wollen handelt, stellt eine besonders im Rahmen der DI wichtige Unterscheidung dar, die in dem hier vorgeschlagenen Modell evtl. durch das Eröffnen einer Unterdimension noch stärker zu berücksichtigen sein wird.

Abbildung 2 bietet eine alternative Darstellung des vorgeschlagenen Modells, bei der in Anlehnung an die  von  Wilkesmann  (2010,  2019),  Bammer  et  al
Abbildung 3: Formen des Nichtwissens in der Frühgeschichte der DI

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