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Article】
Aufzeichnungen von TILESIUS zu den drei
Aufenthalten in Kamtschatka 1804 und 1805
Frieder Sondermann
1. Teil : Ankunft in Kamtschatka im Sommer 1804Abstract
Although the schedule and the results of the 1st Russian circumnavigation (1803-1806) are already well-known, this transcript of notes kept by the German naturalist Wilhelm Gottlieb Tile-sius offers insight into the challenges faced during the voyage, both personally and scientifically.
A. Zur Quellenlage
Die anfangs publizierten Aufzeichnungen zur ersten russischen Weltumseglung 1803-1806 unter
dem Kapitän Adam Johann von Krusenstern (1770-1846) auf der “Nadeshda” sind authentische, aber
zensierte Zeugnisse von Reiseteilnehmern. Zum einen handelt es sich um die Mannschaftsmitglie-der, also ausgewiesene Seeleute. Zum anderen sind es Naturforscher, die man zur wissenschaftlichen Erforschung unbekannter Regionen mitgenommen hatte. Zu erwarten ist, dass die Seeleute ihr Augenmerk auf Nautik und Navigation in Verbindung mit Meteorologie richteten, während die Natur-forscher Informationen zu Flora und Fauna, Krethi & Plethi beisteuerten. Von Tagebüchern erwarten wir Hinweise auf menschliche Befindlichkeiten, die aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind und damals wahrscheinlich der Zensur anheimgefallen wären. Wenn Personen all diese Aspekte berücksichtigen, ist das ein glücklicher Zufall, der uns ein facettenreicheres, buntes Bild liefert. Bei den endlich edierten Aufzeichnungen des deutsch-baltischen Seeoffiziers Hermann Ludwig von
Loewenstern (1777-1836) ist dies tatsächlich der Fall.1
Als eine ansprechende Mischung aus Bemerkungen über die persönlichen Nöte, aus detaillierten
1 In russischer Übersetzung und Kommentierung durch A.B. Krusenstern, O.M. Fedorova und T.K. Schafranovska
(St. Petersburg 2003) erschienen, dann auf Englisch durch Victoria Joan Moessner (University of Alaska Press 2003), wenig später gefolgt von ihrer kommentierten Transkription aller Tagebücher nach der Originalfassung (Mellen 2005), hier Band 2 in 2 Teilen.
Notizen über Pflanzen und Tiere, sowie aus anthropologischen Erkenntnissen beim Kontakt mit frem-den Kulturen sind auch die schriftlichen und bildlichen Notate des deutschen Forschers Wilhelm Gott-lieb Tilesius (1769-1857) aufschlussreich und verdienen es, einem weiten Kreis von Interessenten
bekannter gemacht zu werden. Was er an offiziellen Dokumenten für Krusensterns Reise um die Welt geliefert hat, ist seit langem bekannt.2 Da aber viele seiner Papiere nie vollständig ediert wurden und
bis heute in verschiedenen Archiven und Museen schlummern, sollten sie wieder ans Licht der Öffentlichkeit gebracht und stärker beachtet werden. Bisher wurden nur verschiedene Auszüge seines Tagebuches in Transkription veröffentlicht.3 Da meine Artikel sich schwerpunktmäßig mit Japan und
Südchina beschäftigten, blieben Tilesius’ Ausführungen zu den anderen besuchten Regionen bislang unberücksichtigt.
Zwei Lücken lassen sich wenn schon nicht komplett schließen, so doch wenigstens verkleinern : die Aufzeichnungen über den Zwischenstopp auf der Marquesasinsel Nuku Hiva4 sowie die dreimalige
Einkehr der Expedition in die kamtschadalische Awatschabucht.
Im folgenden soll die östlichste Region Russlands aus der Sicht von Tilesius vorgestellt werden. In meiner bisherigen Wiedergabe der Hauptquellen waren die erste Anreise wie auch der sich anschließende dramatische Aufenthalt im Hafen von St. Peter-Paul nicht inbegriffen. Ebenso
ende-ten die transkribierende-ten Passagen des Tagebuchs über die Rückkehr von der japanischen Gesandtschaftsreise beim ersten Aufenthalt in Südsachalin.5
2 Vgl. dazu Günther Sterbas verdienstvolle Tilesius-Bibliographie (s. in Anm. 3 bei Teil 3).
3 Eine wichtige Vorarbeit leistete Hans Hasert in seiner Hausarbeit Das Leben des Wilhelm Gottlieb Tilesius v.
Tilenau (1769-1857), der als Zeichner und ‘Naturalist’ auf der ‘Nadeshda’ an der ersten russischen
Weltumse-glung unter dem russischen Kapitän Adam Johann von Krusenstern teilnahm [Typoskript, Potsdam 1965] .
In folgenden Ausgaben des 東北学院大学,教養学部論集 (Faculty of Liberal Arts Review, Tohoku Gakuin University) finden sich mehrere Artikel zur Weltumseglung von mir :
- Tilesius und Japan (Teil 1) : Tagebuchauszüge über Ankunft und Aufenthalt in Nagasaki 1804/5. In : No. 154 (2009, Dezember) S. 105-147.
- Tilesius und Japan (Teil 2) : Tagebuchauszüge über die Rückreise von Nagasaki nach Kamtschatka 1805. In : No. 155 (2010, März) S. 21-53.
- Frieder Sondermann und Günther Sterba : Tilesius und Japan (3. Teil) : Allgemeine Bemerkungen zu Japan und Bibliographie seiner Schriften. In : No. 156 (2010, Juli) S. 55-94.
- Frieder Sondermann und Günther Sterba : Tilesius und Japan (4. Teil) : Sein Kontakt zu Thunberg und das Ver-zeichnis der Tilesius-Illustrationen in der Leipziger Universitätskustodie. In : No. 157 (2010, Dezember) S. 39-74.
- Errata (1., 3. und 4. Teil). In : No. 159 (2011, August) S. 111-113.
4 Elena Govor hat in ihrem umsichtigen Werk Twelve Days At Nuku Hiva (Honolulu : University of Hawai’i
Press 2010) diesbezügliche Textauszüge veröffentlicht, die z.B. mit weiteren handschriftlichen deutschen Doku-menten von Tilesius ergänzbar sind.
5 Siehe Sondermann (Anmerkung 3), No. 155, S. 49, wo die Bemerkungen bis zur Rückkehr am 5. Juni 1805
Hier werden nun die Berichte von Tilesius über den dreimaligen Aufenthalt auf der damals wie heute russischen Halbinsel Kamtschatka vorgelegt. Da sie seit Beginn des 18. Jahrhunderts ein von mehreren wissenschaftlich sowie kommerziell ausgerichteten Expeditionen aufgesuchtes Territo-rium geworden war, konnte man nach 1800 kaum noch sensationelle Entdeckungen von dort erwarten. Ein gebildeter Deutscher dürfte der Meinung gewesen sein, durch einen in Krünitz’s
oeko-nomischer Encyklopädie abgedruckten Lexikonartikel über diesen fernen Landstrich bestens infor
miert zu sein.6 Außerdem lagen ja mehr oder weniger aktuelle Augenzeugenberichte von
Krashenin-nikov, von der dritten Cook-Reise, von La Pérouse, Billings, Pallas, Sarychev und anderen Forschern
vor. Eine im Jahr 1803 erschienene Landkarte7 über die östlich und westlich der Beringstraße
gele-genen riesigen Territorien war damals für Laien wohl vollkommen ausreichend, wo sich heutzutage “Google-map” Benutzer über unzureichende Skalierungen von Straßenzügen beschweren.
Mit wie vielen Entbehrungen und Gefahren die Erkundung dieser Weltgegenden verbunden war, haben die Betroffenen meist in ihren Berichten zumindest dezent anklingen lassen. Tilesius war da nicht anders. Deshalb ist die Lektüre seiner Texte gerade in menschlicher Hinsicht von Inter-esse. Als Vollblutforscher notierte er selbst bei körperlichem Leiden seine wissenschaftlichen Beobachtungen über die Umwelt. Diese sollen hier jedoch nur bedingt berücksichtigt werden. Das heißt, dass vor allem viele Pflanzen- und Tierbeschreibungen ausgelassen werden. Naturgeschicht
lich interessierte Leser werden daher eher enttäuscht sein.
Zwar ist auch der zeitliche Ablauf der Expedition hinreichend bekannt. Dennoch sollen so voll-ständig wie möglich alle kalendarischen Bemerkungen in chronologischer Reihenfolge wiedergegeben werden. Auf dem russischen Schiff wurde damals das offizielle julianische Datum verwendet, wenngleich im westlichen Europa die gregorianische Zeitrechnung längst eingeführt war. Hinzu kam auf der Weltreise die Tatsache, dass es eine abweichende Ortszeit gab. Das hier durchgehend verwendete gregorianische Kalendarium ermöglicht einen schnelleren Vergleich mit den bereits publi-zierten Quellen. Dennoch kam es bei Tilesius immer wieder zu Nachlässigkeiten und Unstim-migkeiten in der Tageszählung.8
6 Das Lexikon ist als “Krünitz Online” im Internet aufrufbar. Das Stichwort “Kamtschatka” wird im Band 34,
1785, S. 65-120 abgehandelt.
7 Diese “Carte von dem Meer von Kamtschatka . . . Gezeichnet von Ferd. Götze” war Beilage in den Allgemeinen
geographischen Ephemeriden 1803, XI. Band, 3. Stück.
8 Das gilt etwa für die folgenden Wochentagangaben : Da der 25. Juli 1794 ein Mittwoch ist, ist das
In Erinnerung zu rufen ist kurz die “Aktenlage”. Den Kern der vorliegenden Publikation bilden die Auszüge aus dem so genannten Mühlhäuser Tagebuch (Stadtarchiv Mühlhausen/Th. Tilesius Sammlung 82/291), das vielleicht als Zwischenlager für verstreute Vorlagen anzusehen ist, wobei es auch als Gedächtnisstütze für die späteren Vorlesungen als Privatdozent in Göttingen9 und Leipzig
(1827-1832) oder für die Redebeiträge bei den Versammlungen der Gesellschaft deutscher
Natur-forscher und Ärzte 1834 (Stuttgart) und 1837 (Prag) diente.10 Sicher aber ist es eine überarbeitete
und immer wieder ergänzte Version verschiedener vorausgegangener Papiere, die unmittelbar vor Ort entstanden waren. Die Aufzeichnungen fungierten neben der Gedächtnishilfe auch als Dokumenta-tion seines Forscherfleißes und nach 1840 immerhin noch dem privaten Vergnügen des Verfassers als nostalgisches Lesefutter. Die ins Tagebuch aufgenommenen Briefkonzepte waren wohl als pro-phylaktische Beweismittel für seine Auseinandersetzungen mit dem russischen Gesandten Nikolai Petrovich Rezanov (1764-1807) gedacht.
Im Bestand des Stadtarchivs Mühlhausen befinden sich weitere umfangreiche Teile von Tilesius’ Aufzeichnungen, die er wohl bis zu seinem Tode behalten hatte. Ein Teil seiner Bibliothek kam unter den Hammer.11 In manchen Bänden finden sich seine handschriftlichen Kommentare und
“Berichtigungen”. Die heute fehlenden Bände 1 und 3 des so genannten Tagebuches müssen gleich-falls umfangreiche Notizen und Illustrationen vom Anfang und vom Ende der Expedition enthalten haben, wenn sie so detailliert wie der heute noch vorhandene Band 2 als “Fortsezzung des Tagebuches auf der Reise um die Welt” (Tilesius Bibl. Nr. 82/291) geführt worden sind. In ihm füllen die Nach-richten aus Nordostasien mehr als fünfzig Seiten, somit rund ein Fünftel dieses Bandes. Diese Mühe häuser Tagebuchaufzeichnungen dienen gewissermaßen als Leithandschrift. Weitere dort vorhandene Aufzeichnungen zu Kamtschatka müssen hier unberücksichtigt bleiben, da sie als Kopie nur schwer lesbar sind (z. B. Nr. 81/661). Eine Autopsie vor Ort wäre erforderlich.
Vor allem in der Sammlung Darmstaedter der Staatsbibliothek zu Berlin gibt es handschriftliche 1805 müsste nach seiner eigenen Zählung der 11. Sept. sein.
9 In seiner Bewerbung für eine Reisebegleiterstelle (Mühlhausen-Tilesius Sammlung 82/515) erklärte er
1823 : “Doch haben mir meine Zuhörer, die den Academischen Vorlesungen in Petersburg und Göttingen bey-wohnten, immer versichert, daß ich beßer spräche als ich schriebe” (zitiert nach Hasert S. 85 [siehe Anm. 3]).
10 Um 1820 hat Tilesius als Mitglied der naturforschen Gesellschaft zu Leipzig in diesem Kreis referiert. Die
Universität Leipzig hat ein Verzeichnis der Vorlesungen veröffentlicht : http://histvv.uni-leipzig.de/dozenten/ tilesius_von_tilenau_wg.html
11 Ein erster Bücherverkauf nach 1835 sollte Aktienverluste wegen des Konkurses der sächsischen
Eisenbahnge-sellschaft mildern. Kurz vor seinem Tod wird 1853 ein heute unauffindbares Supplementheft Nr. IV für den Verkauf seiner Bibliothek durch das Leipziger Antiquariat J.M.C. Armbruster angekündigt.
Aufzeichnungen über Tange und Fuci und Cellularien aus dem (Teil-)Nachlass (NL) Tilesius. Von
diesen Manuskripten werden aber nur die folgenden Konvolute zur Ergänzung herangezogen :
- NL Nr. 7 (5 Blätter) : Es geht um den Zeitraum ab 22.6. bis 4.8.1804. Auf dem letzten
Blatt setzen die knappen Notizen über Kamtschatka nach der Ankunft in der Awatscha Bucht (Sonntag 15. Juli 1804) ein.
- NL Nr. 9 (18 Blätter) Den Anfang dieses Konvolutes bilden Nachträge zum Aufenthalt im
brasilianischen S. Catarina und zur Insel Nuku Hiva.
Dann folgt ab Bl. 7r[ecte] - 10r die ausführliche Berichterstattung von der “Ankunft in
Kamts-chatka und Beschreibung des Landes, der Produkte, des Havens und einiger wenigen Nation-almerkwürdigkeiten”.
Diese “berliner” Passagen sind fast wortgleich mit den “mühlhäuser” Notizen. Welcher Text der ursprüngliche ist, muss hier offen bleiben.
Ab Blatt 10v[erso] bis zum letzten Blatt 18 beschreibt Tilesius den “Zweiten Aufenthalt im Peter Pauls Haven von Kamtschatka 1805” im Früh- sowie den 3. Aufenthalt im
Spätsom-mer, wobei viele Seiten mit umfangreichen Tier-, speziell Fischbeschreibungen gefüllt sind. - NL Nr. 11, Bl.7r-8v bringt weitere Nachrichten über Kamtschatka, einen toten Wal, den
Mammut-Backenzahn (mit Abbildung).
Das vollständige, offiziell zu führende Diarium für den Auftraggeber, d.h. für die russische Regierung in der Person des Generals Jan Pieter van Suchtelen (1751-1836) oder für die russische
Marine - aber sicher nicht für die an Kosten und Planung beteiligte Russisch-Amerikanische
Com-pagnie (RAC) - mag sich noch im Marine- oder Akademiearchiv in St. Petersburg befinden.12
B. Warum lohnt sich die Sichtung und Wiedergabe?
Die bequeme digitale Vergleichung der seit langem gedruckten Expeditionsberichte Krusensterns und Heinrich Georg von Langsdorffs (1774-1852) in der Datenbank “Siberian-Studies.org”13 kann
inzwischen ergänzt werden durch die Bucheditionen der Tagebücher Hermann Ludwig von
Loewen-12 Auszüge vom “Tagebuch” finden sich im Archiv der Russischen Akademie der Wissenschaften, St. Petersburg,
im Font IV, op. 1, d. 800 und 800a.
Tilesius-Archivalien im Marine-Archiv (RGAVMF) könnten auch ergiebig sein.
13 Als Teil der Kulturstiftung Sibirien werden hier interkulturelle und auch historische Studien zugänglich
sterns14 (russ., engl. und dt.), Rezanovs (russ. und japanisch), Fedor Ivan. Shemelins (1755-nach
1818) und Makar Ivanovich Ratmanovs15 (1772-1833) (russ.). Unbedingt vergleichen sollte man das
Tagebuch Tilesius’ in Verbindung mit den sehr persönlichen Beobachtungen Hermann Ludwig von Loewensterns. Erst dadurch erhalten wir ein wirklich facettenreiches Psychogramm der Expeditions teilnehmer. Die Befindlichkeit des unbeugsamen Naturforschers “Tillesius” wird aus der Sicht dieses deutsch-baltischen Offiziers als Rechthaberei und Hoffart kritisiert und macht die vielen bissigen
Konfrontationen16 erklärbar, welche die beiden fast zu einem Duell veranlasst hätten. Nur der alle
Passagiere aufrüttelnde Selbstmord des Offiziers Petr Trofimovich Golovachev (1777-1806) auf St.
Helena im April 1806 konnte zu einer Aussöhnung führen.17 Aber den Anschuldigungen vor dem
Freitod gingen von Seiten des Naturalisten keine Klagen über den russischen Offizier voraus. Hier als Beispiel nur ein Vorgeschmack auf den Ton dieser Auseinandersetzungen aus dem Tagebuch Loewen-sterns vom 11. September 180518:
Heute machte Tillesius einen ungebührlichen Lerm, wegen einer Comode, welche wie er sagt, verlohren gegangen sey. Da dießes bloß durch seiner eigenen Nachlässigkeit hat geschehen können, so gab ihm Romberg den Rath ; bey unserer Ankunft in Kronstadt, besser auf seine Sachen Acht zu haben. Denn eben so wie seine Comode, wahrscheinlich jetzt die Reise nach Kodiak gemacht hat ; so könnten auch dort, seine Kisten und Kasten in unrechte Hände gera-then. - Tillesius mit einer wichtigen Miene, welche uns allen ein Lächeln abnöthigte,
sagte : Das gehört alles der Expedition ; und ließ es uns nur zu deutlich verstehen, das wir dafür zu verantworten hätten. Ich sagte ihm hierauf : Wir haben eben so viel Theil an der Expedition wie sie. Auf ihre Sachen aber Acht geben, wird gewiss keiner, wenn sie es nicht selbst thun. - Was ich auf Deutsch gesagt hatte, wiederhohlte ich auf Russisch, und fügte
hinzu, mich an meine Cameraten wendend : Wir müssen Vorkehrungen treffen, um durch dießen Menschen keinen Verdruss zu haben. - Hierauf fuhr mich Tillesius plötzlich an, und
warf es mir vor, das ich Russisch rede, da ich doch von ihm spräche. - Sie können es mir
nicht vorschreiben, antwortete ich ; in welcher Sprache ich reden soll ; unhöflich ist es aber
14 Zu den Editionen von Frau Moessner siehe Anm. 1.
15 Jüngst erschien die voluminöse und reich bebilderte Ausgabe von Ratmanovs Aufzeichnungen, herausgegeben
von Olga Fedorova : Chtoby luchshe tsenu dat’ svoemu Otechestvu…” : pervaia russkaia krugosvetnaia
ekspeditsiia [1803-1806] v dnevnikakh Makara Ratmanova (Sankt-Peterburg : Kriga 2015).
16 Z.B. am 31. Mai und 4. Juni 1805 zu einem verlegten Buch ; am 21.-23. April 1806 vor St. Helena.
17 Über seine (fiktive) Liebschaft mit einer Japanerin als auslösenden Faktor hat Larissa Ash ein russisches Drama
“Saga o Nagasaki” (Moskau 2014) verfasst.
18 Das Original befindet sich im Krusenstiern-Fond des Nationalarchivs von Estland (EAA, Tartu). f. 1414-3-4,
Blatt 133r. Eine solche Form der digitalen Präsentation (Einsicht nach Registrierung) wäre auch für die Tilesius -Materialien im Stadtarchiv Mühlhausen wünschenswert.
von Ihnen, sich in ein Gespräch zwischen mir und meinen Cameraten zu mischen und mir noch vorschreiben zu wollen, in einer anderen Sprache, als Russisch zu sprechen. - Tillesius
wurde noch Gröber und sagte mir endlich ; ich solle schweigen. Dieße Zumuthung ärgerte mich, und ich machte, ziemlich laut bekannt, das Tillesius verrückt ist. Tillesius war noch so vernünftig und schwieg still, und auch ich hielt es für besser dießen halb Tollen Menschen laufen zu lassen”.
Tilesius war seit der Rückreise aus Japan im Frühjahr 1805 von Krusenstern zum offiziellen Chro-nisten ernannt. Das “Annalieren” in Form eines “historischen Tagebuchs”19, wie er es in einem
Briefkonzept an General Suchtelen vom Oktober 1805 nannte20, führte aber nie zu einer
eigenständi-gen Publikation. Das Primat der Erstveröffentlichung hatte selbstverständlich beim Kapitän geleeigenständi-gen, der damit auch die Deutungshochheit für den Verlauf und den Erfolg der Expedition beanspruchen durfte. Tilesius klagte schon im Verlauf der Reise immer wieder über mangelnden Informationsfluss (z.B. pag. 145 vom 7.Sept. 1805) und ließ Lücken im Text, wo er später präzise Maße und Datierun-gen ergänzen wollte - es aber dann unterließ. Doch er wollte wenigstens nachträglich seine eigene
Sorgfalt unter Beweis stellen. Selbst in der Kurzform seiner Tagebuchaufzeichnungen legte er (sich) entschuldigende Rechenschaft über seinen guten Willen, die widrigen Naturumstände und Gehässig-keiten der Anderen ab. Offensichtlich erfüllte das Tagebuch also auch eine psychologische Ventil-funktion als “Klagemauer”.
Doch den erbitterten Konflikt zwischen Krusenstern und Rezanov im Sommer 1804 erwähnte Tile-sius in den hier vorgelegten Aufzeichnungen gar nicht. Das von der russischen Untersuchungsbe-hörde angeordnete offizielle Vergessen der Schuldzuweisung im Führungsstreit bedeutete indes nicht, dass er vorsichtshalber auch nach der Heimkehr ins Vaterland seine diesbezüglichen Erinnerungen hätte verschweigen müssen. Der agile Heinrich Georg von Langsdorff (1774-1852) hingegen
umschrieb in seinem Buch die Dissonanzen mit dem Gesandten während der späteren Etappen elegant (z.B. “besondere Vorkommnisse”). Erst seine brieflichen Äußerungen gegenüber Krusenstern zeich-nen ein ausgesprochen negatives Bild des umtriebigen Gesandten.21
19 Siehe dazu im berliner NL 8, pag. 3r.
20 Stadtarchiv Mühlhausen, Tilesius-Sammlung 82/661. pag. 257 : “Von S. Petersburg aus ist mir aufgetragen
worden, ein historisches Tagebuch zu schreiben.”
21 Vgl. seinen Brief aus Tobolsk vom 20. Dez. 1809, wo er schreibt : “Endlich ist es denn einmal Zeit einige
Worte von mir hören zu lassen, nachdem ich nun Jahre lang, mögte ich sagen, lebendig todt war. Alles was wir in Brasilien, der Südsee und in Kamtschatk : erlebten, das ist nichts in Vergleich der Auftritte und
Trauer-Tilesius befand sich als Naturforscher stets in einer Konkurrenzsituation mit Langsdorff, gegen den er trotz Seniorität und offizieller Bestallung nicht nur publizistisch einen schweren Stand hatte. Beim Vergleich mit der übersichtlich strukturierten - durch einen Dritten korrigierten und daher gut lesbaren - Druckfassung der Bemerkungen auf einer Reise um die Welt (Frankfurt/M. 1812) erkennt man das
Skizzenhafte und gleichzeitig überbordende, manchmal redundante und sich verzettelnde Vorgehen von Tilesius. Natürlich ist dieser Vergleich unfair, eben weil Tilesius kein druckfertiges Manuskript sondern nur private Aufzeichnungen verfasst und hinterlassen hat. Durch seine Artikel zu speziellen Themen, durch akademische Berichte veranschaulichte er die Früchte der Expedition. Man kann nur rätseln, was er wie in seinen Vorlesungen und Vorträgen den Hörern an persönlicher Einschätzung vermittelt hat.
Bereits während der Reise klagte Tilesius über Benachteiligung bezüglich der personellen und materiellen Unterstützung seiner Arbeit (kein Jäger, kein Spiritus). Langsdorff hatte sich standhaft geweigert, ihm Handlangerdienste zu leisten oder gar als bloßer Gehilfe angesehen zu werden. Rezanov, dem utilitaristisch gesinnten Verantwortlichen auf Seiten der RAC, war das rein wissen-schaftlich orientierte Interesse des Mühlhäusers, der sich nicht seinen Befehlen fügen wollte, ein steter Dorn im Auge. Die Konflikte waren also unvermeidlich.
Langsdorff nutzte nach seiner Rückkehr aus Amerika 1806/7 ausgiebig die Gelegenheit, nördliche Partieen von Kamtschatka aus erster Hand kennenzulernen. Er wurde somit zum profunderen Ken-ner dieser Provinz und ihrer BewohKen-ner. Seine alsbald formulierten Reformvorschläge haben - ähnlich
wie die anklagenden Passagen in Krusensterns Buch22 - die russische Regierung zum Handeln
gezwungen und den Zorn der RAC hervorgerufen.23
scenen deren Augenzeuge ich seyn mußte. [...] Man kann sich leicht vorstellen, daß ein Ignorant, wie Resanoff, der für Wissenschaft nicht das geringste Gefühl hatte, für diese auch nicht die geringsten Hülfsmittel gab.” Das Dokument befindet sich im Archiv der Akademie der Wissenschaften, St. Petersburg, Font 31, 1, 11. Siehe dazu meinen Aufsatz “Zeitgenoessische Urteile ueber Nikolai Petrovich Resanov (1764-1807)”. In : Ronbun shu
-chishi toshite no ryokô-ki : “Wakamiya-maru” to “Nadeshda-go” no kiroku. Sendai : Sendai shimin kokusai
kôryû jigyô jikkô iinkai. Heisei 14 (2000 Juli), pp. 52-85.
22 Im 2. Teil, dort in der 2. Abteilung das gesamte Kapitel 8 (“Über den jetzigen Zustand von Kamtschatka”), Seite
1 - 59 (dt. “Volks”-Ausgabe im Verlag Haude und Spener, Berlin, 1812).
23 Über die Pläne, Langsdorff in Kamtschatka administrativ einzubinden, siehe im von Marie-Theres Federhofer
und Diana Ordubadi herausgegebenen Band Adam Johann von Krusenstern/Georg Heinrich von Langsdorff/
Otto von Kotzebue/Adelbert von Chamisso : Forschungsreisen auf Kamtschatka [Auszüge aus ihren Werken]
(Fürstenberg : Kulturstiftung Sibirien 2011) die Hinweise von Diana Ordubadi “Die Halbinsel Kamčatka in den Schriften des Leiters der ersten russischen Weltumsegelung (1803-1806) Adam Johann von Krusenstern und seines Naturforschers Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff” S. 137-155, hier S. 149 bis 153.
Tilesius selbst wollte dennoch nicht auf den Kontakt zu Langsdorffs Doktorvater Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) verzichten, da dieser besonders durch seine angesehene Zeitschrift
Göt-tinger gelehrte Anzeigen (GGA) der profilierteste Multiplikator für die Beurteilung und Verbreitung
von Entdeckungen im naturhistorischen Bereich war. Also übersandte er ihm Mammuthaare und Beric hte seiner Entdeckungen.24
Bei der von Rezanov massiv vorgetragenen Forderung nach einem geologischen Gutachten war Tilesius sicher nicht nur zeitlich überfordert. Der amerikanische Geologe und Kartograph William Maclure (1763-1840) etwa stufte ihn als Geologen und Biologen nicht sehr hoch ein, bot ihm im
Frühjahr 1810 trotzdem vergebens an, auf seine Kosten von St. Petersburg nach Paris mitzufahren, wo man die Elite der französischen Naturwissenschaftler hätte treffen können.25
Auf linguistische Feldforschungen ausgerichtete Dokumente zur Bevölkerung Nordasiens (Sprach-vergleich, Wortlisten) finden sich bei Tilesius fast gar nicht. Er schweigt sich selbst in seinen pri-vaten Papieren fast immer über soziale, politische oder soziale Missstände aus. Zwar darf man weder bei ihm noch bei Krusenstern antirussischen Parolen gegen den offensichtlich ausbeuterischen Kolonialismus erwarten, aber zumindest eine höhere Sensibilität für stark gefährdete und unterdrückte Ureinwohner. Da er selbst der russischen, englischen und französischen Sprache nicht sehr mächtig war, blieben auch die menschlichen Kontakte sporadisch und oberflächlich.
Ein weiterer Konkurrent war der dritte ausgebildete Mediziner an Bord, Dr. Carl Espenberg (1761
-1822)26, dessen Praxis als Schiffsarzt so gut wie nie erwähnt wird. Als Hautexperte hat Tilesius nur
private Reisenotizen über die Bewohner in Südbrasilien, Nuku Hiva und Hawai'i hinterlassen.27
24 Angekündigt im Tagebuch pag. 151 ; sein Brief vom 24. Sept. 1805 wurde dann abgedruckt in GGA Bd. 12, 6.
Stück (1806), S. 498-502. Weitere dort veröffentlichte Briefe von Tilesius finden sich im 6. Stück des 12. Bandes (1806) zwischen den Seiten 492 und 505. Tilesius wurde zwischen 1818 und 1822 oder 1823 Rezensent für diese Zeitschrift, bevor er in Unfrieden mit dem Redakteur ausschied.
25 Vgl. The European Journals of William Maclure. Edited, with notes and introduction by John S. Doskey (Ame
rican Philosophical Society, Philadelphia 1988) [Memoirs series vol. 171] S. 273f.
26 Im 3. Band von Krusensterns Reise um die Welt (St. Petersburg : Schnoor 1812) lieferte Espenberg “Nachrichten
über den Gesundheits Zustand der Mannschaft auf der Nadeshda, während der Reise um die Welt in den Jahren 1803, 1804, 1805 und 1806”. Seine Aufzeichnungen während der Reise wurden sowohl im Berliner
Freimü-thigen als auch in Storchs Zeitschrift Rußland unter Alexander dem Ersten veröffentlicht.
27 In der Staatsbibliothek zu Berlin PK Hss.-Abt. NL Tilesius Nr. 5 gibt es Aufzeichnungen zu Hautkrankheiten.
Inzwischen hat Jean De Bersaques einen Aufsatz zu Tilesius verfasst : “Wilhelm Gottlieb Tilesius - a forgotten dermatologist” (W.G.T. - ein vergessener Dermatologe) in : Journal der Deutschen Dermatologischen
Gesell-Sein 1807 voreilig geplantes Bildwerk (ein Tafelband als “Voyage pittoresque”) zur Weltumseglung kam mangels finanzieller Unterstützung durch den Grafen Nikolai Rumjantsev (1754-1826) und im
zweiten Anlauf - parallel zu Krusensterns Bemühungen - nach 1810 durch den französischen Verleger
Leclerc nie zustande.28 Für den Expeditionsleiter Krusenstern wären die nie gelieferten gedruckten
Kommentare zu den Illustrationen im Krusenstern-Atlas (1814) wichtig gewesen. Der erste Versuch
im Band 3 der “Naturhistorischen Früchte” hatte schon 1813 bewiesen, dass Tilesius sich nicht kurz fassen konnte. Daher scheint die unausgesprochene briefliche Absage seiner naturhistorischen Kom-mentierung um 1825 Erleichterung geschaffen zu haben : für Krusenstern sicher finanziell, der sich dennoch eine private Abschrift fürs Familienarchiv erbat29, aber wohl auch für den überforderten und
gesundheitlich angeschlagenen Tilesius.
Krusensterns und Langsdorffs Bücher hätte Tilesius mit allgemeinen Schilderungen wohl kaum übertreffen können. Nicht als souveränen Entomologen, sondern als “Wurmprofessor” und “unzu-verlässigen Geist” hatte ihn der mitreisende Astronom Johann Caspar Horner (1774-1834) kurz nach
der Rückkehr im April 1807 abgeurteilt.30 Georges Cuvier hatte privat schon 1803 über die
“Sot-tisen” bei der Klassifikation von Tintenfischen gestichelt. Johann Friedrich von Eschscholtz tat ein schaft. Band 9. Heft 7 (Juli 2011), S. 563-580.
28 Zu den französischen Kontakten siehe auch meinen Artikel “Heinrich Julius Klaproth (1783-1835) und Johann
Caspar Horner (1774-1834) über Kontakte zwischen Europa und Asien.” In : Tohoku Gakuin Daigaku
Nin-gen joho kenkyu [Journal of Human Informatics] No. 13 (March 2008) S. 59-86, wo S. 71 und 74f. von der indiskreten französischen Publikation über RezanovsInkompetenz berichtet wird. Hinweise auf Tilesius’ Kon-takte nach Frankreich gibt es in meinem ersten Tilesius-Artikel (s. Anm. 3, No. 154, S. 109-112). 2013 sind weitere Briefe von Tilesius an den Verleger Josef Viktor Leclerc (1789-1865) aus dem Jahr 1810 verauktioniert worden. Krusenstern hatte schon seit 1809 vergeblich versucht, bei diesem Verleger die französische Überset-zung seiner Reisebeschreibung erscheinen zu lassen. Daher taucht dessen Name im Briefwechsel Krusen-stern-Horner zwischen 1810 und 1816 immer wieder auf.
29 Von Tilesius verfasste Abschrift der Krusenstern-Briefe aus Petersburg im Mühlhäuser Stadtarchiv,
Sign. : 82/515, die auch Hasert (s. Anm. 3) S. 112-118 zitiert. Im hier folgenden Briefzitat (10./22.Jul. 1824) gibt es (in Klammern eingefügt und mit roter Tinte geschrieben) einen sich rechtfertigenden Kommentar von Tilesius : “Die TafelErklärungen habe ich nicht bekommen, auch ist es nicht warscheinlich, daß Hartmann sie drucken wird. Man ist überall so arm geworden, daß auch nur wenige das Werk anschaffen würden, so reich-haltig es auch ist. Schade, daß Ihre Arbeit nicht fertig war, als ich meine Reise drucken ließ. (Wie konnte ich
dies da ich 13 Jahr lang am Krusenst. Atlas arbeiten und auch noch meine academischen Abhandlungen und Pallas Zoographia // Rossi Asiatica 3 Bände im Druck während der Zeit meines Aufenthalts (10 Jahre) liefern muste, ich war ja schon mit Arbeit überhäuft und konnte gar nicht an meine eigene Arbeit denken.)”
Die letzte mahnende Bitte Krusensterns erfolgte am 22. Juli 1826 : “Was Ihr Manuscript des vierten Bandes meiner Reisebeschreibung betrift, so bitte ich Sie inständigst es mir zuzuschiken. Aber auf eine nicht kost-spielige - aber doch sichere Art. Ich laße es vielleicht doch noch einmal drucken d.h. nicht auf meine eigene Kosten, wo nicht, so soll es in meiner Bibliothek als ein Andenken von Ihnen aufbewahrt werden.”
30 Das Original befindet sich im Nationalarchiv Estlands, dem EAA (Eesti Ajalooarhiiv, Tartu) Krusenstiern-Fond
1414-3-22, Bl. 7 (Mo. d. 22. April. 07. (und 23. April). Es war auch Horner, der Tilesius freundschaftlich, aber vergeblich vor der Heirat mit der nicht sehr guten und kaum häuslich-sanften Clementine warnte.
Gleiches öffentlich in seinem “System der Acephalen” (Berlin 1829), wo er Tilesius der weitschweifi-gen und verwirrten Darstellung von Quallen bezichtigte (S. 159f.). Ein breites Publikum hätte Tile-sius mit seinen Algen-und Kleintierbeschreibungen sicher nicht zum Kauf dieses Fachbuches
animie-ren können. Und je länger sich die Herausgabe seines allumfassenden Werkes verzögerte, desto unwichtiger und unzeitgemäßer musste es auch für Fachkollegen sein. In der Umbruchzeit zwischen der Naturkunde des 18. zu der des 19. Jahrhunderts hatte Tilesius den Anschluss an die neue Natur-wissenschaft verloren. Er war durch die Expedition und die anschließend in St. Petersburg ver-brachte Zeit zu einem akademischen Epimenides31 geworden.
Trotz alledem :
Wir erhalten ein anschauliches Bild von Tilesius mit seinen Leiden als nicht so junger Forscher in einem wenig kooperativen Umfeld. Anerkennenswert ist sein nie ruhendes, ausgedehntes Interesse an der Natur, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz. Wahrscheinlich kann man von ihm sagen : “Nulla dies sine linea seu pictura.”
C. 1. Hinweise zur Edition
Um den Umfang dieses Artikels zu begrenzen, werden folgende editorische Eingriffe vorgenom-men :
- Die chronologische Abfolge (weil Tilesius Einschübe und Nachträge an anderer Stelle liefert) hat
Vorrang vor der seitengetreuen Textwiedergabe.
- Nicht immer kann man sich auf die Datierung bei Tilesius verlassen. Manchmal verwechselt er
Wochentage oder gibt Daten an, die nicht mit denen der Mitreisenden übereinstimmen.
- Die erste Erkundung Südsachalins im Frühjahr 1805 fehlt in diesem Aufsatz.
- Die stichwort- und glossenartigen Überschriften auf den Blättern werden weggelassen. Eingefügte
31 So urteilte Carl Gustav Carus über seinen Vetter Tilesius in den zuerst 1866 erschienenen Lebenserinnerungen
und Denkwürdigkeiten (Weimar 1966, 2.Teil, 5. Buch, S. 436f.) - nach dessen Ableben. Zu Lebzeiten ging von Lorenz Oken in seiner Zeitschrift Isis (zuerst 1817, S. 1511) die massivste Kritik aus. Vgl. den sehr kri-tischen Artikel (sign. : 67=vielleicht von Oken) zu Tilesius im 4. Supplementband für die 7. Auflage des Brockhaus’schen Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur (Leipzig 1834 ) Band 4, S. 631f., hier
S. 632 : “Diese Früchte sind aber nicht so bedeutend, als es der Sache nach scheinen möchte. Zwar ist Vieles beobachtet, [...] aber die Beschreibungen sind mit Abschweifungen aller Art durchflochten und des We sentlichsten wird oft mit keinem Worte gedacht [...]”, der Verfasser sei “mit der Zeit nicht fortgeschrit-ten”. Dies Urteil wurde in späteren Auflagen nicht widerrufen.
kleine Skizzen werden nicht reproduziert.
- Die Zeilen werden aus Platzgründen fortlaufend wiedergegeben. Das Mühlhäuser Mscpt. ist mit
mehr als 40 Zeilen pro Blatt eng geschrieben.
- Die meisten naturhistorisch-taxonomischen Passagen, Listen und Beschreibungen von Pflanzen
(z.B.Tangen wie im Berlin NL 2 Seiten mit Illustrationen)32, Tieren und Steinarten entfallen, was
durch entsprechende Markierung erkennbar ist.
- Die Kommentierung beschränkt sich auf ein Minimum. Somit entfällt auch die Kontrolle der
Nomenklatur nach Linné/Gmelin oder in anderen damals gängigen Bestimmungsbüchern für die vielen von Tilesius so genannten “nova species”.
- Orthographische Eingriffe (Interpunktion, Zusammenschreibung von Komposita, Vereinheitlichung
bei Namenvarianten) in die Vorlage werden fast nicht vorgenommen. Die Umlautpunkte über dem y [ÿ] werden nicht dargestellt ; manche Umlaute entsprechen nicht unserer heutigen Schreibung. Redu-plikationsstriche (z.B. Überstrich bei m̅ =mm) werden aufgelöst.
- Lateinische und geographische Begriffe sowie Rangbezeichnungen und Fremdwörter werden wie
bei Tilesius meist kursiv gesetzt.
- Die Paginierung der Vorlage wird durch fette Zahlen / / angezeigt oder durch [ ] ergänzt.
- Unterstreichungen [auch wenn sie im Original z.B. bei den Datumsangaben nachträglich eingefügt
sein mögen] werden ebenso wie die Wortstreichungen angezeigt.
- Nachträgliche Texteinschübe über oder unter der Zeile sind durch geschweifte Klammern kenntlich
gemacht.
- Unlesbare Wörter werden durch ...[?] angezeigt.
Zu den im Tagebuch verwendeten Maßen und Gewichten hier nur ein paar Konvertierungsbeispiele 1 Stof = ca. 1 Liter - 1 Werst = ca 1 km - 1 Zoll = 2,5 cm - 1 Elle = ca. 50 cm - 10° Réaumur = 13°
Celsius - 1 Lot = ca 15 g - 1 Faden = 1,83 m - 1 (nautische) Meile = 1,852 m - 1 Knoten = 1,852 km/h
C.2. Hinweise zu Illustrationen
Die Illustrationen scheinen Tilesius am wirkmächtigsten gewesen zu sein. Er hat Duplikate seiner
32 Mit den Tangen bei Tilesius hat sich Michael Wynne 2006 und 2009 befasst. Zum Mammut gibt es Briefe an
Caspar Wistar (1761-1818) und Benjamin Barton Smith (1766-1815) in den USA (American Philosophical Society, Philadelphia : Wistar Coll B W76 und ebd., Library Hall : Benjamin Smith Barton Papers, B D284.d, Series I).
Illustrationen aus Gefälligkeit für Kollegen angefertigt. Illustrationen aus seiner eigenen Sammlung befinden sich heute in der Leipziger Universitäts-Kustodie.33 Nur wenig davon kann hier zur
Veran-schaulichung wiedergegeben werden. Vieles ist in den Krusenstern-Atlas (1813) und auch in
Langs-dorffs Buch (1812) aufgenommen worden, kann daher leicht im Internet als Digitalisat abgerufen werden. Die umfangreichste Wiedergabe von Textauszügen und dazu gehörigen Abbildungen aus verschiedenen Archiven und gedruckten Werken findet man in dem 2005 von Alexei Krusenstern und Olga Fedorova herausgegebenen synoptischen Band Vokrug sveta s Kruzenshternom (St. Petersburg : Kriga 2005). Olga Fedorova hat inzwischen auch das Bildmaterial im Horner-Nachlass der
Univer-sität Zürich (Völkerkunde-Museum der Uni Zürich [VMZ], Sign. : 820), von Philippe Dallais kundig
ans Licht gezogen, in ihrer Ratmanov-Ausgabe (2015) verwendet :
Vorrang genießen also Abbildungen, die besonders anschaulich sind. Dazu zählen im 1. Teil
- Abb. 1 “Charte von dem Meer von Kamtschatka mit Capt. Ios. Billings und Mart. Sauers
Reiserouten. Gezeichnet von Ferd. Götze” (Weimar 1803), aus : Allgem. Geogr. Ephemeriden 1803 XI.Bds. 3.St.
- Abb. 2 Karte der Ostküste von Kamtschatka (KRUS-Atlas Nr. XXIV) - Abb. 3 Karte der Awatschabucht (KRUS-Atlas Nr. XXVII)
- Abb. 4 Blick auf die Koschka und Hafeneinfahrt [EAA f. 1414-3-4 ill. 107]
- Abb. 5 Blick von Koschka auf Kaserne jenseits der Hafeneinfahrt [EAA f. 1414-3-4 ill. 108] - Abb. 6 Schaluppe im St. Peter Paul Hafen vor der neuen Batterie [VMZ Horner Nachlass,
820_1_10]
- Abb. 7 Fernsicht vom Hafen in der Awatschabucht [nach Tilesius] :
1. Salzsiederei 2. Landspitze vor Kegelberg 3. Nadeshda im Hafen 4. Kommandantenhaus 5. Koschka 6. die alte Batterie 7. Friedhof beim Paguna Retschka Fluss
- Abb. 8 Im Hafen von St. Peter-Paul [nach Tilesius] :
1. Neue Batterie 2. Kasernen 3. Nadeshda. 4. das Lazareth
5. Awatschinska Sopka 6. Kommandantenhaus 7. Kirche 8. Warenlager (RAC)
33 Vgl. das Verzeichnis dieser Abbildungen durch Sterba, in : “Tilesius und Japan (4. Teil)” s. Anm. 3, Nr. 157, S.
D. Bericht über die Aufenthalte in Kamtschatka sowie Nordsachalin Verlauf der Reiseroute der “Nadeshda” und Landgänge
Kronstadt 7. August 1803 Abfahrt der “Nadeshda” und der “Neva” Kopenhagen 15. August-8 Sept. (Tilesius kommt am 22. Aug. an Bord)
Falmouth, GB (Hafen und London) 28.Sept.-5. Okt.
Teneriffa 17. Okt-27. Okt. 1803
Santa Catarina (Brasilien) 21.Dez. 1803-4. Febr. 1804
Nuku Hiva (Marquesas Inseln) 9. Mai-18. Mai 1804
Hawai’i 8. Juni (kein Landgang)
Kamtschatka 1. Aufenthalt : 15. Juli 1804-7. September 1804
Nagasaki 8. Okt. 1804-17. Apr. 1805 (retour via Hokkaido und Südsachalin)
Kamtschatka 2. Aufenthalt : 5. Juni-4. Juli 1805
Nordsachalin ca. 20. Juli-29. Aug. (Erkundung bis zur Amur-Mündung)
Kamtschatka 3. Aufenthalt : 28. Aug.-9. Okt. 1805
Macao und Canton/Whampoa 20. Nov. 1806-9. Febr. 1806
St. Helena 4. Mai 1806-5. Mai 1806
Orkney-Inseln 17. Jul. 1806 (kein Landgang)
Kopenhagen 2.-6. Aug. 1806
Kronstadt 19. Aug. 1806
Durch einen Sturz auf der Insel Nuku Hiva am Fuß verletzt, des weiteren von Hämorrhoiden und Zahnschmerzen geplagt, sehnt sich Tilesius auf der Seereise von Hawai’i in Richtung Kamtschatka danach, endlich wieder gesund zu werden34 und die Naturforschungen erneut aufnehmen zu können.
Die Stimmung an Bord ist eisig, weil der Autoritätskonflikt zwischen dem Gesandten Rezanov und dem Kapitän Adam Johann von Krusenstern seit der Konfrontation auf der Insel Nuku Hiva ungelöst glimmt.35 Über den ansonsten meist monotonen Tagesablauf berichtet Tilesius nur sehr selektiv.
Die Ankunft in der Awatschabucht erfolgt am 15. Juli 1804, und nun notiert Tilesius, kaum genesen, zunächst nur diese kurzen Eintragungen (NL 7, 5r) :
34 Tilesius war am 1.Juli aus seiner Kajüte aufgetaucht, lt. Loewensterns Tagebuch, in EAA (s. Anm. 18) f. 1414
-3-4, Bl. 118.
Sontags d. 15. Die erste Zeichnung von der noch fernen Kamtschadalischen Küste. Nachmit-tags in der Awatschabay im PeterPaul Haven vor Anker. Nach Tische an Land gegangen.
Montags d. 16. Gadus {Callarius} Aegletinus. Salmo Trutta und Fario. Cottus scorpius und Scorpaena Asterias violacea (leztere zergliedert. Cottus horridus
Dienstags d. 17. Julii 1804 Excursion auf Mineralien und Kräuter. Thonschiefer, Mandel-stein, Quarz, Trapp.
M. d. 18. 19. Die Actinia senilis zergliedert und gezeichnet
Freytag d. 20. Camtschadalen gezeichnet. Balanus maximus nebst der Actinia senilis oder dem Priap. auf dem Boden mit einem Loche esp.
Sonnabends u. S. 21. u. 22. Taucher Colymbus gezeichnet Therm. 9°-10°. R.
Montags. u. Dienst. d. 23. u. 24 die neue Scholle Pleuronectes striatus gezeichnet
Mitt u. Donnerst. d. 25. u. 26. Excurs. bot. Verdruß mit dem Gesandten welcher mich plagen wollte und doch meinen Contract nicht halten wollte. Regen
Freyt. u Sonnabends d. 27. u 28. Balanus max. Cancer macrour. et quella
Sontags d. 29. Julii Regen. kalt 9° Reaum. Cancer maja max. vollendet-ausgezeichnet und
zer-gliedert.
Montags d. 30. Julii. die Officiers bey uns zu Tische, einen Kamtschadalen gezeichnet. Dienstags d. 31. Julii Die große Krabbe zergliedert. Regen beständig
Mittwochs d. 1 August. Fuci aufgelegt. Clathrus, sacharinus, Alatus maximus Donnerst. d. 2. august. Schellfische und Dorsch zergliedert Zeichnung entworfen Fasciola Echinorinchi u. Trichiuri [] Ascarides et Taeniae gefunden
Freytag d. 3. Sonnabend d. 4.
In dem gebundenen Diarium (Stadtarchiv Mühlhausen, Tilesius Bibliothek Nr. 82/291) beginnen die Kamtschatka-Aufzeichnungen auf pag. 30. Sie finden sich in fast wörtlich gleicher Form im
/30./
Ankunft in Kamtschatka.
Beschreibung des Landes, der Produkte des Havens und einiger wenigen Nationalmerkwürdig-keiten.
Sontags Nachmittags den 15 Julii 1804 giengen wir im Peter-Pauls Haven von Kamtschatka vor
Anker. Die Küste[,] welche bergicht und waldigt ist und auch überdieses noch durch den intereßanten Anblick mehrerer rauchender und auch mitten im Sommer immer mit Schnee bedeckter Berge und Vulkane im Hintergrunde die Aufmerksamkeit {eines} jeden Reisenden auf sich zieht, giebt einen malerischen Anblick, und erquickt das Auge durch ihr lachendes und frisches Grün. Eine Menge Fische und Seevögel, besonders Helmenten und Papageytaucher zeigen sich schon beym Ein-tritt in die Awatscha bay. Die rauhen Felsen, die sich nun dem Auge mehr nähern und die großen Maßen von Laven und vulkanischen Breschen, contrastiren mit dem grünen Teppich der Berge auf die angenehmste Weise, nur der erste Anblick der wenigen zerstreuten Hütten im Peter Pauls Haven
schien mir in der Ferne etwas ärmlich. Innerhalb der Bay, welche ungemein gros und ausgedehnt ist, erkennt man den Haven an den 2 stark hervorspringenden kegelförmigen Bergrücken und an der schmalen Erdzunge, welche hier die Koschka (d. Kazze) genannt wird, mit 6 bis 8 Trokkenhütten besezzt ist und den innern Raum des Havens einschließt.
Die Einfahrt in denselben ist so schmal, daß man kaum glauben sollte, ein großes und schwer beladenes Schiff könne hier in diesem schmalen Raume Tiefe genug finden um ohne Gefahr aufzu stoßen, durchzupaßiren. Sie wird von der schmalen Erdzunge, die sich bis zu 50-60 Schritt Entfernung
von dem gegen überstehenden hervorspringenden Bergrücken herausstreckt gebildet. Dicht am Ufer in dem Haven selbst stehen die Casernen, das Lazarett und die Magazine, alles ärmliche Hütten von Holz (ohngeachtet die leztere 20000 Rubel soll gekostet haben) und von einer Bauart, wie sie in kleinen Rußischen Dörfern zu seyn pflegt, nämlich durch parallel gelegte Baumstämme die sich an den Winkeln der Wände durchkreuzzen. Dicht hinter und auch zum [Theil] zerstreut und in einiger Entfernung neben diesen stehen die Soldaten wohnungen. Die Zahl der Häuser im Peter Pauls Haven beläuft sich jezt auf 32. Wenn Fenster an diesen Häusern sind, so bestehen sie /31/ entweder
aus bloßen Luftlöchern oder aus Fischblase oder Seehundgedärmen[,] welche der Länge nach aufge-schnitten aufgespannt und an einander genäht worden sind. Dicht neben den Casernen, welche am Fuße des erwähnten hervorspringenden Bergrückens erbaut sind[,] liegen zum Theil noch ohne Lavetten 20 und mehrere meßingene Kanonen und es ist auch eine Batterie von Rasen hier aufgewor-fen, welche aber fast verfallen ist und nicht mehr benuzzt wird, zwei andere Batterien befinden sich aber am Eingange in den Haven und bestreichen beyde Seiten der Bay. Die eine befindet sich am Fuße der Koschka oder schmalen Erdzunge [Abb. 7, Nr. 6] und die andere gerade gegen über auf der Einsenkung des erwähnten vorspringenden Bergrückens [Abb. 8, Nr. 1]. Beyde sind leer und man bringt erst, so bald ein Schiff in der Entfernung bemerkt wird, einige gangbare Canonen dahin um zu salutiren. Als wir einfuhren, begrüßte man uns mit 7 bis 11. Canonenschüßen, die sehr gut und regelmäßig blos aus zweien abwechselnd abgefeuerten Stücken fielen. Bey dem ersten Besuche, den wir von dem milit. Quartiermeister, dem Prikaschik oder Handlungsfactor36 und einem Lotsen
erhielten, nachdem wir leztern durch einen Canonenschuß eingeladen hatten, erfuhren wir, daß ein
Major37 die Person des Gouverneurs im PeterPauls Haven vorstelle und zu diesem begaben wir uns
sogleich nach unserer Ankunft an Land. Er hat die gröste und ansehnlichste Wohnung im Dorfe, welche einige Zimmer enthält, in denen Sr Excellenz der Japanische Gesandte abtrat und während der Zeit unseres hiesigen Aufenthaltes hier wohnte. Indeßen ist auch dieses Gebäude nur als eine nied-rige Hütte von einem Stockwerke, aber von größerem Umfange und Bequemlichkeit als die übnied-rigen zu betrachten.
Hinter dieser Majors=wohnung fängt sich der waldige Berg bereits {an} allgemach zu erheben. An dem Abhange dieses Berges ohngefähr 20 Schritte hinter der Majorswohnung ist Cpt. Clerk’s Grab-mal zu sehen, welches aus einem viereckigen hölzernen Kasten in Gestalt eines Schöpfbrunnen Kas-tens besteht, auf welchem eine kupferne Tafel, wie sie zum Beschlagen der Schiffe gebraucht zu werden pflegen, angenagelt ist. Auf dieser Kupferplatte ist folgende Inschrift in punctier ten latei nischen Buchstaben mittelst eines eisernen Nagels und Hammers einpuncirt38:
At the foot of this tree lies the body of Capt.n Charles Clerke who succeeded of the command of his Britannic Majesty’s Ships, the Resolution and discovery, on the death Cpt.n James Cook, who was infortunately killed by [32] the natives at on Island in the South Seas, on the 14th of February. the Year 1779./and died at Sea of lingering Consumtion the 22 of August in the same
36 Im Englischen meist als supercargo bezeichnet. 37 Damit ist Anton Ivan. Krupskoi gemeint.
38 Die Version lautet bei Krusenstern etwas anders : “At the foot . . . to the command . . . unfortunately . . . at an
Year/aged 38.-”
Copie sur l’inscription Angloise par ordre de Mr. le Cmte de la Perouse, chef d’Escadre en Septembre 1787.
Als Laperouse 1787 hieher kam39 [,] war das Epitaphium so verfallen, daß er ein neues zu errichten
für nöthig hielt.
Dicht neben dieser Commandantenwohnung ist die Kirche, eine kleine hölzerne Hütte, neben welcher an statt des Thurmes einige Stangen aufgerichtet sind, zwischen denen einige meßingene Klocken aufgehängt sind, welche die Bewohner des Havens zum Gottesdienst ruffen. Der PeterPaul Haven wird von dem Fuße einiger Berge eingeschloßen40, welche sich allmählich hinter dem Gebäude
erheben und mit fetten Wiesenwachs und dichter Waldung besezzt sind, welche leztere sehr wenig behauen und benuzzt wird und in welcher die mehresten Bäume zwergig und verkrüppelt sind, auch unzählige verdorrte und vor Alters abgestorbene und verfaulte Stämme zu bemerken sind.
Von dem Gipfel dieser Berge herab ergießen sich mehrere klare Bäche, welche nicht nur das Dorf reichlich bewäßern, sondern auch hier vor Anker liegende Schiffe mit einem gesunden und wohlschmekkenden Trinkwaßer versorgen können. Rechts hinter dem Dorfe zieht sich ein Thal zwischen den waldigen Berge hinunter, welches von der entgegengesezzten waldigen steilen Wand des erwähnten hervorspringenden Bergrückens begränzt wird. In diesem Thale ist ein kleiner Land-see, auf welchem sich beständig, besonders häuffig aber gegen Abend eine [Menge] Möven und Taucher aufhalten, die zum Theil in den schilfigen Ufern deßelben nisten und brüten. Dieser Land-see wird nur durch einen flachen schmalen Erdstrich von dem Ufer der Bay getrennt, der hier hinter dem erwähnten hervorspringenden Bergrücken eine tiefe Bucht bildet, die linkerseits wieder durch einen waldigen steilen Berg begränzt wird, an deßen schmalem Ufer sich der Weg nach der zweiten Bucht, in welcher die {vormalige} Salzsiederey liegt, hinziehet.
Die Salzsiederey besteht aus 2 hölzernen jezt unbewohnten und öden Hütten, die ohngefähr eine gute halbe Stunde weit von dem Dorfe dicht am Seeufer liegen. In der einen Hütte ist die Pfanne {noch} zu sehen, die jezt aus ihrem Bette herausgehoben und so aufgestellt worden, daß sie vom Regen getroffen und vollends vom Roste verzehrt werden kann [s. Abb. 7, No. 1]. Die Ursach dieser Aufstellung war, weil die Pfanne an einer Stelle durchgebrannt {war und ausgebeßert} werden
39 La Pérouse (1741-1788) verscholl mit den Schiffen L'Astrolabe und Boussole auf der Weiterreise bei den
Salo-moninseln. Clerke hatte nach Cooks Tod während der 3. Expedition das Kommando der Schiffe Resolution und
Discovery übernommen, bevor er selber an Tuberkulose starb und in Kamtschatka beerdigt wurde.
sollte. Sie wartet aber noch immer in derselben Stellung auf die Ausbeßerung. Es wollte sich nie-mand zu diesem Geschäfte verstehen, auch soll das Eisen gefehlt haben. Die umliegende Gegend ist hier sehr angenehm, auch findet sich nicht weit davon ein klarer Bach mit vortrefflichem Quellwaßer. {Die Fortsetzung folgt X Seite 27.}41
/27./
Bemerkungen über Kamtschatka
eine Fortsezzung der auf Seite 32. aus Mangel an Raum abgebrochenen Beschreibung. [x]
[x] In dem Peter Pauls Haven selbst haben wir nur wenige gebohrne Kamtschadalen kennen gelernt, in dem ganzen Dorfe befinden sich ohngefähr 3 bis 4. Die übrigen hatte die Neugierde aus einem nicht gar zu weit entfernten Kamtschadalischen Dorfe herbeygelokt, um das neu angekommene Schiff und die Europäer[,] die der Kamtschadale mit eben so neugierigen Augen angafft wie wir sie, zu sehen. Die Bewohner des Peter Pauls Haven sind Soldaten und zum Theil aus Ochtozk zum Theil auch aus Irkutzk gebürtig, es sind gröstentheils Huren42 die sich höhern und geringern zu jeder Stunde des
Tages für etwas Thee und Zucker gern überlaßen[,] ihre Männer sind dem Trunk ergeben und werden dann gewöhnlich durch ihr Lieblingsgetränk, den Brandwein berauscht.
Der allgemeine Nationalzug dieser Leute ist Faulheit43- welcher nicht selten Begleiter des Mangels
ist. Es ist sehr wahr, daß die Lebensbedürfniße und die kärglichen Naturproducte im PeterPauls Haven unzulänglich sind, um allein ihre Existenz angenehm zu machen und Industrie zu erwecken ; aber sie verlaßen sich ganz auf das, was ihnen jährlich von Ochotsk zugeführt wird und haben gar keinen Trieb, durch eigne Anstrengung und Bearbeitung der wenigen brauchbaren Producte, welche ihnen die Natur darbietet, ihre Lage und Existenz zu verbeßern. Arbeit und Mühe ist gerade dasjenige[,] was hier im Peter Pauls Haven am theuersten bezahlt wird. Von allen den Leuten, welche (der Prikas-chik) [für] die Amerikanische Compagnie miethete, um die Zucker und Coffefäßer die Thee und Waaren Kisten, welche ausgeladen wurden, nach dem Magazine zu transportiren, verlangte und erhielt jeder 5 Rubel Tagelohn[,] der Kost und des Brandsweins gar nicht zu erwähnen. Das Magazin eine ärmliche hölzerne (Hütte), wie man sie in jedem Rußischen Dorfe trifft, kostet die Compagnie 20.000
Rubel.44 Das Holz dazu kam nebst den Bauleuten mit einem Schiffe von Ochotzk hier an.
/28/ Welchen wohlthätigen Einfluß der Waaren Transport und die Ladung unseres Schiffes auf die
41 In NL 8 ist der Textanschluss fortlaufend. 42 Krusenstern spricht von weniger als 25 Frauen.
43 Zur Faulheit der Bewohner vgl. NL 9, 9r. Über die Portugiesen hatte Tilesius Ähnliches gesagt. 44 NL 9,9r : “Rubel zu bauen”. Das wären etwa 4000 Tageslöhne für einen dortigen russischen Arbeiter.
Waarenpreise und auf das davon abhangende Wohlbefinden der Bewohner des Peter Pauls Havens und der umliegenden Kamtschadalischen Dörfer gehabt hat und wie viel diese dem klugen Entwurfe unseres Capt.ne v Krusenstern und seiner glücklichen Ausführung zu verdanken haben ; sieht man aus folgender Tabelle der bisherigen Waarenpreise, wie sie mit der Ausladung unseres Schiffes gleich unter die Hälfte herab fallen und bey allem Profit der Compagnie bestimmt festgesezzt werden konnten und musten.45
/29./
Der Prediger des Ortes ist kein gelehrterer Mann, als die andern Bewohner des Dorfes, er unter scheidet sich von ihnen blos durch sein stilles schüchternes Betragen, durch sein langes, schlichtes herabhängendes Haar und durch ein seidenes Oberkleid und scheint {sich} auch nicht aus seinem vaterländischen Wohnsitze entfernt oder in einem Rußischen Prediger Seminario studiert zu haben, wie man mir sagte so ist er ein gebohrner Kamtschadale. Die National Physiognomie und der Habitus der gebohrnen Kamtschadalen ist ungeachtet sie mit der Asiatischen im Allgemeinen übereinstimmt, dennoch so ausgezeichnet, daß man nicht leicht einen eingebornen Kamtschadalen verkennen kann.46
Sie kommen mehr mit den Japanern, als mit den Chinesen überein und machen gleichsam den Uiber-gang von den Asiaten zu den Europäern [Abb. im 2. Teil]. Ihre Augenlieder sind nicht so flach geschlitzt und nicht so klein als bey andern Eingebornen Asiens[,] doch ist der innere Augenwinkel nebst der Thränencarunkel eben so sehr und noch stärker herab einwärts gezogen. Die Stirn ist breit, noch auffallender aber sind es die Jochbeine, welche hier sehr breite Wangen bilden, zwischen denen Nase und Mund gleichsame versteckt liegen. Bey den Japanern hingegen sind die Jochbeine {und Wangen} nicht so breit, erstere hingegen mehr ekkigt und hervorstehend. Die Nase der Kamtscha-dalen ist klein aufgeworfen, eingebogen, so daß man in die Nasenlöcher hineinsehen kann. Der Mund ist gros, die Lippen mehrentheils aufgeworfen und die Zähne sehr weis und vollzählig. Das Kinn ist klein ; aber die Ober-Lippe oder vielmehr der ganze Raum zwischen Nase und Mund ist gros
und hervorstehend auch die Furche unter der Nase ist merklich und auffallend. Der Bug zwischen Stirn und Nase ist tief. Die Augen sind schwarz und glänzend. Das Haar ist schwarz schlicht her-abhängend und dicht. Die Augenbrauen sind gewölbt und halb zirkelförmig gebogen (arcus
super-ciliares distinctea) die Augen selbst stehen weit auseinander und treiben die Jochbeine dermaßen aus
einander, daß der Oberkopf ein sehr breites Aussehen dadurch gewinnt. Uibrigens ist der Kopf aber
45 Im Tagebuch folgt keine Tabelle, der Rest des Blattes ist leer. Aber Loewenstern hat eine solche vergleichende
Preisliste unter dem Datum 3./15. August 1804.
46 Die Vorlage zu den Abbildungen im Krusenstern-Atlas finden sich in den Moskauer “Skizzenbüchern” A und B.
abgerundet und nicht wie bey andern Asiaten oben zugespitzt, daher auch das Linneische
Praedicat : capite conice*47nicht wohl von ihnen gelten kann. Die ganze Physiognomie ist weit angenehmer munterer und ehrlicher, als bey andern Asiaten, ihr Blick scheint kindisch und aufrichtig, in ihren Augen liegt nicht die Falschheit und Verstellung[,] die den Chinesischen Köpfen eigen ist, auch nicht das ruhige tiefe Nachdenken und Mißtrauen der Japaner, sondern etwas Einfalt. Ihr Colo-rit ist zwar dunkel und brunett, doch ist es dabey gesunder und durch die rothen Lippen und Wangen und durch den Reizz der heftigen Winterkälte blühend. Ganz auffallend klein sind ihre Hände und Füße. Sie sind fast durch aus um einen Kopf kleiner als die Europäer[,] zwar dick, untersezzt und stämmig ; aber doch von ungemein gut proportionirten und gewandten Gliedern. Sie sind sehr aber-gläubisch und haben, ungeachtet sie sich zur griegischen [=orthodoxen] Kirche bekennen, noch eine Menge von Gözzen und abergläubischen Bildern.48
Ihr Ton der Stimme ist singend und ihr vieles Zischen, wo mit sie auch selbst das Rußische aus-sprechen[,] klingt leut seelig und freundlich.49
/40/
[...] Der Herr Gesandte, welcher auch zugleich zur Verbeßerung des Handels der bürgerlichen Ver-faßung der Industrie usw. von Kamtschatka und Codjac von dem Monarchen autorisirt seyn soll, hat jezt allerley neue Speculationen und Entwürfe zu Kalkbrennereyen, zum Ersazz verschiedener Bau-materialien, als des Mörtels des Thons Lems der Sand oder Granit felsen, zu Kohlenbrenneyen, zu Salzsiedereyen, zum Ackerbau, zur Oekonomie und zu andern schönen Sachen, die sich in dieser rohen wilden Natur an der Spizze {in der beträchtlichen Entfernung} des nördlichen Asiens und bey so großem Mangel an den nöthigsten Naturproducten und Bedürfnißen nicht so gleich ins Werk rich-ten laßen. Er hat mich täglich und stündlich um nachstehendes Mineralienverzeichniß, welches in der grösten Eile entworfen werden muste, geplagt und bitter gekränkt durch schändliche Vorwürfe meiner Unwißenheit, weil das Verzeichniß, ungeachtet ich alle Gebirgsarten, die sich in Geschieben und Bruchstücken irgend wo fanden, bey den Haren herzu gezogen hatte, seinen Vorstellungen und
47 In Linnés Systema Naturae in der von Joh.Frdch. Gmelin besorgten 13. Ausgabe (Leipzig 1788) findet sich
die-ses Zitat im 1. Band, S. 24.
48 NL 9,10r ergänzt so : “Manche gute und rühmliche Eigenschaft[,] die man ihnen zuschreibt, beruht auf diesem
Aberglauben, namentlich ihre Zuversicht und Muth mit welcher ein einziger Mensch auf die Bären Jagd geht und gewöhnlich sein angeschoßenes Thier das mit voller Wuth auf ihn zurennt, mit einem kaum zu regierenden großen Spieße erlegt.” Auffallend klein sind ihre Hände und Füße.”
49 Im Berliner NL 9, Bl. 10r folgt hier noch die Bemerkung : “Beyliegende Abbildungen werden hoffentlich die
bisher gegebene Beschreibungen beßer versinnbildlichen und das Mangelhafte und Unvollständige derselben ergänzen und berichtigen.”
Im Moskauer Skizzenbuch sind die Vorlagen der Physiognomie-Bilder für den Krusenstern-Atlas zu finden. Beide hat Olga Fedorova im Ratmanov-Werk in Farbe wiedergegeben (Anm. 15) S. 225 und S. 227.
Wünschen nicht entsprach.
/41./
Verzeichniß der vorgefundenen Mineralien auf den beyden
Kamtschadalischen Küsten und Bergrücken, welche den PeterPauls Haven einschließen, in welchem wir vom 15. Julii bis 1804 vor Anker lagen50
[...]
/42/
[...]
Wörtliche Abschrift eines Rapports, der am 23 Julii 1804 an Sr. Excellenz C[ammer].H[err]. von Resanof abgestattet wurde
Ewr Exc. erhalten hiermit den Rapport von den vorgefundenen Steinarten von den beyden Küsten der Awatschabay. Zeichnung und Beschreibung der hiesigen Thiere und Gewächse halten mich jezt noch {auf Excursion und} am Arbeitstische. Sobald Ewr. Excellenz aber eine kleinere oder größere Landreise vornehmen ; so werde ich nicht ermangeln, auf dero Ordre von Ihrem Gefolge zu seyn und Sie werden mich dadurch in den Stand sezzen, vielleicht wichtigere Gesteinsarten zu bemerken und Ihnen gemeinnüzzigere Anzeigen zu machen, als diese.
Ich bin schon längst nicht mehr im Stande ein Thier in Spiritus zu sezzen, weil ich keinen mehr von H. Schimlin51 erhalte. Dahero wollte ich Ewr. Excell. nochmals vorstellen und bitten, auf den für die zoologische Sammlung bestimmten Brandtwein anzuweisen. Der Herr Capit. hat die Gütigkeit gehabt, mir Zeit hero den nöthigen Brandtewein vorzuschießen, um die bereits halb leeren Gläser /43./ wieder einigermaßen aufzufüllen, demohngeachtet aber stehen noch einige Thiere nur halb=bedeckt in den Gläsern und ich darf jezzo kaum mehr wagen, noch gerne von dieser Gefälligkeit Gebrauch zu machen, zumal da der Monarch einen eigenen Vorrath von Brandtewein zu diesem Zwecke bestimmt hat.
Zu gleicher Zeit muß ich auch eine Erinnerung, die meine Pflicht von mir fordert, beyfügen und diese ist um so nöthiger, je länger ich damit zurückgehalten habe. Bisher d.i. von England und
Tene-riffa her ist nie das befolgt worden, was ich von dem Jäger verlangt habe. Jedesmal hat er vielmehr
seine Arbeiten als ein für sich bestehendes Werk betrachtet und versteckt und Thiere, die ich auszu
50 Dies ist der Obertitel auf dem Blatt. Das eigentliche Verzeichnis wird hier nicht zitiert.
51 Fedor Shemelin (1757-nach 1818) und der weiter unten (pag. 44) genannte Hofrat Fedor Pavlovich Fosse
gehören zur RAC-Gruppe um Rezanov, auf die auch Loewenstern immer wieder verächtlich zu sprechen
kommt. Fosse stand als ehemaliger Polizeibeamter im Verdacht, Spion der Regierung zu sein, s. Govor (Anm. 4) S. 31 und 34f.
stopfen verlangt hatte, wurden es nicht, neulich verlangte ich von ihm, daß er die hier so leicht zu erhaltenden und für die Ornithologie so wichtigen Seevögel abhäuten sollte, er erwiederte mir aber, daß er jezt Fische ausstopfen müßte. Da ich dies für eine bloße Entschuldigung halte, in dem der Herr Dr L[angsdorff]. seine Fertigkeit für diesen Zweig anwendet und Ewr Exc. auch auf keinen Fall werden befohlen haben, daß er seine nüzzliche Thätigkeit von einem Hauptzweige abwende, so bitte ich Ew. Exc., dem Jäger einzuschärfen, daß er künftig das thue, was ich ihm befehle, weil sonst auch meine wärmsten Bemühungen, die naturhistorischen Sammlungen und Bemerkungen intereßant zu machen, einen zum Theil mangelhaften Erfolg haben müsten.
Uiberdieses haben wir hier Gelegenheit, so mancherley Landthiere (Mammalia) die für Rußlands Handlungsgeschichte und besonders den Rauchwerkhandel so intereßant und lehrreich sind, zu erhalten, von diesen wünschte ich, wäre es auch nur ein einziges Exemplar, wohl conditionirt in die Kayserl. Natur. Samml. zu liefern und eine genaue Beschreibung zu geben.
Da ich zu wenig Mittel in Händen habe, diese Thiere selbst herbey zu schaffen ; so bitte ich Ewr.
Exc. mich zum Besten der Wißenschaft durch Ihre Befehle und Volmacht zu unterstüzzen und dem
Jäger und andern brauchbaren Leuten dazu Ordre zu geben. Nach Stellers Nachrichten52 findet man
hier Bären, Wölfe, Füchse Rennthiere Zobel Hermeline Antilopen oder Steinböcke, Ottern an Flüßen und Seeufern.
Endlich muß ich auch noch eine kleine Voreiligkeit erinnern, welche vorgestern von H. H. Fossé begangen wurde : Die Mumie des Quanzen53, ließ ich, weil Ewr. Excell. befohlen haben, daß die
Spirituosa und andere gesammelte Naturalien von hier nach Ochotsk gehen sollen, an Land
brin-gen. Der Kasten mußte vorher geöfnet werden, weil der Steuermann seine Flaggen, mit welchen ich die Mumie, um sie vor den Mäusen zu schüzzen bedeckt hatte, /44/ herausnehmen wollte. Bey die-ser Gelegenheit fand ich die Hand[,] welche mir vom Bürger Gross54, commissaire de la Republique
francoise nebst einigen Echantillons des gediegenen und krystallisirten Schwefels aus dem Crater des Pic geschenkt worden waren und welche ich mit in diesem Kasten verwahrt hatte. Da ich bey dem
Kasten so lange bleiben muste[,] bis er wieder vernagelt worden war ; so konnte ich diese Hand nicht erst in Verwahrung bringen, sondern übergab sie einstweilen dem Apotheker55 {mit dem Bedeuten,
52 Bezieht sich auf Georg Wlh. Steller’s Reise nach Kamtschatka ( St.Petersb. 1793) hrsg.v. P.S. Pallas.
53 Die Guanchen waren die ursprünglichen, mysteriösen Besiedler Teneriffas. Um 1800 waren sie bereits
ausges-torben. Ihre Grabstätten wurden geplündert. Im Berliner NL Nr. 12 gibt es sechs Blätter mit Aufzeichnungen und 2 Zeichnungen von Tilesius über sie und ihre Mumien. Schon von Teneriffa aus hatte Tilesius am 25 Okt. 1803 in einem Brief an den “Hamburger Correspondenten”darüber berichtet, was dann z.B. in der “Allgemeinen Zeitung” am 18. Dez. 1803 nachgedruckt wurde.
54 Der Franzose Gross[e?] ist in den anderen Reisebeschreibungen nicht genannt und daher schwer identifizierbar. 55 Apotheker oder Subchirurgus war der Engländer Sydham, über den erstaunlich wenig berichtet wird.
daß ich sie so bald wieder abhohlen wollte}. Dieser legt sie nachläßig und offen auf einen Kasten, wo sie die Matrosen bemerken und sie dem H. H. Fossé zeigen, dieser erklärt sie für gestohlenes Guth und nimmt sie ohne weitere Umstände zu sich. Der Apotheker war abwesend, die Hand war sein anvertrautes Gut und die Leute hatten Vermuthungen einer Dieberey dieses ehrlichen Mannes gehört und geäußert. Aber nicht Er blos in den Augen der Gemeinen, sondern auch ich in seinen Augen musten durch diesen voreiligen und unbedachtsamen Eingriff des H. H[ofrat]. F[osse]. in einem diebi-schen Verdachte erscheinen, und so etwas könnte leicht als eine sogenannte Injurie betrachtet werden. Dürfte ich Ewr. Exc. bitten durch dero hohe Auctoritaet künftig dergleichen eigenmächtige Eingriffe und Verdruß ergebende Vorfälle zu verhüten.
Ich verharre mit schuldigem Respect. Ewr Exc. ergebenster d. 24. Julii 1804.
/NL 9-14v/ Fische und Würmer
Montags den 24 Julii 1804 wurden einige Schollen {Pleuronectes flexus} gebracht[,] unter denen sich eine besondere Art durch ihre breitgesteiften Floßen auszeichnet, ich habe sie nach dem Leben gemalt und sie unter dem Nahmen Pleuronectes pinnato stricata pinnatus nach S. Petersburg geschickt. Auf dieser Tafel befindet sich die Ausmeßung und kurze Erklärung beygefügt. Genauer als Bloch56 habe ich ferner den kleinen Meerstichling Gasterosteus aculeatus (mit 3 Stacheln auf dem
Rücken gezeichnet), eben so den Blennius punctatus vom 3 bis 5ten August. Mit vieler Sorgfalt zer-gliederte ich hier am 26 Julii 1804 die [...] Seeneßel Actinia senilis [...]
/45/
Am 25 Julii machte ich vorzüglich zur Beobachtung und Einsammlung der Tangarten eine große
Excursion mit Dr. Horner57, welcher die Landspizzen in der Bucht bestimmte {und} nach dem
Com-pas zeichnete. Ich fand einen kleinen rothen schotenförmigen Tang in der Bucht, welcher vielleicht
neu ist, ich habe wenigstens nie eine Zeichnung davon gesehen. Die Schoten hatten ein kleines Loch am Stiele. Die häuffigsten Arten waren der Zuckertang, der Fadentang, der fucus laciniatus, f.
pluca-tus {foraminutosus}, lacerus und fruticulosus {tubulosus, fistulosus, saccapluca-tus, clathrus, alapluca-tus}58 [...]
56 Marcus Elieser Bloch’s (1723-1799) erdumspannnende Naturgeschichte der Fische Systema ichthyologiae
iconibus CX illustratum war ein von Tilesius immer wieder kritisiertes und hs. annotiertes Werk.
57 Johann Caspar Horner (1774-1834) war Astronom und somit für Positionsmessungen wie auch die Anfertigung
von Karten verantwortlich. Sein jahrzehntelanger Briefwechsel mit Krusenstern ist fast vollständig erhalten. Auch er sammelte Tange, die er später an Experten weiterleitete.
/39./ Sontags
den 16 Julii und Mittwochs d. 1 August 1804, {den} Gadus aeglefinas und Callarius Dorsch und Schellfisch gezeichnet und zergliedert. Sie kommen hier unter einigen Abänderungen sehr dick bre-itköpfig und 2 bis 3 Fuß lang vor[,] haben besonders große Magen und freßen alle hier lebende Lachs arten oder Kothfische. Im Magen selbst finden sich keine Eingeweidewürmer, destomehr aber in dem Gekröse zwischen den zarten Häuten[,] welche die diken Zoll langen {Blinddärme} Villi Lib. verbinden. Hier sieht man Bandwürmer Spiralwürmer und Fasciolen usw. [...]
/46./
Es kommt hier in Kamtschatka im PeterPaulsHaven im Julii und August besonders häuffig vor ein sehr großes Kegelgehäuse Lepas balanus oder Cornubiensis similis, welches sich gern auf Zuckertang auch auf andere Schalen ansezzt und auf welches sich {wieder} gern die Actinia senilis ansezzt. Die-ses vielschaalige Thier hat auf dem Boden, wo mit es auf deren Körpern festsizzt, ein Loch, durch welches eine Saugwarze, dergestalt anzieht, daß sie sich dadurch gegen alle Angriffe und Versuche es los zu reißen schüzzen kann. Außer dieser Eigenheit ist es weiter nicht ausgezeichnet als durch seine Größe[,] es erreicht 2 bis 3 Zoll Höhe.
Am 2 August 1804 zergliederte ich zum zweiten male den Dorsch und Schellfisch (Varietaeten mit breiten Köpfen und Barthfasern) und fand in ihren Mesenterio und Gekröse viele Fasciolen
Ascariden und Bandwürmer.59 Dies Besondere ist auf den Abbildungen selbst erklärt.
Am 3. Aug zeichnete ich den Gasterosteus aculeatus und den Blennius punctatus
Am 4. — die Koschka und den Peter Pauls Haven.
Am 5. — verschiedene Stellungen und eigene Beobachtungen, über Medusa {accita Mull}
Am 6. — Zergliederungen des großen Seesternes (welches am 13 August {wiederholt wurde.}
Larus Rissa. [...]60
Danach : “Ein weiteres Register erfasster meist maritimer Pflanzen und Tieren.
Vgl. dazu den Artikel von Michael J. Wynne “Marine algae and early explorations in the upper North Pacific and Bering Sea”. In : Algae 24 (2009) S. 1-29.
Tilesius sandte viele Proben an Prof. Franz C. Mertens (Bremen) und andere Gelehrte wie Carl Adolph Agardh. Seine Briefe an diese beiden Gelehrten sind noch vorhanden. Einen letzten Versuch der Bekanntgabe startete er 1834 mit der Übergabe seines umfangreichen Tang-Manuskiptes zur Bearbeitung an Philipp Franz Siebold (jetzt in Berlin vorhanden).
59 NL9,16r zum 2.Aug. werden die gesundheitlichen Probleme an Bord durch das Essen halbgarer, von Parasiten
befallener Fische erwähnt.
60 Auf das Stichwort zu dieser Möwenart folgen dann auf pag. 46 Informationen zum Papageitaucher und zwei