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Brieftaschen, Eier, Wunder Von der Schwierigkeit, das richtige Wort zu finden

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Brieftaschen, Eier, Wunder Von der

Schwierigkeit, das richtige Wort zu finden

著者 Eggenberg Thomas journal or

publication title

翻訳の文化/文化の翻訳

volume 10

page range 23‑35

year 2015‑03‑31

出版者 静岡大学人文社会科学部翻訳文化研究会

URL http://doi.org/10.14945/00008201

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Am14.Dezember2014fandimTagungszentrumAzarea(Shizuoka)einöffentliches SymposiumzumThema„Sōsakutohonyakunotsumitoetsuraku–Verbrechen undVergnügeninDichtungundÜbersetzung“statt.TeilnehmerwarenderSchrift- stellerFuminoriNakamura,deranderUniversitätTōkyōlehrendeRomanistund ÜbersetzerProf.Dr.KanNozaki,fernerSteveCorbeilsowieichselbstvonder UniversitätShizuoka.ModeriertwurdedieVeranstaltungvonunseremKollegen Prof.MichioKuwajima,SinologeundÜbersetzer.

DassNakamura,einaufsteigenderSternamjapanischenLiteraturhimmel,mit inderRundesaß,gingaufKuwajimasundmeineInitiativezurück;Kuwajima kannteihnpersönlich,undichhattedasGlück,denKriminalromanSuri (Der Dieb),dessenenglischeÜbersetzung2012indenUSAvom Wall Street Journal unterdiezehnbestenRomanedesJahresgewähltwurde,fürdenZürcherDioge- nesVerlagübersetzenzudürfen.

IndiesemkleinenEssaymöchteichzumliterarischenÜbersetzenimAllgemei- nenundzurÜbersetzungvonSuriimBesondereneinpaarGedankenäußern,die ausZeitmangelnichtmehrindieDiskussioneingebrachtwerdenkonnten.

Brieftaschen, Eier, Wunder

Von der Schwierigkeit, das richtige Wort zu finden Thomas Eggenberg

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DerbritischeSchriftstellerundLiteraturwissenschaftlerAdamThirlwellhatin einemInterviewmitderZeitzurliterarischenÜbersetzunggesagt:„Sieisteine merkwürdigeKunstform.DennjedergroßeRomanexistiertinGestalteinerÜber- setzung.Kunsttutdasnicht.WennichmirdieMonaLisaansehe,istesdieselbe, dieaucheinFranzosesieht.WennerallerdingsMadameBovaryliest,stimmtnicht einWortmitdemüberein,wasichlese.Undtrotzdemredenwirvondemselben Buch.DaserscheintmirdiegrundsätzlicheAbsurdität,mitderwirseit500Jahren leben.“(ZeitOnline,29.11.2013)

ObLeserinnenundLeser,verstreutinallerWelt,wirklichnochvon„demselben Buch“reden,wäreeineinteressanteFrage,dieichwahrscheinlichmitjeinbeant- wortenwürde–geradeweiljajedeÜbersetzungineinemneuengesellschaftlich- kulturellenKontexteinenneuenTextdarstellt,ein„zweitesOriginal“,wieThirlwell sagt,dasjenen,diedenursprünglichenTextzwarvorsichhaben,aberdiefremde Sprachenichtverstehen,diefremdenSchriftzeichennichtentziffernkönnen, keinerleiÄhnlichkeitmitdemerstenOriginaloffenbart.DieKopieeinerMona Lisahingegenmagnochsostümperhaftgemaltsein–jederwirdvermutlichauf AnhiebdasOriginalerkennen.

DennochmusseineÜbersetzungsichdemOriginaltextdienendhingeben,ver- suchen,ihnmitgrößtmöglicherÄhnlichkeitwiederzugeben,solltemanmeinen–

wasaber,wirftmaneinenBlickzurückindieGeschichte,keineswegssoselbst- verständlichist.KlausReichert,Anglist,ÜbersetzerundehemaligerPräsidentder Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung,schreibtinseinemerhellenden BuchDie unendliche Aufgabe:DieTendenzgehe„vonderreinenNeuschöpfung inAntikeundMittelalter,denendasOriginalwerkalsfreibenutzbareVorlage diente,überdenVersuch,vonderRenaissancebisins18.Jahrhundert,dasWerk deneigenenästhetischenNormenanzunähern,notfallsesentsprechendzuverän- dern[...],bishinzumErnstnehmenderEigengesetzlichkeitdesWerks.Indieser drittenPhasestehenwirnochheute.“(Hanser2003,S.64)

Die„EigengesetzlichkeitdesWerks“hatte,seinerZeitweitvoraus,bereitsFried- richHölderlinimAuge,alserum1800DramenvonSophoklesausdemAltgrie- chischeninsDeutscheübertrugundesdabeifeinsinnigvermied,dieÄsthetikder GegenwartaufWerkederVergangenheitzuprojizieren;erhättesiedamitihres ursprünglichenCharaktersberaubt.Tonalität,Rhythmus,Sprachstruktur,Wortfol-

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ge,Wortgehalt,Wortspiele–eineinzigartigerKosmos,denauchinderÜbersetzung sichtbarwerdenzulassen,HölderlinsgrößtesAnliegenwar.Esgingihmnichtnur umdasWas,sondernebensoauchumdasWie.DajederliterarischeTextein individuellesWesenmitzahllosenFacettenist,verlangtdasÜbersetzeneineeben- soindividuelleHerangehensweise.Würdeesheutzutagejemandwagen,sich nonchalant,lustvolloderrebellischüberdenOriginaltexthinwegzusetzenundden eigeneninhaltlichenundästhetischenVorstellungenzufolgen,würdeeralsÜber- setzereinethischverwerfliches,unverzeihlichesSakrilegbegehen;umesüberspitzt zusagen,ein„Verbrechen“(tsumi)sowohlgegendenAutor,dessenTextmutwil- ligverändertwird,alsauchgegendengetäuschten,wennauchnichtunbedingt enttäuschten,Leser.Einesolche„Übersetzung“wärekeineÜbersetzungmehr, sonderneinoriginäresWerk,undder„Übersetzer“keinÜbersetzer,sondernein genuinerAutor.

Manchmalüberlegeichmir,wiemandenAktdesÜbersetzensanschaulichbe- schreibenkönnte.WerMusikleidenschaftlichliebt,stelltsichdenTextvielleicht alsKlangkörpervor,dessenzahlreicheStimmen,ThemenundVariationenmit HilfevonMikrofonenundReglernineinenanderenRaumübertragenwerden.

AuchaneinWörtermeerdenkeichoft,indasmaneintauchtundvoneinem Sprachkontinentzumandernübersetzt.DochamnächstenkommensichOriginal undÜbersetzungvielleichtimBildvonElternundKind.WieeinKindseinLeben VaterundMutterverdankt,derenGeneerbt,langsamheranwächst,irgendwann selbstständigwirdunddochunzertrennlichmitseinenElternverbundenist,so wächstaucheineÜbersetzunglangsamheran,entfaltetsich,wirdzueinemeigen- ständigenWesen,dasdenUrsprungdennochtiefundunverkennbarinsichträgt.

UndwieMenschenkindersindauchÜbersetzungennichtimmerperfekt.Dasmuss denWerteinerÜbersetzungnichtzwingendschmälern,denntrotzdiverserMän- gel,wieThirlwellindemZeit-InterviewzuRechtbemerkt,kannesimmernoch eine„guteundwirkungsvolle“Übersetzungsein.Icherinneremichanmeine ersteDostojewskij-LektürevoretwadreißigJahren.Obwohldiedamalsgängige Übersetzung–christlichmoralisierend,stilistischharmonisierend–inzwischenals veraltetgiltundSwetlanaGeierinfrischer,genauerDiktioneinevielfachausge- zeichneteÜbersetzungvonDostojewskijsgroßenRomanenvorgelegthat,vermoch-

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temichdiealteÜbersetzungineinenRauschzuversetzen,alswäreichaufeinem Drogentrip.EineunvergesslicheLeseerfahrung–trotzallerangeblichenMängel, dieichdamalsüberhauptnichtwahrgenommenhatte.Daströstet.Vorallem,wenn mansichunversehensselbstalsÜbersetzerwiederfindetundfürdasVerbrechen einesfalschenWortsoderfalschenTonsvielleichtauchmalKritikeinsteckenmuss.

Ammeistentröstetaber,wasimVerlaufder DiskussionNakamuraüberseineÜbersetzer/- innensagte:dasserfürsie„aijō“(Liebe) empfinde.WasfüreineErleichterung!Denn inSurihängtdasSchicksaldesProtagonisten bzw.Taschendiebs,wiezusehendsdeutlicher wird,vomWillenKizakisab,einemgottglei- chenYakuza-Boss,derdieMachtgenießt, überLebenundTodx-beliebigerMenschen zuentscheiden.WährendderArbeitander Übersetzungüberkammichplötzlichdie

wahnhafteVorstellung,KizakiseiinWahrheitderAutorundderProtagonist,der

„dreikleineAufgaben“bewältigenmuss,umnichtzusterben,ichselbst.Wenn ichmeinedrei(!)„kleinen“Aufgabennichthinkriege–nämlichMusikalität, Struktur,BedeutungsoinsDeutschezubringen,dasssieder„Eigengesetzlichkeit“

desjapanischenOriginalsgerechtwerden–,dannwarich,alsÜbersetzer,zum Todeverurteilt.DiedüstereGeschichteinderTraditiondes„romannoir“verwan- deltesichineinenrabenschwarzenAbgesangaufmeineeigeneExistenz.Alsich nachderDiskussion,aufdemWegindieKneipe,lachenddavonerzählte,lachte Nakamuraauch,wennauchetwasverlegen,wiemirschien.

© Kenta Yoshizawa

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Nakamuraschreibtinkühler,konziserSpra- che.WieeinDominosteindennächstenfällt, nimmtdasGeschehenunaufhaltsamseinen Lauf.DieBeschreibungvonPersonen,Orten, Handlungenwirktkonkretundabstraktzu- gleich.DerBahnhofShinjuku,Kabukichō, nebelumhüllteTürme,einschleppenderFuß, einzuckendesAuge,eineVorliebefürFeu- erwerke–solcherleiindividuell-charakteri- sierendeElementedeutenstetsübersich hinausundwerdenzusymbolhaftenChiffrenimKontextderuraltenexistentiellen Frage,umdiesichallesdreht:GibtesFreiheit?WasbringtdenMenschendazu, diesesoderjeneszutun?HerrschtjemandüberunserSchicksal,oderistesunser Schicksal,beherrschtzuwerden?InseinerarchaischenWucht,Unausweichlich- keit,UnbedingtheiterinnertderTextandasAlteTestament,dasineinerSzene explizitzurSprachekommt,undnatürlichauchanKafkasProcess.

DieAtmosphäreundEigenartdesOriginaltextesineineranderenSprachewie- derauflebenzulassen,istjedesMaleineHerausforderung.ManwilljakeinVer- brechenbegehen,sondernVergnügenbereiten.SomöchteichimFolgendenan einpaarunscheinbarenBeispielenbezüglichWortwahlzeigen,wasmichbeim ÜbersetzenvonSuribeschäftigthat.

財布 (saifu)–Portemonnaie, Geldbeutel, Geldbörse.ImJapanischenwirddasWort fürallesverwendet,wasman/fraumitsichherumträgtundGeld,Kreditkarten, Ausweiseusw.enthält–objungoderalt,reichoderarm.NakamurasTaschendieb stiehltinderRegelnurdasGeldreicherMänner.Sietragenelegante,maßgefer- tigteAnzügeundSchuhe,andenHandgelenkenteureUhren.ImDeutschenstellt sichnundieFrage:Ist„Portemonnaie“fürsolcheHerrenderangemesseneAus- druck?Wäre„Brieftasche“nichttreffender?EinWort,beidemwohlvielean edlesLeder,üppigesGeld,SchecksundexklusiveKreditkartendenken.EinBlick indieenglischesowiefranzösischeAusgabevonSurizeigt,dass„saifu“allermeist mit„wallet“bzw.„portefeuille“übersetztwurde.Tatsächlichlässtsich„wallet“

oder„portefeuille“fürbilligeGeldbörsenebensowiefürteureBrieftaschenver-

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wenden,wasdieSacheeinfachmacht.AberwarumsollteesimDeutschennicht aucheinfachsein?WoistdasProblem,statt„Portemonnaie“einfach„Brieftasche“

zusagen?Nunja,ein„wallet“wirdauseiner„pocket“undein„portefeuille“aus einer„poche“gestohlen.Unddie„Brieftasche“?Genau.„Langsamzogerdie BrieftascheausderTascheseinesMantels.“Verflixt.WillmanimDeutschendas Wort„Brieftasche“verwenden,sindalsogewisseTricksnötig,umdieunschöne Wiederholungzuvermeiden.DaderDieb,zumeinemGlück,seineKunstdes StehlensdochnichtnuranWohlhabendenpraktiziert,findensichinderdeutschen ÜbersetzungbeideWörter,„Portemonnaie“und„Brieftasche“,ineinerSzeneauch

„Geldbörse“.DasbringtzudemeinwenigAbwechslung,wassicherkeinNachteil ist.

取る(toru)–nehmen.DiesesVerbkannjenachSituationvielerleiBedeutungen annehmen,undoftwird,umdenKontextzuverdeutlichen,einspezifischeres Schriftzeichenverwendet.Wiezuerwarten,tauchtdasWortinSurihäufigerauf, imSinnvon„wegnehmen“(stehlen),abermitdemneutralenSchriftzeichen

(る)undnichtmitdemwertendenSchriftzeichen盗(る).Dasgeschiehtdurch- ausmitAbsicht,dennderProtagoniststiehltsoleichtundnatürlich,dassersich späteroftnichtmehrerinnernkann,wannundwoeretwasgestohlenhat,seies einPäckchenKaugummi,einPortemonnaieodereinZippo-Feuerzeug.Eshandelt sichindiesenFällenalsonichtumeinbewusstes,aufdenerstenBlickalsVerge- henzuverurteilendes„Stehlen“,sonderneinfachumein„Nehmen“,daswie selbstverständlichzumAlltaggehört.BeimÜbersetzenschienesmirwichtig,auf diesenUnterschiedzuachten,dasheißt,dasexpliziteVerbzuvermeiden,wenn esimJapanischenvermiedenwird.Inderatmosphärischdichten,kraftvollen englischenÜbersetzungwirddieUnterscheidungjedochmanchmalverwischt.Wo imJapanischendasneutraleVerb取る(toru)steht,heißtesdazumBeispiel:

„Nexttimeyouʼretoldtogotothesupermarketandsteal,usethiscashtobuy thestuff.”(SohoPress2012,S.98)

„Reachingmyhandstosteal,Ihadturnedmybackoneverything,rejected community,rejectedwholesomenessandlight.”(S.174)

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IchhabemichfürfolgendeWortwahlentschieden:

„WennduimSupermarktwiederetwasholensollst,kaufesmitdiesemGeld.“

(Kapitel9)

„Ichhattemichvonallemabgewandt,hatteGemeinschaftverschmäht,Wohl- ergehenundLichtundstattdessenmeineFingerinfremdeTaschengesteckt.“

(Kapitel15)

DieUnterstreichungenverdeutlichendenVersuch,möglichstnahamJapanischen zubleibenunddasnegativkonnotierteWort„stehlen“zuvermeiden.Abernatür- lichwirdimOriginaltextdasStehlenauchhäufigbeimNamengenannt,mitdem Verb盗む(nusumu),wassichinderÜbersetzungeinszueinswiderspiegelt.Kurz erwähntseinochdasmehrmalsimTextverwendete,mitderStammsilbeinKa- takanaundderEndsilbeinHiraganageschriebeneVerbスる(suru).Dassinoja- panischeSchriftzeichen 掏(る)istauchimNomen掏摸(suri)enthalten,dashier zumRomantitelwird.„suri“stehtfür„Taschendiebstahl“,wobeiindemWort durchausdieVorstellungvonStehlenalsraffiniertem„Kunsthandwerk“mitschwingt.

WoNakamura„suru“oder„suri“schreibt,wirdstetsauchaufdieKunstdesGe- werbes,aufTricksundTechnikenangespielt–eineVieldeutigkeit,dieinder Übersetzungspürbarwerdensollte.

中抜き(nakanuki)–wörtlich„ausdemInnernziehen“oder„dasInnereheraus- ziehen“.NakamurahatfürseinenRomaneinschlägigeFachliteraturgelesen,sich natürlichauchRobertBressonsberühmtenFilm„Pickpocket“angesehenund seineKenntnisseanvielenStelleneinfließenlassen.SoauchinderGeschichte einerberühmtenjapanischenKlaukünstlerinnamensKoharu,diederDiebseinem Bewunderer,einemkleinenverwahrlostenJungen,erzählt:

„Koharu...diewarwahnsinniggut.FrüherhattenfastalleFrauendieseGeld- börsenmitMetallverschluss,diesichobenöffnenwiedasMauleinerKröte undzuschnappen.ManchetrugensieaneinerKordelumdenHals.Nun, dieseKoharubrachteesfertig,einenMantelobenaufzuknöpfenundausder

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Geldbörse,diedaamHalshing,unbemerktdasGeldrauszufischen.Eine Technik,die‚...ʻgenanntwird.“(Kapitel9)

ImjapanischenTextstehtstattderPunktenatürlichderBegriff„nakanuki“,kurz undsimpel.Wiekönnteman„ausdemInnernziehen“zueinemeinzigen,über- zeugendenWortverdichten?InderenglischenAusgabefandsichzumeinem Erstaunen„nakanuki“,unübersetzt(S.97).SowollteichmichamProblemnicht vorbeimogeln.Ichgrübelte,recherchierte,lasAlexanderAdrionsfaszinierende Studie„Taschendiebe:DerheimlichenZunftaufdieFingergeschaut“,kamaber nichtweiter.KeinHinweisauf„nakanuki“,nirgends.BeiYouTubestießichauf PièrreGinet,einenfranzösischenTaschendieb-Clown,derwährendseinerVor- führungendenZuschauernnebenbeidieTaschenleertoderihnenKrawattenvom HalslöstundUhrenvondenHandgelenken.Ichschriebihnan,inderHoffnung, durcheineneventuellimFranzösischenexistierendenBegriffaufeinepassende EntsprechungimDeutschenzukommen.Erschriebzurück,sehrhilfsbereit,und brachtemichaufeinschönesWort:eskamotieren.SonennenesZauberkünstler, wennsieeinenGegenstandunbemerktzumVerschwindenbringen,auchauseinem geschlossenenHohlkörperheraus.ZweifelloseinguterFund.Inzwischenhatteich auchdiefranzösischeAusgabezurHand,aberinteressanterweisestandander entsprechendenStellenichtdasfranzösische„escamoter“,sonderneinanderes Wort:„évidage“,aufDeutsch„Höhlung“(EditionsPicquier2013,S.91).Wenn manstattdesNomenseinVerbbenutzte,würdedieHandlungbetontwerden:

aushöhlen.Nichtschlecht,dachteich,dankbarfürdieAnregung.DieFragewar nun:Waspasstbesser–„eskamotieren“oder„aushöhlen“ ?Umehrlichzusein, binichnochimmerhinundhergerissen.BeideshatseinenReiz.„eskamotieren“

klingtgeheimnisvoll,während„aushöhlen“demleichtverständlichenundzugleich bildhaften„nakanuki“vielnäherkommt.EinschwierigerEntscheid.

度胸(dokyō)–Mut, Kühnheit.InJapangibtesdenSpruch„otokowadokyō,onna waaikyō“,wasetwabedeutet:Männersollenmutigsein,Frauenanmutig.Das zweiteSchriftzeichenvon„dokyō“,胸(mune),heißtfürsichgenommen„Brust“, übertragenauch„Herz“oder„innereStimme“.MuthatalsomitdemHerzenzu tun,mitBeherzt-Sein.Aberandersalsdasgebräuchlichereundneutralere勇気

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(yūki),wasauch„Mut“bedeutet,wird„dokyō“inJapanvorwiegendalsmännliches Attributwahrgenommen.Dasmachohafte„dokyō“passtjedenfallsperfektzur Szene,inderKizakiseinenUntergebenenAnweisungengibt,wiesiedenbevor- stehendenÜberfallauszuführenhabenundworaufesinersterLinieankommt:

「犯罪に最も必要なのは、計画だ。(省略)あとは、度胸かな。『罪と罰』と いう話を知っているか?……知るわけないな。あのラスコーリニコフには、

度胸がなかった」(KawadeShobō2009,S.40)

AufEnglischwird度胸mit„courage“(ˈkʌrɪdʒ)übersetzt(S.50)–naheliegend,da

„courage“vomlateinischen„cor“,alsoHerz,abstammt.DiefranzösischeÜberset- zerinhättedasgleicheWortverwendenkönnen,„courage“(ku.ʁaʒ),entscheidet sichaberfürdasraue,umgangssprachliche„cran“(S.48),was„Schneid“oder

„Mumm“bedeutetundklanglichmitseinerexplosivenKürzeEntschlossenheit zumAusdruckbringt.EineguteWahl.AberwasbietetsichimDeutschenan?

„Courage“oder„Mumm“empfandichalszuweich,„Mut“zubrav,„Kühnheit“zu langundgestelzt.DaspassteallesnichtzumMundwerkeinesunberechenbaren, brutalenKerlswieKizaki,undaufeinmalhatteichdasGefühl,dassdieAssozia- tionvonMutmitHerzindiesemFallirreführendwar.Gabeskeinnatürlichwir- kendesWort,daseinenanderenTeildesKörpersmitMutinVerbindungbrachte?

BeimGangaufdieToilette(wasichofttue,wennichbeimSchreibeninsStocken gerate)wurdeesmirplötzlichklar.DieLösunglagnichtimhehrenHerz,sondern weiterunten,indermännlichenMitte.Schnellgingichzurückundsetztedas fehlendeWortein:

„DasWichtigsteistderPlan.[...]Dannbrauchtesnochetwas–Eier.Kennt ihrdenRomanVerbrechen und Strafe?Wohlkaum.Aberichsageeuch:

JenerRaskolnikowhattekeineEierinderHose.“(Kapitel6)

ManmussSätzelautlesen,umeinGefühldafürzubekommen,oballeszusam- menpasstodernicht.„Eier“hörtesichinmeinenOhrengutan.Prägnant,derb undtreffendsowohlinderBedeutungwieauchimTon.Abermögendiezukünf- tigenLeserinnenundLeserihreigenesUrteilfällen.

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誤差(gosa)–Fehler, Abweichung.DastechnischanmutendeWorterscheint,zu- nächstetwasüberraschend,amEndedesRomans,imletztenSatz.DerDiebliegt schwerverwundetineinemengenDurchgangzwischenzweiHäusern,weitweg vonderStraße.Wennihnniemandbemerkte,würdeersterben.MitletzterKraft bäumtersichnocheinmalgegenseinSchicksalauf:

「人影が見えた時、僕は痛みを感じながら、コインを投げた。血に染まった コインは日の光を隠し、あらゆる誤差を望むように、空中で黒く光ったら。」

(S.173)

„AlssicheinmenschlichesWesenzunähernschien,schleuderteichdie MünzeindieLuft.DerSchmerzwarfastunerträglich.Dieblutrotgefärbte ScheibeschobsichvordieSonneundleuchteteschwarzamHimmel,als hoffesie...“(18.Kapitel)

Normalerweisebezeichnet„gosa“einenFehlerbzw.eineAbweichungbeiMes- sungenundBerechnungen,weshalbsichinNakamurasTextdieBedeutungnicht aufAnhieberschließt.Aufwasfüreinen„Fehler“odereine„Abweichung“hoffte dieMünze?SahderDiebmitbangemBlickdieMünzedurchdieLuftfliegen, daraufhoffend,dasssieihrefalscheBahnänderteundvordieFüßeeinesPassan- tenfiel?Wasauchimmer–inseinerSituationkonnteersichnurwünschen,durch irgendetwasUnerwartetesgerettetzuwerden.IchschauteindieenglischeÜber- setzung:

„WhenIspiedthefigureofapersonIhurledthecoin,grimacingwithpain.

Thebloodydiscblottedoutthesunʼsrays,glisteningdarklyintheair,asthough hopingforsomekindofdeviation.“(211)

DemOriginaltextfolgend,überlässtdasfastwörtlichübersetzte„hopingforsome kindofdeviation“demLeserdieFreiheitderInterpretation.EineidealeLösung, undLautundRhythmusstimmenauch.DochimDeutschenwollte„Abweichung“

oderetwasinderArtüberhauptnichtpassen.Befremdlich,unverständlich.Ich schauteindiefranzösischeÜbersetzung:

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„Lorsquelasilhouetteapparaît,jelancelapièce,dʼungestedouloureux.Cou- vertedesang,elledérobelalumièredujouretbrilledʼunéclatnoirdansles airs,porteusedetouslespossibles.“(S.190)

AndersalsdieenglischeVersionist„porteusedetouslespossibles“keinewörtli- che,sonderneinefreiere,sanftinterpretierendeÜbersetzung.DiegleißendeMün- zeträgtdieverzweifelteHoffnungdesDiebesinsich,nochistallesmöglich...

Endlichdämmertemir,wiedasZauberwortheißenkönnte:

„DieblutrotgefärbteScheibeschobsichvordieSonneundleuchteteschwarz amHimmel,alshoffesieaufeinWunder.“

„Wunder“,„possibles“,„deviation“–DreiÜbersetzungen,dreiLösungenfürdas letzte,entscheidendeWort.Zwarwarichüberzeugt,eineWendungimSinnedes Autorsgefundenzuhaben,abernochimmerfragteichmich,woherdiesesseltsa- meWort„gosa“kam,vonwelchem„Fehler“dennnundieRedewar.AlsichŌkoku (Das Imperium)las,einSchwesterromanzuSuri,stolperteichinderMittedes BuchesplötzlichüberdasgleicheWort,undmiteinemMalfielesmirwieSchup- penvondenAugen.KizakihältauchindieserGeschichtealleFädeninderHand.

AuspurerLangeweileschmiedetereinenverrücktenPlan,docheineinzigesMal verhaltensichdieinvolviertenPersonennichtwieerwartet.DieFolge:

「予定が狂った。(省略)誤差が発生したようだ。」(KawadeShobō2011,S.

95)

DerPlangerätdurcheinander,weichtvonderursprünglichenAbsichtab(was allerdingsTeildesPlansist,wiesichherausstellt;nureinTrick,umKizakissadis- tischesVergnügennochmehrzusteigern).InSurialsohofftderDieb,wenner dieMünzeindieLuftschleudert,dassirgendeinmirakulöser„Fehler“inKizakis PlanihnausderNoterrettenmöge.Werweiß,vielleichtistderaucheingeplant?

Hoffnung–dieletzte,aberauchstärksteWaffeeinesMenschengegendasWirken desBöseninderWelt.Paradox,dennderDiebistselbstTeildes„Bösen“,obwohl

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ernichtdasabsolutBöseverkörpertwieKizaki,derallmächtigeteuflischeGott, fürdenVerbrechenundVergnügeneinunddasselbesind.DerDiebhatzumindest einGewissen.Eshältihndavonab,dieArmenzubestehlenoderdenvonder MuttervernachlässigtenundderenFreundmisshandeltenJungenseinemSchick- salzuüberlassen.ImWissen,dasserselbsteinegescheiterteExistenzistunddie Langfingerei,mochtesienochsovirtuossein,nurinsVerderbenführt,gibterdem DrängendesJungennachundweihtihnindieGeheimnissedesTaschendiebstahls ein.Allerdingszngleichbetonend,dasserdavondieFingerlassen,sichdamitsein Lebennichtvermasselnsoll.WieeinVaterzeigterVerantwortungfürdenJungen, gibtihmGeldfürwarmeKleidung,sorgtsogarfüreinenPlatzimKinderheim.Der Diebahnt,dassseineTagegezähltsind.NachdemsieineinemParkeineScha- tullevergrabenhaben–ihrInhaltsolldemJungeninschwierigenZeitenhelfen–, spielensiezusammenBall.Dann:

„‚Hörmalʻ,sagteichzudemJungen,deretwasaußerAtemaufmichzugerannt kam.‚IchmussfürlangeZeitweg,weitweg.Wirkönnenunsnichtmehr sehen.Trotzdem...VergeudedeinLebennicht.Undselbstwennʼsdirdreckig geht,reißdichzusammen.AmEndebistduderGewinner.ʻDerJungenick- te.ErnahmmichniebeiderHand,aberaufdemRückweghielterwieder denSaummeinesMantels.“(Kapitel17)

DieanrührendeFreundschaftzwischendemDiebunddemJungenistwieein winzigeswarmesLichtinderFinsternisdesRomans;einFunkenHoffnung,von demniemandweiß,oberüberlebenodererlöschenwird.Dochgeradedurchdie allgegenwärtigeFinsterniswirktdieseskleine,verloreneLichtsoergreifend.Und umgekehrtlässtdaskleineLichtdieumgebendeFinsternisumsomächtiger,mons- trösererscheinen.DeraufdieSpitzegetriebeneKontrastzwischenHellundDun- kelverleihtdemRomanseineüberwältigendeWucht.

GegenEndederVeranstaltungkamichkurzaufdasThemaHoffnungundLite- raturzusprechen.IchzweifeltedieWirkungundQualitätderweitverbreiteten

„iyashi“-Literaturan–Wohlfühlliteratur,dieesvonvornhereindaraufabgesehen hatzu„heilen“,Zuversichtzuschenken,Optimismuszuverbreiten.Alsmüsse

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LiteratureinMedikamentgegenirgendwelcheBeschwerdensein.AlsmüsseLi- teratureinegarantierteWirkung,einenbestimmtenNutzenhaben.Dasmöchte ichzumSchlussdochsehrbezweifeln.LiegtderSinnvonLiteraturundKunst nichteherdarin,inWundenzuwühlen?AnVerborgenesundVerschüttetes,Ver- drängtesundVergesseneszurühren?Nichtübertünchen,sondernabkratzen.Nicht einlullen,sondernaufrütteln,provozieren.Nichtentwirren,sondernverwirren, verstören.HoffnungfindetsichwenigerimWasalsimWie,imunendlichenZu- sammenspielderWörter.SelbstwenndasWaspureFinsterniswäre–dasWie, dasLeuchtendesTextes,dieSchönheitdesAusdrucksistentscheidend,weilsich genaudarindieHoffnungverbirgt.Nurfällteinem,obalsAutoroderÜbersetzer, dieseSchönheit–keinebeschaulicheSchönheit,sonderneinebeunruhigende, bedrohlicheSchönheit–nichteinfachindenSchoß;siemussderKakophonieder Weltabgerungenwerden–womitwirwiederbeimThemawären:derSchwierig- keit,dasrichtigeWortzufinden.

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